Weltgeschichte
17 Mrz 2016
Die dunkle Seite des US-Imperiums
Dass die amerikanischen Ideale von Demokratie und Freiheit nur als Mäntelchen benutzt würden, um Geschäftsinteressen, Eroberungen und Ausbeutung durchzusetzen, gehörte bis zu seinem Tod (1910) zu Twains festen Überzeugungen – und er wurde nicht müde gegen Imperialismus, Kolonialismus, Korruption und Rassentrennung anzuschreiben, um „sein“ Amerika wieder auf den rechten Weg zurückbringen.
Profilbild von Mathias Bröckers
Share
Die Liste der Länder, die von den USA seit dem zweiten Weltkrieg angegriffen wurde, ist lang.

Als dem großen Erzähler Mark Twain gegen Ende seines Lebens nicht mehr zum Lachen war, wollte sein Publikum das nicht hören. Seit ihn die Zeitung „Alta California“ 1866 für eine Reportage auf die damaligen Sandwich-Inseln, das heutige Hawaii, geschickt hatte, liebten die Amerikaner den Satiriker und Spaßmacher, der Sitten und Gebräuche der Eingeborenen ungeniert verspottete – so auch als er später die erste US-amerikanische Reisegruppe auf einer Tour durch das alte Europa begleitete. Dessen „kultivierte Barbaren“ und ihre Gebräuche waren für Twain kaum weniger exotisch als die Bewohner Hawaiis – und in seinem berühmt gewordenen Reisebericht „The Innocents Abroad“ (Die Arglosen im Ausland) ließ er es Spott nicht fehlen.

 

Von Palästen und Prachtbauten fühlte er sich als überzeugter Demokrat abgestoßen, Kathedralen, Kunst und Kirchenprunk des alten Europa lehnte er als „nutzlosen Plunder“ ab, der zur Unterstützung der Armen besser verkauft werden sollte. Und für die „schreckliche deutsche Sprache“, die er zu lernen versuchte, verfasste er einen Katalog von Verbesserungsvorschlägen („Zuallererst würde ich den Dativ abschaffen!“).

 

So naiv-satirisch Twains Vorschläge daher kamen, so ernst waren sie letztlich gemeint: Dass allein die Segnungen des modernen, pragmatischen Amerika der rückständigen Menschheit aufhelfen, konnten war für ihn vollkommen selbstverständlich. Spätestens mit der amerikanischen Eroberung der Philippinen (1899) aber wandelte sich der humorige Weltenbeglücker und Prediger des amerikanischen Fortschritts zu einem radikalen Kritiker seines Landes.

 

Dass die amerikanischen Ideale von Demokratie und Freiheit nur als Mäntelchen benutzt würden, um Geschäftsinteressen, Eroberungen und Ausbeutung durchzusetzen, gehörte bis zu seinem Tod (1910) zu Twains festen Überzeugungen – und er wurde nicht müde gegen Imperialismus, Kolonialismus, Korruption und Rassentrennung anzuschreiben, um „sein“ Amerika wieder auf den rechten Weg zurückbringen. Doch wenn er auf die Bühne kam, lachten die Leute kaum, dass er nur das Wort erhob. So vermutlich auch bei seinem Vorschlag, mit dem er das Banner seiner demokratischen Ideale, die amerikanische Flagge, vor dem Missbrauch durch die Imperialisten retten wollte:

„Wir nehmen einfach unsere übliche Flagge, übermalen nur die weißen Streifen schwarz und ersetzen die Sterne durch einen Totenkopf mit gekreuzten Knochen.“

Hundert Jahre später, nachdem die „Arglosen“ einmal mehr im Ausland unterwegs sind, um den „Barbaren“ Freiheit und Gerechtigkeit mit Bomben einzutrichtern, scheint Mark Twains Vorschlag aktueller denn je. Dass „Skull & Bones“ das Weiße Haus geentert haben und einen globalen Piratenfeldzug unter der amerikanischen Flagge tarnen, scheint mittlerweile vielen offensichtlich; ebenso wie die Tatsache, dass die korporierten Medien zu Propagandakompanien mutiert sind und den Raubzug mit billigen Lügen bemänteln und rechtfertigen.

 

In seinem letzten Buch „Der geheimnisvolle Fremde“ schrieb Twain dazu:

 

Billige Lügen werden erfunden


„Als nächstes wird der Staatsmann billige Lügen erfinden, die die Schuld der angegriffenen Nation zuschieben, und jeder Mensch wird glücklich sein über diese Täuschungen, die das Gewissen beruhigen. Er wird sie eingehend studieren und sich weigern, Argumente der anderen Seite zu prüfen. So wird er sich Schritt für Schritt selbst davon überzeugen, dass der Krieg gerecht ist, und Gott dafür danken, dass er nach diesem Prozess grotesker Selbsttäuschung besser schlafen kann.“

 

pbDiesem Prozess grotesker Selbsttäuschung haben sich die amerikanischen Bürger häufig unterziehen müssen: China (1945-46, 1950-53); Korea (1950-53); Guatemala (1954, 1967-69); Indonesien (1958); Kuba (1959-60); Kongo (1964); Peru (1965); Laos (1964-73); Vietnam (1961-73); Kambodscha (1969-70); Grenada (1983); Libyen (1986); El Salvador (1980 ff.); Nicaragua (1980 ff.); Panama (1989), Irak (1991-99), Bosnien (1995), Sudan (1998); Jugoslawien (1999) Afghanistan (2001- ) lautet die Liste der Länder, die von den USA angegriffen wurden, bevor aktuell der Irak erneut zum Ziel wurde. Und wieder, der flächendeckenden Gehirnwäsche aus Brainwashington sei dank, im Inbrunst der Überzeugung, dass es bei diesen Bombardements um Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit geht – und um die Beseitigung des „Bösen“. Und dass gerade die Deutschen und Franzosen doch gefälligst den Mund halten sollten, wären sie doch ohne diese Freiheitsbomben heute eine sowjetische Kolonie.

 

Nun zeigt freilich ein Blick in die Geschichte – nicht der offiziellen „Stars & Stripes“, sondern der verborgenen „Skull & Bones“ -, dass auch schon der Aufstieg Hitlers mit dem von Figuren wie Osama Bin Laden oder Saddam Hussein durchaus vergleichbar ist: Sie alle waren nützliche Werkzeuge, nette Hurensöhne der USA. Im Zuge der Re-Education Nazi-Deutschlands nach 1945 und der üblichen Neu-Geschichtsschreibung durch die Sieger haben die Historiker der Nachkriegszeit zwar nicht die Geburtshilfe und Alimentierung der NSDAP durch die deutsche Großindustrie ausgespart, sehr wohl aber die massive Förderung aus den Vereinigten Staaten.

Hitlers Privatarmee

Um zu erfahren, dass Hitlers Privatarmee, die SA, schon vor 1933 komplett mit nagelneuen Remington-Pistolen, Made in USA, ausgerüstet war, oder dass das General Motors gehörende, Mitte der 30er Jahre eröffnete LKW-Werk Brandenburg, eine der größten Autofabriken der Welt, die ausschließlich Militärfahrzeuge herstellte, erst ganz am Ende des Kriegs bombardiert wurde, als es der Roten Armee in die Hände zu fallen drohte, um solche Fakten über die Faschismusförderung durch amerikanische Finanziers und Industrielle zu erfahren, hilft ein Blick in die Standard-Geschichtswerke kaum. Auch dass der Großvater des amtierenden US-Präsidenten Prescott Bush wegen seiner Geschäfte mit Hitler-Deutschland vor Gericht stand – und sein Vermögen beschlagnahmt wurde -, ist dort nicht zu finden.

 

ht Aus der Familiengeschichte des Bush-Clans bleibt dieses dunkle Kapitel in der Regel ebenfalls ausgespart, ebenso wie die Mitgliedschaft im „Skull & Bones“-Geheimorden der Yale-Universität, dem Prescott, George und George W. Bush angehören und dessen finstere Ideologie in den offiziellen Biographien allenfalls gestreift wird. Dass es der Bones-Bruder Prescott Bush und sein Kollege Harriman waren, die nicht nur das Vermögen des Nazi-Finanziers und Stahlmagnaten Fritz Thyssen verwalteten, sondern auch auf andere Weise gezielt in den Aufbau des Hitler-Regimes und der kriegswichtigen Industriebranchen investierten, findet sich heutzutage nur in der „Unautorisierten Biographie“ der Bush-Familie, die gerade deswegen, weil ihr die offizielle Autorisierung fehlt, umso besser belegt und dokumentiert ist (Webster G. Tarpley & Anton Chaitkin: George Bush:The Unauthorized Biography). Denn unbemerkt blieb aufmerksamen Zeitgenossen das freudige und finanzkräftige Hitler-Engagement des US-Establishments nicht.

 

Der US-Botschafter in Deutschland William E. Dodd bekundete 1937 gegenüber einem Reporter der „New York Times“:

„Eine Clique von US-Industriellen ist versessen darauf, unseren demokratischen Staat durch ein faschistisches System zu ersetzen und arbeitet eng mit den Faschistenregimes in Deutschland und Italien zusammen“.

Ich hatte auf meinem Posten in Berlin oft Gelegenheit zu beobachten, wie nahe einige unserer amerikanischen regierenden Familien dem Naziregime sind. Sie trugen dazu bei, dem Faschismus an die Macht zu verhelfen und sind darum bemüht, ihn dort zu halten.

 

Doch so wenig heute das Foto des Pentagon-Emmisärs und Lieferanten von Massenvernichtungswaffen Donald Rumsfeld auf dem Sofa Saddam Husseins verhindert, dass sich derselbe Rumsfeld 20 Jahre später als Befreier und Abrüster des Irak feiern lassen kann, so wenig änderten die Interventionen des Botschafters oder die Veröffentlichungen von Historikern – etwa: Robert A. Brady: „The Spirit and Structure of German Fascism“ (1937); „Business as a System of Power“ (1943) oder Journalisten – George Seldes, „Facts and Fascism“ (1943), Charles Higham: „Trading With The Enemy; The Nazi American Money Plot 1933-1949“ (1983) – etwas daran, dass sich die Bushs, Harrimans, Dulles, Duponts, Rockefellers, Fords et al. nach 1945 von den Deutschen als Befreier feiern ließen. Erst in den Neunziger Jahren konnte der ehemalige Staatsanwalt und jetzige Leiter des Florida Holocaust Museum John Loftus („The secret war against the Jews“, 1994) aufdecken, was auch den amerikanischen Kontrolleuren bei der Beschlagnahme von Nazi-Vermögen verborgen geblieben war: Auf welchen Kanälen die US-Investionen in das „Hitler-Projekt“ hinein- und wie die Profite wieder hinausgeflossen waren.

Wall Street Banken in Schlüsselrollen

Die Schlüsselrolle dabei kam zwei Wall Street Banken – „Brown Brother Harriman“ und „Union Banking Corporation“ – zu, in denen Prescott Bush jeweils als Direktor bzw. Aufsichtsrat fungierte, sowie ihrem Ableger in Rotterdam, der „Bank voor Handel en Scheepvaart“ . Loftus zeigt, wie es über diese von Thyssen 1916 gegründete Bank, die u.a. 1923 die Baukosten für das „Braune Haus“, des ersten NSDAP-Hauptquartiers in München, finanzierte, nach dem Krieg gelang, die Milliarden des Thyssen-Konzerns vor der Konfiskation durch die Alliierten zu bewahren. Die Großwäsche von Nazi-Geld durch „Union Banking“ blieb den bis Ende der 40er Jahre ermittelnden Staatsanwälten verborgen. Nach erfolglosem Abschluss der Untersuchung wurden Prescott Bush und seinem Schwiegervater Herbert Walker, dem der amtierende Präsident sein W. verdankt, ihre eingefrorene Beteiligungen an der Union Banking Corporation 1951 mit 1,5 Mio $ restituiert.

 

Sind das nicht olle Kamellen? Schmutzige Wäsche von vorgestern? Keineswegs, denn die schrecklich nette Familie Bush betreibt nach wie vor im großen Stil jenes „Dealing with the Enemy“, das schon einst die Großväter reich machte. Der junge George W. erhielt das Geld für seine erste eigene Ölfirma „Arbusto“ Ende der 70er Jahre vom US-Vermögensverwalter der saudischen Familie Bin Laden. Und beim Militär-Investor „Carlyle Group“, die sein Vater repräsentiert und die von einigen seiner ehemaligen Kabinettskollegen geleitet wird, waren bis Oktober 2001 auch 2 Millionen Dollar des Bin Laden Clans investiert.

 

Der italienische Großindustrielle Carlo de Benedetti, der am 11.9. 2001 einen Vortrag im World Trade Center halten sollte, berichtete dem „Corriere della Serra“ (14.12.02) in einem Interview:

 

„Und wissen Sie, wo ich am Abend vor dem Attentat war? Bei einem Abendessen im National Building Museum, mit George Bush senior und der Familie Bin Laden, alle auf Einladung der Carlyle Group, einer amerikanischen Finanzgesellschaft.“

 

„So ist er, der globale Kapitalismus“, fügt das Blatt für all jene hinzu, denen bei dieser Nachricht möglicherweise die Kinnlade herunterklappt. Wir wissen nicht, welche Geschäftsentwicklungen der Carlyle-Repräsentant Bush sen. den Investoren bei diesem Dinner in Aussicht stellte, sicher aber ist, dass die Firma als einer der größten Rüstungsinvestoren der USA zu den großen Profiteuren des „War on Terror“ von Bush jun. gehört. Sicher ist auch, dass zur gleichen Zeit, als Reagan, Rumsfeld & Co. in den 80er Jahren den netten Diktator Saddam Hussein gegen den „fundamentalistischen“ Iran aufrüsteten, die Ayathollas im Iran ebenfalls mit Waffen beliefert wurden, in einer klandestinen „Special Operation“ des US-Militärs und der Geheimdienste, aus dem Weißen Haus geleitet von Ltd. Oliver North. Um die demokratisch gewählte Regierung Nicaraguas zu stürzen, erhielten auf diesem Kanal auch die dortigen „Contra“-Terroristen US-Waffen – und fungierten dafür als Zwischenstation für Lieferungen kolumbianischen Kokains.

 

Der wohl größte Drogenschmuggler der Geschichte, Barry Seal, brachte auf diesem Weg von 1979-1984 monatlich bis zu 2 Tonnen Kokain in die USA – im Auftrag und unter dem Schutz der CIA. Als er 1986 erschossen wurde, fand man in seiner Brieftasche die Telefonnummer eines seiner Protegés: des Vizepräsidenten und Ex-CIA-Chefs George Bush. Ebenfalls lange bekannt war Barry Seal, der seine Operationen über den abgelegenen Flughafen Mena in Arkansas abwickelte, mit dem damals zuständigen Generalstaatsanwalt des Bundesstaats, unter dessen Augen diese Großimporte stattfanden: Bill Clinton. Der Rechtsanwalt, der die Clintons durch den Whitewater-Skandal boxte – Richard Ben-Veniste – verteidigte auch Seal. Und der Vermögensverwalter, der aus Hillary Clintons 10.000 Dollar im Handumdrehen 100.000 gemacht hatte, war an Seals Tarn- und Geldwäsche-Firmen beteiligt.

 

Als eine der Maschinen von Seals Schmuggelflotte bei einem Transportflug abgeschossen wurde, flogen die als „Iran-Contra-Skandal“ bekannt gewordenen Milliardengeschäfte im staatlich sanktionierten Drogen- und Waffenhandel auf. Ein Untersuchungsauschuss wurde eingerichtet und einige Beteiligte aus dem Reagan/Bush-Statedepartment wurden verurteilt, um wie Richard Armitage oder John Pointdexter von Bush jun. wieder rehabilitiert und mit einflussreichen Ämtern bedacht zu werden. Dass die wahren Zusammenhänge nie aufgedeckt wurden – geschweige denn der Sumpf aus Geheimdiensten und organisierter Kriminalität je trockengelegt wurde -, hat vor allem wohl damit zu tun, dass „Barry & the Boys“ so klug waren, Millionen an Schmiergeldern zu verteilen – an einflussreiche Politiker und Strippenzieher beider Parteien.

Barry Seal und der Sumpf aus Verbrechen und Politik

Unter dem Titel Barry & the Boys – The CIA, the mob and the secret american history hat der amerikanische Investigativ-Journalist Daniel Hopsicker eine 500-seitige akribische Recherche über das Leben Barry Seals vorgelegt, die anders als die verschiedenen Hollywood-Adaptionen seiner abenteuerlichen Biographie („Doublecrossed“ mit Dennis Hopper) versucht, diesem Sumpf von Politik und Verbrechen wirklich auf die Spur zu kommen. Der offiziellen Legende nach hatte sich der „frühere Drogen- und Waffenschmuggler“ Seal zum „wichtigsten Informanten der DEA“ (Drug Inforcement Agency) gewandelt und wurde wegen dieses Verrats von einem kolumbianischen Killerkommando 1986 erschossen.

 

aiHopsickers Nachforschungen und Zeugenbefragungen ergeben indessen ein ganz anderes Bild. Zum einen hatte Seal keinerlei Befürchtungen, von seinen lateinamerikanischen Geschäftspartnern bedroht oder gar ermordet zu werden – stattdessen stand ihm ein von der Steuerbehörde IRS betriebenes Gerichtsverfahren in den USA bevor und er hatte wenige Tage vor seinem Tod gedroht auszupacken, wenn man ihm die Steuerforderung von 30 Millionen Dollar nicht vom Hals schaffe. Als sein Anwalt Lewis Unglesby fragte, wie er ihn verteidigen solle, wenn er die Hintergründe nicht kenne, gab er ihm eine Telefonnummer:

 

Barry schob mir das Telefon rüber und sagte: „Du willst wissen, was los ist? Hier, wähle diese Nummer. Sag Ihnen Du wärest ich“, erklärte Unglesby. Als ich tat, was er mir sagte, war eine weibliche Stimme am Apparat: „Büro von Vizepräsident Bush, was kann ich für Sie tun?“ – Ich sagte: „Hier ist Barry Seal.“ Sie bat mich zu warten, sie würde verbinden, was dann auch augenblicklich geschah. Ein Mann nahm den Hörer auf, identifizierte sich als Admiral soundso und sagte zu mir: „Barry, wo hast Du gesteckt?“ „Als ich ihm sagte, dass ich nicht Barry Seal sondern sein Anwalt sei“, so Unglesby, „knallte er den Hörer abrupt auf die Gabel.“

Adler Berriman Seal, bekannter als Barry Seal (* 16. Juli 1939; † 19. Februar 1986) war ein CIA-Agent und Drogenschmuggler, der nach eigener Aussage seit Ende der 1970er Jahre Kokain im Auftrag mittel- und südamerikanischer Drogenhändler in die USA flog. Er gilt als einer der größten und erfolgreichsten Drogenschmuggler in der Geschichte, der Straßenverkaufswert der von ihm importierten Drogen wird offiziell auf drei bis fünf Milliarden US-Dollar geschätzt. Nach Aufdeckung seiner Geschäfte im Jahr 1984 wurde er Kronzeuge der amerikanischen Anti-Drogenbehörde DEA. Im Februar 1986 wurde er von einem Team von sieben kolumbianischen Auftragsmördern in Baton Rouge, Louisiana auf offener Straße erschossen. Kurz darauf hätte er vor einer Gran Jury des US-Bundesstaats Arkansas darüber aussagen sollen, wie seine Schmuggeltätigkeit mit verdeckten Operationen der CIA zusammenhing. Seal war die Schlüsselfigur des sogenannten Mena-Skandals. (Quelle: Wikipedia)

 

Ist das nur die Geschichte eines – so die Fortsetzung der offiziellen Legende – aus dem Ruder gelaufenen Agenten, dessen Privatgeschäften man auf die Schliche gekommen ist und der nun versucht, seinen Ex-Boss zu erpressen? Hopsickers Recherche dokumentiert, dass es sich bei Barry Seal um alles andere als um einen kleinen Fisch handelte. Wäre die Rolle des fiktiven James Bond mit einem realen Agenten aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu besetzen, Seal wäre ein Top-Anwärter auf den Posten.

 

Mit 16 macht er den Pilotenschein und wird Kadett der „Civil Air Patrol“, mit 18 fliegt er erste „special operations“ (illegale Waffen nach Kuba), kaum über 20 ist er der jüngste Boeing-707 Pilot weltweit und fliegt, unter dem offiziellen Cover als Kapitän der TWA, immer wieder illegale Einsätze mit Drogen- und Waffenlieferungen: Kuba, Honduras, Guatemala, Vietnam, Laos, Bolivien, Kolumbien; Marihuana, Opium, Heroin, Kokain, sowie Waffen und Sprengstoffe aller Art. Seine Flugzeuge – zeitweilig befehligt er eine ganze Flotte – sind mit modernsten Nachtsicht- und Anti-Radar-Einrichtungen der US-Luftwaffe ausgerüstet. Seal und seine Piloten haben zudem stets einen Koffer mit 2 Millionen Dollar in bar dabei, um sich aus eventuellen Schwierigkeiten rauszukaufen. Der Untersuchungsausschuss berechnete später die Umsätze allein aus der „Iran-Contra“-Operation auf 80 Milliarden US-Dollar. Und die „Contra-Sache“ war auch die Drohung, mit dem Seal seinem heimlichen Chef Bush einheizte. Das Foto, mit dem Ronald Reagan vor der Weltpresse seinen Nicaragua-Feldzug gerechtfertigt hatte – es zeigte einen Funktionär der regierenden Sandinista-Partei beim Beladen eines Kokaintransports – war von Barry Seal arrangiert und gemacht worden.

Im Auftrag der Firma

Die „smoking gun“ allerdings, den Beweis, dass es sich bei diesem Barry Seal nicht um einen kleinen „Special Op“-Agenten, sondern gleichsam um den Phänotypen eines Feldoffiziers und Frontmanns der verdeckten Kriegsführung und des „Dealing with the Enemy“ handelt, lieferte ein ganz anderes Foto. Seiner Witwe Debbie Seal gelang es, die Aufnahme wie auch die Notizbücher ihres ermordeten Mannes vor dem „Cleaning“ seiner Unterlagen durch FBI und CIA zu retten und stellte beides Daniel Hopsicker zur Auswertung zur Verfügung.

 

bwDas Foto, aufgenommen 1963, zeigt Barry Seal mit neun weiteren Männern in Partylaune am Tisch eines Nightclubs in Mexico City – und die Kollegen, mit denen Seal da feierte, stellen nicht nur eine Art „Who is Who“ der amerikanischen Geheimpolitik dar, sie beweisen vor allem, dass der „frühere Drogen- und Waffenschmuggler“ Barry Seal schon seit Anfang der 60er Jahre im Auftrag der „Firma“ unterwegs war. Vorne links auf dem Bild lacht Felix Rodriguez in die Kamera, einer der berüchtigsten CIA-Killer, auf dessen langer Liste von Morden auch der von Che Guevara in Bolivien steht. Ihm gegenüber, das Gesicht halb verdeckt, sitzt Frank Sturgis, beteiligt unter anderem an der Schweinebucht-Invasion und später einer der überführten Watergate-Einbrecher. Vor seinem Tod soll er einigen Forschern zufolge einem Kardinal der katholischen Kirche ein schriftliches Geständnis über seine Beteiligung am Kennedy-Mord hinterlassen haben.

 

Neben ihm sitzt William Seymour, der in nahezu jedem Buch über den Kennedy-Anschlag eine wichtige Rolle spielt. Seit den 50er Jahren rekrutierte er Piloten für die CIA, darunter auch den jungen Mann, den Barry Seal in einem Trainingslager der „Civil Air Patrol“ 1955 kennenlernt: Lee Harvey Oswald. Oswald ist später für die Schüsse auf Kennedy verurteilt worden. Hätte ein Foto wie dieses damals dem Gericht und der Untersuchungskommission vorgelegen, die „One Bullet“-Legende des „kommunistischen“ Einzeltäters Oswald wäre so nie in die Geschichtsbücher eingegangen. Vielmehr wäre die Tat eines klandestinen Kommandos des US-Geheimdiensts ruchbar geworden, für den Präsident Kennedy zum Hassobjekt Nr. 1 geworden war, weil er nach ihrer para-militärischen Schweinebucht-Invasion den großen militärischen Angriff auf Kuba verweigert hatte.

 

Die ersten Waffen, die Barry Ende der 50er Jahre nach Kuba geflogen hatten, waren noch an die Bewegung eines jungen Rechtsanwalts und Aktivisten adressiert, der sich gegen den damaligen Diktator Batista auflehnte: Fidel Castro. Dieser eroberte dann, bestens ausgerüstet aus den USA, zwar die Macht in Kuba, mutierte aber von Stund an vom netten zum gottverdammten Hurensohn, gegen den man nun rechte Guerilleros aufrüstete – und sich dafür mit der aus Havanna verjagten Casino- und Prostitutions-Mafia verbündete. So waren Barry und die Boys von Anfang an nicht nur ganz oben bestens connected – der Che-Guevara-Killer Rodriguez bekundete später, er sei 1961 für die CIA „von einem Typ namens Bush“ rekrutiert worden – sie hatten auch hervorragende Kontakte zur Unterwelt, die sich vor allem Anfang der 80er Jahre als nützlich erweisen sollten, als monatlich bis zu 2.000 Kilo Kokain distribuiert werden mussten.

 

Dass durch diese Schwemme kein Preisverfall für den gewinnbringenden Stoff eintrat, dafür traf Regierungschef Reagan umgehend Sorge, indem er den internationalen „War on Drugs“ ausrief und durch verschärfte Verfolgung und Aufrüstung der Drogenpolizei die Handelsmargen weiter garantierte. Während der Konkurrenz so das Leben schwer gemacht wurde, brachte ein Kilo Kokain, für das Seal bei den Produzenten 2000 Dollar zahlte, im Endverkauf auch weiterhin mindestens das 100-Fache und sicherte so den Etat für die inoffizielle Außenpolitik besser und leichter als jedes andere Handelsprodukt. Die Bargeldmengen, die Barry und seine Piloten in dieser Zeit verschoben waren zu groß, um noch gezählt zu werden – sie wurden sackweise gewogen und in Lagerhäusern deponiert.

Moralvorstellungen verletzt

Die Iran-Contra-Affäre war ein politischer Skandal während der Amtszeit von US-Präsident Ronald Reagan. Von der Reagan-Regierung wurden Einnahmen aus geheimen Waffenverkäufen an den Iran an die rechtsgerichtete Guerilla-Bewegung der Contras in Nicaragua weitergeleitet, um sie bei demContra-Krieg gegen die sandinistische Regierung zu unterstützen. Zum einen war die Unterstützung der Contras ein klarer Verstoß gegen einen entsprechenden US-Kongressbeschluss(Boland- Amendment), zum anderen war das Geld ursprünglich zum Freikauf US-amerikanischer Geiseln im Libanon vorgesehen. Im Zeitraum vom 20.
August 1985 bis zum 28. Oktober 1986 wurden insgesamt 2.515 TOW-Systeme sowie 258 HAWK-Systeme bzw. deren Teile, auch via Israel, an den Iran geliefert. Die Transporte wurden überwiegend von zivilen Fluggesellschaften, wie beispielsweise Southern Air Transport oder St. Lucia Air ways, ausgeführt.

So abgrundtief derlei Geschäfte unsere kategorischen Vorstellungen von Moral verletzen – aus der Perspektive der Macht ist der Deal mit dem Feind, das Handeln mit dem Teufel (und dem Teufelszeug) nichts Verwerfliches, solange sie dem Erhalt der Macht und der Ausweitung der Souveränität des Machthabers dienen. Von Machiavelli über Carl Schmitt bis zu Leo Strauss – dem ideologischen Ziehvater der amtierenden Bush-Falken – zieht sich eine Linie der philosophischen Begründungen für eine solche Machtpolitik; und von den Philippinen 1899 über den Sieg im 2.Weltkrieg und im Kalten Krieg 1989 bis heute die Linie eines unglaublichen praktischen Erfolgs: der Aufstieg der Vereinigten Staaten zur einzigen Weltmacht.

 

Auch wenn die Methoden, die dabei angewendet wurden, nicht sauber waren und der Kollateralschaden beträchtlich ist – durch Ziehsöhne wie Hitler, Saddam, Bin Laden (Pinochet, Noriega & zwei Dutzend Militärdiktatoren weltweit nicht zu vergessen) sowie die Heroin,- Kokain,- und Crack-Wellen -, wäre es naiv zu glauben, diese Methoden seien deshalb jetzt obsolet. Umso wichtiger scheint es, sie nicht länger mit der billigen Parole „Verschwörungstheorie“ vom Tisch zu wischen, sondern sie zu studieren und zu erforschen.

 

Die Geschichte von Barry Seal zeigt diese verborgene Politik wie in einer Nussschale. Die zehn Männer auf dem Foto von 1963 – die Agenten der „Operation 40“ der CIA – haben die amerikanische Politik und die Weltgeschichte der letzten Jahrzehnte praktischer und massiver beeinflusst als alle in den „Jahrhundertchroniken“ abgebildeten öffentlichen Figuren. Als Barry seinem Anwalt die Telefonnummer des amtierenden Vizepräsidenten zuschob, war das keine Hochstapelei – Bush hatte mehr als einen Grund, vor diesem Agenten zu zittern.

 

Die Kolumbianer, die Barry Seal auf einem Parkplatz in seiner Heimatstadt Baton Rouge erschossen, sagten vor Gericht aus, sie hätten erst nach ihrer Ankunft in USA telefonische Instruktionen über Opfer und Ort ihres Jobs erhalten. Der Kontaktmann, der ihnen die Anweisungen gab, hätte seinen Namen nicht genannt, sich aber als Offizier der US-Armee bezeichnet. Die Anwälte und viele Kenner des Falls sind überzeugt, dass es sich dabei nur um Oliver North gehandelt haben kann, doch bewiesen wurde das nicht. Als North im Scheinwerferlicht vor dem „Iran-Contra“-Untersuchungsausschuss die Hand zum Eid hob, tönten zwar laute Zwischenrufe von den Zuschauerrängen: „Fragt nach dem Kokain! Fragt nach dem Kokain!“ Die Frage wurde aber nicht gestellt. Ollie North hat heute eine Talkshow und moderierte den Irak-Feldzug für den Propagandasender „Fox News“. Das Business aber läuft weiter – aus dem frisch „befreiten“ Afghanistan melden die Agenturen soeben eine der größten Opiumernten aller Zeiten; Barry Seals Nachfolger haben wieder reichlich zu fliegen.

Schatten in die Zukunft

„Mein Sohn hat mich 24 Stunden und 48 Stunden nach dem Unglück [11. september 2001, red] angerufen, zweimal für je eine Minute“, sagt der Vater. Was das bedeutet? „Er ist entführt worden. Die Leute vom Mossad haben ihn den Anruf machen lassen und mit Waffen bedroht. Ich schließe nicht mehr aus, dass er liquidiert wurde” Mohammed Atta, Vater der vermutlichen Todespilot vom 11. September, im Gespräch mit – Der Spiegel 1.10.2001 –

Doch nicht nur was den Drogenhandel betrifft wirft diese dunkle Seite der US-Politik ihren Schatten weiterhin in die Zukunft. Auch die Hintermänner der Terroranschläge des 11.9. entstammen aller Wahrscheinlichkeit nach diesem Sumpf von „Special Operations“, denn die Attacken auf WTC und Pentagon – soviel ist nach zwei Jahren ostentativer Nichtermittlung deutlich geworden – wären als autonome Tat von Osama und den 19 Räubern gar nicht durchführbar gewesen. Ohne aktive logistische Unterstützung aus Kreisen der Geheimdienste und des Militärs hätte dieser 11.9. die Welt nicht erschüttert – und eben diese „Amtshilfe“ für Atta & Co. dürfte auch der Grund sein, warum nach fast zwei Jahren noch kein einziges Ermittlungsergebnis vorliegt.

 

Der hartnäckige Rechercheur Daniel Hopsicker freilich fühlte sich direkt in die Welt von Barry Seal zurückversetzt, als er ab September 2001 in Florida das Umfeld der „Terrorpiloten“ unter die Lupe nahm: Flugschulen, die einem Netz von Tarnfirmen gehören; Flughäfen, auf die die lokale Polizei keinen Zugriff hat; Fluggesellschaften, die kein einziges Ticket verkaufen und nur dadurch auffallen, dass sie Gouverneur Jeb Bush im Wahlkampf zur Verfügung stehen und eine ihrer Leihmaschinen zum Kokainschmuggel benutzt wird.

 

„Mein Sohn hat mich 24 Stunden und 48 Stunden nach dem Unglück [11. september 2001, red] angerufen, zweimal für je eine Minute“, sagt der Vater. Was das bedeutet? „Er ist entführt worden. Die Leute vom Mossad haben ihn den Anruf machen lassen und mit Waffen bedroht. Ich schließe nicht mehr aus, dass er liquidiert wurde” Mohammed Atta, Vater der vermutlichen Todespilot vom 11. September, im Gespräch mit – Der Spiegel 1.10.2001 –

 

Und mittendrin ein Mohammed Atta, der in den Zeugenaussagen seiner Vermieter, Fluglehrer, Autovermieter, Kellner und weiterer Kontaktpersonen wie ausgewechselt scheint. Nicht ein „islamistischer“ Fanatiker, sondern ein durchaus säkularer junger Mann tritt uns hier entgegen: er wohnt bei seiner Freundin, die pinkfarbene Haare trägt und in einer Bar jobbt, trinkt Wodka und hört „Beastie Boys“. Daniel Hopsicker, der für NBC viele Fernsehsendungen produziert hat, konnte seinen Dokumentarfilm über diesen Doppelagenten Atta und die dubiosen Hintergründe der Flugschulen, an denen die Hijacker ausgebildet wurden, in keinem der großen TV-Sender unterbringen.

 

Auch das dreistündige Interview mit Attas Freundin Amanda Keller, der das FBI nach dem 11.9. dringend unterzutauchen riet und die seitdem verschwunden ist, blieb bisher ungesendet. Müßte sich nicht aber nicht zumindest die „Yellow Press“ um Originalinterviews mit der „Braut des 9-11-Terrorchefs“ geradezu reißen? In dem Moment, in dem klar wird, dass alles auf die CIA im Hinter- grund hinausläuft, so Hopsicker, „machen alle Kanäle zu“.

Dieser Text ist zuerst erschiene auf Heise.de unter der Überschrift „Der Handel mit dem Feind“ am 24.07.2003: http://www.heise.de/tp/artikel/15/15280/1.html

.

Profilbild von Mathias Bröckers

Mathias Bröckers

geboren 1954 ist ein deutscher freier Journalist, der vor allem für die taz und Telepolis schreibt. Ab 2001 hat er mehrere Bücher über den 11. September geschrieben.


Hat Ihnen der Artikel gefallen?
FREE21 steht für nicht embeddeter, crowdfinanzierter Journalismus. Helfen Sie uns noch besser zu werden und unterstützen Sie uns! Jeder Euro fließt in die unabhängige journalistische Arbeit.
einmalig
Spenden
.
Jetzt fördern
Mitglied werden!
.
Magazin
.
Überweisung
GLS Bank
Kontoinhaber:
Verein zur Förderung unabhängiger journalistischer Berichterstattung e.V.
IBAN: x-2100
Name der Bank: GLS Gemeinschaftsbank eG
BIC: GENODEM1GLS
Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar