Big Pharma:
21 Dez 2017
Big Pharma Crime: Die Opioid-Epidemie
Im August schon hatte die US-Regierung wegen der Opioid-Epidemie den nationalen Notstand ausgerufen: 95 Millionen Amerikaner bekommen Opioide verschrieben, knapp 3 Millionen sind davon abhängig, 59.000 kamen vorletztes Jahr davon ums Leben
Profilbild von Mathias Bröckers
Share
Lithographie „Voyage pour l’Eternité“ (Reise in die Ewigkeit), Frankreich, 19. Jh. Pharmazeuten entpuppen sich als Drogendealer – vor den Augen eines Kindes. Im Hintergrund lauert der Tod. (Lithographie/Wellcome Images/CC BY 2.0)

Jetzt mußte der von Donald Trump nominierte neue „Drogenzar“ Tom Marino auf das Amt verzichten, nachdem ihm Spenden der Pharma-Industrie sowie eine Rolle bei der Gesetzesänderung 2016 nachgewiesen wurde, die den Zugriff der Drogenfahndung DEA auf verdächtige Großlieferungen erschwerte [2].

 

Wenn eine winzige Privatklinik irgendwo in der Provinz täglich über 100 Rezepte für eine 2-Monats-Ration „Oxycontin“ ausschrieb, reichte für die DEA der Verdacht, um Lieferungen zu beschlagnahmen und Ermittlungen aufzunehmen. Nach dem unter Obama durchgewunkenen Gesetz muss sie nun zuvor Beweise dokumentieren, dass es sich dabei tatsächlich um kriminelle Verschreibungen handelt – und bei den aus dem ganzen Land anreisenden „Patienten“ um Dealer, die den Stoff in ihren Heimatstädten dann weiterverkaufen. Da dies nur mit riesigem Aufwand möglich ist hat das neue Gesetz der ohnehin schon grassierenden Epidemie weiteren Auftrieb gegegeben [3] – und dass Trump nun außer dem Ausrufen des Notstands wirksam dagegen vorgeht, ist nicht erwarten. Warum? Auf jeden Kongressabgeordneten kommen derzeit zwei Lobbyisten der Pharmaindustrie, Big Pharma ist der Industriezweig mit den meisten politischen Spenden, von 100 US-Senatoren stehen 97 auf der Empfängerliste der Drogenhersteller.

 

Opioide wie „Oxycontin“ kamen erst 1996 auf den Markt, der Familienclan des Herstellers, Purdue Pharma – der zuvor Ohrenschmalz-Entferner herstellte – zählt mittlerweile zu den 16 reichsten Familien der USA [4]. Der Trick, mit dem aus während des 1. Weltkriegs in Deutschland erfundenen, morphin-ähnlichen Präparat ein Milliardengeschäft und die neue Todesdroge der USA werden konnte, war simpel: man verschaffte dem sofort wirkenden Stoff durch Beimischungen eine länger wirkende „retard”-Wirkung – und behauptete, dass so das Suchtpotential nahezu verschwinde. Den Rest tat dann eine massive Werbekampagne und „Oxy” wurde ein Hit.

 

Flashback 1896: eine kleine Chemiefabrik in Elberfeld am Rhein – die zuvor vor allem Farben herstellte – brachte ein Opioid auf den Markt, mit dem sie bald zu einem der weltgrößten Pharmaunternehmen wurde. „Heroin“ hieß das Wundermittel der Firma Bayer, mit dem die aus dem deutsch-französischen Krieg als Morphinabhängige heimgekehrten Soldaten wieder zu Heroen gemacht werden sollten. Man hatte das Morphin durch Beimischungen ein wenig verändert – und behauptet, dass so das Suchtpotential nahezu verschwinde. Den Rest tat dann eine massive, weltweite Werbekampagne und „Heroin“ wurde in einigen Ländern zum meistverkauften Arzneimittel, ein Hit!

 

An den Geschäftsmodellen hat sich in den letzten 100 Jahren also nichts geändert, genauso wenig wie an dem Stoff, um den es geht, den seit der Antike als Schmerz- und Schlafmittel bekannten Saft des Mohns: Opium. „Ich hab ein Arkanum und heiß’ es Laudanum“ hatte Paracelsus einst seine Opiumtinktur gelobt, die mit ihm in die europäische Medizin einzog und bis Anfang des 20. Jahrhunderts für wenig Geld rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich war. Zu Epidemien und massenhaftem Sterben durch Überdosierung und Missbrauch kam es in all den Jahrhunderten allerdings nicht, die setzten erst ein, als mit patentierten Stoffen wie „Heroin“ und anderen Opioiden quasi der Turbo gezündet wurde.

 

Vielleicht wäre es – bevor der nationale Notstand weitere zig-tausende Leichen produziert – durchaus angebracht, als Erste Hilfe das gute alte Laudanum wieder preisgünstig in die Drugstores zu bringen. Weil es kein Patent darauf gibt und keine großen Profite zu erwarten sind, stehen die Chancen dafür allerdings gering. Ein paar Leben ließen sich so immerhin retten. Und ein wenig Zeit gewinnen, um die Ursachen dafür anzugehen, warum ein Drittel der Bevölkerung ihr Leben offenbar nur noch mit starken Schmerz- und Schlafmitteln bewältigt und warum Ärzten und Pharma-Industrie keine andere Therapie einfällt, als sie davon abhängig zu machen…

 

Quellen:

[1] www.zeit.de, Jakob Simmank, Der Notstand wird die Schmerzmittelsucht nicht beenden, 11.09.2017, <http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2017-08/opiod-krise-usa-nationaler-notstand-donald-trump-therapie>

[2] www.theguardian.com, Chris McGreal, How big pharma‘s money – and its politicians – feed the US opioid crisis, 19.10.2017, <https://www.theguardian.com/us-news/2017/oct/19/big-pharma-money-lobbying-us-opioid-crisis>

[3] www.cbsnews.com, Bill Whitaker, Ex-DEA agent: Opioid crisis fueled by drug industry and Congress, 17.10.2017, <https://www.cbsnews.com/news/ex-dea-agent-opioid-crisis-fueled-by-drug-industry-and-congress/>

[4] www.forbes.com, Alex Morell, The OxyContin Clan: The $14 Billion Newcomer to Forbes 2015 List of Richest U.S. Families, 01.07.2015 <https://www.forbes.com/sites/alexmorrell/2015/07/01/the-oxycontin-clan-the-14-billion-newcomer-to-forbes-2015-list-of-richest-u-s-families/#be6ae3675e02>

 

Dieser Text wurde zuerst am 22.10.2017 auf www.broeckers.com unter der URL <http://www.broeckers.com/2017/10/22/die-opioid-epidemie/> veröffentlicht. Lizenz: Mathias Broeckers.

Profilbild von Mathias Bröckers

Mathias Bröckers

geboren 1954 ist ein deutscher freier Journalist, der vor allem für die taz und Telepolis schreibt. Ab 2001 hat er mehrere Bücher über den 11. September geschrieben.


Hat Ihnen der Artikel gefallen?
FREE21 steht für nicht embeddeter, crowdfinanzierter Journalismus. Helfen Sie uns noch besser zu werden und unterstützen Sie uns! Jeder Euro fließt in die unabhängige journalistische Arbeit.
einmalig
Spenden
.
Jetzt fördern
Mitglied werden!
.
Magazin
.
Überweisung
GLS Bank
Kontoinhaber:
Verein zur Förderung unabhängiger journalistischer Berichterstattung e.V.
IBAN: x-2100
Name der Bank: GLS Gemeinschaftsbank eG
BIC: GENODEM1GLS
Kommentar schreiben
Do NOT follow this link or you will be banned from the site!