75 Jahre danach:
20 Okt 2020
Die Entscheidung zum Atom-Angriff auf Japan und die Geburt des Kalten Krieges
Der Leiter des Manhattan-Projekts sagte: „Zweck des gesamten Projekts war es, die Russen zu unterwerfen“, schreibt Scott Ritter in diesem Auszug aus seinem Buch „Scorpion King“.
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Die Truman-Kabinett-Sitzung am 10.8.1945, dem Tag nach dem Atombombenabwurf auf Nagasaki. (Abbie Rowe/Truman-Bibliothek)

Dieser Text wurde zuerst am 5.08.2020 auf consortiumnews.com unter der URL <https://consortiumnews.com/2020/08/05/atomic-bombings-at-75-the-decision-to-drop-the-bomb-on-japan-and-the-genesis-of-the-cold-war/> veröffentlicht. Lizenz: Scott Ritter, CC BY-NC-ND 4.0

 

Die Vielzahl der Generäle, Admiräle und hohen Regierungsbeamten, die an jenem Nachmittag des 18. Juni im Kabinettsraum des Weißen Hauses zusammentrafen, war selbst für die Verhältnisse einer Hauptstadt in Kriegszeiten beeindruckend. Nur einer jedoch konnte von sich behaupten, dort auch zu wohnen – der gerade vereidigte Präsident der Vereinigten Staaten, Harry S. Truman.
Als Veteran des Ersten Weltkriegs und langjähriger demokratischer Senator des Bundesstaates Missouri war Truman ein ungewöhnlicher Kandidat für das Amt, das er nun innehatte. Als Kompromisskandidat für das Amt des Vizepräsidenten im Jahre 1944 war Truman kein enger Vertrauter von Präsident Franklin D. Roosevelt. In der Tat hatte er wenig Einblick in Roosevelts Gedanken über die Nachkriegsbeziehungen zur Sowjetunion und keine Kenntnis von der Existenz eines großen Programms – des Manhattan-Projekts – zur Herstellung einer Atombombe.


In einer Reihe von Treffen, die kurz nach seiner Vereidigung als Präsident abgehalten wurden, überwand Truman dieses Defizit und hielt an dem Versprechen fest, sich so eng wie möglich an die von Präsident Roosevelt vorgegebenen politischen Leitlinien zu halten. Einiges musste der neue Präsident jedoch selbst entscheiden, weshalb er die Sitzung im Kabinettssaal einberufen hatte [1].
Zu Truman stieß General George Catlett Marshall, der angesehene 64-jährige Stabschef der U.S. Army. Neben der Bewältigung der Probleme im Zusammenhang mit der Führung eines globalen Krieges war General Marshall auch Mitglied eines hochrangigen Ausschusses (der im Oktober 1941 gebildeten „Top Policy Group“), der die Bemühungen der Vereinigten Staaten um den Bau einer Atombombe beaufsichtigte.


Marshall hatte die meisten alltäglichen Entscheidungen über das Atombombenprogramm in den Händen von Generalmajor Leslie Groves belassen. Seine eigene Rolle hatte er eher darauf beschränkt, sicher zu stellen, dass der Kongress das Projekt weiterhin finanziell unterstützte und weniger darauf, welche Politik zu einem Atomwaffeneinsatz gemacht wurde.


Noch am 31. Mai 1945 hatte Marshall vor versammelten Atombombenwissenschaftlern, Verwaltungsbeamten und politischen Entscheidungsträgern die Meinung vertreten, die Vereinigten Staaten hätten in jeder Hinsicht nach dem Krieg eine stärkere Position inne, wenn sie den Einsatz einer Atombombe gegen die Japaner vermeiden würden. Er empfahl den Vereinigten Staaten auch, die Sowjetunion zur Teilnahme an Tests der Atombombe einzuladen.


Die Mehrheit der Anwesenden entschied sich gegen Marshall, einschließlich des künftigen Außenministers James Byrnes. Dieser befürchtete, dass die Vereinigten Staaten ihren Vorsprung gegenüber den Sowjets im Atomwettstreit verlieren würden, falls die Russen durch derartige Zusammenarbeit de facto zu einem Partner würden. Jedenfalls betrachtete Marshall jede Entscheidung für oder gegen einen Atomwaffeneinsatz – angesichts dessen verheerender Folgen – als reine Politik, die außerhalb des Militärs stattzufinden hätte.

 


Barbarisch: Atombomben-Einsätze auf zivile Ziele


Zu Marshall stießen zwei hochrangige Marineoffiziere, Flottenadmiral Ernest J. King - Kommandeur der US-Flotte und Chef der Marineoperationen (die einzige Person, die jemals ein solches gemeinsames Kommando innehatte) - und Admiral William Leahy, der 70-jährige Stabschef des Oberbefehlshabers der US Army und Navy. Admiral King war ein schroffer, trinkfester Mann, der es laut missbilligte, wenn ein Einsatz amerikanischer Ressourcen nicht den Zweck verfolgte, die Japaner völlig zu vernichten.


Im Gegensatz zu King war Admiral Leahy ein Befürworter der Vermeidung eines Blutbads im Kampf gegen die Japaner. Er begrüßte die Idee einer ausgehandelten Kapitulation, indem man den Druck einer Wirtschaftsblockade der japanischen Inseln mit konventionellen Bombardements aus der Luft kombinierte. Leahy war gegen jeden Einsatz der Atombombe gegen zivile Ziele – ein Konzept, das er als „barbarisch“ betrachtete.

 


Generalleutnant Ira C. Eaker, Titelbild des LIFE Magazine vom 29.11.1943 (public doman)


Die Luftwaffe der Armee wurde durch Generalleutnant Ira C. Eaker vertreten. General Eaker hatte die strategische Bombardierung fast im Alleingang zu einer akzeptierten Praxis gemacht: Als Kommandeur der 8. Luftwaffe in Europa überzeugte er den britischen Premierminister Winston Churchill davon, die umstrittene Strategie fortzusetzen. Er merkte an, „Bombardierungen rund um die Uhr“ würden die „Hunnen für Landinvasion und Tötung weich machen“.


Ira Eaker vertrat den extravaganten Stabschef der U.S. Army Air Force, General Henry Harley „Hap“ Arnold. Abgesehen von gesundheitlichen Einschränkungen war General Arnold ein unerschrockener Befürworter strategischer Bombardierungen und hatte die Army Air Force durch bloße Willenskraft dazu gebracht, massive Luftangriffe sowohl gegen Deutschland als auch gegen Japan durchzuführen.


Wie Arnold hütete auch General Eaker das Geheimnis, dass ein B-29-„Superfortress“-Bomber der 20. Luftwaffe die Atombombe zu einem japanischen Ziel bringen würde, falls der Präsident ihren Einsatz befahl.


Die Teilnehmer des Treffens wurden von einem Trio von Zivilisten vervollständigt. Mit 78 Jahren war Kriegsminister Henry L. Stimson bei weitem der älteste Anwesende. Wie General Marshall war Stimson Mitglied der Top Policy Group, welche das Atombombenprojekt beaufsichtigte. Stimson war der erste Beamte, der Präsident Truman am 25. April 1945 von der Existenz der Atombombe informierte.


Bei diesem Treffen warnte Stimson Truman, dass „bezüglich dieser Waffe die Frage, ob und falls ja, unter welchen Bedingungen, sie mit anderen Nationen zu teilen sei zu einer vorrangigen Frage unserer Außenbeziehungen wird. Außerdem wird uns durch unsere Führungsrolle im Krieg und bei der Entwicklung dieser Waffe eine gewisse, unausweichliche, moralische Verantwortung für jede Katastrophe für die Zivilisation auferlegt, die dadurch gefördert würde“.


Von diesem Treffen an bildete Sekretär Stimson auf Ersuchen Trumans den „Interimsausschuss“, dessen Zweck es war, den Präsidenten über den Nutzen des Einsatzes der Atombombe zu beraten. Der Bericht des Interimsausschusses, der am 1. Juni 1945 vorgelegt wurde, sprach sich nachdrücklich für den Einsatz der Atombombe gegen die Japaner aus. Im Gegensatz zu General Marshall, der ebenfalls an den Sitzungen des Interimsausschusses teilnahm, unterstützte Stimson diese Entscheidung.


Marineminister James Forrestal war ebenfalls Mitglied des Interimsausschusses. Im Gegensatz zu Stimson war der Marinesekretär jedoch der Ansicht, dass die Vereinigten Staaten alle Alternativen zum Abwurf der Atombombe ausschöpfen sollten, um Japan zur Kapitulation zu bewegen. Forrestals Ansichten waren mehr von seiner starken antikommunistischen Position geprägt als von etwaigen Moralbedenken gegenüber dem Atombombeneinsatz. Er glaubte fest daran, dass falls eine gesichtswahrende Methode gefunden würde, Japan zur Kapitulation zu bewegen, die geopolitische Lage im Pazifik sich stabilisierte, bevor die Sowjetunion ihre Ressourcen von Europa weg verlagern könnte.

 


McCloy‘s Vorschlag

 



John J. McCloy, stellvertretender Kriegsminister (Mitte), kam am 15. Juli 1945 auf dem Flughafen Gatow in Berlin an, um an der Potsdamer Konferenz teilzunehmen. (Quelle: U.S. Nationalarchive, public domain)


Begleitet wurde Stimson und Forrestal von dem Junior-Zivilisten John J. McCloy, Assistant Secretary of War. McCloy war ein schwieriger Mensch. McCloy, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, war Rechtsberater des deutschen Chemieunternehmens I. G. Farben. Seine Verbindungen zu Deutschland führten dazu, dass er mit dem Aufstieg Adolf Hitlers sympathisierte, mit dem McCloy 1936 zusammensitzend bei den Olympischen Spielen in Berlin fotografiert wurde. Sein Status als Rechtsanwalt und Manager führte jedoch 1941 zu seiner Ernennung zum stellvertretenden Kriegsminister.


Während des größten Teils des Treffens rangen Präsident Truman und seine Militärchefs mit der Entscheidung, in Japan einzumarschieren. Die Schlacht um Okinawa wütete noch immer, und die US-Streitkräfte dort mussten Verluste von über 35 Prozent hinnehmen. Wenn diese Statistik für die erste Invasion Japans, einen Angriff auf die südliche Insel Kyushu, zutraf, dann konnten die Vereinigten Staaten damit rechnen, etwa 268.000 der 766.000 Soldaten zu verlieren, die für diese Operation vorgesehen waren. Diese Statistiken fanden beim Präsidenten Anklang, der die Invasion Japans schweren Herzens genehmigte.


McCloy hatte während der Beratungen über die Invasion Japans geschwiegen. Truman, der McCloy durch seine Senatsarbeit zu wirtschaftlicher Verschwendung in Kriegszeiten kannte, wandte sich an den stillen Berater und bat ihn um seine Meinung zu diesen Fragen, insbesondere, ob McCloy eine Alternative zur Invasion Japans sah. McCloy antwortete mit der Bemerkung, dass die Teilnehmer des Treffens „die Köpfe untersuchen lassen sollten“, wenn sie keine andere Alternative als einen weiteren Inselangriff zur Beendigung des Krieges mit Japan herausfänden.


Truman forderte McCloy auf, sich zu erklären, und McCloy tat dies, indem er eine diplomatische Lösung gegenüber dem klassischen militärischen Endspiel der „bedingungslosen Kapitulation“ hervorhob: „Wir teilen der japanische Regierung die Bedingungen, mit denen wir uns zufrieden geben, mit.“, sagte McCloy dem Präsidenten, „dann verwenden wir nicht nochmal den Begriff ,bedingungslose Kapitulation‘, aber es wäre eine Kapitulation, mit der wir alle wichtigen Dinge, für die wir kämpfen, bekämen. Wenn wir unsere Ziele ohne weiteres Blutvergießen erreichen könnten, warum sollten wir dann nicht versuchen, dies zu tun?”


McCloy beschwor den Präsidenten, die Japaner an die überwältigende militärische Überlegenheit Amerikas erinnern. Er schlug auch vor, dass die Vereinigten Staaten eine gewisse Flexibilität zeigen sollten, wenn es darum ging, den Japanern zu gestatten, ihre traditionelle Regierungsform einschließlich der Institution des Kaisers beizubehalten.


Dann sagte John McCloy etwas, das alle im Saal verblüffte: Warum sollte man den Japanern nicht sagen, dass Amerika die Atombombe hat? Wenn Japan angesichts der überwältigenden militärischen Überlegenheit und eines diplomatischen Zugeständnisses in der Frage des Kaisers nicht kapitulieren würde, dann würden sie sicherlich kapitulieren, wohl wissend, dass die Vereinigten Staaten die Mittel und den Willen haben, ihre Städte mit dieser neuen, schrecklichen Waffe zu zerstören.


McCloy veranlasste Präsident Truman, seine diplomatischen Konzepte vom stellvertretenden Kriegsminister dem Außenministerium zur Prüfung durch den designierten Staatssekretär James Byrnes vorlegen zu lassen. McCloy wollte eine Invasion Japans und der Abwurf der Atombombe auf Japan vermeiden. Aber Byrnes hatte außer Japan noch andere Sorgen. Im Mai 1945 traf sich Byrnes, der auf seine formelle Ernennung zum Staatssekretär wartete, mit einem der Physiker des Manhattan-Projekts, dem in Ungarn geborenen Leo Szilard.

 


Die Demonstration der militärischen Macht der USA sollte Russland beeindrucken


Laut Szilard war Byrnes sehr besorgt über die Rolle der Sowjetunion nach dem Kriege. Die massiven Armeen der Sowjets waren bereits nach Osteuropa eingedrungen, und Amerika stand vor der schwierigen Aufgabe, herauszufinden, wie es die Sowjets nach der Niederlage Hitlers aus Osteuropa heraus kriegen konnte. Byrnes sagte Szilard, dass Russland leichter zu beherrschen sei, wenn es von der amerikanischen Militärmacht beeindruckt wäre, und dass eine Demonstration der Bombe Russland beeindrucken könnte“.


Byrnes konzentrierte sich mehr auf die Eindämmung der Sowjetunion als auf die Niederlage Japans und lehnte McCloy‘s Vorschläge ab, wie in Bezug auf die Atombombe am besten vorzugehen sei. Deutschland hatte kapituliert, und Japan stand kurz vor einer ähnlichen Kapitulation. Amerikas drohendes Problem war Russland, und Byrnes wollte die Atombombe im Ärmel haben, als er den Präsidenten in dieser Angelegenheit beriet.


James Byrnes wurde am 3. Juli 1945 zum Außenminister ernannt. Seine erste große Aufgabe bestand darin, Präsident Truman auf den bevorstehenden Potsdamer Gipfel vorzubereiten. Japan war nicht das erste Thema, das ihm durch den Kopf ging, sondern Russland. Die grundsätzliche Entscheidung, ob eine Atombombe auf Japan abgeworfen werden sollte, war bereits Anfang Juli 1945 getroffen worden, bevor Byrnes als Außenminister vereidigt wurde.


McCloy war es nicht gelungen, den Präsidenten von diesem Vorgehen abzubringen. Auf einer Sitzung des Interimsausschusses am 6. Juli 1945 wurde festgestellt, dass die Frage der Erörterung der Existenz einer Atombombe auf dem bevorstehenden Treffen der „Big 3“ angesichts der kurzen Zeitspanne zwischen diesem Treffen und dem tatsächlichen Einsatz der Waffe besonders dringlich war. Nach der Denkweise der Amerikaner spielte die Atombombe eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Nachkriegswelt, die in Potsdam geplant wurde.


Eine Unterströmung, die im Sommer 1945, unbemerkt von vielen modernen Beobachtern, die Stimmung der ganzen Nation überschwemmte, war eine nationale Erschöpfung. Der nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 ausgeübte Druck des Kongresses führte nicht nur dazu, dass 450.000 Soldaten im europäischen Raum abgezogen wurden, während im Pazifik Krieg tobte, sondern auch dazu, dass weitere 30.000 Soldaten im Pazifik abgezogen wurden. Amerika hatte sowohl Mühe, den Kurs gegen Japan beizubehalten, als auch, sich so zu positionieren, dass es die Sowjetunion in einer Nachkriegswelt eindämmen und kontrollieren konnte.


Erst das Geheimnis der Atombombe veränderte das Kalkül der globalen Machtdiplomatie.


McCloy und diejenigen, die am 18. Juni 1945 im Weißen Haus versammelt waren, waren nicht die Einzigen in Amerika, die über das Atombombenprojekt und seine Auswirkungen auf eine Welt im Krieg besorgt waren. In Los Alamos, dem Geburtsort der Atombombe, waren viele Wissenschaftler des Manhattan-Projekts ebenfalls zunehmend beunruhigt über die schreckliche Waffe, die sie bauten, um sie auf ein ahnungsloses Volk loszulassen.

 


Die vordere Kappe der Fat Man-Bombe, wurde vor dem Einsatz auf der Insel Tinian (vor dem Versammlungsgebäude Nr. 2) mit Plastikfarbe besprüht. (U.S.-Nationalarchiv, public domain)


Bereits im März 1944 kamen diese Wissenschaftler in ihrer geheimen Operationsbasis zu informellen geselligen Zusammenkünften zusammen, bei denen die Frage erörtert wurde, wie diese neue und schreckliche Technologie am besten zu nutzen sei. An einem solchen Treffen nahm der Militärchef des Manhattan-Projekts, General Groves, teil.

 


Der Franck-Bericht

Nach einem Abendessen mit dem Leiter der britischen Mission in Los Alamos, James Chadwick, und Joseph Rotblat, einem jungen britischen Physiker (und künftiger Gründer der Abrüstungskonferenzen von Pugwash, die ihm 1995 den Friedensnobelpreis einbrachten), legte Groves seine Ansichten über das Nachkriegseuropa dar. Laut Rotblats Erinnerung teilte Groves den beiden Briten mit, dass „der ganze Zweck des Projekts darin bestünde, die Russen zu unterwerfen“.


Rotblat war nicht der einzige am Manhattan-Projekt beteiligte Wissenschaftler, der über eine reale Atombombe besorgt war. An der Universität von Chicago, wo Enrico Fermi zum ersten Mal eine Spaltungsreaktion erzeugte, bildeten die „Chicago Scientists“ mehrere Ausschüsse, um die Auswirkungen einer Atombombe zu untersuchen.


Eines dieser Komitees, das Komitee für soziale und politische Auswirkungen unter dem Vorsitz von James Franck, einem deutschen Juden, der der Kontrolle der Regierung über die Wissenschaft misstraute, veröffentlichte im Juni 1945 einen Bericht, der als „Franck-Bericht“ bekannt wurde und in dem die Folgen einer Politik, die zu einem atomaren Wettrüsten führten, detailliert beschrieben wurden.


Der Franck-Bericht warnte davor, die Atombombe als ein mögliches Druckmittel gegen die Sowjetunion zu betrachten, und betonte, dass die Vereinigten Staaten „nicht hoffen können, einen atomaren Rüstungswettlauf zu vermeiden, weder indem sie den konkurrierenden Nationen die grundlegenden wissenschaftlichen Fakten der Atomkraft verschweigen, noch indem sie die für einen solchen Wettlauf erforderlichen Rohstoffe in die Enge treiben...


„... Wenn kein effizientes internationales Abkommen erzielt wird, wird der Wettlauf der atomaren Rüstung spätestens am Morgen nach unserer ersten Demonstration der Existenz von Atomwaffen ernsthaft beginnen.“ (Franck-Bericht, Juni 1945)

 

Eine Gedenktafel am Ort des Trinity-Kerntests am 16. Juli 1945

 

 

Leider waren die Würfel für die Chicagoer Wissenschaftler bereits gefallen. Am 16. Juli 1945 um 5.45 Uhr morgens ereignete sich an einem abgelegenen Wüstenort in der Nähe von Alamogordo, New Mexico, die erste Atomexplosion der Welt. „Trinity“, wie der Test der Plutoniumkern-Implosionsvorrichtung genannt wurde, bewies die Tragfähigkeit des Atombombenkonzepts und veränderte damit die Welt für immer.


Präsident Truman befand sich zum Zeitpunkt des Trinity-Kerntests bereits in Potsdam und wartete auf das Gipfeltreffen mit Joseph Stalin und den Briten (Winston Churchill war zunächst in Potsdam anwesend, wurde aber angesichts des Sieges von Clement Atlee bei den britischen Parlamentswahlen im Juli durch letzteren am 27. Juli 1945 ersetzt). Die Potsdamer Konferenz sollte sich in erster Linie mit der Frage des Nachkriegseuropa befassen, insbesondere mit der Frage, wie man am besten mit einem besiegten Deutschland umgeht und wie sich der Wiederaufbau Europas als Ganzes am besten steuern ließe.

 


Im Vordergrund von links nach rechts: Josef Stalin, Präsident Harry S. Truman, Andrej Gromyko, Staatssekretär James F. Byrnes und Vacheslav Molotov. Im Hintergrund: Militärhilfegeneral Harry H. Vaughan (links im Anschnitt), Pressesekretär Charles G. Ross (hinter Andrej Gromyko) und weitere Personen. Sie befinden sich im Kleinen Weißen Haus, der Residenz von Präsident Truman während der Potsdamer Konferenz. (Truman-Bibliothek, public domain)


Am 17. Juli legten Stalin und Truman bei ihrem ersten Treffen ihre jeweiligen Positionen dar. Truman war nicht glücklich über die harte Haltung des sowjetischen Führers gegenüber Polen und anderen osteuropäischen Ländern, doch ihn erfreute, was er als sein eigenes „Dynamit“-Geheimnis bezeichnete - die Atombombe (Truman war am 16. Juli über Trinity informiert worden). Truman begrüßte zunächst die Entscheidung Russlands, am 15. August in den Krieg gegen Japan einzutreten, aber am Ende der Konferenz hoffte der Präsident, dass der Einsatz der Atombombe gegen Japan die Japaner zur Kapitulation zwingen könnte, bevor die Russen eine Landnahme in Asien einleiten konnten, die mit jener, in Europa stattfindenden, konkurrierte.


Am 24. Juli erwähnte Truman gegenüber Stalin ganz beiläufig, dass die Vereinigten Staaten „eine neue Waffe von ungewöhnlicher Zerstörungskraft“ hätten. Laut Truman „zeigte der russische Premierminister kein besonderes Interesse. Er sagte nur, dass er froh sei, das zu hören und hoffe, dass wir ‚guten Gebrauch davon gegen die Japaner machen würden‘.“ Für Truman und diejenigen, die diesen Austausch aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien beobachteten, schien es, dass Stalin die Ungeheuerlichkeit dessen, was Truman ihm mitgeteilt hatte, nicht begriff.

 


Ein sowjetisches Bomben-Projekt?


Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ungeachtet des Wunsches der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, das Geheimnis der Atombombe vor Stalin und den Russen während des Zweiten Weltkriegs zu wahren, ist es eine belegbare Tatsache, dass die Sowjets nur allzu gut wussten, was in den geheimen Waffen-Fabriken der Vereinigten Staaten und Großbritanniens vor sich ging.


Bereits 1942 hatte der sowjetische Geheimdienst von der Existenz des amerikanischen Atomwaffenprogramms Kenntnis erhalten. Mit dieser Information bewaffnet, konnte Levrenti Beria, Stalins skrupelloser Geheimdienst- und Sicherheitschef, Stalin davon überzeugen, dass Russland einen eigenen Weg zur Beschaffung der Atombombe einschlagen müsse.


Im September 1942 stimmte Stalin zu, und ein handverlesenes Team sowjetischer Physiker unter der Leitung von Igor Kurtschatow machte sich daran, das russische Äquivalent zu Los Alamos in einem verlassenen Kloster außerhalb der Stadt Sarow zu errichten, das nur durch seine Postleitzahl Arzamas-16 bekannt werden sollte.


Unmittelbar nach seiner Rückkehr in sein Quartier im Anschluss an sein Gespräch mit Truman rief Stalin Außenminister Wjatscheslaw Molotow und Marschall Georgi Schukow zusammen und informierte sie über das, was Truman gesagt hatte. Weit davon entfernt, Truman falsch verstanden zu haben, sprach Stalin von der Atombombe und schickte Kurtschatow die Anweisung, „die Dinge zu beschleunigen“. Aufgrund der Arbeit des sowjetischen Geheimdienstes wusste Stalin, dass die Vereinigten Staaten nur eine oder zwei Atombomben in ihrem Besitz hatten. Doch selbst dieses begrenzte Arsenal war für den sowjetischen Führer Grund zur Besorgnis.

 


Igor Kurchatov als Mitarbeiter des Radium-Instituts in St. Petersburg. (Foto: unbekannt, wikipedia.org, gemeinfrei)


Am 25. Juli, dem Tag nach seinem Gespräch mit Stalin, unterzeichnete Präsident Truman die endgültige Entscheidung, die Atombombe auf Japan abzuwerfen. Am 6. August 1945 warf die B-29 Superfortress mit dem Spitznamen Enola Gay ihre tödliche Fracht über der japanischen Stadt Hiroshima ab, wobei sie unmittelbar Zehntausende Japaner, meist Zivilisten, tötete und das Zeitalter der atomaren Vernichtung einleitete.


Stalin, der befürchtete, dass die Vereinigten Staaten versuchen würden, ihr atomares Monopol zu nutzen, um die sowjetischen Optionen im Nachkriegsasien einzuschränken, schob das Datum der sowjetischen Kriegserklärung an Japan sofort wieder auf den 8. August vor. Die Entscheidung der USA, Japan ein zweites Mal zu bombardieren, ebenfalls am 8. August, was zur Auslöschung der Stadt Nagasaki und Zehntausender ihrer Bürger führte, verstärkte die sowjetische Paranoia noch weiter, wonach, wie Marschall Schukow bemerkte: „Die US-Regierung beabsichtigte, die Atomwaffe zum Zweck der Erreichung ihrer imperialistischen Ziele aus einer Machtstellung im ‚Kalten Krieg‘ einzusetzen“.


Als Reaktion darauf befahl Stalin am 20. August 1945 Lavrenti Beria, ein „Sonderkomitee für die Atombombe“ zu leiten, um einen russischen Gegenschlag gegen die amerikanische Bombe aufzubauen. Stalins Besorgnis über den amerikanischen Missbrauch der Atombombe war keineswegs aus Paranoia enstanden.


Am 30. August 1945, nur zweiundzwanzig Tage, nachdem die japanische Stadt Hiroshima dem nuklearen Holocaust zum Opfer gefallen war, und zehn Tage, nachdem Stalin die Beschleunigung des sowjetischen Bombenprojekts befohlen hatte, wurde General Leslie Groves ein Dokument vorgelegt, in dem die sowjetischen Städte und Industrieanlagen aufgelistet waren, zusammen mit einer Berechnung, wie viele Atombomben zur Zerstörung der einzelnen Zielgebiete erforderlich sein würden (Moskau und Leningrad wurden jeweils sechs Atombomben zugerechnet).


Die Atombombe hatte die Illusion eines „leicht geführten Krieges“ erweckt, selbst als einige der Architekten des nuklearen Angriffs auf Japan aus erster Hand sahen, welche Zerstörungen sie angerichtet hatten.

 

Quellen:


[1] Minutes of Meetings held at the White House on Monday, June 18, 1945, Harry S. Truman unter <https://teachingamericanhistory.org/library/document/minutes-of-meetings-held-at-the-white-house-on-monday-june-18-1945/>

 

 

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel und Kommentare spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

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