Norbert Häring:
31 Mai 2016
Der „War on Cash“
Jens Wernicke sprach mit dem Wirtschaftsjournalisten und Autor populärer Wirtschaftsbücher Norbert Häring, der offen anspricht, dass es den Eliten hinter der Fassade dieses Konfliktes um die totale Kontrolle über die Bevölkerung geht. In einem ersten Interview aus Anlass des Erscheinen seines Buches „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen“, hatte er bereits skizziert, wer die Verschwörer gegen das Bargeld sind und wie sie arbeiten. Nun ordnet er die Pläne zur Abschaffung des 500-Euro-Scheins aus Frankfurt und zur Einführung einer Barzahlungsobergrenze aus Berlin in diese internationale Kampagne ein und zeigt Möglichkeiten zur Gegenwehr auf.
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Jens Wernicke: Herr Häring, soeben hat die EZB beschlossen, den 500-Euro-Scheinauslaufen zu lassen. Vorausgegangen war eine Kampagne, die die Bevölkerung auf das „Böse“ des Bargeldes im Allgemeinen und dieses wertvollen Scheines im Besonderen einschwor. Sie argumentieren in Ihrem aktuellen Buch hingegen, dass die Abschaffung des Bargeldes von den Reichen und Mächtigen betrieben werde, um die „totale Kontrolle“ zu etablieren. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen?

 

Norbert Häring: Die EZB macht nun genau das, was die Gallionsfiguren der Anti-Bargeld-Kampagne vor knapp einem Jahr auf der Geheimkonferenz der Schweizerischen Nationalbank zur Beseitigung der Nullzinsgrenze in London gefordert hatten. Sie schafft den größten Schein ab.

 

Sukzessive die größten Scheine beseitigen, bis höchsten noch 20-Euro- oder 20-Dollar-Scheine da sind, ist eine der Strategien, die Wim Buiter und Ken Rogoff dort befürworteten, um Bargeld irrelevant und damit für die Finanzbranche nicht mehr lästig und gefährlich zu machen.

 

Eine andere ist es, die Nutzung von Bargeld teurer zu machen. Auch das passiert an ganz vielen Ecken bereits. Neuester Fall: Die Stadt Düsseldorf verlangt für Barzahlungen einen Euro Aufschlag, in flagrantem und dreistem Bruch des § 14 Bundesbankgesetz, der Bargeld zum unbeschränkten gesetzlichen Zahlungsmittel macht und damit einen Annahmezwang festschreibt. Wenn ich Düsseldorfer wäre, hätten die ihren Spaß mit mir.

 

Jens Wernicke: …inwiefern? Was würden Sie tun?

 

Norbert Häring: Das Bargeld und damit meine bürgerlichen Freiheiten gegen diese Gesetzesbrüche auch juristisch verteidigen, denn hier geht es um mehr als nur irgendwas: Die Bargeldabschaffung bahnt den Weg in eine Zukunft, in der die Finanzbranche und ihre Alliierten letztlich alles zu kontrollieren vermögen.

 

Jens Wernicke: Ihr Buch ist nun bereits seit März auf dem Markt. Gibt es inzwischen denn neue Erkenntnisse bezüglich der Kräfte, die hier hinter den Kulissen am Werke sind?

 

Norbert Häring: Oh ja, die gibt es! Es ist schon bemerkenswert, wie in einer offenkundig abgestimmten Aktion erst der Deutsche-Bank-Chef dem Bargeld das Ende wünscht und ein solches vorhersagt, dann kurz darauf die SPD-Bundestagsfraktion eine Barzahlungsobergrenze sowie das Ende des 500-Euro-Scheins fordert, kurz darauf dann der CDU-Finanzminister die Barzahlungsobergrenze fordert, dann die EZB durchblicken lässt, dass sie den 500er abschaffen will und schließlich Larry Summers unter Berufung auf eine Studie nachlegt und das Ende des 100-Dollar-Scheins fordert.

 

Jens Wernicke: Das klingt sehr nach einer konzertierten Aktion. Nur steht nach wie vor die Frage im Raum: Von wem geht diese aus, welche Kreise agieren hier konkret und mit welchem Ziel?

 

Norbert Häring: Tatsächlich, noch konzertierter könnte die Sache kaum verlaufen; nur übersehen das die Medien und bekommt die Bevölkerung hiervon kaum etwas mit. Da heißt es überall, es gäbe nur ganz wenige, die für die Abschaffung des Bargelds eintreten. Dass die Zurückdrängung des Bargelds nach dem Drehbuch dieser angeblich ganz wenigen voranschreitet, wird dabei ignoriert. Dabei ist es – warum, sagte ich ja bereits – immens wichtig, nachzuvollziehen und offenzulegen, wie planvoll hier von interessierten Kreisen gelogen und getäuscht und vorgegangen wird.

 

Solche „Studien“ auf die man sich beruft, fallen ja nicht vom Himmel. Die Harvard-„Studie“ zur üblen Rolle des Bargelds bei Geldwäsche, Drogenhandel etc., auf die Larry Summers sich berief, hat er offenkundig selbst in Auftrag gegeben. Peter Sands, ein Top-Banker ohne wissenschaftliche Meriten, der seinen Job verlor, bekam gerade zu der Zeit in Summers Harvard-Fakultät Asyl, als die Anti-Bargeld-Konferenz der Schweizer Nationalbank in London stattfand. Sein Job war es, diese Studie, auf die Summers sich später berufen sollte, hervorzubringen. Zur Erinnerung: Im Titel der Konferenz wurde deutlich signalisiert, worum es hinter aller Propaganda und Rhetorik wirklich geht, nämlich darum, Negativzinsen zu ermöglichen. Aber für die Öffentlichkeit werden als „Nebelkerzen“ Studien zu Bargeld und Kriminalität in Auftrag gegeben. Und dann kam auch noch raus, dass Summers in mehreren Fintech-Unternehmen, den Hauptprofiteuren einer möglichen Bargeldabschaffung, als Aufsichtsrat oder Berater tätig ist.

 

Jens Wernicke: Verständnisfrage: Was meint denn Negativzinsen? Ich bin Soziologe, kein Ökonom; das sagt mir leider wenig bis nichts…

 

Norbert Häring: Die EZB hat den Banken sehr viele Wertpapiere abgekauft und macht weiter damit. Auf ihre Guthaben bei der EZB, die sie dafür bekommen, müssen die Banken negative Zinsen zahlen, statt positive Zinsen zu bekommen wie üblich.

 

An ihre Kunden können sie die Negativzinsen nicht weitergeben, weil die auf Bargeld ausweichen können. Das drückt auf die Zinsmarge der Banken. Das ist ein wichtiger Grund, warum ihnen Bargeld so lästig ist.

 

Jens Wernicke: Und was hat dieser Summers, offenbar ja eine der Schlüsselfiguren des Komplotts, mit den Geschehnissen hier in Deutschland zu tun?

 

Norbert Häring: Nun, man darf die Vorkommnisse hier nicht isoliert betrachten. Außer Teilen der Politelite will eigentlich niemand hier Bargeldbeschränkungen. Selbst der Bund der Polizeibeamten hat nur eine Obergrenze von 10.000 Euro gefordert, nicht die 5000 Euro, die Schäuble will. Deutschland wird als einer der Nachzügler in diese internationale Kampagne eingebunden. Auch Schäuble hat gerade eine lange vorher in Auftrag gegebene Studie aus der Tasche gezogen, auf die er sich nun seit Februar beruft. Das Ergebnis auch dieser ist dabei offenkundig bestellt.. Sie ist nur noch schlechter als die Sands-Studie gemacht; so schlecht sogar, dass sie nicht einmal veröffentlicht werden konnte. Sie zeigt alles, nur nicht die 100-Milliarden Euro-Geldwäsche, die es angeblich in Deutschland geben soll.

 

Jens Wernicke: Wie haben die Medien denn auf Ihr Buch und Ihre Recherchen und Enthüllungen reagiert? Ich meine: Gibt es beispielsweise eine breite Debatte zur Gefahr der Bargeldabschaffung und nehmen Investigativjournalisten bereits die Fährte in Richtung dieser Machenschaften auf?

 

Norbert Häring: Die Interessen hinter dem Plan sind ehrlich gesagt so gut wie allen halbwegs kritischen Geistern inzwischen bekannt Als ich am 3. Mai als Sachverständiger im Landtag Nordrhein-Westfalen zum Bargeld aussagte, war es einhellige Meinung fast aller Sachverständiger, dass es nicht wirklich um Kriminalität geht, sondern um die Interessen der Geschäftsbanken. Gleichwohl, da haben Sie recht, halten sich die Medien bei dem Thema eher zurück – oder bedienen gar die „Argumente“ der Anti-Bargeld-Allianz.

 

Jens Wernicke: Aktuell konstatiert ja sogar ein Bundesbankexperte einen „War on Cash“…

 

Norbert Häring: Ja, und das ist wirklich bemerkenswert. Man stelle sich vor: Der Leiter des Zentralbereichs Bargeld bei der Bundesbank konstatiert ganz ungeniert einen Krieg der internationalen Finanzbranche gegen das Bargeld. Solche Aussagen bringen Leuten wie mir leicht den Vorwurf ein, kruden Verschwörungstheorien anzuhängen.

 

Wenn es aber bereits eine „Better Than Cash Alliance“ gibt, in der sich Citi, Mastercard, Visa, Bill Gates und andere für die weltweite Zurückdrängung des Bargelds stark machen, ist es ja keine Verschwörung mehr, sondern wird längst offen betrieben, wenn auch tief im Schatten der Aufmerksamkeit.

 

Jens Wernicke: Und trotz allem wird die Diskussion zum Thema medial nicht wirklich groß? Warum ist das so?

 

Norbert Häring: Von Seiten der Kulturprogramme und den allgemeinen Nachrichtensendungen im Radio wurde mir und meinem Buch sehr viel Interesse entgegengebracht. In den Wirtschaftsredaktionen von Radio, Fernsehen und Presse wird das Thema dagegen eher heruntergekocht. Dort hat man vielleicht mehr Verständnis für die Nöte der Banken in diesem Niedrigzinsumfeld. Sie haben es ja auch wirklich schwer zurzeit, genug Gewinne zu generieren, um gleichzeitig ihre Aktionäre und die Regulierer zufriedenzustellen.

 

Jens Wernicke: Hat der Kampf für den Erhalt des Bargelds überhaupt eine Chance, wenn die Medien allenfalls gebremst mitmachen?

 

Norbert Häring: Es gibt ja verschiedene Aktionsformen. Mein Buch „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen“ findet guten Absatz, dann gibt es noch die Streitschrift von Max Otte „Rettet unser Bargeld!“, in der er kein Blatt vor den Mund nimmt. Meine Klage beim Verwaltungsgericht auf Barzahlung des Rundfunkbeitrags läuft und last but not least fand am Pfingstsamstag, den 14. Mai, in Frankfurt eine Demo zum Erhalt des Bargelds statt.

 

Jens Wernicke: Wer veranstaltete diese Demo denn? Es handelte sich hoffentlich nicht um eine AfD-Aktion?

 

Norbert Häring: Veranstalter war die Initiativen Pro Bargeld und Stop Bargeldverbot.

 

Die erste hat der unerschrockene Max Otte zusammen mit dem konservativen Ökonomen Joachim Starbatty von Alfa und dem „Silberjungen“ ins Leben gerufen. Die zweite wird getragen von den Unternehmern Dagmar Metzger und Steffen Schäfer und ihrer „Stiftung für Freiheit und Vernunft“.

 

Und, mit Verlaub, diese Art von „Bedenken“, das man selbst mit vernünftigen, humanistischen Kräften nicht gemeinsam agieren dürfe, so diese aus anderen Lagern kommen – das spielt doch einzig und allein der Teile-und-herrsche-Strategie der neoliberalen Apologeten in die Hände.

 

Ich höre doch nicht auf, unser Recht auf Privatsphäre zu verteidigen und für mehr demokratische Mitbestimmung der Bürger und gegen den undemokratischen Brüsseler Politikbetrieb einzutreten, nur weil auch AfD-nahe Leute oder Leute von der AfD ähnliche Positionen vertreten. Wer so denkt und agiert, der stellt sicher, dass er für seine Positionen nie eine Mehrheit bekommt. Und das hat mit Sympathie für die AfD nicht das Geringste zu tun.

 

Jens Wernicke: Gibt es etwas, mit dem man Ihr Anliegen, Ihre Sache zu unterstützen vermag?

 

Norbert Häring: Oh ja. Barzahlen, sich gesetzwidrige Dreistigkeiten wie die der Stadt Düsseldorf nicht bieten lassen, Bücher wie die genannten lesen, weiterempfehlen und rezensieren, und natürlich massenhaft demonstrieren.

 

Jens Wernicke: Noch ein letztes Wort?

 

Norbert Häring: Ja. Wer das Thema für nicht so wichtig, aber die Vorratsdatenspeicherung für schlimm hält, der sollte noch einmal nachdenken. Denn was mit unseren Finanzdaten geschieht, ist noch viel einschneidender als ein bisschen Vorratsdatenspeicherung von Telekom-Metadaten: Es wird viel mehr, sehr viel länger gespeichert. Und es wird nicht nur passiv gespeichert, sondern aktiv, automatisch und in Echtzeit auf verdächtige Muster hin durchforstet.

 

Wollen wir wirklich zulassen, dass praktisch unser gesamtes Leben in Echtzeit von Computeralgorithmen überwacht werden kann, die in den Händen und unter Kontrolle der Mächtigen dieser Welt sind? Nur wenn wir bar zahlen, funktioniert das nicht.

 

Jens Wernicke: Ich bedanke mich für das Gespräch.

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Jens Wernicke

Jens Wernicke ist Gewerkschaftssekretär und freier Journalist. Er war Mitglied im SprecherInnenrat der StipendiatInnen der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie im Vorstand des freien zusammenschlusses von studentInnenschaften (fzs) e.V. Er arbeitete unter anderem als Referent für Bildungs- und Hochschulpolitik für die Fraktion DIE LINKE. im Hessischen Landtag und ist aktuell Mitarbeiter bei den NachDenkSeiten.

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