Buchrezension:
23 Nov 2017
Alternativer Geschichtsunterricht, der fesselt
Es gibt Bücher, ja auch Sachbücher und historische Bücher, die schlägt man auf – und nach wenigen Zeilen des Lesens möchte man sie gar nicht mehr aus der Hand legen. Zu diesen Werken gehört sicherlich Rolf Verlegers „Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus.“
Profilbild von Heiko Flottau
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Bild von Balfour und seiner Deklaration

Bemerkenswert an dem Titel ist zunächst einmal das große Fragezeichen. Denn nach dem gut 250 Seiten umfassenden alternativen Geschichtsunterricht wird dem Leser klar, warum hinter dem Wort Heimatland im Titel ein Fragezeichen steht: Israel, jedenfalls nicht dieses Israel, ist keineswegs die politische Heimat des Autors. Vom gängigen Narrativ der deutschen Staatsraison, die Israels Sicherheit zu garantieren habe, und vom Recht Israels, sich gegen sein feindliches Umland verteidigen zu dürfen, bleibt am Ende nicht viel übrig. Rolf Verleger zerzaust diese Lesart wie der Wind einen Baum im Herbst, der nach dem Sturm einem kahlen Gerüst in einer öden Landschaft ähnelt.

 

Aber aufgepasst: der Autor ist weder ein Holocaustleugner noch ist er ein Selbsthasser, wie Kritiker von Israels Mainstreampolitikern gerne genannt werden. Über seine Familie schreibt der Autor: „Mein Vater war 1942 in Auschwitz, seine Frau und seine drei Kinder wurden dort umgebracht. Er hat überlebt. Meine Mutter wurde 1942 mit ihren Eltern von Berlin nach Estland deportiert. Sie allein hat überlebt. … 1948 heirateten meine Eltern. Mein Vater wollte wieder Kinder haben, jüdische Kinder.“ Bewusst, schreibt Rolf Verleger weiter, hätten sich seine Eltern für Deutschland entschieden, wo sein Vater „eigentlich gern“ gewohnt habe. Der Autor selbst wurde Psychologe, war bis 2017 Professor an der Universität Lübeck und von 2006 bis 2009 Mitglied im „Zentralrat der Juden in Deutschland“. Davon später.

 

Gleich zu Beginn seines Buches lässt der Autor keinen Zweifel daran, wie er den israelisch-palästinensischen Konflikt sieht. Sozusagen als Antidote zum westlichen, insbesondere deutschen pro-israelischen politischen Glaubensbekenntnis zitiert er den jüdischen Schriftsteller Issac Deutscher (1907 – 1967), der die Verantwortung für den Holocaust bei der westlichen Zivilisation und deren „degeneriertem Nachfolger“, dem Nationalsozialismus, sieht. „Doch es waren die Araber“, schreibt Deutscher im Jahre 1967, „die schließlich den Preis für das Verbrechen zahlen mussten, die der Westen an den Juden begangen hat. Man lässt sie auch heute noch zahlen, denn das Schuldbewusstsein des Westens ist natürlich pro-israelisch und anti-arabisch.“ Dieses fünfzig Jahre alte Diktum gilt auch noch heute, da gut 2,6 Millionen Palästinenser im Westjordanland und etwa zwei Millionen im Gazastreifen von israelischen Grenzzäunen, Mauern und Kontrollposten eingepfercht leben müssen.

 

Rolf Verleger bricht noch ein zweites Tabu, indem er dem viel propagierten „christlich-jüdischen“ Kulturraum eine islamisch-jüdische Kultur entgegenstellt – nämlich jene, die der jüdische, im muslimischen Spanien und später in Ägypten beheimatete jüdische Philosoph Moshe Ben Maimon, bekannt als Maimonides ( etwa 1135-1204) mit geprägt hat. Wer etwa weiß schon, dass das jüdische Glaubensbekenntnis „Groß ist der lebendige Gott“ haarscharf dem muslimischen entspricht, welches lautet „Allahu akbar“ – Gott ist groß bzw. Gott ist der Größte.

 

Die deutsche politische Wirklichkeit ist indessen von Isaac Deutscher und Maimonides weit entfernt. Kleinkrämerischer politischer Opportunismus beherrscht die Szenerie, historische Analysen, wie sie Rolf Verleger bietet, sind nicht erwünscht. Als etwa Rolf Verleger in Berlin eine Laudatio auf den Dirigenten Daniel Barenboim halten sollte und neben anderen prominenten Gästen der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit eingeladen und, zunächst, zugesagt hatte, warf die jüdische Lobby ihren Public Relations Apparat an und machte Wowereit klar, so vermutet der Autor, was eine Teilnahme an der Preisverleihung für Wowereit und andere mögliche Ersatzleute für ihre „weitere politische Karriere bedeuten würde“. Wowereit sagte „aus Termingründen“ ab. Dass diese politischen Erpressungsversuche immer wieder stattfinden und, leider, Erfolg haben, beweist der Autor an einer Liste ähnlicher Vorfälle. Der Fall Barenboim ist exemplarisch, denn der weltberühmte Maestro setzt sich mit dem von ihm gegründeten West-Östlichen Diwanorchester, in dem Israelis und Palästinenser zusammen musizieren, für ein friedliches Zusammenleben der beiden Völker ein.

 

Liest man Rolf Verlegers Ausführungen über den „Zentralrat der Juden in Deutschland“, dessen Mitglied er von 2006 bis 2009 war, so kommt man um die Feststellung nicht herum, dass diese Vereinigung nicht recht an einem Ausgleich mit den Palästinensern interessiert ist. Der Rat wurde 1950 gegründet, als noch kaum vorstellbar war, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland geben würde. Daher, vermutlich, der Name „Zentralrat der Juden in Deutschland, eine Formulierung, die, im Gegensatz zur Grundhaltung des Autors, wenig Identifikation mit dem neuen, demokratischen Deutschland erkennen lässt. Inzwischen gibt es glücklicherweise wieder jüdisches Leben in Deutschland, allein in Berlin leben 20 000 Juden mit israelischem Pass. Rolf Verleger ist deshalb der Meinung, dass der Name eigentlich nicht mehr die reale Situation im Lande wiedergebe und plädiert für eine Änderung in „Zentralrat der deutschen jüdischen Gemeinden.“

 

Zum Konflikt zwischen Rolf Verleger und dem Zentralrat kam es, nachdem, wie der Autor schreibt, das Gründungsmitglied Heinz Galinski 1988 wieder Vorsitzender des Zentralrats geworden sei und damit glücklicherweise eine Epoche begonnen habe, in welcher der Zentralrat „eine Rolle als Kontrollinstanz für die Einhaltung der Menschenrechte“ übernommen habe (welche er bis zu Galinskis Tod 1992 innehatte). Diese Rolle habe der Zentralrat später aber leider aufgegeben, weil er sich „vorbehaltlos mit der Politik des Staates Israel“ identifiziere und so seine Rolle als moralische Instanz“ aufgegeben habe. Denn Israels Politik verletze „in vielfältiger Weise die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung“.

 

Nach diesen eher aktuell-politischen Ausführungen folgen im Buch überaus lesenswerte Kapitel über „Nationalismus und Nächstenliebe in jüdischer Tradition“ und über „Das Judentum aus dem Osten und das Empire aus dem Westen“ – Ausführungen, die in die berühmt-berüchtigte Balfour-Erklärung von 1917 münden, an deren hundertsten Jahrestag am kommenden 2.November Israelis und Palästinenser in ganz unterschiedlicher Form erinnern werden.

 

Die historischen Ausführungen des Autors sind von aktueller Bedeutung – etwa dann, wenn er daran erinnert, dass in der Epoche der im Alten Testament beschriebenen Herrschaft der Könige stets Propheten aufgetreten seien, welche gegen eine „blinde Verabsolutierung weltlicher Macht und für Mildtätigkeit und Nächstenliebe zu allen Menschen predigten“. Wer würde angesichts dieser historischen Vorlage nicht sofort an die Unterdrückung der Palästinenser durch den von Premier Benjamin Netanjahu so charakterisierten „jüdischen Staat Israel“ denken?

 

Auch eine andere historische Richtigstellung hat einen aktuellen Bezug. Der Begriff von den Juden als „auserwähltem Volk“ bedeute nicht, schreibt Rolf Verleger, dass Juden, historisch gesehen, wertvoller seien als „die Äthiopier im Süden, die Philister im Westen, die Syrer im Norden“. Auserwählt heiße dagegen vor allem, „sich an das Gesetz Gottes halten zu müssen und die eigenen schlechten Eigenschaften besiegen zu können“. Diese Forderung hat, im Übrigen, im später entstandenen muslimischen Konzept des Dschihad ihre Entsprechung, welches in seiner ursprünglichen Bedeutung ebenfalls den Kampf jedes Einzelnen gegen seine eigenen schlechten Charakterzüge beinhaltet.

 

Sprung in die Gründerzeit Israels, in die Epoche jüdischer Emigration aus dem Zarenreich (dessen jüdischer Bevölkerung der Autor ein überaus lehrreiches Kapitel widmet), Sprung in die historische Zäsur des Zionismus, welche die Region bis heute in Unruhe versetzt. Der frühe Zionist Leo Pinsker (1821-1891), vor allem aber der Wiener jüdische Journalist Theodor Herzl (mit seiner Schrift „Der Judenstaat“ von 1896) versuchten, dem allgemeinen europäischen Antisemitismus mit dem jüdischen Nationalkonzept des Zionismus – der Einwanderung möglichst vieler Juden nach Palästina – zu begegnen. Beide verdrängten indessen zumindest in der Öffentlichkeit die Tatsache, daß Palästina kein menschenleeres Land war, sondern seit Jahrhunderten von Arabern, Palästinensern, bewohnt wurde. Herzls Konzept war, wie Rolf Verleger zurecht betont, ein durchaus imperialistisches. Er wolle die Finanzen der Türkei regeln, schrieb Herzl, er wolle ein Stück des Walles gegen asiatische Barbarei bauen, der zukünftige jüdische Staat werde ein Vorposten westlicher Kultur im Orient sein . Zu Recht entzaubert Rolf Verleger Theodor Herzl, die Ikone des politischen Zionismus. Vergessen habe dieser, „was das Land seit tausendzweihundert Jahren geprägt“ habe – nämlich „die islamische und christliche Bevölkerung und die beiden dem Islam heiligen Moscheen in Jerusalem“. Im Übrigen war sich Herzl insgeheim durchaus bewusst, dass Palästina nicht menschenleer war; in seinen Tagebüchern empfiehlt er nämlich nichts anderes als eine ethnische Säuberung des Landes, denn die einheimische Bevölkerung will er außer Landes verbringen, indem er ihr in den „Durchgangsländern“ Arbeit verschaffe. Nur: diese Durchgangsländer gab es nicht, es gab nur das zusammenhängende Osmanische Reich, das keineswegs bereit war, ein Stück seines Territoriums abzugeben.

 

Geflissentlich übersehen hatte Herzl die frühen Proteste gegen ein solches Konzept – vorgetragen etwa von Asher Ginsberg (1856-1927), der unter seinem angenommenen jüdischen Namen Achad haAm nach einem Besuch der frühen jüdischen Siedlungen 1891 gefordert hatte, die Einwanderer müssten den Einheimischen mit Respekt begegnen. Doch das Gegenteil war der Fall. Rolf Verleger zitiert Ahad haAm wie folgt: „Was tun unsere Brüder in Palästina? Knechte waren sie in den Ländern der Diaspora“ , in Palästina aber behandelten sie „die Araber mit Feindschaft und Grausamkeit, berauben sie ihrer Rechte, beleidigen sie grundlos und prahlen obendrein mit ihren Taten …“

 

Doch es war nicht ausschließlich der europäische Antisemitismus, der Menschen wie Theodor Herzl über die Gründung eines „Judenstaates“ in Palästina nachdenken ließ. Hinzu kamen die imperialen Interessen Großbritanniens. Antisemitismus wie Imperialismus bündelte der britische Außenminister Lord Balfour vor einhundert Jahren, am 2.November 2017, in einem Brief an den jüdischen Bankier Lord Rothschild. Die Regierung Seiner Majestät betrachte die „Einrichtung eines nationalen Heims in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen“. Dabei sollten, selbstverständlich, die Rechte der einheimischen Bevölkerung nicht verletzt werden.

 

Der verborgene Antisemitismus in dieser Erklärung: seit 1905 waren, wie der Autor berichtet, über 100 000 jüdische Flüchtlinge aus dem Zarenreich nach England gekommen, durch diese Zuwanderung und durch die natürliche Geburtenrate sei die jüdische Einwohnerzahl bis 1919 auf 250 000 gestiegen. Gegen diese Immigration habe sich bereits 1902 die britische „Brothers League“ gebildet, welche den Slogan „England for the English“ verkündet habe.

 

Der Imperialismus in der Balfour-Erklärung: Großbritannien hatte sich 1882 in Ägypten festgesetzt, hatte die Aktienmehrheit des Suezkanals von Frankreich erworben, hatte die arabischen Golfemirate von Kuwait bis Oman unter seiner Kontrolle und wollte dieses koloniale Besitztum entlang des Persischen Golfes nun durch einen weiteren Posten in Palästina sichern – vor allem auch, um den Zugang zu seinem indischen Kolonialreich zu schützen. Zudem hatten Großbritannien und Frankreich 1916 in dem von Mark Sykes und Francois Georges-Picot ausgehandelten Geheimabkommen in Hinblick auf die bevorstehende Niederlage des Osmanischen Reiches das gesamte territoriale Erbe des Vielvölkerstaates unter sich aufgeteilt. In diesem Erbe war Palästina jener Landstrich, in den Großbritannien die aus dem Zarenreich eingewanderten Juden verbringen wollte.

 

Indessen, im Kabinett von Premier David Lloyd George , in welchem 1917 Lord Balfour Außenminister war, gab es auch Edwin Samuel Montagu, zur Zeit der Balfour-Erklärung Staatssekretär für Indien. Der jüdische Politiker hatte ein feines Gespür dafür, was Antisemitismus bedeutete. In einem Memorandum, welches Autor Rolf Verleger ausführlich zitiert, wandte sich Montagu gegen die Balfour-Erklärung. „Ich möchte zu Protokoll geben“, heißt es da, „dass die Politik der Regierung Seiner Majestät antisemitisch ist…“ Zur Begründung schrieb Montagu: „Wenn man den Juden sagt, ihre Heimat sei Palästina, dann wird sofort jedes Land danach trachten, seine jüdischen Bürger loszuwerden“ Er, Montagu, lehne einen Beschluss ab, der aus allen jüdischen Mitbürgern „Fremde und Ausländer per Implikation“ mache.

 

Schließlich, zur Gegenwart, die deutsche Staatsraison, welche die Sicherheit Israels, von Angela Merkel immer wieder beschworen, zu garantieren habe. Rolf Verleger sieht das, gelinde gesagt, etwas anders. „Da Israel“, schreibt der Autor zum Schluss, „gezielt und geplant durch Vertreibung und Landraub an der arabischen Bevölkerung entstanden ist (Kapitel 14), sind nun auch Vertreibung und Landraub deutsche Staatsraison. Das ist grotesk.“ Und der Holocaust ? Verleger argumentiert, dass eine arabische Familie, die etwa in Haifa seit Hunderten Jahren gewohnt habe und 1948 von den Zionisten vertrieben worden sei, nicht für den Judenmord der Nationalsozialisten zur Rechenschaft zu ziehen sei.

 

Anmerkung des Rezensenten: Vielleicht trifft die jüdische Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) mit ihrem Diktum aus den ersten Nachkriegsjahren am besten die Situation. Arendt, eigentlich dem Zionismus nicht abgeneigt, argumentierte, dass ein rein jüdischer Staat mit den Interessen der Palästinenser nicht zu vereinbaren sei. Vielmehr müsse man an eine Föderation von Juden und Arabern denken. Igle sich aber ein neuer Judenstaat im Nahen Osten ein und mache sich durch eine solche Haltung die Araber endgültig zu Feinden, so werde Israel stets in einer „Wagenburgmentalität“ leben.

 

Prophetische Worte, bis auf den heutigen Tag.

 

Quellen:

Rolf Verleger: „Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus.“ 255 S., Westend Verlag Frankfurt a.M. Oktober 2017: <https://www.westendverlag.de/buch/hundert-jahre-heimatland/>

Dieser Text wurde zuerst am 6.10.2017 auf www.nachdenkseiten.de unter der 
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Heiko Flottau

war Auslandskorrespondent der Süddeutschen Zeitung für Südosteuropa mit Sitz in Belgrad, für Osteuropa mit Sitz in Warschau. 15 Jahre berichtete er aus Kairo über die nahöstlichen Krisenge­biete. Flottau hat mehrere Sachbücher veröffentlicht.


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