Paul Schreyer:
01 Okt 2016
15 Jahre 9/11: Die „vergessenen“ Fakten
Die Terroranschläge vom 11. September 2001, für die sich das Kürzel „9/11“ durchgesetzt hat, bleiben für jeden Journalisten und Autoren, der sich kritisch dazu äußert, ein Minenfeld. Auch 15 Jahre danach gilt: Wer Fragen oder Zweifel anmeldet, der wird in der Regel ohne Umschweife oder weitere Debatte zum „Verschwörungstheoretiker“ und damit gleichsam für „verrückt“ erklärt. Die amtliche Sicht auf 9/11 ist zu einem Dogma geworden.
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Die Zerstörung von den zwei Zwillingstürmen am 11. September 2001 war nahezu absolut.

Eine offene und kontroverse Debatte findet in den großen Medien bis heute nicht statt. Unter vier Augen meinte ein führender Journalist der Wochenzeitung „Die Zeit“ mir gegenüber vor zwei Jahren wörtlich, eine solche offene Debatte, in der unterschiedliche Sichtweisen zum 11. September zur Sprache kämen, würde „unsere Leser verunsichern“.

 

Unabhängig davon, was man von einer solchen Aussage halten mag, und welches journalistische Selbstbild darin aufscheint, sollte eines klar sein: Nicht jeder, der an der Richtigkeit der offiziellen Darstellung von 9/11 zweifelt, so wie sie von der US-Regierung verbreitet wurde, kann wohl ein „Spinner“ oder „verrückter Verschwörungstheoretiker“ sein. Wäre es so, dann hieße das, die offizielle Sichtweise sei in ALLEN ihren einzelnen Aspekten, Behauptungen und Schlussfolgerungen eine nicht hinterfragbare „endgültige Wahrheit“ – oder mit anderen Worten: ein Dogma.

 

Wer ehrlich genug ist, einzuräumen, dass die Bewertung der Hintergründe eines historischen Ereignisses keine ewige Wahrheit beanspruchen kann, sondern, so wie alle Bewertungen, ob nun in Politik oder Wissenschaft, auf Fakten fußt, deren Kenntnis, Verbreitung und Einschätzung sich mit der Zeit ändert, der wird auch zugestehen, dass nicht alle Zweifler zu Verrückten erklärt werden können. Ehrlicher wäre es, die Zweifel im Einzelnen zu untersuchen und ihre jeweilige Schlüssigkeit oder auch Unschlüssigkeit differenziert zu diskutieren. Davon sind wir heute leider immer noch weit entfernt.

 

Das Dogma, demzufolge die von den USA verbreitete Interpretation der Ereignisse in allen ihren Einzelheiten die abschließende und endgültige Wahrheit sei, ist auch deshalb weiterhin so mächtig, weil es von vielen – gerade auch von vielen Journalisten – eben nicht als Dogma erkannt und benannt wird.

 

Gibt es „die“ Verschwörungstheoretiker?

Ein wichtiger und die Diskussion beherrschender Aspekt ist dabei, dass alle Menschen, die alternative Ansichten zu 9/11 vertreten, in den Medien häufig als homogene Gruppe betrachtet werden – eben als „die“ Verschwörungstheoretiker oder „die“ Skeptiker. Wie aber kann man Menschen, die zum Beispiel lediglich darauf hinweisen, dass einige Grundfragen rund um die Anschläge bis heute ungeklärt sind, mit anderen Menschen in einen Topf werfen, die – aus welchen Gründen auch immer – etwa behaupten, das World Trade Center sei mit einer Atombombe gesprengt worden oder es seien gar keine Flugzeuge in die Türme geflogen? Was bitte schön verbindet die Einen mit den Anderen? Es existieren da keine gemeinsam vertretenen Thesen und Ansichten. Verbunden werden diese Menschen allein durch ihre Abweichung von der offiziellen Sicht. Wenn aber schon eine solch minimale Gemeinsamkeit eine kollektive Gruppenzugehörigkeit begründen soll – und zwar eine, die dazu führt, dass insbesondere die vernünftigeren Fragen und Thesen von „Abweichlern“ überhaupt nicht diskutiert werden –, dann, so denke ich, haben wir es eindeutig mit einem Dogma zu tun, einem „verordneten Glaubenssatz“, der offenbar mit allen Mitteln verteidigt werden soll.

 

Lücken in der Untersuchung

Viele wichtige Fakten rund um die Anschläge sind auf seltsame Weise „vergessen“ oder überhaupt nie zur Kenntnis genommen worden – was man zunächst den Medien anlasten muss, die in Sachen 9/11 von Anfang durch eine weitgehendunkritische Wiedergabe offizieller Erklärungen „glänzten“. Einige dieser „vergessenen“ Fakten sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.

 

Vielen Menschen ist dabei unbekannt, dass die amtliche US-Untersuchungskommission zu den Anschlägen, die sogenannte „9/11 Commission“, einige wesentliche Aspekte der Anschläge von vornherein ausklammerte und gar nicht auf der Agenda ihrer Nachforschungen hatte. Vielen ist nicht bewusst, dass daher einige Kernfragen, etwa zur Finanzierung der Anschläge, bis heute überhaupt nicht offiziell untersucht worden sind. Es existiert zwar ein mehr als 500 Seiten langer Abschlussbericht, dessen Lücken aber sind bei näherer Betrachtung so atemberaubend, dass sich ein unbefangener Beobachter wundern mag, weshalb nach der Veröffentlichung des Berichtes im Jahr 2004 in den Medien kaum jemand kritische Fragen stellte – und auch bis heute nicht stellt.

 

Ich hoffe, dass die Verbreitung der im Folgenden präsentierten Fakten und Zusammenhänge die Debatte um 9/11 ein kleines Stück voranbringen kann. Es würde sehr helfen, wenn zumindest einige Journalistenkollegen nun, nach 15 (!) Jahren, den Mut aufbrächten, kritische Fragen zu stellen und es nicht weiterhin beim bequemen Diffamieren „der Verschwörungstheoretiker“ beließen. Ehrlich gesagt glaube ich daran jedoch nicht und denke eher, dass wahrscheinlich erst ein Generationswechsel die öffentliche Debatte in Gang bringen kann. Doch wie dem auch sei: Am Ende hilft jeder Leser, der sich selbstständig informiert und mit Freunden und Bekannten darüber spricht.

 

1. Die offizielle Darstellung der Planung der Anschläge basiert auf FolterverhörenStellt man die Frage, woher wir eigentlich wissen, wer für die Anschläge verantwortlich ist, so werden viele erwidern, Bin Laden selbst habe das doch öffentlich zugegeben. Schon an dieser Stelle wird es jedoch kompliziert. Fakt ist: Unmittelbar nach den Anschlägen gab es zunächst kein Bekennerschreiben. Bin Laden selbst dementierte stattdessen in mehreren öffentlichen Stellungnahmen im September 2001 seine Beteiligung an 9/11. Und anscheinend konnte in den ersten Wochen und Monaten niemand das Gegenteil beweisen.

 

Die BBC berichtete im Oktober 2001:

„Es ist kein direkter Beweis bekannt geworden, der Osama Bin Laden mit den Anschlägen verknüpft. Bestenfalls handelt es sich um Indizien. (…) Diese werden nicht vor einem Gericht geprüft. Sie müssen lediglich Regierungen in aller Welt überzeugen, den US-geführten Krieg gegen den Terrorismus zu unterstützen, sowie in geringerem Umfang die Öffentlichkeit. Regierungsvertreter der USA und Großbritanniens haben angedeutet, dass sie aus Sicherheitsgründen nicht alle Beweise öffentlich machen können.“

 

Dennoch fand das FBI belastendes Material. Unmittelbar nach den Anschlägen tauchten eine ganze Reihe von Indizien auf, zurückgelassen in einem Mietwagen am Flughafen sowie im Koffer des mutmaßlichen Anführers Mohammed Atta. Der Koffer war aus unerfindlichen Gründen nicht ins Flugzeug verladen worden. Er enthielt Attas Testament, einen Koran, sowie Videobänder mit Boeing-Fluganleitungen. Diese Funde schienen einige der 19 Männer mit den Flugzeugentführungen zu verknüpfen. Rätselhaft blieb dabei unter anderem, weshalb ein Selbstmordattentäter sein Testament in einen Koffer packte, von dem er annehmen musste, dass dieser zerstört werden würde. Auch einige Ermittler selbst hatten hier den Eindruck, einer absichtlich gelegten Spur zu folgen. Seymour Hersh, einer der renommiertesten Journalisten der USA, schrieb dazu Anfang Oktober 2001 im „New Yorker“:

 

„Viele der Ermittler gehen davon aus, dass einige der zunächst entdeckten Hinweise zu den Identitäten der Terroristen und ihren Vorbereitungen, wie etwa die Fluganleitungen, gefunden werden sollten. Ein ehemaliger hochrangiger Geheimdienstbeamter sagte mir: ‚Die Spuren wurden absichtlich gelegt – damit das FBI ihnen folgt.‘ “

 

Abgesehen von diesen Funden ermittelte man, dass ein paar der Männer ein militärisches Training in Afghanistan absolviert hatten und dass einige auf Flugschulen in den USA eingeschrieben gewesen waren. Der klare Beweis für einen von Bin Laden organisierten Selbstmordplan fehlte jedoch weiterhin. Dazu zitierte Seymour Hersh Beamte der US-Regierung:

 

„ ,Diese Leute müssen nicht alle von Bin Laden sein‘, sagte mir ein Beamter des Justizministeriums. ,Wir überprüfen noch vieles.‘ Am 23. September hatte Außenminister Colin Powell erklärt, dass ,wir der Welt und dem amerikanischen Volk einen überzeugenden Fall präsentieren werden‘, der Bin Ladens Verantwortung für die Anschläge zeige. Doch das allgemein erwartete Papier konnte, so der Beamte des Justizministeriums, aus Mangel an harten Beweisen nicht veröffentlicht werden. ,Es reichte einfach nicht aus.‘ “

 

Die Hypothese eines von Bin Laden erdachten Selbstmordplans wurde erstmals gestützt durch ein vom Pentagon im Dezember 2001 veröffentlichtes Video, auf dem sich Bin Laden, einer Übersetzung der US-Regierung zufolge, mit der Planung der Anschläge brüstete. Eine Neuübersetzung, in Auftrag gegeben von einem Reporterteam der ARD, konnte dies jedoch nicht bestätigen. Darüberhinaus ist das Video von amerikanischen Strafverfolgungsbehörden selbst nie offiziell als Beweis für eine Verantwortung Bin Ladens angesehen worden. In diesem Sinne betonte auch FBI-Direktor Robert Mueller sieben Monate nach den Anschlägen, im April 2002:

 

„Die Flugzeugentführer hinterließen keine Dokumente. In unserer Untersuchung haben wir nicht ein einziges Blatt Papier gefunden, das irgendeinen Aspekt des 9/11-Plans erwähnte – weder hier in den USA, noch in dem Schatz von Informationen, der in Afghanistan und anderswo auftauchte.“

 

Ebenfalls im April 2002 tauchte erstmals ein Video eines der mutmaßlichen Attentäter auf, aufgenommen offenbar Monate vor den Anschlägen. Darin wurde in martialischen Worten verkündet, dass man die „Ungläubigen“ von der arabischen Halbinsel vertreiben und auch Amerikaner töten müsse. Ein konkreter Bezug zu 9/11 war nicht enthalten. Ähnliche Videos anderer mutmaßlicher 9/11-Attentäter erschienen im September 2002, sowie zu den folgenden Jahrestagen der Anschläge – ausgestrahlt jeweils vom arabischen Sender Al Jazeera. Keine der Aussagen auf diesen „Märtyrer-Videos“ offenbarte allerdings Täterwissen oder kündigte die Anschläge konkret an. Dafür hatten die Filmproduzenten in den Bildhintergrund der Videos nachträglich digital die explodierenden Türme des World Trade Centers und ähnliche Symbole für 9/11 hineinkopiert – was zwar suggestiv wirkte, aber ohne jede Beweiskraft für die Beteiligung der entsprechenden Personen an den Anschlägen war. Ausgerechnet von den mutmaßlichen Piloten tauchten zudem keine solchen „Märtyrer-Videos“ auf, obwohl die doch eine führende Rolle gespielt haben sollten.

 

Der nächste größere Versuch, die Verantwortung von Bin Laden und Al Qaida zu belegen, erfolgte zum ersten Jahrestag der Anschläge, im September 2002. Wiederum über Al Jazeera wurde nunmehr lediglich eine Tonaufnahme veröffentlicht, auf der sich angeblich die Drahtzieher der Anschläge, Ramzi Binalshibh und Khalid Scheich Mohammed, zu der Tat bekannten. Der Fernsehproduzent Yosri Fouda berichtete, wie er die beiden in Pakistan konspirativ für ein Interview getroffen hätte. Im Nachhinein verstrickte sich Fouda jedoch in massive Widersprüche, was Zeitpunkt und Umstände dieses Interviews betraf. Auch diese Tonaufnahme sowie Foudas Aussage selbst wurden zu keinem Zeitpunkt von US-Strafverfolgungsbehörden als Beweismittel angesehen.

 

Was also sind die Beweise für einen Bin Laden-Plot? Tatsächlich basiert die offiziell akzeptierte These der Verantwortung von Al Qaida, wie sie im 9/11 Commission Report aus dem Jahr 2004 dargelegt wird, auf den Aussagen mehrerer Männer, die von den Behörden in Pakistan festgenommen wurden: Abu Subaida (Festnahme im März 2002), sowie die bereits erwähnten Ramzi Binalshibh (Festnahme im September 2002) und Khalid Scheich Mohammed (Festnahme im März 2003).

 

Deren Aussagen – und keine wie auch immer gearteten Videos – bilden die Grundlage der offiziellen Theorie zur Planung und Durchführung der Anschläge. Der 9/11 Commission Report basiert wesentlich auf den Geständnissen dieser drei Männer. Subaida etwa wird namentlich auf 31 Seiten des Commission Reports erwähnt, Binalshibh auf 50 Seiten, und Khalid Scheich Mohammed (abgekürzt „KSM“) sogar auf 99 Seiten. Die Erläuterungen des Reports zur Planung der Terroranschläge sind voll von Formulierungen wie „KSM behauptet, dass …“, „KSM zufolge …“, „KSM bestand gegenüber seinen Vernehmern darauf, dass …“ und so weiter. Die 9/11 Commission hatte allerdings keine Möglichkeit, diese Aussagen zu überprüfen, da sie keinen Zugang zu den Gefangenen hatte. Den Ermittlern der Commission wurde nicht einmal erlaubt, mit den Vernehmern zu sprechen (9/11 Commission Report, S. 146 ff). Als der Vizevorsitzende Lee Hamilton schließlich im Dezember 2003 CIA-Chef George Tenet persönlich aufsuchte, um nachdrücklich den Zugang der Commission zu diesen Hauptzeugen einzufordern, erhielt er eine deutliche Antwort:

 

„Lee, Du wirst keinen Zugang zu ihnen bekommen. Es wird nicht passieren. Nicht einmal der Präsident der Vereinigten Staaten weiß, wo diese Leute sind. Und er hat keinen Zugang zu ihnen. Und Du wirst keinen Zugang zu ihnen erhalten.“ (Philip Shenon, „The Commission“, New York, 2008, S. 181–182; Thomas Kean / Lee Hamilton, „Without Precedent“, New York, 2006, S. 120–124)

 

Währenddessen wurden Subaida, Binalshibh und Mohammed in Geheimgefängnissen versteckt, wo man sie schwer folterte. Ihren Geständnissen kann somit kaum Glaubwürdigkeit beigemessen werden. Es dauerte mehrere Jahre, bis sich in den USA ein renommierter Journalist fand, der diesen Skandal thematisierte. Im Bericht von Robert Windrem vom amerikanischen TV-Sender NBC aus dem Jahr 2008 heißt es:

 

„Eine Analyse von NBC News zeigt, dass mehr als ein Viertel aller Fußnoten des 9/11 Reports auf CIA-Verhöre von Al Qaida-Mitgliedern verweist, die den inzwischen strittigen Verhörmethoden ausgesetzt wurden. Tatsächlich basieren die entscheidendsten Kapitel des Reports, zur Planung und Ausführung der Anschläge, im Kern auf Informationen aus diesen Verhören.“

 

Dies ist ein immer noch wenig bekannter Hintergrund der Folterverhöre: Sie dienten ausdrücklich – und sehr erfolgreich – der Schaffung einer konstruierten Story zur Erklärung der Anschläge gegenüber der Öffentlichkeit. Bis heute werden die gefolterten Hauptzeugen Abu Subaida, Ramzi Binalshibh und Khalid Scheich Mohammed hermetisch von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Sie fristen ihr Dasein weiter und auf unbestimmte Zeit im Lager Guantánamo.

 

2. Der Nato-Bündnisfall wurde ohne Beweise erklärt – und gilt bis heuteDer Nato-Bündnisfall wurde im Oktober 2001 ausgerufen und gilt bis heute, ohne dass von der US-Regierung entsprechende Beweise vorgelegt wurden. Der gemeinsame Vertrag des nordatlantischen Militärbündnisses sieht in Artikel 5 vor, dass ein bewaffneter Angriff auf einen der Mitgliedsstaaten automatisch die übrigen Länder zum militärischen Beistand verpflichtet. Hintergrund dieser Klausel war ursprünglich zu Zeiten des Kalten Krieges ein etwaiger Angriff der Sowjetunion.

 

Die Erklärung des Bündnisfalls setzt folgerichtig voraus, dass ein NATO-Staat von außen angegriffen wird. Die Legitimität des Bündnisfalls hängt somit im Kern davon ab, ob 9/11 tatsächlich ein Angriff aus dem Ausland war. Ein großer Terroranschlag einer wie auch immer zusammengesetzten Gruppe aus dem Inland reicht nicht aus, um sämtliche Alliierten zum Krieg zu verpflichten.

 

Da aber am 11. September ausschließlich Inlandsflüge entführt wurden, und die mutmaßlichen Attentäter vorher auch für längere Zeit in den USA gelebt hatten, konnte man kaum automatisch einen Angriff von außen unterstellen. Die internationale Öffentlichkeit wartete daher gespannt auf die entsprechenden Beweise der amerikanischen Regierung. Wie bereits erwähnt, hatte Außenminister Powell knapp zwei Wochen nach den Anschlägen angekündigt, „der Welt und dem amerikanischen Volk einen überzeugenden Fall“ zu präsentieren – was dann aber doch nicht geschah.

 

Ende September 2001 reiste der stellvertretende Pentagon-Chef Paul Wolfowitz nach Brüssel, um die übrigen 18 NATO-Verteidigungsminister bei einem informellen Treffen über die weiteren Pläne Washingtons zu informieren. Doch auch er legte keinerlei Beweise für eine Verantwortung Bin Ladens vor.

 

Am 2. Oktober wiederholten die USA gegenüber den in Brüssel versammelten Verteidigungsministern der Allianz, dass Bin Laden definitiv hinter den Anschlägen stecke. Daraufhin erklärte NATO-Generalsekretär George Robertson formal den Bündnisfall. Robertson sprach im Anschluss vor der Presse von „zwingenden Beweisen“ – ohne diese jedoch zu nennen. In einer offiziellen schriftlichen Stellungnahme der NATO vom gleichen Tag hieß esunscharf, die präsentierten Informationen wiesen „schlüssig auf eine Rolle der Al Qaida“ bei den Anschlägen. Man habe festgestellt, dass der Angriff „aus dem Ausland geführt“ worden sei. Wiederum gab es jedoch keine weiteren Details.

 

„Neue Beweise für Bin Ladens Schuld nur ein Bluff?“ titelte Spiegel Online dazu noch am gleichen Tag – und präsentierte die dürftigen Ergebnisse seiner eigenen Recherchen bei den Behörden:

 

„Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe bemüht sich derzeit um die Übergabe der US-Beweisdokumente. Noch liegt bei der Behörde kein Material vor, das beweist, dass Osama Bin Laden hinter den Anschlägen in den USA steckt. Sprecherin Frauke-Katrin Scheuten sagte dazu: ,Wir gehen davon aus, dass wir die Unterlagen bald bekommen.‘ “

 

Doch NATO-Generalsekretär Robertson hatte schon vorgebaut und verlautenlassen, zur Erklärung des Bündnisfalls sei es gar nicht notwendig, dass die USA Beweise vorlegten. Es reiche aus, wenn die Regierung in Washington mitteile, dass die Anschläge aus dem Ausland organisiert wurden.

 

3. Börsenwetten weisen auf die Täter – Aufklärung: FehlanzeigeIn den Tagen unmittelbar vor dem 11. September 2001 fanden an den internationalen Börsen mutmaßlich Insidergeschäfte statt, die ein Vorwissen der Anschläge nahelegen. Es wurde massiv auf fallende Kurse von Unternehmen gewettet, die durch die Anschläge später in Mitleidenschaft gezogen werden, wie zum Beispiel die beiden von den Entführungen betroffenen Fluggesellschaften „United Airlines“ und „American Airlines“. Die US-Börsenaufsichtsbehörde hatte diese Geschäfte später untersucht, die Details ihrer Ermittlungsergebnisse aber nie veröffentlicht.

 

Auch der damalige Bundesbankpräsident Ernst Welteke äußerte sich kurz nach den Anschlägen entsprechend. Einem Bericht der Washington Post vom September 2001 zufolge sagte er, dass Mitarbeiter der Bundesbank auf „fast unwiderlegbare Beweise von Insiderhandel“ gestoßen seien, er aber noch keine Details nennen wolle, da er sich zunächst „mit den Aufsichtsgremien anderer Länder absprechen“ würde. Weitere Details wurden nie öffentlich gemacht.

 

Der 9/11 Commission Report äußert zu dieser Frage lediglich in einer Fußnote, dass einem der entsprechenden Investoren „keine erkennbaren Verbindungen zu Al Qaida“ nachzuweisen wären und die verdächtigen Börsenwetten allesamt „harmlos“ wären, sowie nicht in Beziehung zu den Anschlägen stünden (S. 499, Fußnote 130).

 

Abgesehen von der in dieser Aussage enthaltenen Vorfestlegung, dass ein möglicher Insiderhandel in jedem Fall zu Al Qaida zurückverfolgbar sein müsse, legen unabhängige Untersuchungen, zum Beispiel von Finanzwissenschaftlern der Universität Zürich, ganz im Gegenteil nahe, dass es offenbar tatsächlich informierte Spekulationsgeschäfte kurz vor 9/11 gab. Prof. Marc Chesney, Vizedirektor des Instituts für Banking und Finance an der Universität Zürich und Leiter einer entsprechenden mehrjährigen Untersuchung, erklärte dem Autor dieses Textes gegenüber, dass er sich die fehlende Berichterstattung dazu nur damit erklären könne, dass den meisten Journalisten das Thema offenbar zu heikel sei.

 

4. Die Finanzierung der Anschläge wurde laut 9/11 Commission Report überhaupt nicht untersuchtNicht ermittelt und öffentlich gemacht wurde auch, wer die Anschläge selbst eigentlich finanzierte. Bis heute ist unklar, woher die Geldmittel dazu kamen. Der 9/11 Commission zufolge wurden für die Vorbereitung der Anschläge zwischen 400.000 und 500.000 Dollar ausgegeben. Im Commission Report heißt es dazu auf Seite 172: „Die US-Regierung war nicht in der Lage, den Ursprung des Geldes zu ermitteln, das für die Anschläge von 9/11 benutzt wurde.“ Der Report ergänzt diese Feststellung mit der überraschenden Behauptung, dass diese Frage „letztlich von geringer praktischer Bedeutung“ sei.

 

5. Während der Anschläge fand zeitgleich ein Militärmanöver statt, bei dem eine Flugzeugentführung „geprobt“ werden sollteAm Morgen des 11. September 2001 fand eine großangelegte Übung der Luftabwehr namens „Vigilant Guardian“ statt. Die aktive Phase begann am 6. September, zunächst beschränkt auf 12 Stunden Übungsdauer pro Tag. Ab dem 10. September lief das Manöver dann rund um die Uhr. Am Morgen von 9/11 sah die Übung eine simulierte Flugzeugentführung vor. Einer der verantwortlichen Luftwaffenoffiziere an diesem Morgen war Major Kevin Nasypany. Er erinnerte sich folgendermaßen:

 

„Als sie mir sagten, dass es eine Flugzeugentführung gab, war meine erste Reaktion ,Jemand hat die Übung vorverlegt.‘ Tatsächlich sagte ich laut: ,Die Flugzeugentführung soll doch erst in einer Stunde sein.‘ “

 

Teil dieser fiktiven Flugzeugentführung und der Übung insgesamt war ein Simulationsteam, das virtuelle Radarsignale einspeiste, die auf den Bildschirmen der Luftabwehr angezeigt wurden, während man dort zugleich versuchte, auf die realen Entführungen zu reagieren. Dem Journalisten Michael Bronner wurden im Jahr 2006 bis dahin geheim gehaltene interne Tonbandaufzeichnungen durch das Militär zugänglich gemacht, auf denen die Arbeit der Luftabwehr-Offiziere akustisch dokumentiert ist. In Bezug auf die ersten Benachrichtigungen des Militärs über die Entführungen schrieb er:

 

„Die Frage ‚Ist das echt oder Übung?‘ ist beinahe wörtlich immer und immer wieder auf den Bändern zu hören. (…) Fast jeder im Raum nahm zuerst an, dass der Anruf vom Simulationsteam kam, das ‚Inputs‘ – simulierte Vorfälle – in die Übung einspeiste.“

 

Nochmals zusammengefasst: Am Morgen des 11. September lief eine militärische Übung, die unter anderem eine Flugzeugentführung zum Inhalt hatte. Dazu existierte ein Simulationsteam, das zu Übungszwecken absichtlich falsche Informationen in das gleiche System einspeiste, mit dessen Hilfe parallel versucht wurde, Kampfjets zu den real entführten Flugzeugen zu schicken.

 

Im 9/11 Commission Report wird diese Übung lediglich knapp in einer Fußnote im kleingedruckten Anhang erwähnt (Seite 458, Fußnote 116), wo es heißt, dass die Reaktion des Militärs durch das Manöver nicht behindert worden sei. Die hier geschilderten Umstände werden im Untersuchungsbericht nicht erwähnt.

 

Darüber hinaus bleibt es eine irritierende Tatsache, dass viele der größten Terroranschläge der letzten 15 Jahre in enger zeitlicher Nähe zu Manövernstattfanden, bei denen Szenarien durchgespielt wurden, die dann immer wieder plötzlich real wurden. Die denkbaren Konsequenzen aus dieser wiederholten Gleichzeitigkeit wurden bislang kaum öffentlich diskutiert geschweige denn zufriedenstellend geklärt.

 

6. Al Qaida wurde vor 9/11 durch US-Geheimdienste unterwandertUnstrittig ist auch, dass die CIA mehrere der mutmaßlichen späteren Entführer bereits vor 9/11 aufgespürt hatte. Ziad Jarrah, mutmaßlicher Pilot von Flug 93, war auf Bitten der CIA wegen „seiner vermuteten Teilnahme an terroristischen Aktivitäten“ im Januar 2000 in den Vereinigten Arabischen Emiraten von den dortigen Behörden gestoppt und befragt worden, wie Quellen in den Emiraten 2002 enthüllten. CNN berichtete:

 

„Geheimdienstquellen in den Emiraten und Europa erklärten gegenüber CNN, dass die Befragung Jarrahs in das Muster einer 1999 begonnenen CIA-Operation passt, bei der verdächtige Al Qaida-Leute verfolgt wurden, die durch die Vereinigten Arabischen Emirate reisten. Die Quellen teilten CNN mit, dass die Behörden der Emirate häufig im voraus von amerikanischen Stellen informiert wurden, welche Personen durch das Land reisen würden und wer befragt werden sollte.“

 

Bereits im Jahr 1999 kannte die CIA auch die sogenannte „Hamburger Zelle“ der 9/11-Entführer Mohammed Atta, Marwan al Shehhi und ihres Anwerbers Mohammed Zammar. Weiterhin kannte die CIA zwei entscheidende mutmaßliche 9/11-Entführer: Nawaf al Hazmi und Khalid al Midhar. Beide waren später angeblich an Bord des Flugzeuges, das ins Pentagon stürzte. Die CIA wurde 1999 durch einen Hinweis des saudischen Geheimdienstes auf diese Männer aufmerksam und ließ sie in der Folge bei einem Al Qaida-Strategietreffen in Malaysia im Januar 2000 überwachen. Danach reisten die Männer in die USA ein.

 

Das Antiterrorzentrum der CIA wusste, dass die beiden Al Qaida-Kämpfer in den Vereinigten Staaten waren. Trotzdem verbarg die CIA dieses Wissen für mehr als ein Jahr vor den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden (9/11 Commission Report, S. 266–272). Befragt nach dem Grund für diese Vertuschung, antwortete der langjährige Nationale Antiterror-Koordinator der US-Regierung Richard Clarke in einem Interview, das im Jahr 2011veröffentlicht wurde:

 

„Als Cofer Black [im Jahr 1999; P.S.] zum Chef des Antiterrorzentrums der CIA wurde, da hatte der Geheimdienst keine Quellen innerhalb von Al Qaida. Er sagte mir: ,Ich werde versuchen, Informanten innerhalb von Al Qaida zu bekommen‘. Ich kann verstehen, wenn sie möglicherweise sagten: ,Wir müssen Quellen innerhalb von Al Qaida aufbauen, aber wenn wir das tun, dann können wir niemandem davon erzählen.‘ Und ich kann verstehen, wie sie vielleicht diese zwei Leute in den USA auftauchen sehen und denken: ,Aha, das ist unsere Chance, sie umzudrehen – das ist die Gelegenheit, Leute bei Al Qaida einzuschleusen. Und um das zu erreichen, dürfen wir niemanden außerhalb der CIA einweihen, so lange, bis wir sie haben und bis sie uns wirklich Informationen liefern.‘ (…) Wir nehmen daher an, dass es eine Weisung auf höchster Ebene der CIA gab, diese Information nicht auszutauschen. (…) Sie haben uns alles gesagt. Außer dieser Sache.“

 

Abseits und unabhängig von der CIA existierte außerdem ein geheimes militärisches Programm namens „Able Danger“, das Al Qaida analysieren, infiltrieren und manipulieren sollte. Diese Gemeinschaftsoperation des Militärgeheimdienstes DIA und des US-Spezialkräftekommandos startete 1999. Im Jahr 2000 hatte das Programm vier der zukünftigen mutmaßlichen 9/11-Entführer aufgespürt und als Teil einer Al Qaida-Zelle in den USA identifiziert – Mohamed Atta, Marwan al Shehhi, Nawaf al Hazmi und Khalid al Midhar.

 

Das US-Militär hatte also ebenfalls Hazmi und Midhar als Al Qaida-Kämpfer erkannt – ohne die CIA und unabhängig von ihr, während diese offenbar gleichzeitig versuchte, die beiden als Agenten anzuwerben. Oberst Anthony Shaffer, einer der Offiziere des „Able Danger“-Programms, beobachtete, wie die CIA im Verborgenen um exklusiven Zugang kämpfte. Er war überzeugt, dass der Geheimdienst sich verzweifelt bemühte, Al Qaida zu unterwandern. „Im Grunde stahlen sie unsere Quellen“, sagte Shaffer später. „Sie schauten gewissermaßen von außen hinein. Ich denke, wir hatten bessere Zugänge als sie, und deshalb wollten sie unsere Hauptquelle abschalten und deren Unteragenten für sich selbst nutzen.“

 

In einem 2013 veröffentlichten Bericht der Journalisten Paul Church und Ray Nowosielski, der auf den Aussagen Shaffers beruht, heißt es:

 

„Nachdem die CIA erfolgreich genügend Quellen vom Hauptagenten der DIA abgeworben hatte, wollte sie die DIA komplett loswerden. Im September oder Oktober 2000 musste sich Shaffers Boss, Armeegeneral Bob Hardy Jr., in einer vertraulichen Sitzung des parlamentarischen Geheimdienstausschusses mit dem CIA-Direktor messen. Shaffer bezeichnete dies als ,einen entscheidenden Schlagabtausch.‘ “

 

In Folge dessen wurde Anfang des Jahres 2001, nur wenige Monate vor 9/11, das „Able Danger“-Programm, das Al Qaida infiltrieren und manipulieren sollte, abgeschaltet. Offenbar wollte die CIA um jeden Preis vermeiden, dass ihr ein anderer konkurrierender Geheimdienst bei der Unterwanderung von Al Qaida in die Quere kam.

 

7. Die Bildung einer Schattenregierung unmittelbar nach 9/11 wurde nicht untersuchtAm Morgen des 11. September wurde erstmals in der Geschichte der USA das sogenannte „Continuity of Government“-Programm (COG) ausgelöst, das im Fall eines Krieges oder einer großen Naturkatastrophe dafür sorgen soll, dass die Regierungsgeschäfte weiterlaufen, selbst wenn etwa die Hauptstadt Washington komplett zerstört sein würde. Das COG-Programm, ein Erbe des Kalten Krieges, sieht dafür die umgehende Etablierung einer Schattenregierung vor, die parallel und außerhalb von Washington arbeitet. Am 11. September um kurz vor 10 Uhr, nach dem Einschlag des dritten Flugzeuges im Pentagon, gab Vizepräsident Dick Cheney dafür den Startbefehl.

 

Fast nichts ist bekannt über den Inhalt des Planes und die konkreten Folgen seiner Aktivierung. Die Geheimhaltung in diesem Zusammenhang hat groteske Ausmaße. Allein schon die einfache Tatsache, dass der COG-Plan am 11. September überhaupt ausgelöst worden war, blieb monatelang verborgen. Nach einzelnen Hinweisen in der Presse brachte die Washington Post erst im Frühjahr 2002 einen ausführlichen Bericht mit dem Titel: „Schattenregierung arbeitet im Geheimen“. Darin hieß es, im Rahmen des Notfallplans seien seit dem 11. September etwa 100 Beamte verschiedener Behörden außerhalb von Washington im Verborgenen tätig:

 

„Beamte, die zum ,Bunkerdienst‘ – wie einige von ihnen es nennen – eingeteilt werden, leben und arbeiten 24 Stunden am Tag unter der Erde, getrennt von ihren Familien. Da man sich für lange Zeit einrichtet, hat die Schattenregierung inzwischen die meisten ihrer ursprünglichen Mitarbeiter nach Hause geschickt, und ersetzt die Beamten in der Regel nach 90 Tagen. (…) Die Administration im Wartestand, die intern als COG – ,Continuity of Government‘ – bezeichnet wird, ist ein verschwiegenes Gegenstück zur bestätigten Abwesenheit Vizepräsident Cheneys, der für einen großen Teil der vergangenen fünf Monate nicht in Washington war. Cheneys Überleben sichert die verfassungsgemäße Nachfolge, meinte ein Beamter, aber ,er kann das Land nicht allein regieren‘. Mit einer Kerntruppe von Behördenmanagern an seiner Seite ist Cheney – oder Präsident Bush, wenn verfügbar – in der Lage, seine Anweisungen auch umzusetzen.“

 

Doch welche Anweisungen gab Cheney während der Aufenthalte im Bunker seiner merkwürdigen „Schattenregierung“? Und auf welcher Grundlage wurde diese Notstandsmaßnahme auf quasi unbegrenzte Zeit verlängert? Das Weiße Haus war ja nicht durch Bomben ausgelöscht worden, der Präsident lebte und seine Regierung war handlungsfähig. Wozu also brauchte man permanent ein zweites Geheimkabinett?Nachdem diese Dinge im Frühjahr 2002 teilweise öffentlich wurden, meldeten sich führende Politiker der Legislative erstaunt zu Wort. Wie sich herausstellte, waren weder Senat noch Repräsentantenhaus über die Aktivierung von COG und die Arbeit einer „Schattenregierung“ an einem geheimen Ort im Bilde, man hatte das Parlament einfach übergangen.

 

Ähnlich erging es später der 9/11-Commission. Sie erwähnte in ihrem Abschlussbericht von 2004 zwar die Aktivierung des Plans am 11. 9., räumte aber ein, dass sie den gesamten Vorgang nicht näher untersucht habe. Man sei lediglich über die „allgemeine Art“ des Plans unterrichtet worden (9/11 Commission Report, S. 555).

 

Unmittelbare Folge von 9/11 war der nur einen Monat später verabschiedete „USA PATRIOT Act“, ein Gesetzespaket mit weitreichendem Inhalt, das es unter anderem ermöglichte, ausländische Terrorverdächtige ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit einzusperren. Damit schuf die Regierung die Grundlage für das System Guantánamo, das zu US-Geheimgefängnissen in aller Welt führte. Auch das Abhören der eigenen Bürger sowie der Einsatz von Geheimdiensten im Inland wurde durch das neue Gesetzespaket erleichtert.

 

Zwei einflussreiche Gegner dieser Änderungen waren Tom Daschle, Mehrheitsführer im Senat, und Patrick Leahy, Vorsitzender des Justizausschusses. Beide erhielten Drohbriefe mit tödlichen Milzbranderregern, deren Quelle bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist. Daschle und Leahy gaben daraufhin ihren Widerstand auf und stimmten dem Gesetzespaket zu.

 

Die unter Hochdruck beschlossenen Maßnahmen ähnelten in ihrer Radikalität Notverordnungen während eines Ausnahmezustands. Mit COG vertraute Regierungsmitarbeiter deuteten nach 9/11 an, dass der Plan tatsächlich den offiziellen Ausnahmezustand hätte auslösen können – wenn neben den Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon an diesem Tag auch eine größere Zahl von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern getötet worden wäre.

 

Ist es in diesem Zusammenhang nur ein Zufall, dass das vierte Flugzeug am 11. September Washington angesteuert hatte und dort das Capitol oder das Weiße Haus treffen sollte? Die naheliegende Frage lautet: Sollte der 11. September womöglich für eine Art verdeckten Staatsstreich benutzt werden, der in seiner Ausführung dann teilweise gescheitert war? 9/11 ermöglichte praktisch die Einführung von Notstandsmaßnahmen, die Schwächung der Legislative, den Beginn mehrerer Kriege und die massive Erhöhung der Militärausgaben. An denkbaren Motiven für einen Coup herrscht also kein Mangel.

 

8. Die offiziellen Theorien zur Steuerung der Flugzeuge und zum Einsturz der Türme erscheinen nicht schlüssigBis hierhin könnte man skeptisch mutmaßen, dass eine radikale Fraktion innerhalb der US-Elite möglicherweise von den Anschlägen Kenntnis bekommen hatte und sie dann in zynischer Weise geschehen ließ, um das Ergebnis politisch ausbeuten zu können. Dieser Schlussfolgerung stehen allerdings einige weitere, für den gutwilligen Beobachter sehr unbequeme, Fakten im Weg.

 

Betrachtet man die präzisen Anflüge der entführten Maschinen auf ihre Ziele, also die Art ihrer Navigation, die Geometrie ihrer Routen, mithin konkrete physikalische Fakten, die sich überprüfen lassen, dann führt kaum etwas an der Schlussfolgerung vorbei, dass die Flugzeuge elektronisch ferngesteuert wurden. Aus Platzgründen beschränke ich mich hier auf diese – natürlich ungenügend – knappe Darstellung.

 

Ähnliches gilt für die Art des Zusammensturzes der 3 Türme des World Trade Centers. Alle drei Türme fielen nahezu symmetrisch. Gebäude 7 stürzte, offiziellen Angaben zufolge, während der ersten zwei Sekunden seines Zusammenbruchs mit Freifallbeschleunigung. Der Wolkenkratzer fiel damit die ersten 30 Meter ohne jeden Widerstand – eben im freien Fall. Die Zerstörung war nahezu absolut. Während des Fallens wurden alle drei Gebäude zu Staubwolken pulverisiert, die große Teile von Südmanhattan bedeckten. Die Stahlsäulen, auch aus dem inneren Kern der Türme, zerlegten sich fast vollständig.

 

Der amtlichen Darstellung zufolge waren einfache Bürobrände die Ursache dieser perfekten Zerstörung. Das für die offizielle Untersuchung der Einstürze eingesetzte National Institute of Standards and Technology räumte jedoch in einer Fußnote seines 300 Seiten starken Abschlussberichts überraschenderweise ein, dass seine Untersuchung sich auf den „Zeitablauf vom Einschlag der Flugzeuge bis zum Beginn des Zusammenbruchs jedes Turms“ konzentrierte und sie daher „kaum Analysen des strukturellen Verhaltens der Türme nach dem Beginn des Zusammenbruchs“ enthielt. (Quelle: NIST NCSTAR 1, Federal Building and Fire Safety Investigation of the World Trade Center Disaster, „Final Report on the Collapse of the World Trade Center Towers“, September 2005, S. xxxvii)

 

Mit anderen Worten: die offizielle Untersuchung ermittelte nicht, wie der Kollaps sich vollzogen hatte, sondern nur, wie es dazu kam, dass er begann. Daher gibt es bis heute keine plausible, offiziell akzeptierte und wissenschaftlich dokumentierte Erklärung für den außergewöhnlich perfekten Zusammenbruch aller drei Türme, sondern nur eine These darüber, was ihn möglicherweise auslöste.

 

Im Widerspruch zur offiziellen Darstellung, wonach die Wirkung von Feuer den gesamten Einsturz erklärt, behaupten Kritiker, dass typische Kennzeichen einer kontrollierten Sprengung beobachtet werden konnten. Dies ist eine sehr kontroverse Sichtweise, die in der Öffentlichkeit wiederum sehr eng mit dem Begriff „Verschwörungstheorie“ verknüpft ist. Verständlicherweise ist die Idee, die Türme seien absichtlich zerstört worden, für viele Menschen unvorstellbar. Allein der Gedanke erscheint so abwegig und beängstigend, dass man ihn instinktiv von sich weist. Die Diskussion dieser Frage hat daher zweifellos eine starke psychologische Dimension.

 

Der Autor dieses Textes muss zugeben, dass dies auch für ihn selbst zutrifft. Über mehr als 10 Jahre, die ich zu 9/11 recherchierte, weigerte ich mich, die vorgebrachten Argumente in diesem Zusammenhang auch nur anzuschauen, geschweige denn zu überprüfen, einfach weil mir die Idee einer Sprengung der Türme schlicht als absurd und lächerlich erschien. Die Argumente dann schließlich doch in Augenschein nehmend, stellt sich heraus, dass:

 

• die Türme tatsächlich symmetrisch in ihren eigenen Grundriss stürzten, teilweise, wie beschrieben, mit Freifallbeschleunigung, was nur geschehen kann, wenn alle oder doch die meisten der tragenden Säulen annähernd gleichzeitig zerstört wurden (Quellen: Journal of 9/11 Studies, „9/11 – Acceleration Study Proves Explosive Demolition“, November 2006, Dr. Frank Legge; Journal of 9/11 Studies, „Destruction of the World Trade Center North ­Tower and Fundamental Physics“, Februar 2010, David Chandler)

 

• geschmolzener Stahl im Schutt der zerstörten Türme entdeckt wurde – unerklärlich, wenn die Ursache des Kollapses allein die beobachteten Feuer gewesen wären, denen die nötige Temperatur fehlte, um Stahl zu schmelzen (Quelle: Journal of 9/11 Studies, „Why Indeed Did the World Trade Center Buildings Completely Collapse?“, September 2006, Dr. Steven E. Jones)

 

• thermitisches, hochenergetisches Material im Staub der zerstörten Türme gefunden wurde – eine Substanz, die den beobachteten Zusammenbruch tatsächlich hätte auslösen können. (Quelle: Bentham Open Chemical Physics Journal, „Active Thermitic Material Discovered in Dust from the 9/11 World Trade Center Catastrophe“, April 2009, Niels H. Harrit, Jeffrey Farrer, Steven E. Jones, Kevin R. Ryan, Frank M. Legge, Daniel Farnsworth, Gregg Roberts, James R. Gourley, Bradley R. Larsen)

 

9. Aber auch nachdem man diese Informationen aufgenommen hat, ist man in der Regel noch immer emotional abgeneigt, zu erwägen, dass die Türme kontrolliert zerstört wurden. Man neigt dazu, die Fakten zunächst zur Seite zu schieben. Wie soll denn das alles bewerkstelligt worden sein, fragt man. Denn wenn die Zerstörung der drei Türme tatsächlich eine absichtliche Sprengung gewesen ist, dann hätte es natürlich nennenswerte Zeit in Anspruch genommen, die Gebäude zu präparieren. Auf keinen Fall wäre so etwas in ein paar Stunden erledigt. Es würde Tage oder Wochen dauern. Wie sollte das im Verborgenen geschafft worden sein?

 

Eine mögliche Antwort lautet, dass die notwendigen Mittel während einer regulären Renovierung hätten installiert werden können. Tatsächlich gab es vor 9/11 zum Beispiel ein umfassendes Renovierungsprogramm für das komplexe Fahrstuhlsystem der Türme, das unauffälligen Zugang zur inneren Gebäudestruktur ermöglichte.

 

Es ist auch zu erwägen, dass die für eine Sprengung nötige komplexe Verkabelung der Gebäude unter dem Schutz einer plausiblen Tarngeschichte vonstatten ging: dem Einbau von Messinstrumenten zum Beispiel, oder der Erneuerung der Telekommunikationsverbindungen. Eine glaubhafte Coverstory für den Einsatz von Handwerkern in einem so großen Gebäude mit derart vielen Mietparteien zu finden, dürfte nicht schwer sein.

 

Die gezielte Sprengung des World Trade Centers wäre technisch zwar eine sehr komplexe und anspruchsvolle Herausforderung, doch kaum eine unlösbare Aufgabe. Die Beweislast liegt dabei zunächst auf Seiten der offiziellen Darstellung, die bislang nicht erklären konnte, wie Bürobrände zu einem symmetrischen Zusammenbruch, teilweise in Freifallbeschleunigung, geführt haben sollen.

 

Am Ende muss man vielleicht gar kein Experte, Baustatiker oder Architekt sein, um sich diesen Fragen zu nähern. Fast jeder, der sich einmal eine der verschiedenen Filmaufnahmen des Zusammenbruchs von World Trade Center Nr. 7 mit eigenen Augen angeschaut hat (im Fernsehen wurden die Bilder dieses dritten Zusammenbruchs nach 9/11 praktisch nicht mehr gezeigt), der hält die Behauptung, dieses Gebäude sei nicht gesprengt worden, für schwer glaubhaft.

 

Eine andere Perspektive

Zugegeben, die hier vorgestellte Sichtweise ist wesentlich komplizierter, vielschichtiger und schwerer fassbar als die offizielle Darstellung von 9/11. Während dort 19 junge Männer ganz einfach in blindem Hass, angestachelt vom Terrorfürst Bin Laden, mit entführten Flugzeugen Hochhäuser in Schutt und Asche legten, haben in der hier vorgestellten Perspektive erfahrene und hochspezialisierte Fachleute aus der Geheimdienst- und Militärhierarchie des Westens mit großem Geschick einen tatsächlichen Entführungsplan der Al Qaida unterwandert und als Tarnung für einen tödlichen Angriff auf das eigene Land benutzt, um damit einen Anlass für Krieg und Eskalation zu schaffen, sowie im weiteren Sinn für eine radikale Machtausweitung der Exekutive und ein Zurückdrängen demokratischer Prinzipien.

 

So gesehen gleicht 9/11 einem Putsch, in mancher Hinsicht ähnlich dem deutschen Reichstagsbrand von 1933, um den bis heute ein ganz ähnlicher Historikerstreit geführt wird. Offiziell aber markieren die Anschläge vom 11. September 2001 weiterhin den Beginn einer Dekade des islamistischen Terrorismus, einer globalen Gefahr, die den Westen und seine Freiheiten bedroht. Der Leser mag entscheiden, welche Sicht ihm schlüssiger erscheint.

 

Den vorgeschlagenen Perspektivwechsel aber kann man vielleicht auch ganz einfach auf den konkreten Tatablauf in New York zuspitzen: So gesehen ist die Frage nicht, ob die Türme nach den Einschlägen in jedem Fall zusammengebrochen wären. Entscheidend ist vielmehr die Art des Zusammenbruchs – teilweise mit Freifallbeschleunigung, symmetrisch in den eigenen Grundriss. Ebenso lautet die eigentliche Frage nicht, ob die Entführer entschlossen waren, die Gebäude zu treffen oder nicht. Der Punkt ist wiederum die Art des Anflugs – nicht in leichter gerader Linie mit beherrschbarer Geschwindigkeit, sondern in maximal schnellen und präzisen Kurven.

 

Somit könnte die Erklärung am Ende schlicht lauten: Die Bewegungen der anfliegenden Flugzeuge und der fallenden Türme enthüllen die Technologie, die dahinter steckt. In dieser Sichtweise beantwortet sich auch die Frage nach dem ultimativen Beweis, dem sprichwörtlichen „rauchenden Colt“, sehr einfach: 9/11 selbst ist dieser rauchende Colt. Nur dass die Rauchwolken so gigantisch waren, dass kaum noch jemand klar sehen konnte.

 

Fazit

Was bleibt, ist ein ebenso knappes wie weitreichendes Fazit: Die offizielle 9/11 Commission hat die Anschläge vom 11. September 2001 schlicht nicht aufgeklärt. Stattdessen hat sie eine Story präsentiert, die nur solange schlüssig erscheint, wie entscheidende Teile weggelassen werden. Der Psychologe und Kognitionsforscher Prof. Rainer Mausfeld spricht in diesem Zusammenhang von einer „Gesetzmäßigkeit des Psychischen“: „Ein Sinnzusammenhang von Fakten lässt sich durch eine fragmentierte Darbietung gleichsam unsichtbar machen. (…) Sobald jedoch bei einer Fragmentierung von Informationen die Ursache der Fragmentierung erkennbar wird, haben wir keine Schwierigkeiten, den Bedeutungszusammenhang zu erkennen.“

 

„Fragmentierung“ bedeutet Aufspaltung oder Zerstückelung. Mausfeld meint, dass absichtsvoll gesetzte Informationslücken einen Zusammenhang verschleiern können. Der „9/11 Commission Report“ als Hauptdokument der offiziellen Sicht auf die Anschläge ist in hohem Maße fragmentiert – sprich: voller Lücken. Es fehlen dort nicht bloß einzelne Fakten, die für das Verständnis der Anschläge wichtig sind, sondern, wie beschrieben, ganze Themenkomplexe: die Finanzierung der Anschläge, die Militärübungen am Tattag, die verdeckte Schaffung eines Ausnahmezustands mit Bildung einer Schattenregierung am Tattag, die Unterwanderung von Al Qaida durch US-Geheimdienste vor 9/11 etc. Die Fragmentierung bzw. Zerstückelung des Berichtes ist so umfassend, dass die Leerstellen durch eine neue Erzählung aufgefüllt werden mussten, damit sich überhaupt ein Sinn ergab. Diese neu geschaffene Erzählung basiert ihrerseits, wie erwähnt, auf Folterverhören und ist damit als Fiktion kenntlich.

 

Die einzelnen Auslassungen des Berichtes sind nicht zufällig, sondern geradezu zwingend nötig, da das vollständige Bild einen Blick auf andere Täterkreise ermöglicht. Um in der Sprache von Professor Mausfeld zu bleiben: Wird einem diese „Ursache der Fragmentierung“ bewusst, dann fällt es auch leicht, „den Bedeutungszusammenhang zu erkennen“.

 

Am Ende wird dabei noch etwas anderes klar: Die Anschläge von 9/11 waren nicht bloß ein schrecklicher und menschenverachtender Terroranschlag mit tausenden Todesopfern, sondern zugleich eine psychologische Operation, eine „Gehirnwäsche“ von Millionen von Menschen in aller Welt. Von deren krankhaften und zerstörerischen Folgen kann sich die Gesellschaft erst dann erholen, wenn sie ein Bewusstsein darüber erlangt, wie die Deutung von 9/11 manipulativ gesteuert wurde. Auch wenn es banal klingen mag: Die Wahrheit muss offen und vollständig auf den Tisch. Ohne eine ehrliche Aufarbeitung der Täuschungen und Manipulationen rund um 9/11 wird die Politik weiter im Nebel stochern – sowohl, was den Terrorismus angeht, als auch mit Blick auf die eigene „Moral“ und „unsere Werte“.

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Profilbild von Paul Schreyer

Paul Schreyer

Jahrgang 1977, ist Autor und freier Journalist, unter anderem für die Magazine „Telepolis” und „Global Research”. Er veröffentlichte mehrere Sachbücher zu den Anschlägen von 9/11 und publizierte zu diesem Thema auch in englischer Sprache. 2013 referierte Schreyer an der Seite von Dr. Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht, auf einer Juristen-Konferenz an der Universität Bremen zum Stand der Ermittlungen bei 9/11. Sein 2014 gemeinsam mit Mathias Bröckers verfasstes Buch „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren” wurde ein Spiegel-Bestseller.

https://paulschreyer.wordpress.com/
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