Uranmunition:
28 Aug 2016
Die Bombardierung des Irak hinterließ Erbe von missgebildeten Babies
Erinnern Sie sich an Fallujah? Diese Stadt im Zentralirak war im Jahr 2004 Schauplatz von zwei wütenden Angriffen durch amerikanische Marines. Im Frühling bombardierten sie und schossen herum wie wild, um die Tötung und Verstümmelung von vier amerikanischen Söldnern zu rächen. Anstatt gegen die schätzungsweise 2.000 Insurgenten vorzugehen, machten die Marines die 300.000 Einwohner zählende Stadt fast dem Erdboden gleich, ohne sie zu erobern
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Der „Highway of Death“ in Irak, 1991. Radioaktive Rückstände von den insgesamt 800 Tonnen Bomben und einer Million Geschosse in der Region zeigten sich bald an Babies, die mit Geburtsdefekten geboren wurden (Foto: Staff Sgt. Dean Wagner, US Departement of Defence)

Sieben Monate später unternahmen sie einen neuen Angriff mit Artillerie und Bomben in einer Art und Weise, die als der blutigste innerstädtische Kampf von Amerikanern seit dem Vietnamkrieg beschrieben wurde.

 

Erinnern Sie sich an Basra? Diese Stadt im Süden des Irak hat gelitten seit dem ersten Golfkrieg 1991. Radioaktive Rückstände von den 800 Tonnen Bomben und einer Million Geschosse zeigten sich bald in Babies, die geboren wurden mit großen Köpfen, abnormal großen Augen, verstümmelten Armen, aufgeblähten Bäuchen und defekten Herzen. Später in den 1990ern wurde Basra im Rahmen der Aufrechterhaltung der flugfreien Zone gegen Saddam Hussein angegriffen. Neuerlich angegriffen wurde es im Rahmen des amerikanisch-britischen Einmarsches 2003 und der nachfolgenden Okkupation.

 

Jetzt sehen wir, dass die Kinder von Fallujah und Basra in einem erschreckend steigenden Ausmaß an Geburtsdefekten leiden, hauptsächlich verursacht durch die Metalle, die von Bomben, Kugeln und Geschossen stammen – der Staub gelangt in Nahrungsmittel, Wasser, Luft, Boden und Feldfrüchte. Eine vor kurzem erfolgte Untersuchung durch einen Umwelttoxikologen der Universität von Michigan führt die Defekte zurück auf hohe Werte von Blei, Quecksilber und anderen Schadstoffen in den Körpern beider Elternteile und deren betroffenen Kindern. Sie unterstreicht, was entsetzte Ärzte des Krankenhauses von Fallujah seit 2005 berichtet haben.

 

Im September 2009 hatten sie die UNO ersucht, zu untersuchen, warum ein Viertel der 170 dort in diesem Monat geborenen Babies innerhalb von sieben Tagen gestorben sind und warum horrende 75% der toten Babies Missbildungen aufwiesen. 2010 berichtete die Universität von Ulster, dass die Zuwächse bei angeborenen Geburtsdefekten, Leukämie und Kindersterblichkeit in Fallujah höher waren als die 1945 in Hiroshima und Nagasaki. Später im selben Jahr veröffentlichte Mozhgan Savabieasfahani von der Schule für Öffentliche Gesundheit der Universität in Michigan eine epidemiologische Studie, in der ebenfalls erschreckende Anteile von Geburtsschäden bei Kindern in Fallujah nachgewiesen wurden. Seit damals haben sie und ihr Team von Ärzten im Irak und im benachbarten Iran ihre Untersuchungen in Fallujah und Basra ausgeweitet.

 

Im vergangenen Monat veröffentlichten sie ihre Ergebnisse im Bulletin of Environmental Contamination (Umweltvergiftung) and Toxicology. Sie untersuchten 56 Familien aus dem Krankenhaus von Fallujah und tausende von Akten der Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie im Entbindungsspital von Basra. Zwischen 2004 und 2006 führte fast die Hälfte der Schwangerschaften in diesen Familien in Fallujah zu Fehlgeburten. Zwischen 2007 und 2010 hatte über die Hälfte der in diesen Familien geborenen Kindern den einen oder anderen Geburtsdefekt (im Vergleich zu weniger als 2% in 2.000). Die Missbildungen umfassten Herzdefekte, missgebildete oder fehlende Glieder, Wolfsrachen, geschwollene Köpfe, Einäugigkeit, aufgeblähte Bäuche und Organe, die aus defekten Unterleiben herausquollen. „Es ist eindeutig bewiesen, dass die horrenden Anstiege bei Geburtsdefekten im Irak auf neurotoxische Metallverseuchung aufgrund der wiederholten Bombardierungen zurückzuführen sind. Es gibt keine andere Erklärung.

 

Bei den Kindern mit Geburtsschäden waren die Bleiwerte fünfmal und die Quecksilberwerte sechsmal höher als bei normalen Kindern. In Basra stiegen die Geburtsdefekte 2003 auf 23 pro 1.000 Geburten, eine 17-fache Steigerung seit 1994. Die Quecksilberwerte bei Kindern mit Defekten waren dreimal so hoch wie bei normalen Kindern. Der Zahnschmelz des Milchgebisses eines Kindes mit Geburtsschäden wies nahezu dreimal so hohe Bleiwerte auf als die Zähne von Kindern in anderen Gebieten. Ihre Eltern wiesen 1,4mal höhere Bleiwerte im Zahnschmelz auf im Vergleich zu Eltern von normalen Kindern. Mit Sicherheit kann man sagen, dass die Daten das epidemische Ausmaß untertreiben, sagt Savabieasfahani. Viele Eltern neigen dazu, ihre Kinder mit Defekten und Abnormitäten zu verstecken. Die Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und des Vereinigten Königreichs versuchen, von derartig vernichtenden Studien abzulenken, indem sie sagen, sie „wüssten nichts davon“ oder dass die Ergebnisse noch nicht endgültig sein dürften. Frau Sabieasfahani sagte mir jedoch in einem Telefongespräch aus Ann Arbor, Michigan, dass es „einen klaren Fußabdruck von Metall in der Bevölkerung“ von Fallujah und Basra gibt. „Es ist eindeutig bewiesen, dass die horrenden Anstiege bei Geburtsdefekten im Irak auf neurotoxische Metallverseuchung aufgrund der wiederholten Bombardierungen zurückzuführen sind. Es gibt keine andere Erklärung. Zum Beispiel gab es keinen Vulkanausbruch.“ Inzwischen untersucht auch die Weltgesundheitsorganisation die Krisen nicht nur in Fallujah und Basra, sondern auch in sieben weiteren „Hochrisiko“-Städten im Irak. Ihr Bericht soll im kommenden Monat herauskommen. Die Lektüre dieser Studien sollte für jeden verpflichtend sein, der sich noch immer darüber wundert, warum die arabische und muslimische Welt weiterhin so aufgebracht ist über Amerika und seine Alliierten.

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Haroon Siddiqui

Haroon Siddiqui ist ein canadischer Journalist. Wurde in 1983 den Preis National Newspaper Award gegeben und hat bei Press Trust of India und the Toronto Star gearbeitet.


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