Feindbilder:
11 Jun 2017
Der Islam – Seit Jahrhunderten der „Lieblingsfeind“ des Westens
„Es war mir nicht möglich, in der europäischen oder amerikanischen Geschichte seit dem Mittelalter eine Periode zu entdecken, in der der Islam im Allgemeinen außerhalb eines von Leidenschaft, Vorurteil und politischem Interesse geschaffenen Rahmens diskutiert oder über ihn nachgedacht wurde,“ schrieb der amerikanisch-palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said 1980. [1]
Profilbild von Petra Wild
Share
Fotomodel mit Niqab (Foto by Geralt / pixaby / CC0)

Das hat sich heute nur insofern verändert, als dass „Leidenschaft, Vorurteil und politisches Interesse“ in offenen Rassismus umgeschlagen sind.

 

Seit etwa zwei Jahren gibt es in den westlichen Ländern die größte rassistische Massenmobilisierung seit dem Faschismus. Von Rechten und Linken gleichermaßen wird „der Islam“ als Bedrohung beschworen. Die Medien sind voll von Berichten und Kommentaren, die „den Islam“ als Gegenteil zur „westlichen Kultur“ und die „westlichen Werte“ konstruieren. Das hat Folgen. Mehr als 50% aller Europäer/innen haben eine rassistische Einstellung gegenüber Muslimen. [2] Musliminnen wird auf offener Straße das Kopftuch heruntergerissen, syrische Kinder werden in aller Öffentlichkeit geschlagen, Muslime durch die Straßen gejagt oder gar erschlagen, regelmäßig brennen Moscheen und Flüchtlingsheime.

 

Der anti-muslimische Rassismus funktioniert auf sehr simple Weise. „Der Islam“ wird auf ein paar einfache Schlagworte und eingängige Stereotype reduziert, die wieder und wieder in verschiedenen Variationen reproduziert werden. Vielfach bedient er sich derselben Methoden, die im 19. und 20. Jahrhundert  zur Dämonisierung der jüdischen Religionsgemeinschaft angewandt wurden. Der anti-muslimische Rassismus enthält sowohl Elemente des Antisemitismus als auch des kolonialen Rassismus.

 

Zu den wichtigsten demagogischen Tricks gehört das selektive Zitieren aus heiligen Büchern. Es werden besonders abstoßende Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und ohne jeden Kontext präsentiert, um zu beweisen wie schlimm die jeweils angegriffene Religion sei.

 

Hierzulande besonders beliebt ist der Verweis auf die Gewaltsuren im Koran. Es wird damit argumentiert, dass sich wahhabitische Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ auf diese beziehen, und daher beweise das, dass das Problem im Islam selbst liege. Diese Argumentation zeugt von Unkenntnis oder aber von böswilliger Absicht, denn Religionen funktionieren so nicht. Die drei abrahamitischen Religionen sind mehr als nur ihre heilige Schriften. Da heilige Bücher vielfach widersprüchlich sind und kryptische Stellen enthalten, bedürfen sie der Interpretation.

 

Zur Auslegung des Korans hat sich im Islam eine ganze Wissenschaft herausgebildet. Um den Koran zu verstehen, reicht es nicht, ihn zu lesen, man muss auch den historischen Kontext, die Hadithe (die Aussprüche des Propheten) und die Debatten kennen, die in der langen Geschichte des Islams geführt wurden. Untersuchungen zeigen überdies, dass der Koran von den heiligen Büchern aller drei abrahamitischen Religionen am wenigsten Gewalt enthält.

 

Die Gewalt in der arabischen und weiteren muslimischen Welt durch den Koran und „den Islam“ erklären zu wollen, lenkt von den tatsächlichen Ursachen ab.

 

Die westlichen Kriege und das Feindbild Islam

Das Feindbild Islam wurde nach dem Sieg des kapitalistischen Lagers im Kalten Krieg systematisch aufgebaut. Einerseits, um die einsetzenden Kriege in der arabischen Welt zu rechtfertigen und andererseits, weil die westlichen Gesellschaften so beschaffen sind, dass sie Feindbilder brauchen.

 

Seit 1991 wurde die arabische Welt mit zahlreichen Kriegen und ökonomischen Embargos überzogen, die Millionen von Menschen das Leben kosteten und das Leben unzähliger Menschen zerstörten. Allein durch das Embargo gegen den Irak, das nach dem 1. Irak-Krieg 1991 verhängt wurde und bis zum 2. Irak-Krieg 2003 in Kraft war, starben 500.000 irakische Kinder. Der 2. Irak-Krieg und die 8 Jahre andauernde Besatzung des Landes durch die USA kosteten schätzungsweise eine weitere Million Iraker/innen das Leben.

 

Dass diese Gewalt, die von der westlichen Welt ausgeht, einmal auf sie zurückschlagen würde, war absehbar. Die jungen Muslime, die in den letzten Jahren Anschläge in westlichen Ländern begingen, taten dies mit dem Verweis auf die westlichen Verbrechen in der arabischen bzw. muslimischen Welt. Verschärfend kommt hinzu, dass es die westlichen Staaten waren, die in Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien die wahhabitschen Terrorgruppen, die heute ihre Ländern heimsuchen, erst ins Leben gerufen haben. Dass  al-Qaeda aus den von den USA und Saudi-Arabien aufgebauten Mujahedin hervorging, die in Afghanistan gegen die sozialistische Regierung und die dort stationierten sowjetischen Truppen kämpften, ist kein Geheimnis. Doch trotz dieser Erfahrung bedienten sich westliche Länder, um Muammar al-Gaddafi zu stürzen, in Libyen wieder derselben wahhabitischen Extremisten. In Syrien wurden diese Kräfte ebenfalls unterstützt, vor allem von den USA und ihren regionalen Verbündeten. [3]

 

Nicht „der Islam“ ist für die Gewalt verantwortlich, sondern die fortgesetzte westliche Kriegs- und Kolonialpolitik, die auf die Unterwerfung der arabischen Welt zielt sowie die zynische Instrumentalisierung wahhabitischer Extremisten zur Durchsetzung dieser Politik.

 

Die lange Geschichte des anti-muslimischen Rassismus in Europa

Der anti-muslimische Rassismus wäre jedoch nicht so erfolgreich, hätte er nicht so eine lange Geschichte und wären nicht die entsprechenden Stereotype so tief im europäischen Gedächtnis verankert. „Der Islam“ ist eines der ältesten und wirkungsmächtigsten Feindbilder in Europa. Die europäische Auseinandersetzung mit dem Islam reicht bis ins Mittelalter zurück und war größtenteils von Feindseligkeit geprägt. Die geographische Nähe zwischen Europa und dem Orient, die gemeinsame wechselvolle und konfliktreiche Geschichte und auch, dass die islamische Welt der christlichen über Jahrhunderte überlegen war, haben dem Islam eine besondere Stellung in der europäischen Imagination verliehen.

 

Für Europa war der Islam seit seiner Entstehung im 7. Jahrhundert ein verhasster Rivale. Die ersten, die sich über ihn ereiferten, waren die Kirchenväter, die in ihm eine christliche Häresie sahen und Muhammad als Betrüger bezeichneten. Während der Kreuzzüge wurden die meisten der anti-muslimischen Klischees geprägt, die bis heute im Umlauf sind. Schon damals standen die Themen Gewalt und Frauen bzw. Sexualität im Vordergrund. Allerdings wurde den Muslimen damals nicht die Unterdrückung von Frauen vorgeworfen, sondern eine allzu große Libertinage.

 

Seitdem Europa im Mittelalter begann, sich eine eigene Identität zu geben, wurde diese unter Ausschluss aller orientalischen Einflüsse und als Gegenteil zum Islam konstruiert. Der Begriff Europäer wurde zum ersten Mal im Kampf gegen arabische Muslime erwähnt. Europäer sein, hieß also vor allem kein Muslim sein. In der Bezeichnung Europas als „christliches Abendland“ oder als „christlich-jüdisches Abendland“ scheint diese alte Frontstellung wieder auf.

 

Der Orient wurde in der europäischen Geschichte zwar immer als minderwertig dargestellt, aber gleichzeitig auch als das territorial größere Gebiet, das mit einem größeren Machtpotential ausgestattet ist, das meistens als destruktiv vorgestellt wurde. Hinzu kommt, dass sich die islamische Welt niemals vollständig der westlichen Dominanz unterworfen hat, so dass sie auch deswegen für die westliche Welt etwas Unberechenbares und Bedrohliches hat. [4]

 

Der Orient und der Okzident (oder „der Islam“ und „der Westen“) waren jedoch niemals so strikt voneinander abgegrenzt, wie es heute dargestellt wird. Muslimische Araber regierten von 711 bis 1492 große Teile des heutigen Spaniens, auch auf Sizilien bestand etwa 200 Jahre lang ein arabisches Reich. Muslime haben durch ihre jahrhundertelange Überlegenheit in Wissenschaft, Philosophie, Landwirtschaft und Kultur maßgeblich zur Zivilisierung Europas beigetragen. Der Wissenstransfer aus der muslimischen Welt schuf erst die Voraussetzungen für die Renaissance und die Aufklärung. [5] Umgekehrt fielen Europäer im 11. Jahrhundert in das heutige Palästina ein, eroberten Jerusalem und schlachteten die gesamte Bevölkerung ab, einschließlich der Christen und Juden. Sie errichteten dort einen frühen europäischen Siedlerkolonialismus, der fast 100 Jahre bestand. Drei weitere Kreuzzüge folgten. Ab dem 16. Jahrhundert begann die Kolonisierung muslimischer Länder, die große Verwüstungen anrichtete und Millionen von Menschen das Leben kostete. Der europäische Kolonialismus brachte neue rassistische Zuschreibungen mit sich. Die Rückständigkeit des Islams und die Unterdrückung der Frauen waren beliebte Themen zu dieser Zeit. Frankreich behauptete, mit seiner „Zivilisierungsmission“ die arabischen Frauen befreien zu wollen. Auch im viktorianischen England waren die in Korsetts geschnürten Frauen entsetzt über die Frauenunterdrückung, die sie im muslimischen Schleier sahen.

 

Die koloniale Periode, die viel Bitterkeit hinterlassen hat, ist bis heute nicht aufgearbeitet. Die alten Kolonialmächte haben den ehemaligen Kolonien nicht nur keine Entschädigung gezahlt sondern dominieren diese auch nach der Entkolonisierung noch. Der rassistische koloniale Blick besteht weiter, weil sich die ihm zugrunde liegenden Machtverhältnisse nicht geändert haben.

 

Quellen:

[1] Said, Edward, Islam through Western Eyes, The Nation, 26.4.1980

[2] Osborne, Samuel, Europeans want Immigration Ban from Muslim-Majority Countires, Poll reveals, Independent, 7.1.2017; Rafael, Simone, Neue „Mitte“-Studie: Feindlichkeit gegen Muslime, Sinti und Roma und Geflüchtete ist besorgniserregend, Netz gegen Nazis, 15.6.2017

[3] Mizner, David, Don’t blame Islam, Jacobin, 30.1.2015

[4] Said, Edward, Covering Islam, Routledge and Keagan Paul, 1981, S. 4f.

[5] Hunke, Sigrid, Allahs Sonne über dem Abendland: Unser arabisches Erbe, Frankfurt/Main, 2009 (6.Auflage); Borgolte, Michael, Der Islam als Geburtshelfer Europas, Bundeszentrale für Politische Bidlung, 23.3.2011

 

Dieser Text wurde zuerst am 02.06.2017 auf KenFM unter der URL <https://kenfm.de/der-islam-seit-jahrhunderten-der-lieblingsfeind-des-westens/> veröffentlicht. Lizenz: Petra Wild

Profilbild von Petra Wild

Petra Wild

ist Islamwissenschaftlerin mit den Arbeitsschwerpunkten Palästina-Frage sowie Widerstand und Revolution in der arabischen Welt. Sie ist Autorin der Bücher „Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat“ (Wien, 2013) und „Die Krise des Zionismus und die Ein-Staat-Lösung. Zur Zukunft eines demokratischen Palästinas“ (Wien, 2015)


Hat Ihnen der Artikel gefallen?
FREE21 steht für nicht embeddeter, crowdfinanzierter Journalismus. Helfen Sie uns noch besser zu werden und unterstützen Sie uns! Jeder Euro fließt in die unabhängige journalistische Arbeit.
einmalig
Spenden
.
Jetzt fördern
Mitglied werden!
.
Magazin
.
Überweisung
GLS Bank
Kontoinhaber:
Verein zur Förderung unabhängiger journalistischer Berichterstattung e.V.
IBAN: x-2100
Name der Bank: GLS Gemeinschaftsbank eG
BIC: GENODEM1GLS
Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!