26 Okt 2018
Auf dem Weg in die Kleptokratie
Als Kleptokratie bezeichnet man eine Staatsform in der die Plünderer, die Diebe über die Gesellschaft herrschen. Es ist die Steigerungsform der Plutokratie, der Herrschaft der Reichen. Die Übergänge sind fließend und laut dem Börsenmakler und Buchautoren Dirk Müller („Mr. Dax“) sind wir inzwischen schon ein gutes Stück auf dem Weg vorangekommen.
Profilbild von Paul Schreyer
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Occupy-Demonstration am 15. Oktober 2011 in Düsseldorf (Foto: Barbara Bumm, wikimedia, CC BY-SA 3.0)

Dirk Müller, bekannt sowohl für seinen ökonomischen Sachverstand wie für seinen politischen Klartext, hat diese Woche [Ende August] ein neues Buch vorgelegt, in dem er diese These nicht nur anschaulich belegt, sondern zudem eine Fülle brisanter Informationen zusammenträgt. 

 

Ich habe bislang die ersten hundert Seiten seines Buches „Machtbeben“ [1] gelesen und nach dieser Lektüre kann ich das Werk, das dieser Tage auf Platz 7 der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen ist, nur jedem empfehlen. Von besonderem Interesse war für mich Kapitel 2, im Grunde ein 50-seitiges „Buch im Buch“, betitelt mit der Überschrift „Die Macht der Plutokraten“. Hier kommt der Autor zu ganz ähnlichen Analyseergebnissen wie ich in meinem Buch „Die Angst der Eliten“ [2].

 


Dirk Müller (Foto: FNDE, wikimedia, CC BY-SA 4.0)

 

 

Bei einer so deprimierenden Diagnose stellt sich die Frage nach möglichen Auswegen und hier gibt der Autor eine fast schon philosophische Antwort: „Widerstand beginnt mit Achtsamkeit und Respekt, nur gemeinsam sind wir stark“. Müller betont, dass das derzeitige System seine Macht auf einer immer weiter vorangetriebenen Spaltung der Menschen begründe, wogegen jeder im Kleinen, in seinem persönlichen Umfeld eine ganze Menge ausrichten könne. Es ist dies für ihn auch eine der Lehren aus dem weitgehenden Scheitern von organisierten Widerstandsbewegungen wie Occupy.

 

Anonyme Einschüchterungsversuche

In diesem Zusammenhang erinnert er an Wolfram Siener. Der damals 20-jährige hatte im Oktober 2011, auf dem Höhepunkt der Occupy-Bewegung, medial Furore gemacht. In der ZDF-Talksendung von Maybrit Illner stahl er damals den versammelten Politprofis die Show und ging den anwesenden Vertreter des Bankenverbandes frontal an [2a].

 

Danach stürzten sich die großen Medien auf ihn, durchaus mit Sympathie. Im Spiegel hieß es [3], Siener „bewege“ die Menschen, „weil seine Wut aufrichtig erscheint“. Er sei der „Hoffnungsträger der Generation Occupy“:

 

„Man kauft ihm die Rolle des Revolutionsführers gerne ab. Weil seine Wut ehrlich wirkt. Weil er sich so aufrichtig über die kaputte Welt empört, dass es plötzlich nicht mehr naiv wirkt, das zu tun. Weil man ihm abkauft, dass es ihm wirklich um die Sache geht und nicht nur darum, ins Fernsehen zu kommen. Am Samstag rissen sich die TV-Teams trotzdem um ihn: Tagesschau, Sat1, ZDF. Dutzende Male erklärt er ihnen in seinem schnellen, gepressten Duktus seine Vision. ‚Es geht um direkte Demokratie‘, sagt er, ‚darum, dass die Bürger sich das Wirtschaftssystem nach ihren Vorstellungen formen und nicht umgekehrt.‘ Verwirklichen sollen diese Vision nicht Parteien, sondern die Bürger selbst: im Internet.“

 

Viele waren voll des Lobes für den jungen Mann, der eloquent das aussprach, was die meisten fühlten: Das (Geld-)System lenkt die Bürger und nicht umgekehrt. Doch wenig später tauchte Siener ab, verschwand von der Bildfläche, äußerte sich nicht mehr öffentlich. Was war passiert, hatte sich ein junger Mann da vielleicht einfach übernommen?

 

An die beunruhigende, wenig bekannte Wahrheit erinnert nun Dirk Müller in seinem neuen Buch. Eine Mitarbeiterin Müllers hatte 2013, also zwei Jahre später, Siener erneut interviewt und dabei erfahren, dass der 20-jährige auf dem Höhepunkt seiner Popularität massive Todesdrohungen erhalten hatte, am Telefon, und zwar regelmäßig und über Wochen hinweg:

 

Solche Einschüchterungsversuche sind tatsächlich häufiger, als viele glauben mögen. Ein mir bekannter Geisteswissenschaftler, der kaum in der Öffentlichkeit steht, und vor einiger Zeit als Referent an einer wissenschaftlichen Tagung teilnahm, in der es auch um Herrschaftskritik ging, berichtete mir vertraulich, dass er am Tag seines Auftritts einen Anruf erhalten hatte, in dem ihm der Mitschnitts eines gerade von ihm geführten privates Telefongesprächs mit einem Familienmitglied nochmals abgespielt wurde. Die Botschaft war kaum misszuverstehen: Wir beobachten Dich, pass auf, was Du gerade tust. Diese Methode schilderte [4] im vergangenen Jahr auch ein CIA-Whistleblower, dem das gleiche passiert war. So etwas scheint zum Standardrepertoire zu gehören.

 

Gegen solche Einschüchterungsversuche hilft nur Transparenz. Dass Dirk Müller diesen Vorgang nun noch einmal in einem Bestseller hervorhebt, kann daher nur dabei helfen, die wirkenden Kräfte und Methoden vielen Menschen noch bekannter zu machen.

 

Demokratie als Fassade

In seinem Kapitel über die Plutokraten zitiert Müller mehrfach den adligen Vordenker Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi (1894–1972), der bereits in den 1920er Jahren für eine europäische Einigung geworben hatte, mit erheblicher finanzieller Unterstützung durch die Großindustrie. Er gehörte zur obersten Elite der Gesellschaft und war 1950 der erste Träger des Karlspreises, welcher seither vor allem an Staatsführer und Spitzenpolitiker verliehen wird. In seinem 1925 erschienenen Buch „Praktischer Idealismus“ [5] kam Coudenhove-Kalergi dabei zu Schlussfolgerungen (S. 39f), die zeitlos aktuell sind und die Dirk Müller nun zitiert:

 

„Heute ist Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht überlassen, während die faktische Macht in den Händen der Plutokraten ruht. In republikanischen wie in monarchischen Demokratien sind die Staatsmänner Marionetten, die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf der öffentlichen Meinung die Wähler, durch geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister. An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die plutokratische getreten: nicht mehr die Geburt ist maßgebend für die soziale Stellung, sondern das Einkommen. Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristokratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist.“

 


Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi (1894–1972) war ein österreichischer Schriftsteller, Politiker und Gründer der Paneuropa-Bewegung (Foto: unbekannt, gemeinfrei)

 

 

 

„Die Klasse, die heute herrscht“, so Coudenhove-Kalergi, „ist bar allen Verantwortungsgefühles, aller Kultur und Tradition“. Ein Zufall, dass im selben Jahr, in dem diese Worte veröffentlicht wurden, 1925, die SPD ihr radikales Heidelberger Programm [6] beschloss? In diesem Grundsatzprogramm, das über 30 Jahre lang, bis 1959 gelten sollte, hatte der Philosoph Karl Kautsky die entscheidenden Passagen formuliert:

 

„Die Beherrscher der entscheidenden Großbanken und der entscheidenden Monopole schweißen industrielles und Bankenkapital immer mehr zu einer höheren Einheit zusammen, dem sogenannten Finanzkapital. Dank ihm wird das ganze ökonomische und politische Getriebe im Staate der Botmäßigkeit einiger weniger Finanzmagnaten unterworfen. (…) Ihre Herrschaft ist weniger beschränkt als die der noch übrigbleibenden Monarchen in Europa. (…) Diesen Monopolen gegenüber gibt es nur eine Alternative: Entweder die Gesellschaft fügt sich ihnen und lässt sich von ihnen unterjochen, oder sie bemächtigt sich ihrer. Das letztere wird eine dringende Forderung nicht bloß der von ihnen beschäftigten Arbeiter, sondern der ganzen Gesellschaft.“

 


Karl Kautsky 1854–1938 (Foto: wikimedia, gemeinfrei)

 

 

Womit wir wieder bei „Occupy“ wären, und den Versuchen, aus der Dunkelheit heraus solche Initiativen – und überhaupt jede ernsthafte Änderung am System – schon in ihren Ansätzen zu verhindern. Man darf gespannt sein, wie die „Aufstehen“-Bewegung [7], die kommende Woche, am 4. September, offiziell starten soll, noch medial und anderweitig in die Zange genommen werden wird.

 

 

Quellen:

[1] Randomhouse, Dirk Müller „Machtbeben“: <https://www.randomhouse.de/Buch/Machtbeben/Dirk-Mueller/Heyne/e538997.rhd>

[2]  Westend Verlag, Paul Schreyer „Die Angst der Eliten – Wer fürchtet die Demokratie?“: <https://paulschreyer.wordpress.com/bucher/>

[2a] Wolfram Siener bei „Maybritt Illner“ am 13.10.2011 im ZDF: <https://youtu.be/VI4SB9mFOCA>

[3] Spiegel Online, Stefan Schultz „Hoffnungsträger der ,Generation Occupy‘“: <http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bankenkritiker-wolfram-siener-hoffnungstraeger-der-generation-occupy-a-792029.html>

[4] Youtube, CIA Agent Whistleblower Risks All To Expose The Shadow Government: <https://www.youtube.com/watch?v=XHbrOg092GA&feature=youtu.be&t=1m38s>

[5] Paneuropa-Verlag, R.N.Coudenhove-Kalergi „Praktischer Idealismus“: <https://ia600703.us.archive.org/27/items/RichardCoudenhoveKalergiPraktischerIdealismus/Richard%20Coudenhove-Kalergi%20-%20Praktischer%20Idealismus.pdf>

[6] Paul Schreyer „Die ferngesteuerte SPD – und ihre vergessenen Wurzeln“: <https://paulschreyer.wordpress.com/2018/01/22/die-ferngesteuerte-spd-und-ihre-vergessenen-wurzeln/>

[7] Paul Schreyer „Zur neuen Sammlungsbewegung ,Aufstehen’“: <https://paulschreyer.wordpress.com/2018/08/07/zur-neuen-sammlungsbewegung-aufstehen/>

 

 

Dieser Text wurde zuerst am 30.8.2018 auf paulschreyer.wordpress.com unter der URL <https://paulschreyer.wordpress.com/2018/08/30/auf-dem-weg-in-die-kleptokratie/> veröffentlicht. Lizenz: Paul Schreyer 

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel und Kommentare spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Quellen

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Paul Schreyer

Jahrgang 1977, ist Autor und freier Journalist, unter anderem für die Magazine „Telepolis” und „Global Research”. Er veröffentlichte mehrere Sachbücher zu den Anschlägen von 9/11 und publizierte zu diesem Thema auch in englischer Sprache. 2013 referierte Schreyer an der Seite von Dr. Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht, auf einer Juristen-Konferenz an der Universität Bremen zum Stand der Ermittlungen bei 9/11. Sein 2014 gemeinsam mit Mathias Bröckers verfasstes Buch „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren” wurde ein Spiegel-Bestseller.

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