29 Okt 2020
Die finale Eurasische Allianz
Sie ist näher als Sie denken! Zwischen Peking und Moskau läuft sie bereits. Zwischen Berlin und Peking ist sie in Arbeit. Das noch fehlende, aber nicht ferne Verbindungsglied ist Berlin-Moskau.
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Eurasien (Bild: Keepscases, wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Dieser Text wurde zuerst am 28.08.2020 auf www.globalresearch.ca unter der URL <https://www.globalresearch.ca/definitive-eurasian-alliance-closer/5722417> veröffentlicht. Lizenz: © Pepe Escobar, globalresearch.ca

 

Wir sehen bereits, dass China all seine entscheidenden geopolitischen und geo-ökonomischen Schritte bis zum Jahr 2030, und darüber hinaus, akribisch plant. [1]


Was Sie als Nächstes lesen werden, stammt aus einer Reihe privater, mehrseitiger Diskussionen unter Geheimdienst-Analysten und könnte hilfreich dabei sein, die Konturen des Gesamtkonzepts zu skizzieren.


In China führt der zukünftige Weg eindeutig zu einer Ankurbelung der Binnen-Nachfrage und einer Verlagerung der Geldpolitik hin zur Schaffung von Krediten, um den Aufbau einheimischer Industrien von Weltklasse zu sichern.


Parallel dazu gibt es in Moskau eine ernsthafte Debatte darüber, dass Russland den gleichen Weg einschlagen sollte. Ein Analyst drückt es so aus: „Russland sollte nichts importieren, außer Technologien, die es braucht, bis es diese selbst herstellen kann und nur das Öl und Gas exportieren, das für die Bezahlung jener Importe benötigt wird, die erheblich eingeschränkt werden sollten. China braucht auch weiterhin natürliche Ressourcen, was Russland und China zu einzigartigen Verbündeten macht. Eine Nation sollte so autark wie möglich sein“.


Dies entspricht genau der Strategie der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), die von Präsident Xi in seiner Zentralausschuss-Sitzung am 31. Juli 2020 dargelegt wurde [2].


Sie widerspricht jedoch gleichzeitig einem starken neoliberalen Flügel innerhalb der KPCh – den Kollaborateuren? – der von einer Umwandlung in eine sozialdemokratische Partei westlicher Prägung träumt, die darüber hinaus den Interessen des westlichen Kapitals gehorcht.


Vergleicht man Chinas heutige Wirtschaftsgeschwindigkeit mit der der USA, dann ist das so, als würde man einen Maserati Gran Turismo Sport (mit einem V8-Ferrari-Motor) mit einem Toyota Camry vergleichen. China verfügt proportional gesehen über ein größeres Potenzial an sehr gut ausgebildeten Menschen der jungen Generation, eine beschleunigte Land-Stadt-Wanderung, eine verstärkte Armutsbekämpfung, mehr Ersparnisse, einen kulturellen Sinn für aufgeschobene Belohnungen, mehr – konfuzianistische – soziale Disziplin und unendlich mehr Respekt für den rational erzogenen Geist. Der Prozess, dass China zunehmend mit sich selbst Handel treibt, wird mehr als ausreichend sein, um die notwendige nachhaltige Entwicklungsdynamik in Gang zu halten.


Der Hyperschall-Faktor


An der geopolitischen Front herrscht unterdessen in Moskau – vom Kreml bis zum Außenministerium – Konsens darüber, dass die Trump-Administration nicht „verhandlungsfähig“ ist, ein diplomatischer Euphemismus, der sich auf eine faktische Gruppe von Lügnern bezieht. Und sie ist auch nicht „nicht rechtsfähig“, ein Euphemismus, der z.B. auf die Lobbyarbeit für Rücknahmesanktionen zutrifft, nachdem Trump das JCPOA bereits verlassen hatte.


Präsident Putin hat in der jüngsten Vergangenheit bereits gesagt, dass Verhandlungen mit dem Team Trump wie ein Schachspiel mit einer Taube sind: Der schwachsinnige Vogel läuft über das ganze Schachbrett, scheißt wahllos, stößt Figuren um, erklärt den Sieg und rennt dann davon.


Im Gegensatz dazu betreibt man auf den höchsten Ebenen der russischen Regierung ernsthafte Lobbyarbeit, in den Aufbau eines endgültigen eurasischen Bündnisses, das Deutschland, Russland und China vereint. Doch das würde für Deutschland erst nach Merkel gelten.


Einem US-Analysten zufolge ist „das Einzige, was Deutschland vom eurasischen Bündniss abhält, dass es damit rechnen muss, seine Auto-Exporte in die USA und noch mehr zu verlieren.


Aber,” so behauptet jener Analyst, „das kann wegen des Dollar-Euro-Kurses auch sofort passieren, wenn sich der Euro verteuert“.
An der Nuklearfront, die weit über das aktuelle Weißrussland-Drama hinaus geht – weil es in Minsk keinen Maidan geben wird – hat Moskau sehr deutlich und unmissverständlich klargestellt, dass jeder Raketenangriff der NATO als Nuklearangriff interpretiert werden wird. Der unipolare Moment ist vorbei [3].


Das Xi-Putin-Verhältnis

 


Russland und China verbindet eine enge strategische Partnerschaft. Sie versuchen das eurasische Kernland zu stärken, um sich von der militärischen und wirtschaftlichen Macht der USA zu befreien. (Foto: The Presidential Press and Information Office, kremlin.ru, CC BY 4.0)

 


Das russische Raketen-Abwehrsystem – einschließlich der bereits getesteten S-500er und bald auch der bereits entworfenen S-600er – soll zu 99% effektiv funktionieren. Das bedeutet, dass Russland wenige nukleare Gegenschläge einstecken müsste. Aus diesem Grund hat Russland ein ausgedehntes Netz von Atombombenschutzräumen in Großstädten errichtet und kann mindestens 40 Millionen Menschen Schutz bieten.


Russische Analysten interpretieren Chinas defensiv-strategische Vorkehrungen in die gleiche Richtung. Peking wird – wenn es das nicht bereits getan hat – einen Abwehrschild entwickeln und trotzdem die Fähigkeit behalten wollen, gegen einen US-Angriff mit Atom-Raketen zurückschlagen zu können. Die besten russischen Analysten, wie etwa Andrej Martyanow, wissen, dass die drei wichtigsten Waffen eines mutmaßlichen nächsten Krieges offensive und defensive Raketen, sowie U-Boote, kombiniert mit Fähigkeiten zur Cyber-Kriegsführung, sein werden.


Die Schlüsselwaffe heute – das wissen die Chinesen sehr genau – sind Atom-U-Boote. Die Russen beobachten, dass China seine U-Boot-Flotte – ausgerüstet mit Hyperschall-Raketen – schneller aufbaut als die USA. Überwasserflotten sind veraltet. Ein Rudel chinesischer U-Boote kann einen Flugzeugträgerverband leicht außer Gefecht setzen. Alle elf US-Flugzeugträger sind in Wirklichkeit wertlos.


Der (schreckliche) Fall, dass die Meere in einem Krieg nicht mehr befahrbar wären, wenn die USA, Russland und China den gesamten Handelsverkehr blockierten, ist der zentrale strategische Grund, warum sich China dazu gezwungen sieht, so viele seiner natürlichen Ressourcen wie möglich auf dem Landweg aus Russland zu beziehen.


Selbst wenn Pipelines bombardiert werden, können sie im Handumdrehen repariert werden. Daher hat Sibirien eine überragende Bedeutung für die Macht Chinas, ebenso wie die schwindelerregende Vielzahl von Gazprom-Projekten [4].

 


Die Belt and Road Initiative (BRI) soll eine Berlin-Moskau-Peking-Allianz schaffen. Dies soll, gegen den Widerstand der USA, das Ende der See-Imperien und den Aufstieg des eurasischen „Heartland“ (nach Mackinder) bewerkstelligen. (Karte: Tart, wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 


Der Hormuz-Faktor


Ein streng gehütetes Geheimnis in Moskau ist, dass unmittelbar nach der Verhängung deutscher Sanktionen gegen die Ukraine ein großer globaler Energiekonzern an Russland mit dem Angebot herantrat, nicht weniger als 7 Millionen Barrel Öl plus Erdgas pro Tag nach China umzuleiten. Was immer auch geschehen mag: Der verlockende Vorschlag liegt bei Shmal Gennadiy, einem führenden Öl-/Gas-Berater von Präsident Putin, immer noch auf dem Tisch. Falls dieser Vorschlag jemals realisiert werden sollte, würde er China alle natürlichen Ressourcen sichern, die es von Russland benötigt. Unter dieser Annahme bestünde die Idee Russlands darin, die deutschen Sanktionen zu umgehen, indem es seine Ölexporte nach China verlagert, das aus russischer Sicht in der Technologie bei Verbraucherprodukten weiter fortgeschritten ist als Deutschland. Natürlich würde sich das alles mit dem bevorstehenden Abschluss von Nordstream 2 ändern, obwohl das Team Trump, bei der Sanktionierung aller Beteiligten in Sichtweite, nicht gerade zimperlich vorging.


In Hinterzimmergesprächen mit Geheimdienstlern wurde deutschen Industriellen sehr deutlich gemacht, dass die deutsche Wirtschaft schlicht zusammenbräche, falls Deutschland jemals seine russischen Öl- und Erdgasquelle verlieren und die Straße von Hormuz, im Fall eines amerikanischen Angriffs vom Iran gesperrt werden würde.


Es gab ernsthafte länderübergreifende Geheimdienstgespräche über einen möglichen, von den USA gesponserten False-Flag-Überraschungsangriff im Oktober, der dem Iran angelastet werden könnte. Der „maximale Druck“ vom Team Trump auf den Iran hat absolut nichts mit dem JCPOA zu tun. Worum es geht, ist, dass die strategische Partnerschaft zwischen Russland und China, wenn auch indirekt, bedeutet, dass Teheran als strategischer Aktivposten – und als ein Schlüsselknoten der eurasischen Integration – geschützt wird.


Die Überlegungen internationaler Geheimdienste konzentrieren sich auf ein Szenario, das von einem – ziemlich unwahrscheinlichen – Zusammenbruch der Regierung in Teheran ausgeht. Das Erste, was Washington in diesem Fall tun würde, wäre, bei den Banken den Schalter des SWIFT-Transaktionssystems umzulegen. Das Ziel wäre die Zerschlagung der russischen Wirtschaft. Deshalb forcieren Russland und China gerade aktiv die Fusion ihres russischen Zahlungssystems Mir und des chinesischen Zahlungssystems CHIPS sowie die Umgehung des US-Dollars im gegenseitigen Handel.


In Peking hat man bereits die Möglichkeit durchgespielt, dass China, sollte dieses Szenario jemals eintreten, seine beiden wichtigsten Verbündeten mit einem Schlag verlieren und dann Washington allein gegenüberstehen könnte, wobei es noch immer nicht in der Lage wäre, sich alle notwendigen natürlichen Ressourcen selbst zu sichern. Das wäre eine echte existenzielle Bedrohung. Und das erklärt die Gründe für die zunehmende Verflechtung der strategischen Partnerschaft zwischen Russland und China sowie für das auf 25 Jahre angelegte China-Iran-Abkommen über 400 Milliarden Dollar.


Bismarck ist zurück


Ein weiterer möglicher Geheimdeal, der bereits auf höchster Geheimdienst-Ebene diskutiert wird, ist die Möglichkeit, eines Bismarck‘schen Rückversicherungsvertrages zwischen Deutschland und Russland zu schließen. Die unausweichliche Konsequenz wäre eine de facto Berlin-Moskau-Beijing-Allianz, die die Belt and Road Initiative (BRI) umfasst, neben der Schaffung einer neuen (digitalen?) eurasischen Währung für das gesamte eurasische Bündnis, einschließlich wichtiger, aber peripherer Akteure wie Frankreich und Italien.


Nunja, Peking-Moskau ist bereits in Umsetzung. Berlin-Peking ist ein laufendes Projekt. Das fehlende Glied ist Berlin-Moskau. Dies wäre nicht nur der ultimative Alptraum für die von Mackinders Ideen geprägten angloamerikanischen Eliten, sondern tatsächlich die Übergabe des geopolitischen Zepters von den maritimen Imperien zurück an Mackinders eurasische „Heartland“, als den Angelpunkt der Weltgeschichte. Das ist keine Fiktion mehr. Die Option liegt auf dem Tisch.


Lassen Sie uns dazu noch eine kleine Zeitreise machen und in das Jahr 1348 zurückgehen: Die Mongolen der Goldenen Horde sind auf der Krim und belagern Kaffa – einen von den Genuesen kontrollierten Handelshafen im Schwarzen Meer. Plötzlich wird die mongolische Armee von der Beulenpest heimgesucht.


Sie beginnen, verseuchte Leichen über die Mauern der Krimstadt zu katapultieren. Stellen Sie sich nun vor, was geschah, als die Schiffe wieder von Kaffa nach Genua fuhren? Sie transportierten die Seuche nach Italien.


Um 1360 war der Schwarze Tod buchstäblich überall – von Lissabon bis Nowgorod, von Sizilien bis Norwegen. Bis zu 60% der europäischen Bevölkerung, über 100 Millionen Menschen könnten getötet worden sein.


Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Renaissance durch die Pest um ein ganzes Jahrhundert verzögert wurde.
Covid-19 ist natürlich weit entfernt von einer mittelalterlichen Beulenpest. Aber man darf sich durchaus fragen: Welche Renaissance wird nun womöglich gerade hinausgezögert?


Es könnte durchaus sein, dass die Renaissance Eurasiens tatsächlich beschleunigt wird. Sie findet genau zu einem Zeitpunkt statt, da der Hegemon und seine These vom „Ende der Geschichte“ implodiert, „abgelenkt von Ablenkung durch Ablenkung“, um T.S. Eliot zu zitieren. Hinter den Kulissen, auf den besten Weiden sind die entscheidenden Schritte zur Neuordnung der eurasischen Landmasse bereits voll im Gange.

 

Quellen:


[1] asiatimes.com, Pepe Escobar, „Everything going according to plan in China “, am 24.08.2020, <https://asiatimes.com/2020/08/everything-going-according-to-plan-in-china/>
[2] siehe [1]
[3] globalresearch.ca, Pepe Escobar, „The Unipolar Moment Is Over. The Xi – Putin Relationship“, am 10.06.2019, <https://www.globalresearch.ca/unipolar-moment-over/5680524?utm_campaign=magnet&utm_source=article_page&utm_medium=related_articles>
[4] gazprom.com, „Projects“,  <https://www.gazprom.com/projects/>

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Quellen

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Pepe Escobar

Jahrgang 1954, ist brasilianischer Investigativjournalist, geo-politischer Analytiker und Chefkorrespondent der in Hongkong ansässigen Asia Times. Er berichtet seit 1985 als Auslandskorrespondent aus vielen Teilen der Welt und lebte in London, Paris, Mailand, Los Angeles, Washington, Bangkok und Hong Kong. Er ist außerdem ständiger Mitarbeiter von Global Research und veröffentlichte im Jahr 2015 sein Buch „2030“.


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