Kommentar:
23 Feb 2018
Atomangriff auf Pearl Harbour?
Das System der nuklearen Abschreckung ist das Konstrukt von Hasardeuren, die für ihre Machtabsicherung und Machtprojektion bereit sind, Völker zu vernichten
Profilbild von Dirk Pohlmann
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Foto: geralt, (pixabay / CC0)

Für 38 Minuten lebten einige Bewohner von Hawaii am 13. Januar in Panik: sie glaubten, in wenigen Minuten im nuklearen Holocaust sterben zu müssen. Auf ihren Mobiltelefonen war aus dem Nichts eine Nachricht der Katastrophenschutzbehörde erschienen, die sie über anfliegende Raketen informierte, zusammen mit der Bekräftigung, dass es sich nicht um eine Übung handelte. Familien verkrochen sich zusammengedrängt in Badewannen, zogen Matratzen über ihre Köpfe, suchten verzweifelt provisorischen Schutz gegen die immense Zerstörungskraft eines Nuklearangriffs.

 

Es war ein Fehlalarm, angeblich hat jemand durch den Druck auf einen falschen Knopf die Fake News vom Raketenangriff verbreitet. Einen Tag später ist dies eine skurrile Medienmeldung, ein weiterer Punkt auf der immer länger werdenden Liste der atomaren Fehlalarme.

 

Es ist, wieder einmal, alles gut gegangen. Kein Grund zur Besorgnis also?

 

Im Gegenteil: Kein Anlass, dem System der nuklearen Abschreckung zu vertrauen. Es ist das Konstrukt von Hasardeuren, die für ihre Machtabsicherung und Machtprojektion bereit sind, Völker zu vernichten. Atomwaffen sind die Machtgrundlage der wichtigsten Staaten der Welt, dementsprechend verlogen und unwahrhaftig ist der Diskurs darüber.

 

Die Imperien wollen sich das Fundament ihrer Macht nicht durch wahrheitsgemäßes Denken beschädigen lassen. Aber genau das wäre die Aufgabe von Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen.

 

Zuerst einmal: Atomwaffen sind keine Waffen, sondern Massenvernichtungsmittel. Atomkrieg bedeutet nicht den zielgerichteten Einsatz von Waffen gegen militärische Ziele, sondern die Vernichtung von Städten, mitsamt allen Menschen darin, Männern, Frauen und Kindern. Das Ziel der Drohung des Einsatzes von Giftgas, Biowaffen oder Nuklearwaffen ist, durch Androhung eines totalen Massenmordes andere Mächte von militärischen Einsätzen abzuhalten.

 

Nüchtern betrachtet handelt es sich um eine Form des Terrorismus, also der Androhung größtmöglicher Brutalität, um politische Ziele zu erreichen. Die Tatsache, dass es nicht irgendwelche durchgeknallten, sich von Gott erwählt wähnenden Krieger sind, die mit dem Einsatz drohen, sondern Regierungen, eventuell auch noch durch Wahlen „demokratisch legitimiert“, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Denn Regierungen haben nicht nur das Motiv, sie haben auch die Mittel, um schreckliche Verbrechen zu begehen.

 

Es handelt sich bei diesen Plänen, nüchtern betrachtet, um Staatsterrorismus. Aber befinden wir uns nicht im „Krieg gegen den Terror“? Müssten wir dementsprechend nicht alle Außenminister von Staaten mit Nuklearwaffen direkt nach der Landung auf unseren Flughäfen sofort von SEK-Einheiten festnehmen lassen und in Hochsicherheitsgefängnisse sperren? Wenn Politik mehr mit Recht als mit Macht zu tun hätte, schon. Aber davon sind wir weiter entfernt, als vor der totalen Vernichtung der Menschheit.

 

Wir haben uns an die angedrohten Verbrechen gewöhnt. Unsere Gehirne wurden jahrzehntelang so gründlich gewaschen, dass Nuklearwaffen als Friedensgaranten gelten. Aber das ganze Konstrukt hat noch massivere Fehler als seine terroristisch-„moralische“ Grundlage.

 

Der Einsatz (besser Nicht-Einsatz) von Atomwaffen wäre nur dann potentiell beherrschbar, wenn ihr Einsatz nicht durch Fehlsteuerungen ausgelöst werden könnte. Die Geschichte des kalten Krieges lehrt uns jedoch, dass wir mehrfach kurz vor der Vernichtung standen, wegen Fehlalarmen, deren Adressat das Militär, nicht die Zivilisten von Hawaii waren.

 

Es geht nicht darum, dass das System fehlerarm sein muss. Es darf überhaupt keinen Fehler, also den Einsatzbefehl, produzieren. Ein System, das im Versagensfall die größte Katastrophe aller Zeiten, eventuell sogar die Vernichtung der menschlichen Zivilisation, nach sich ziehen würde, so lange aufrecht zu erhalten, bis es eben schiefgeht, wie alles, was Menschen gebaut oder bedient oder gemanagt haben – das ist heller Wahnsinn. Tschernobyl und Fukushima sind ein Beleg für die Verantwortungslosigkeit und Idiotie dieser Strategie.

 

Im Klartext: Wenn wir lange genug warten, werden wir nuklear verglühen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

 

Ein weiterer Fehler in dem atomaren Wahnsinnskonstrukt ist die Vorstellung, dass es gute und schlechte Atommächte gibt.

 

Die bestehende Regel ist ganz einfach. Ein Land, das anstrebt, Atommacht zu werden, wird von den bereits bestehenden Atommächten meist als verantwortungslos und gefährlich dargestellt und bekämpft. In jedem Fall aber tun die Atommächte, was sie können, um andere Staaten an der Entwicklung von Atomwaffen zu hindern.

 

So haben die USA ihre Partner im Manhattan Project, Kanada und Großbritannien ausgebootet, als Amerika in der Lage war ohne Hilfe der englischen Physiker die ersten Atombomben zu bauen. Die USA verboten sogar per Gesetz (McMahon Act) die Weitergabe von Kenntnissen, die Großbritannien zur Atombombe hätten verhelfen können. Natürlich wollten die USA die einzige Atommacht bleiben, um die Sowjetunion dominieren zu können. Als die 1949 nachzog, war das Monopol gebrochen. Dann folgte 1952 Großbritannien. Dann Frankreich, dann China, dann Israel, dann Südafrika (das es nicht mehr ist), dann Indien, dann Pakistan, und jetzt Nordkorea.

 

Eine ganze Reihe von Staaten wollte oder will Atommacht werden. Nicht nur Deutschland unter Adenauer, auch Schweden, Ägypten, Brasilien, die Schweiz, Saudi Arabien, Taiwan arbeiteten oder arbeiten an Atomwaffen. Und Japan hat nach Ansicht einiger Experten Atombomben in Einzelteilen im Keller gelagert, die nur noch zusammengebaut werden müssen. Möglicherweise. Man weiß es nicht genau, denn: Wir erfahren darüber herzlich wenig. Die Faustregel lautet: Wenn es um Atomwaffen geht, lügen alle Beteiligten über alle Tatsachen zu jedem Zeitpunkt. Und die Medien lügen mit.

 

Wie jetzt zum Beispiel im Falle Nordkorea. Der wahnsinnige Raketenmann Kim Jong Un, wie ihn Trump nennt, will unbedingt Raketen mit Nuklearsprengköpfen.

 

Das ist gefährlich und unverantwortlich, meint der ebenfalls unberechenbare Präsident jener Nation, die bisher als erste und einzige Atombomben gegen Zivilisten EINGESETZT hat. Wäre es die Sowjetunion gewesen, die als erste Zivilisten pulverisiert und verstrahlt hätte, würde das wohl als Beleg für ihre Ruchlosigkeit und unvorstellbare Brutalität gelten. Was dieses Kriegsverbrechen auch war und ist, nämlich ein Beleg für Ruchlosigkeit und unvorstellbare Brutalität.

 

Die nordkoreanische Regierung handelt im Rahmen dieser Logik keinesfalls irrational, wenn sie den Besitz von Interkontinentalraketen anstrebt. Nordkorea ist heute, ähnlich wie es Israel und Südafrika einmal waren, ein Paria der internationalen Gemeinschaft. Und es will aus den gleichen Gründen wie Israel oder Südafrika Atomwaffen. In beiden Fällen haben die USA nichts unternommen. (Mit Ausnahme von US Präsident Kennedy im Falle Israel, so lange er im Amt war und lebte.)

 

Atomraketen sind die beste Lebensversicherung für solche Regierungen, diese Einsicht haben die USA durch die Liquidierung von Ghaddafi mittels Bajonett in den Anus und Saddam Hussein durch einen Strick um den Hals noch einmal verstärkt. Beide hatten auf den Erwerb von Massenvernichtungswaffen verzichtet und diese Kompromissbereitschaft mit ihrem Leben und der Zerstörung ihrer Länder zu „Failed States“ bezahlt.

 

Nordkorea handelt sehr rational: Es hat nach Angaben des südkoreanischen Parlamentsabgeordneten Rhee Cheol-hee einen Computer des südkoreanischen Militärs gehackt und dort die gemeinsamen Angriffspläne der USA und Südkoreas gegen Nordkorea entdeckt, inklusive Ermordung von Kim Jong Un beim geplanten Enthauptungsschlag. Das macht die Neigung der nordkoreanischen Regierung sich mit allen Mitteln zu wehren verständlicher, als unsere Qualitätsmedien uns das glauben machen wollen.

 

Die Nachricht von den US/südkoreanischen Angriffsplänen, die zum Beispiel in der BBC, aber auch in Österreich, verbreitet wurde, hat es nicht bis nach Deutschland geschafft. Wie ist das möglich? Wieso agieren alle Qualitätsmedien wie gleichgeschaltet, obwohl sie doch jede Vermutung dazu als Querfront-Verschwörungstheorie denunzieren?

 

Was ist eigentlich los mit den Erziehungsberechtigten in unseren Qualitätsmedien, dass sie meinen, solche Meldungen der unreifen Bevölkerung vorenthalten zu müssen? Was ist mit ihnen los, dass sie meinen, die Berechtigung zu haben, solche Entscheidungen zu treffen?

 

Der Fall Nordkorea und der Fehlalarm in Hawaii sind zwei Seiten einer Medaille, über die wir herzlich wenig erfahren, weil die Chefredaktionen unserer Qualitätsmedien ihre Arbeit nicht machen. Sie lungern lieber unter der Atlantikbrücke herum und geben kritiklos weiter, was ihnen dort als berichtenswert dargeboten wird. Es ist höchste Zeit, diesen Zustand zu beenden. Das ist nicht nur wichtig, es könnte überlebenswichtig werden.

 

Dieser Text wurde zuerst am 16.012018 auf www.kenfm.de unter der URL <https://kenfm.de/tagesdosis-16-1-2018-atomangriff-auf-pearl-harbour/> veröffentlicht. Lizenz: KenFM

Profilbild von Dirk Pohlmann

Dirk Pohlmann

(geb. 1959) ist ein deutscher Drehbuchautor, Filmregisseur und freier Journalist. eit 2004 beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Geheimdienstoperationen im Kalten Krieg. Seit Herbst 2015 ist Pohlmann für das freie Journalistenportal KenFM als Reporter tätig.


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