Rezension:
23 Nov 2018
Den Frieden leben
Anleitung zum praktischen Utopismus: In ihrem Buch „Wir sind Frieden“ stellt die Friedensaktivistin Andrea Drescher Menschen und Konzepte vor, die uns zeigen: Jeder kann sich für eine friedlichere Gesellschaft einsetzen.
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Foto: Pixabay, CC0

Was ist Friedensaktivismus? Wo beginnt er und was zählt alles noch mit dazu? Wer Friedensbewegung hört, der denkt automatisch an Großdemonstrationen mit Hunderttausenden von Teilnehmern. Die allerdings sind spätestens seit 2003 vorbei oder zumindest vorläufig Geschichte. Und das wiederum lässt so manchen in Hoffnungslosigkeit verfallen.


Der Versuch von 2014, mit über hundert Mahnwachen für den Frieden in deutschen, schweizerischen und österreichischen Städten wieder eine größere Friedensbewegung aufleben zu lassen, scheint gescheitert. Diffamierungen von außen sowie Streitigkeiten und Zerwürfnisse von innen sorgten dafür, dass nur wenige dieser Mahnwachen bis heute aktiv geblieben sind. Ihre Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit geht gegen Null.


Die Ukraine-Krise, die damals zu den wichtigsten Auslösern dieser Bewegung gehörte, ist noch immer nicht gelöst und die öffentliche Dämonisierung Russlands geht weiter. Deutschland schmiedet weitere Aufrüstungspläne und mischt in illegalen Angriffskriegen in Nahost und Nordafrika mit, um die Freiheit von Öl-Konzernen und Rüstungsindustrie zu verteidigen.


Währenddessen lassen sich die Deutschen und ihre Nachbarn wahlweise von den Zwängen des Geldverdienens beherrschen und / oder von medialen Parallelwelten und politischen Märchen ablenken, darunter auch dem von der Demokratie im eigenen Land.


Digitale Medien treiben die emotionale Abstumpfung ganzer Generationen voran und gehören damit auch noch zu den erfolgreichsten Wirtschaftsbranchen der westlichen Welt. Kann man da überhaupt noch für Frieden aktiv sein?


„Man kann es und muss! Mehr denn je!“, sagt Andrea Drescher und stellt zum Beweis 37 Friedensaktivisten in ihrem Buch „Wir sind Frieden“ vor. Der Porträtsammlung ist ein Beitrag vorangestellt, der Möglichkeiten aufzählt, die man in unserer Gesellschaft (noch) hat, um für eine bessere Welt einzutreten [1].

 


Buchcover von „Wir sind Frieden“ von Andrea Drescher

 


Ein Teil davon, etwa vegane oder zumindest vegetarische Ernährung, der Verzicht auf Plastikverpackungen oder das Bestehen auf fairen Handelsbeziehungen, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es gibt kaum einen Supermarkt, der nicht die Papiertüte oder vegane Produkte anbietet, was man ja durchaus als Beweis dafür sehen kann, dass dringend notwendige Ideen ihren Weg in den freien Markt finden.


Es ist zumindest auch ein Sieg der ökologischen Vernunft, wenn Tierschutz und Umweltschonung zum Trend werden. So gesehen beginnt Friedensbewegung beim bewussten Konsum.


Aber die Palette der Handlungsmöglichkeiten, die Andrea Drescher darlegt, geht viel weiter, muss auch weitergehen. Denn selbst mit veganen Produkten bleibt man letztendlich noch dem Zwang von Gewinn, Rendite und Wachstum verhaftet.


Andrea Drescher selbst ist ein Beispiel für konsequenten Konsumverzicht. Als Selbstversorgerin macht sie sich beinahe unabhängig von Geld und berät andere, die den Weg in ein autarkes Leben wagen wollen. Gingen alle Menschen diesen Weg, könnten globale Finanzkartelle oder Branchen wie die Rüstungsindustrie schlichtweg nicht weiter existieren. Schön wäre es, doch von unrealistischem Sendungsbewusstsein ist Andrea Drescher frei.


Das Schöne an ihrem Buch „Wir sind Frieden“ ist, dass es zeigt, wie unsere Gesellschaft an allen Ecken und Enden Veränderung braucht und auf eigenverantwortliches Handeln wartet.


„Unser System ist einfach nicht mehr zeitgemäß“, lässt sie den Anti-TTIP-Aktivisten Gernot Almesberger aus Österreich feststellen. Das wirft die Frage auf: Woher kann die Veränderung eines Systems kommen, welches nicht mehr in der Lage ist, ihre selbst verursachten Probleme zu meistern.


Aussteigen oder Einsteigen?

Ein Teil der Friedensaktivisten sieht die Lösung im kompletten Ausstieg.


Drescher porträtiert aber auch Menschen, die vorhandene Strukturen nutzen, um dem Prinzip „Gier nach Rendite“ ein Handeln aus Vernunft entgegenzusetzen. Darunter fällt etwa ein Unternehmer, der sich in der österreichischen Wirtschaftskammer für die Etablierung der Gemeinwohlökonomie in Österreich einsetzt und sein Institut für nachhaltiges Wirtschaften bewusst „Friedensakademie“ nennt. Für ihn ist die neoliberale Wirtschaftspolitik eine Kriegserklärung an die nachfolgenden Generationen, die ihre Verteidiger im Heute dringend brauchen.


Über solche und ähnliche Beispiele hinaus treffen wir im Buch „Wir sind Frieden“ auf viele Aktivisten, die mit den Mahnwachen von 2014 erstmals oder seit Längerem wieder politisch aktiv geworden sind. Viele von ihnen gehen nicht mehr zu den Kundgebungen, haben aber dennoch ein dauerhaftes persönliches Engagement gefunden. „In der Friedensbewegung muss es alles geben“, ist das Motto eines Einzelaktivisten, und das belegt Andrea Drescher mit ihrem Buch.


Aufklärung

Wenn das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist, dann gehören Initiativen, um verschwiegene Wahrheiten unters Volk zu bringen, zum ältesten Mittel der Friedensbewegung. Man erinnere, Hans und Sophie Scholl wurden wegen der Verteilung von Flugblättern hingerichtet. Eine der „dienstältesten“ Friedensaktivistinnen in Deutschland, Fee Strieffler, kommt im Buch zu Wort. Sie verbreitet mit ihrem Mann Wolfgang Jung seit den siebziger Jahren alarmierende Informationen über die NATO. Beide kassierten Berufsverbote beziehungsweise berufliche Einschränkungen. Heute engagieren sie sich als Aufklärer gemeinsam mit einstigen Vertretern der Mahnwachen und weiteren Aktivisten für die Stopp Airbase Ramstein Kampagne.


Seit 2014 sind neue Aufklärungsmagazine entstanden. Andrea Drescher schreibt für Free21 und stellt uns Gründer Tommy Hansen und Verleger Lukas Puchalski vor. Weiterhin erfahren wir von Mark Bartalmai, dem einzigen Journalisten, der sich dauerhaft in die Ost-Ukraine wagte und vom deutschen Journalismus wegen seiner Berichte im Internet regelrecht bekämpft wurde.


Sensibilisierung

Kein Krieg ohne Feindbild, kein Krieg ohne Angst vorm anderen - das sind Erkenntnisse, die sich immer stärker durchsetzen und Psychotherapie im Licht des Friedensaktivismus erscheinen lassen. Andrea Drescher interviewt SozialtherapeutInnen, die ihre Arbeit, wie zum Beispiel Achtsamkeitstraining, als Beitrag zur Friedensbewegung verstehen. Für die es weniger um die Stärkung eines Ichs geht, das sich für die Herausforderungen eines neoliberalen „Homo Oeconomicus“ wappnet. Für die es vor allem um die Befähigung zum „Wir“ geht, um die Fähigkeit, Barrieren und Feindbilder wahrzunehmen und das Aufeinander-Zugehen zu erproben, um die eigene Isolation zu überwinden.


Ein Training des Miteinanders und der gegenseitigen Akzeptanz als Gegenentwurf zu einer Politik der Blockbildung, Boykottierung und Bestrafung – im Kleinen wie im Großen.


Solidarität und Hilfeleistung

Wo Feindbilder geschürt und militärische Fronten gebildet werden, müssen sich Menschen verbinden, um Kriege zu verhindern, ihre Folgen zu lindern oder sie endgültig zu beenden.Auch das ist ein Ansatz für Friedensaktivismus. Etwa für die Teilnehmer der „Druschba-Fahrten“ von 2016 und 2017. Mit Freundschaftstreffen in zahlreichen russischen Städten wollen die deutschsprachigen „Friedensfahrer“ ein Zeichen gegen den Konfrontationskurs der deutschen Regierung setzen.


Andere Friedensaktivisten, die uns im Buch „Wir sind Frieden“ vorgestellt werden, engagieren sich konkret in Hilfsprojekten für die Opfer von Kriegen. Der Erlös vom Verkauf des Buches kommt so auch dem Hilfsverein Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe e.V. zugute, der sich derzeit in der Ost-Ukraine engagiert, für die Kriegsopfer auf Seiten der Donezker und Lugansker Volksrepubliken, die ansonsten nur sehr wenig internationale Beachtung finden.


Eine Ausnahmeerscheinung unter den vorgestellten Friedensaktivisten ist wohl der Hamburger Schneidermeister Marco Glowatzki. Der ist auf eigene Faust nach Syrien gezogen und hat dort eine Ausbildungsstätte für Modeschneiderei eröffnet, um so ein deutliches Zeichen gegen die Blockadepolitik der Bundesregierung gegen Syrien zu setzen [2].


Ein neuer Trend?

Insgesamt hat man den Eindruck, dass sich mit der neuen Generation von Friedensaktivisten auch ein neuer Trend durchsetzt. Während sich die Generation der Friedensbewegten in den siebziger und achtziger Jahren gern mit Attributen wie „Entschlossenheit“ und „Kampfeswillen“ schmückten, setzt sich heute der Gedanke durch: Gewalt lässt sich nicht durch Gewalt besiegen. Und vor allem: Menschlichkeit lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen.


Es geht darum, die Logik der Gewalt zu durchbrechen, Fronten zu überwinden, Brücken zu bauen und auch im Andersdenkenden den Mitmenschen zu sehen. Der Druck auf den Einzelnen ist die Kriegserklärung des Neoliberalismus, Solidarität und Bildung von Gemeinschaften die Botschaft des Friedens.


Gemeinschaft als Erfolgskonzept des Widerstandes. Am Beispiel einer Landwirtschaftsgenossenschaft in Österreich wird exemplarisch gezeigt, wie mehrere Bauern durch ihren Zusammenschluss dem sicheren Untergang entgehen konnten.


Das Buch ist eine Einladung, an diesem „Wir für eine bessere Welt“ teilzunehmen, mit einer eigenen Idee, einem Ansatz, der im persönlichen Leben in Beruf und Region machbar ist. Es zeigt vor allem: Machbar ist vieles, und alles stärkt die bereits vielfach vorhandenen friedlichen Kräfte in dieser Welt.


Was ich mir gewünscht hätte

Die aus Westdeutschland stammende Autorin lebt in Österreich, was sich in der Auswahl der Interviewpartner widerspiegelt. Zehn Österreicher und überwiegend „westdeutsche“ Friedensaktivisten prägen das Bild. Zum Unfrieden in Deutschland gehört für mich aber auch die Entmündigung in den neuen Bundesländern. An die neunzig Prozent aller höheren Entscheidungsträger im Osten Deutschlands sind in den alten Bundesländern sozialisiert.


Schade, dass sich dieses Missverhältnis auch im Friedensbuch von Andrea Drescher wiederherstellt. Auch hier kommen nur wenige „Ossis“ zu Wort. Obwohl doch ausgerechnet in Dresden und Cottbus die Mahnwachen außergewöhnlich stabil geblieben sind und eine wichtige Alternative zu Pegida darstellen.


Auch die Darstellung der älteren Generation von Friedensaktivisten hätte ich mir noch stärker gewünscht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Die Interviews entstammen einer Serie, die auf Free21 erschien, und dort ja vielleicht fortgesetzt wird.


„Wir sind Frieden“ kann ab sofort in Deutschland bei www.nuoviso.tv oder http://city-werbung-nb.de/, in Österreich bei www.bioveganversand.at bestellt werden. Der Erlös kommt zu 100 Prozent dem gemeinnützigen Verein Friedensbrücke Kriegsopferhilfe e.V. zugute. Eine Hörbuchfassung sowie eine barrierefreie PDF-Datei kann auf www.fbko.org bestellt werden.

 

 

Quellen:

[1] Rubikon, Andrea Drescher, „Jeder ist Teil der Veränderung“, am 01.07.2017, <https://www.rubikon.news/artikel/jeder-ist-teil-der-veranderung>
[2] Rubikon, Katrin McClean, „Der unsichtbare Krieg“, am 28.04.2017, <https://www.rubikon.news/artikel/der-leise-tod>

 

 

Dieser Text wurde zuerst am 17.07.2018 auf Rubikon unter der URL <https://www.rubikon.news/artikel/den-frieden-leben-99ac2f9c-cb3d-49eb-9416-367e01dcc7e9> veröffentlicht. Lizenz: Katrin McClean, Initiative zur Demokratisierung der Meinungsbildung gGmbH, CC BY-NC-ND 4.0

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel und Kommentare spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.<br />

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