Kommentar:
14 Nov 2017
Die geheimen JFK-Akten
Es ist eine Farce, ein Fiasko, ein Hohn: 25 Jahre hatten Regierungen und Behörden der Vereinigten Staaten Zeit, sämtliche amtlichen Dokumente im Zusammenhang mit der Ermordung John F. Kennedys öffentlich zugänglich zu machen
Profilbild von Mathias Bröckers
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Doch was das National Archiv eine Stunde vor Ablauf der Frist am 26. Oktober auf seine Server hochlud, ist nur ein Bruchteil des Materials, das laut Gesetz zum Stichtag vollständig veröffentlicht sein sollte. Darunter auch 3100 Dokumente – vor allem aus den Akten der CIA und des FBI – die bis dato noch kein Historiker zu Gesicht bekommen hat. Anders als die Medien über die Veröffentlichung berichten, nach denen nur ein kleiner Teil der JFK-Akten noch zurückgehalten wurde, ist es tatsächlich der größte Teil.

 

Die ersten Forscher haben noch in der Nacht der Veröffentlichung durchgezählt [1] und kamen gerade mal auf 52 Dokumente [2], die bisher tatsächlich geheim waren; der Rest der Veröffentlichung sind bereits bekannte Akten, die bisher nur redigiert und ohne Namensnennungen verfügbar waren.

 

Donald Trump hat den Geheimdiensten nun eine Frist von 180 Tagen gesetzt, die Nichtfreigabe der restlichen Dokumente zu begründen – wenn sie die „nationale Sicherheit“ bedrohen oder Namen noch lebender Personen enthalten, bleiben sie weiter gesperrt. Historikern und Forschern bleibt dann nur die Möglichkeit, im Namen des „Freedom of Information Act“ vor Gericht zu klagen und diese Begründungen überprüfen zu lassen. Was sie bisher auch schon getan haben, und oft ohne Erfolg – wie etwa Jeff Morley, der seit mehr als zehn Jahren die Freigabe der „Operational Files“ von George Joannides [3] einklagt, einem leitenden CIA-Offizier, der eine Anti-Castro-Studentengruppe in Miami dirigierte. Diese fiel dadurch auf, dass sie schon wenige Stunden nach dem Attentat eine Pressekampagne startete, die Oswald als Kommunisten und Agenten Fidel Castros porträtierte. Da dieser in Dallas noch verhört wurde, öffentlich nichts über ihn bekannt und dies der erste „News“-Fetzen über den vermeintlichen Täter war, landete die Behauptung weltweit in den Medien und legte den ersten Grundstein für die offizielle Legende.

 

Welche Rolle die CIA bei dieser Medienkampagne spielte, könnte die Akte Joannides zeigen – aber sie bleibt bisher weiter gesperrt. Ebenso wie die Akte von William Harvey [4], dem Attentats-Spezialisten der CIA, die von David Atlee Philipps, der mit Lee Harvey Oswald vor dem Attentat gesehen wurde, oder von E. Howard Hunt, der auf dem Sterbebett vor einigen Jahren ein merkwürdiges Geständnis abgelegt hatte. Was 54 Jahre nach dem Attentat und lange nach dem Tod dieser CIA-Agenten noch so sicherheitsbedrohlich sein soll, dass es für die historische Forschung Tabu bleiben muss, erschließt sich dem gesunden Menschenverstand nicht. Auch das Argument, dass die Geheimdienste oder das FBI kein Interesse daran haben, sich mit Inkompetenz oder illegalen Aktivitäten bloßzustellen, sollte nach einem halben Jahrhundert längst verjährt sein.

 

Als Staatsanwalt Jim Garrison 1967 verdächtige CIA-Mitarbeiter aus dem Umfeld von Lee Harvey Oswald angeklagt hatte, brachte die CIA in einem berühmten Memo [5] den Begriff „Verschwörungstheorie“ als Diffamierung für jeglichen Zweifel an der Einzeltäterthese in Umlauf. Der bis dahin neutrale Begriff wird zu einem Kampfbegriff der psychologischen Kriegsführung. Und nichts anderes ist diese skandalöse und gesetzeswidrige Teilveröffentlichung der JFK-Akten: Sie stiftet weitere Verwirrung statt Aufklärung und sie schürt Verdächtigungen, statt zur Wahrheitsfindung beizutragen. Sie füttert Verschwörungstheorien durch Veröffentlichung von Informations-Schnippseln weiter an, statt sie durch vollständige Offenlegung zu beenden.

 

Wäre Lee Harvey Oswald tatsächlich der verwirrte Einzeltäter, als der er im Lexikon steht, wäre das ganze Tarnen und Täuschen schon seit über 50 Jahren unnötig gewesen. Dass zum Stichtag der gesetzlich vorgeschriebenen Offenlegung nur eine neue, gigantische Nebelkerze gezündet wurde, räumt letzte Zweifel aus. Hier geht es um mehr als um einen einsamen Irren oder um Vertuschung von „Behördenversagen“, hier geht es um einen regime change von innen: die Beseitigung eines Präsidenten, der den Vietnamkrieg beenden, den Kalten Krieg stoppen und die CIA in tausend Stücke zerschlagen wollte. Kein US-Präsident hat sich in den letzten 50 Jahren um eine Offenlegung der Akten und die Aufklärung des Mordes bemüht. Und auch Trump frisst den Geheimdiensten aus der Hand und hat die Lektion gelernt: Wer als Präsident aus der Reihe tanzt, dem blüht Dallas.

 

Quellen:

[1] <https://whowhatwhy.org/2017/10/28/happened-thursday-jfk-records/>

[2] <http://readersupportednews.org/opinion2/277-75/46528-focus-trump-promised-the-jfk-files-but-the-big-dogs-ate-his-homework>

[3] <http://www.broeckers.com/2017/03/20/regime-change-von-innen/>

[4] <https://www.heise.de/tp/features/Der-amerikanische-James-Bond-liquidierte-nicht-nur-auslaendische-Staatschefs-3453935.html>

[5] <http://www.jfklancer.com/CIA.html>

Mehr zum Thema in der aktualisierten Neuauflage von “JFK – Staatsstreich in Amerika”: <https://www.westendverlag.de/buch/jfk-staatsstreich-in-amerika-2/>

 

 

Dieser Text wurde zuerst am 30.10.2017 auf www.broeckers.com unter der URL <http://www.broeckers.com/2017/10/30/die-geheimen-jfk-akten-8-eine-farce-ein-fiasko-ein-hohn/> veröffentlicht. Lizenz: Mathias Broeckers

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Mathias Bröckers

geboren 1954 ist ein deutscher freier Journalist, der vor allem für die taz und Telepolis schreibt. Ab 2001 hat er mehrere Bücher über den 11. September geschrieben.


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