Einblick:
05 Dez 2015
4 Millionen Tote in Afghanistan, Pakistan und Irak seit 1990
Die öffentliche Meinung im Westen ist überzeugt davon: der Kolonialismus ist Vergangenheit. Die Staaten des Westens verüben keine Massenmorde und Massaker mehr. Aber die Realität sieht leider ganz anders aus.
Profilbild von Tommy Hansen
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  Von Nafeez Ahmed So wie mehrere internationale Verbände jetzt gerade zeigen (einschließlich des Friedensnobelpreises 1985, aus einer Zeit, als diese Auszeichnung noch Sinn hatte), allein in Afghanistan, Pakistan und Irak haben die westlichen Kriege wahrscheinlich 4 Millionen Todesfälle verursacht. Eine umfangreiche Studie zeigt, dass der von den Vereinigten Staaten angeführte „Krieg gegen den Terrorismus“ nahezu 2 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Es ist aber nur eine partielle Zählung der Toten, für die der Westen im Irak und Afghanistan seit mehr als zwei Jahrzehnten verantwortlich ist. In 2015 hat Physicians for Social Responsibility (PSR), eine angesehene NGO mit Sitz in Washington DC, eine wichtige Studie veröffentlicht. Sie zeigt, dass die Bilanz von mehr als einem Jahrzehnt „Krieg gegen den Terrorismus“ seit den Anschlägen des 11. September, sich auf mindestens 1,3 Millionen Todesfälle beläuft. Laut dieser NGO könnten es sogar 2 Millionen sein. Herausgegeben von einem durch den Friedensnobelpreis ausgezeichneten Ärzte-Team, ist dieser 97-Seiten lange Bericht die erste Zählung der Opfer der Zivilbevölkerung durch die unter der Schirmherrschaft der USA im Irak, Afghanistan und Pakistan unternommenen „anti-Terror“-Interventionen. Der PSR-Bericht wurde von einem interdisziplinären Team von führenden Experten im Bereich der öffentlichen Gesundheit erstellt, einschließlich Dr. Robert Gould, Direktor der Sensibilisierung und Ausbildung der Angehörigen der Gesundheitsberufe am Medical Center der Universität von Kalifornien (San Francisco). Unter seinen Herausgebern können wir auch Professor Tim Taka-Ro zitieren, der an der Fakultät der Gesundheitswissenschaften an der Simon Fraser Universität (Kanada) unterrichtet. Diese Studie wurde trotzdem fast völlig von den englischsprachigen [und französisch-sprechenden AdÜ] Medien ignoriert. Sie ist jedoch der erste Versuch – von einer renommierten Organisation –, eine wissenschaftlich glaubwürdige Berechnung der Zahl der Toten durch diesen „Krieg gegen den Terror“ zu produzieren, den die Vereinigten Staaten, [Frankreich AdÜ] und Großbritannien geführt haben. Achtung auf die Lücken Dieser Bericht von PSR wird von Dr. Hans von Sponeck, einem ehemaligen Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen, als ein „wesentlicher Beitrag zur Verringerung die Kluft zwischen der zuverlässigen Schätzungen der Kriegsopfer – vor allem jener in Afghanistan und Pakistan – und tendenziösen, manipulierten oder sogar gefälschten Bilanzen“ eingeschätzt. Diese Studie enthält eine wissenschaftliche Überprüfung der älteren Schätzungen über die Zahl der Opfer des „Krieges gegen den Terrorismus“. In Bezug auf den Irak ist sie besonders kritisch gegenüber der in der Regel von den Medien als glaubwürdig zitierten Bilanz, d. h. die 110.000 Tote des Irak Body Count (IBC). Diese Zahlen sind durch das Zählen der von den Medien verkündeten zivilen Opfer entstanden. Nun hat PSR aber gravierende Lücken und andere methodische Probleme bei diesem Ansatz identifiziert. Z. B., obwohl 40.000 Tote seit dem Ausbruch des Irak-Krieges im Jahr 2003 in Nadschaf begraben wurden, hat IBC nur 1.354 Todesfälle in dieser Stadt im gleichen Zeitraum aufgezeichnet. Dieses Beispiel zeigt das Ausmaß der Diskrepanz zwischen den Zahlen des Irak Body Count in Nadschaf und der tatsächlichen Todesbilanz. In diesem Fall sind die wirklichen Zahlen mehr als 30 Mal höher. Die IBC-Datenbank ist voll von solchen Unterschieden. In einem anderen Beispiel identifiziert diese Organisation nur drei Luftangriffe in einem bestimmten Zeitraum im Jahr 2005. In Wirklichkeit war in diesem Jahr die Zahl der Luftangriffe von 25 auf 120 gestiegen. Wiederum sind diese Daten 40-mal niedriger als die Realität. Laut dem Bericht von PSR, war die umstrittene Studie der Zeitschrift Lancet , welche die irakischen Todesfälle zwischen 2003 und 2006 auf 655.000 – und deren Extrapolation bis heute auf mehr als 1 Million geschätzt hatte – wahrscheinlich viel näher an der Realität als die Zahlen, die vomn IBC vorgelegt wurden [1]. Tatsächlich bestätigt dieser Bericht einen quasi-Konsens unter den Epidemologen über die Zuverlässigkeit der Lancet-Studie. Trotz berechtigter Kritik ist die in dieser Arbeit angewendete statistische Methode das allgemein anerkannte Modell, um die Zahl der Todesfälle in Konflikt-Bereichen zu bestimmen: Sie wird von Regierungen und internationalen Organisationen verwendet. Eine politische Weigerung PSR analysierte auch die Methode und die Ergebnisse anderer Studien, die einen niedrigeren menschlichen Tribut angeben, wie einen Artikel des New England Journal of Medicine, der an einer Reihe von schwerwiegenden Mängeln leidet. Tatsächlich berücksichtigt dieser Artikel die der größten Gewalt ausgesetzten irakischen Provinzen nicht, d. h. die Provinzen von Bagdad, Al-Anbar und Ninive. In der Tat stützt er sich auf die fehlerhaften Daten von IBC, und extrapoliert die Zahlen dann auf diese Regionen. Er setzt auch auf „politisch motivierte“ Beschränkungen bei der Erhebung und Analyse von Daten. Beispielsweise wurden die Interviews vom irakischen Ministerium für Gesundheit geführt, das „von der Besatzungsmacht völlig abhängig war“ und das sich unter dem Druck der Vereinigten Staaten geweigert hatte, seine Daten über den Tod der Iraker zu veröffentlichen. Insbesondere hat PSR die Behauptungen von Michael Spaget, John Sloboda und anderen Kritikern geprüft, die die Methoden der Daten-Erfassung der Lancet-Studie als „betrügerisch“ beschrieben haben. Laut der NGO sind solche Argumente unbegründet. Jene seltenen „legitimen Kritiken“, stellen laut PSR die Ergebnisse der Untersuchungen von Lancet als Ganzes nicht infrage. Diese Zahlen sind die besten derzeit verfügbaren Schätzungen. Die Lancet-Ergebnisse werden auch durch Daten aus einer neuen Studie der wissenschaftlichen Revue PLOS Medicine gestützt, die 500.000 Opfer des Krieges im Irak identifiziert hat. Insgesamt konnte PSR feststellen, dass die wahrscheinlichste Zahl der getöteten Zivilisten in dem Land seit 2003 etwa eine Million ist. Zu dieser Bilanz von PSR kommen zumindest noch 220.000 Tote in Afghanistan und 80.000 in Pakistan, die in direkter oder indirekter Weise aufgrund dieses durch die Vereinigten Staaten geführten Feldzuges getötet wurden. Mit anderen Worten, gibt diese NGO eine „Niedrig-Schätzung“ in Höhe von 1,3 Millionen Toten im Irak, Afghanistan und Pakistan. Jedoch könnten die tatsächlichen Zahlen leicht „die 2 Millionen überschreiten“. Aber auch die Studie von PSR leidet an bestimmten Mängeln. Einerseits war der „Krieg gegen den Terror“ nach dem 11. September 2001 nicht neu, sondern nur eine Erweiterung der auch zuvor schon im Irak und in Afghanistan umgesetzten interventionistischen Politik. Andererseits bedeutet der grausame Mangel an Daten über Afghanistan, dass die PSR-Studie wahrscheinlich die menschlichen Todesopfer in diesem Land unterschätzt hat. Der Irak Der Irak-Krieg hat nicht im Jahr 2003 begonnen, sondern im Jahr 1991 mit dem ersten Golfkrieg, dem durch die Vereinten Nationen verhängte Sanktionen folgten. Eine frühere Studie von PSR, unter der Leitung von Beth Daponte – damals Demograph des Census Büros der US-Regierung –, zeigte, dass die Zahl der durch den ersten Golfkrieg verursachten irakischen Toten sich auf etwa 200.000 belief, hauptsächlich Zivilisten [2]. In der Zwischenzeit wurde seine Studie durch die Behörden zensiert. Nachdem die von den USA geführte Koalition aus dem Irak abgezogen wurde, ging der Krieg gegen das Land in wirtschaftlicher Form weiter, durch das UN-Sanktionspaket, welches von den USA und Großbritannien auferlegt wurde. Um die Sanktionen zu rechtfertigen, wurde zum Vorwand genommen, dass man Präsident Saddam Hussein daran hindern wollte, Zugriff auf Elemente von potentiellen Massenvernichtungswaffen zu bekommen. Unter diesem Embargo wurde die Einfuhr einer großen Anzahl von grundlegenden Waren für die Zivilbevölkerung verboten. Nie von der UNO in Frage gestellte Zahlen zeigen, dass etwa 1,7 Millionen irakische Zivilisten, wegen dieser brutalen durch den Westen verhängten Sanktionen gestorben sind, von denen fast die Hälfte Kinder waren [3]. Es scheint, dass diese Fülle von Toten beabsichtigt war. Unter den durch die Sanktionen der Vereinten Nationen verbotenen Waren erkennt man Chemikalien und Geräte, die wesentlich für das Funktionieren des nationalen Systems der Behandlung des Wassers im Irak waren. Ein Geheimpapier des militärischen Geheimdienstes des Pentagon (DIA, für Defence Intelligence Agency) wurde von Professor Thomas Nagy entdeckt, der an der George Washington University Business School lehrt. Ihm zufolge stellt dieses Dokument „einen ersten Plan des Genozids gegen das irakische Volk“ dar. In seinem wissenschaftlichen Artikel im Rahmen der Vereinigung der Forscher für Völkermorde von der University of Manitoba (Kanada) erklärte Professor Nagy, dass dieses Dokument der DIA bis zum kleinsten Detail eine operative Methode beschreibt, um „das Abwasserbehandlungssystem einer ganzen Nation“ für ein Jahrzehnt zu ruinieren. Damit entstünden durch die Sanktionspolitik „die Voraussetzungen für eine weite Verbreitung von Krankheiten, einschließlich Ausbrüche von großen Seuchen (...) die einen Großteil der irakischen Bevölkerung liquidieren würden. „ [4] Aus diesem Grund, wenn man sich ausschließlich auf den Fall des Irak beschränkt, hat der Krieg der USA gegen dieses Land zwischen 1991 und 2003 etwa 1,9 Millionen Iraker getötet. Ab 2003 können wir dann ca. eine weitere Million Todesfälle identifizieren. Insgesamt wird diese militärische Kampagne daher das Leben von etwa 3 Millionen Menschen gekostet haben. Afghanistan In Afghanistan könnten die Schätzungen von PSR die Gesamtzahl der Opfer auch stark unterschätzt haben. Sechs Monate nach der Bombardierung von 2001 enthüllte der Journalist vom Guardian, Jonathan Steele, dass zwischen 1.300 und 8.000 Afghanen direkt getötet worden waren [5]. Er fügte hinzu, dass es eine erhöhte Sterblichkeit von ungefähr 50.000 Menschen im gleichen Zeitraum wegen der Folgen dieses Krieges gab. In seinem Buch „Body Count: Global Avoidable Mortality Since 1950“, hat Professor Gideon Polya die gleiche Methode des Guardian angewendet, um die jährliche Mortalität der Bevölkerung der UNO zu analysieren [6]. So war er in der Lage, die plausiblen Zahlen der erhöhten Sterblichkeit in Afghanistan zu berechnen. Polya, ein im Ruhestand befindlicher Biochemiker der Universität von La Trobe (Melbourne), kam zu dem Schluss, dass die Summe der vermeidbaren Todesfälle in diesem Land – in permanentem Kriegs-Zustand seit 2001 und unter den Entbehrungen der Besatzer leidend, – 3 Millionen Menschen (darunter 900.000 Kinder unter 5 Jahren) ausmachte. Obwohl Professor Polyas Entdeckungen nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht wurden, wurde die in seinem Buch von 2007, „Body Count“, präsentierte Studie von Jacqueline Carrigan, Professorin für Soziologie an der University of California empfohlen [7]. Sie stellte diese Arbeit in einer Rezension, die in einer Zeitschrift für akademische Editionen „Routledge, Sozialism und Democracy“ herausgegeben wurde, als „eine Fülle von Daten über die Situation der Gesamtmortalität“ dar. Wie im Falle des Irak begann die Intervention der Vereinigten Staaten in Afghanistan schon vor dem 11. September, in der Form von illegaler Unterstützung der Taliban durch die USA auf militärischem, logistischem und finanziellem Gebiet seit 1992. Diese geheime Unterstützung erleichterte die gewaltsame Eroberung von mehr als 90 % des afghanischen Territoriums durch die Taliban [8]. Im Jahr 2001 veröffentlichte die National Academy of Sciences einen Bericht mit dem Titel „Forced Migration and Mortality“ [9]. In dieser Studie hat Steven Hansch – ein führender Epidemiologe und Direktor der Relief International – darauf hingewiesen, dass die erhöhte Mortalität aufgrund der Folgen des Krieges in den 1990er Jahren zwischen 200.000 und zwei Millionen Todesopfer in Afghanistan gefordert hätte. Natürlich habe die Sowjetunion ihren Anteil an der Verantwortung für die Zerstörung der zivilen Infrastruktur dieses Landes, weil sie damit den Grundstein für diese menschliche Katastrophe gelegt hat. Wenn man alles zusammenzählt, deuten diese Zahlen darauf hin, dass in Afghanistan die Bilanzsumme der direkten und indirekten Folgen der amerikanischen (und westlichen) Operationen vom Beginn der 90er Jahre bis heute drei bis fünf Millionen Todesopfer betragen könnte. Die Weigerung zu zählen Nach den Zahlen, die wir gerade erwähnt haben, könnte die Gesamtzahl der Todesfälle, verursacht durch die westlichen Interventionen im Irak und in Afghanistan seit den 1990er Jahren – der direkten Todesfälle und der Auswirkungen der Entbehrungen des Krieges auf längere Zeit –, etwa vier Millionen im Irak sein. Zwei Millionen zwischen 1991 und 2003 und zwei Millionen wegen des „Krieges gegen den Terrorismus“. Diese Bilanz könnte sogar sechs bis acht Millionen Todesfälle erreichen, unter Berücksichtigung der hohen Schätzungen der erhöhten Todesfallrate in Afghanistan. Es ist möglich, dass diese Zahlen doch zu hoch sind, aber wir können darüber nie sicher sein. Tatsächlich weigern sich die US- und die britischen Streitkräfte, die zivilen Verluste zu zählen, die durch ihre Tätigkeit verursacht wurden – weil diese Todesfälle als Unannehmlichkeiten ohne Interesse angesehen werden. Aufgrund des schweren Mangels an Daten im Irak, des fast völligen Fehlens von Archiven in Afghanistan und der Gleichgültigkeit der westlichen Regierungen über den Tod von Zivilisten ist es buchstäblich unmöglich, das wahre Ausmaß der Todesfälle durch diese Interventionen zu bestimmen. Diese Zahlen geben nicht die geringste Möglichkeit für eine Absicherung der plausiblen Schätzungen auf Grundlage der Anwendung der statistischen Methode, die auf den besten verfügbaren Erkenntnissen basiert, da sie besonders selten sind. Sie geben uns aber eine Vorstellung von dem Ausmaß der Zerstörung, in Abwesenheit genauer Details. Die meisten dieser Toten wurden mit dem Kampf gegen Tyrannei und Terrorismus gerechtfertigt. Dank der stillen Komplizenschaft der Mainstream-Medien hat die Mehrheit der Bürger keine Ahnung vom wahren Ausmaß des Terrors, der von der amerikanischen und britischen Tyrannei im Irak und in Afghanistan ausgeübt wurde. Übersetzung Horst Frohlich Dieser Text wurde zuerst auf Voltairenet.org unter der URL <http://www.voltairenet.org/article187308.html> veröffentlicht.  

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