Eine andere Wahrheit:
23 Mrz 2016
Die Geheimverträge im Ersten Weltkrieg
1917 brachte die Veröffentlichung Geheimer Verträge das reibungslose Funktionieren der Kriegsmaschine kurzzeitig ins Stocken. Das war die Gerburtsstunde moderner Propaganda aus dem Geist der Reklame.
Profilbild von Hermann Ploppa
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Millionen traumatisierte junge Männer wollten nicht mehr aufeinander schießen.

Buchstäblich über Nacht ­hatten die Bolschewiki im frühen Winter 1917 die Macht erobert. Der Sturm auf das Petrograder Winterpalais ging so rasch vor sich, daß die entmachteten Mitglieder der Kerenski-Regierung viele wichtige, nicht für das gemeine Volk bestimmte Dokumente zurücklassen mußten. Unter diesen Dokumenten finden sich eine ganze Anzahl von Geheimverträgen, Abmachungen und Korrespondenzen, deren Veröffentlichung für die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs, Japans, Rumäniens, Italiens und für die früheren russischen ­Regierungen außerordentlich peinlich war. <1>

 

leoRevolutionsführer Leo Trotzki pfeift auf internationale Konventionen. Er veranlaßt die ratenweise Veröffentlichung der kitzligen Dokumente in der parteieigenen Zeitung Iswestija, was sich aufgrund der Fülle des Materials über viele Monate erstreckt. Kopien überreicht Trotzki an die internationale Presse und an die Arbeiterparteien der kriegführenden Länder. Auch wenn sich die Übersetzung und Veröffentlichung im westlichen Ausland über Jahre hinzieht, werden die Inhalte der Verträge und Abmachungen per Mundpropaganda in Windeseile in den Rüstungsfabriken und in den verkoteten Schützengräben aller Seiten verbreitet.

 


Die „Kriegsbegeisterung“ hat in jenen Monaten einen neuen Tiefpunkt bei Fußsoldaten und Rüstungsarbeitern aller Seiten erreicht. Die Veröffentlichung der Geheimverträge schlägt ein wie eine Bombe. Die Leute draußen im Lande fühlen sich arg betrogen. Die Regierungen der Entente-­Staaten Großbritannien, Frankreich sowie des zaristischen Rußland erklärten immer wieder feierlich, die Achsenmächte Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich hätten einen heimtückischen, lange vorher geplanten Angriffskrieg gegen sie angefangen. Die Entente-Staaten setzten sich lediglich gegen diese gemeine Attacke zur Wehr. Wenn der Angreifer unschädlich gemacht sei, würde man den Krieg sofort beenden.

 


Nun zeigen jedoch die aufgefundenen Geheimverträge, Abmachungen und Briefwechsel ein deutlich anderes Bild. Munter werden Territorien und Bodenschätze der Achsenmächte als Kriegsbeute verschachert. Staaten, die gar nichts mit dem Kriegsgeschehen zu tun haben, geraten ebenfalls unter den Hammer. Da die Geheimverträge im Zeitraum zwischen 1915 und 1917 abgeschlossen wurden, sagen sie zwar nichts über die Ursachen des Krieges aus. Sie besagen aber eindeutig, daß die Entente-Staaten den Krieg bedenkenlos ausnutzen, um lange gehegte Begehrlichkeiten Wirklichkeit werden zu lassen. Neutrale Staaten werden mit Beuteversprechen in die Entente hereingeholt. Man trifft Vorkehrungen, um ein frühes Ende des Krieges zu verhindern.

 


Den Anfang macht eine Geheimvereinbarung zwischen Rußland und Großbritannien vom 12. März 1915. Rußland wollte schon immer gerne die Meerenge, die das Schwarze Meer mit dem Mittelmeer verbindet, unter seine Kontrolle bekommen. Mit dem Vertrag vom März erkennt Großbritannien die zukünftige Annektion der Dardanellen und Konstantinopels durch Rußland an. Daß Konstantinopel die Hauptstadt des Osmanischen Reichs ist, stellt keinen Hinderungsgrund dar. Rußland revanchiert sich für das Gentlemen’s Agreement. Bereits 1907 hatten Rußland und Großbritannien das offiziell souveräne Persien dreigeteilt: in eine russische, eine britische und eine neutrale Zone. Nun akzeptieren die Russen, daß Großbritannien auch die neutrale Zone noch für sich in Anspruch nimmt.

 


Am 26. April 1915 wird Italien in die Entente geholt, indem Italien großzügig Südtirol, Triest, Istrien, Dalmatien, Teile Albaniens, Teile Anatoliens sowie zwölf kleinasiatische Inseln versprochen werden. Als koloniale Zugabe wird noch Libyen spendiert. Im Frühjahr 1917 verschachert man den asiatischen Teil des Osmanischen Reiches. ­Großbritannien sichert sich „Südmesopotamien“. Der heutige Irak sowie zwei ­Häfen in Syrien sollen die Versorgung Großbritanniens mit Erdöl sichern. Frankreich bescheidet sich mit Syrien, ein bißchen Osttürkei ­sowie ­West-Kurdistan. ­Rußland soll Nordanatolien bekommen. ­Damit wäre das gesamte Schwarze Meer plus Mittelmeerzugang unter russischer Kontrolle. Rumänien, bislang in wohlwollender Neutralität den Achsenmächten verbunden, wird herübergeholt mit der schönen Aussicht auf Transsylvanien, Bukowina und dem Banat. Dafür dürfen keine deutschen Transporte von und nach dem Osmanischen Reich durch Rumänien rollen.

 


Am 3. März 1916 verständigen sich Japan und Rußland, andere Länder aus dem chinesischen Wirtschaftsraum herauszuhalten. Ein Telegramm von Sasonow vom 24. März 1916 präzisiert: „Das Thema, die Deutschen aus dem chinesischen Markt zu schmeißen, ist von außerordentlicher Wichtigkeit. Aber die Verwirklichung ist unmöglich ohne die Teilnahme Japans.“ Da Rußland wegen der bolschewistischen Revolution als Partner ausfällt, trifft Japan am 2. November 1917 stattdessen mit den USA die selben Vereinbarungen wie zuvor mit dem Zarenreich.

 


Im Februar 1917 wird zwischen Rußland und Frankreich vertraglich festgelegt, was Sasonow bereits im März 1916 im o.g. Telegramm „angedacht“ hatte: dafür, daß Rußland den Westmächten bei der Gestaltung der neuen deutschen Westgrenzen freie Hand läßt, kann Rußland die deutsche Ostgrenze nach Gusto festlegen. Das bedeutet: Frankreich soll ­Elsaß-Lothringen erhalten sowie das Saartal. Die deutschen Gebiete links des Rheins werden in einem „neutralen“ Staatsgebilde von Frankreichs Gnaden zusammengefaßt. Nach Sasonows Plan und mit Frankreichs Duldung würde es möglicherweise keinen neuen Staat Polen zwischen Deutschland und Rußland geben. Auch die ­republikanische Regierung Rußlands bestätigte am 1. August 1917 in einer diplomatischen Note diese Verabredungen mit Frankreich.

 


Die Harmonie wurde ­gestört durch Friedenssondierungen Deutschlands, aber auch durch vereinzelte Stimmen in Großbritannien. Jedoch ein zu früher ­Friedensschluß könnte die Ambitionen der Geheimverträge zunichte machen.

 


Im Vertrag mit Italien vom April 1915 werden deshalb geeignete Vorkehrungen getroffen, um den Papst an der Durchführung von Friedensverhand­lungen zu hindern. In jenen Tagen untersteht der Vatikan direkt der italienischen Staatsgewalt. Artikel 15 lautet: „

Frankreich, Großbritannien und Rußland verpflichten sich zur Unterstützung Italiens, das den Vertretern des Heiligen Stuhls untersagt, irgndwelche diplomatischen Schritte zu unternehmen mit dem Ziel des Abschlusses eines Friedens oder der Regelung von Fragen, die mit dem gegenwärtigen Krieg im Zusammenhang stehen.“

 


Die von Trotzki bloßgestellten Entente-Politiker drucksen herum. Der britische Unterstaatssekretär des Äußeren und Blockademinister <2> Lord Robert Cecil interpretiert den Geheimvertrag über die Aufteilung des Nahen Ostens neu. Damit sei nicht Annektion gemeint, sondern „acquisition“. Ob das Ding nun Einverleibung oder „Erwerb“ heißt, ist den betroffenen Völkern vermutlich ziemlich gleichgültig. Im ersten Schock weichen die Entente-Politiker sogar vor der diplomatischen Offensive der Bolschewiki zurück. Als die Bolschewiki sich aus Persien zurückziehen, erklären auch die Briten ihren Rückzug. Als die Bolschewiki den Anspruch auf den Isthmus zum Schwarzen Meer aufkündigen, erklärt auch der englische Premier Lloyd George, die Dardanellen sollten unter internationale Aufsicht gelangen.

 


jpDas größte Problem ist jedoch der absolute Tiefpunkt, den die Kriegsmotivation der Völker erreicht hat. Niemand hatte damit gerechnet, daß der Krieg nach zwei Jahren immer noch nicht entscheiden ist. Die Heranschaffung immer neuer Millionen junger Männer an die Fronten vermag nicht, aus dem Stellungskrieg wieder einen Bewegungskrieg zu machen. Der französische General Nivelle scheitert am 16. April 1917 mit einem Durchbruchversuch kläglich. Auch die Chemin des Dames-Offensive scheitert. Für 500 Meter Geländegewinn haben 250.000 Menschen ihr Leben gelassen. Das Maß ist voll. Im Juni 1917 meutert die Hälfte aller französischen Frontsoldaten. Spezialeinheiten liquidieren meuternde Bataillone. Das Vertrauen der Fußsoldaten in ihre Führung ist erschüttert. Und auch bei den anderen Kombattantenstaaten sieht es nicht besser aus.
In den USA kann man die entlarvenden Geheimverträge absolut nicht gebrauchen. Gerade eben erst hatte Präsident Woodrow Wilson seine Wiederwahl erreicht durch das hochheilige Versprechen, die USA aus dem Gemetzel in Europa herauszuhalten. Um nach Ablegung seines Amtseids im März sodann am 2. April 1917 den Kongreß so wortmächtig zu bearbeiten, daß dieser Deutschland am 6. April den Krieg erklärt. Es gab einen handfesten Grund für Wilsons Wortbruch. Das US-Kapital kämpfte bereits seit 1914 auf Seiten der Entente in Europa mit. Das Bankhaus J.P. Morgan hatte Großbritannien und Frankreich mit ­gigantischen Geldmitteln ausgestattet. Dafür kauften jene Länder in den USA Rüstungsgüter. Spendabel hatte Großbritannien das amerikanische Geld wiederum an Länder wie Italien, Rußland, Rumänien oder Japan unterverliehen.

Und nun war der Punkt erreicht, an dem Großbritannien seinen Überziehungskredit wiederum überzogen hatte. Das räumte der britische Finanzminister Bonar Law am 24. Juli 1917 in einer Rede vergnügt ein: „Tatsächlich, es ist ein offenes Geheimnis, daß wir mit unseren Mitteln so freigiebig umgegangen sind, daß jene Gelder, die uns in den USA zur Verfügung standen, nahezu erschöpft waren, als unser großer Verbündeter (=USA H.P.) in den Kampf eingriff.“ <3>

 


Längst hatte Großbritannien seine nationale Souveränität zu großen Teilen an die Morgan-Bank abgetreten. Wenn die Briten z.B. keine nationalen Kriegsanleihen auflegen wollten, um die Morgan-Kredite abzusichern, warf Morgan so viel Pfund-Noten auf den Devisenmarkt, daß der Pfund-Kurs abstürzte. Darauf wurden die Rüstungsimporte für Großbritannien teurer.

 


Die Briten legten Kriegsanleihen auf. Sie mußten amerikanische Rüstungsgüter des Morgan-Konsortiums kaufen, denn niemand sonst gab ihnen diese Güter so einfach auf Pump. 1917 hingen 400 Millionen Dollar an faulen Krediten in der Luft. Man konnte also nicht einfach die Kriegsmaschine von Hundert auf Null herunterfahren:

 


„Die amerikanische ­Industrie, die bereits vollständig auf Produktion und Belieferung der Alliierten eingestellt war, sah ihrer Liquidation, ihrem Umbau und sogar dem Ruin ins Gesicht allein schon beim puren Friedensgeflüster …“ <4>

 


Als der Kongreß den Achsenmächten den Krieg erklärt, singen dreihundert New Yorker Börsianer die Nationalhymne. Schon beim Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Deutschland waren die Aktien des Stahlgiganten Bethlehem Steel um 30% hochgeschnellt.
Der gewöhnliche US-Bürger hat allerdings von dem 8.000 Kilometer entfernten Gemetzel nichts zu befürchten und er hat schon gar nichts zu gewinnen durch seine Teilnahme. Also bildet sich eine Woche nach der Kriegserklärung ein Propagandaministerium der USA. Dieses Council on Public Information soll das Volk der USA von Null auf Hundert in Kriegs­rage bringen.

 


Das CPI ist ein Musterbeispiel Öffentlich Privater Partnerschaft: der Staat gibt den Auftrag, stellt das meiste Geld und entsendet drei Minister in den Vorstand. Konzeption und Ausführung der Kriegspropaganda liegen dagegen in den Händen von Journalisten und Fachmännern aus der Werbebranche. Diese Leute bringen das Weltbild ihres Gewerbes mit. Es geht nicht darum, mit Argumenten zu überzeugen, sondern darum, ein Produkt zu verkaufen. Und das geschieht durch Aktivierung unbewußter Antriebe im Adressaten. Antriebe, von denen der Adressat gar nichts weiß.
Edward Bernays, ein Mastermind des CPI, benennt die Fähigkeiten des Werbemannes:


„Es ist seine Fähigkeit, die untergründigen Tendenzen des öffentlichen Bewußtseins zu verdichten (crystallizing), bevor sie einen bewußten Ausdruck erhalten haben. Das macht ihn so wertvoll. Die Ansprache an die Instinkte und die universellen Wünsche stellt die grundlegende Methode dar, durch die er (der Werbemann) seine Ergebnisse erzielt.“ <5>

 


Also: wie bringt man die US-Bürger dazu, vor diesem Krieg Angst zu haben? Antwort: Man muß die Bedrohung im eigenen Land beschwören.
In den USA sind die Deutsch-Amerikaner die größte ethnische Gruppe, gefolgt von den Englisch-Amerikanern. Nunmehr wird eine Beziehung hergestellt zwischen den Kriegsanstrengungen des Deutschen Reiches und den Deutsch-Amerikanern. Letztere sind plötzlich eine Fünfte Kolonne des Kaisers. Aus dem Stand wird eine extreme Haßkampagne gegen die Deutschen entfacht. Und damit einhergehend ein Gefühl der Bedrohung bei den US-Bürgern. Das führt sogar zu Lynchmorden an Deutschen in den USA.

 


Die Werbeprofis des CPI leisten ganze Arbeit. 75.000 ehrenamtliche Four-Minute-Men halten 750.190 vierminütige Ansprachen auf öffentlichen Plätzen, Kirchen und Kinos, in denen sie zur Wachsamkeit gegen die inneren Feinde in den USA aufrufen und zum Zeichnen von Kriegsanleihen aufrufen. Vierzehntägig gehen Rundbriefe an 6.000 Lehrer. 1438 verschiedene Bildmotive für Plakate, Postkarten u.ä. werden entworfen. Pimpfe sind in der Yellow-Dog-League organisiert und mobben deutsche Schüler und bellen auf der Straße Leute an, die keine Kriegsanleihen gezeichnet haben. Die American Protective League und der Ku Klux Klan beobachten und verdreschen Leute, die der Spionage für Deutschland verdächtig sind.
Nun hat man im Winter 1917/18 Soldaten in den USA rekrutiert und die Arbeiter so weit eingeschüchtert, daß sie in den Rüstungsbetrieben widerstandslos im Akkord schuften. Und dann passiert der SuperGAU mit der Enthüllung der Geheimverträge. Diese Enthüllung wird begleitet von einer Waffenpause an der russisch-deutschen Front. Ihr folgen Friedensverhandlungen zwischen Rußland und Deutschland in ­Brest-Litowsk. Trotzki agiert auch hier erfrischend „unprofessionell“, indem er die Verhandlungen für öffentlich erklärt und die Westmächte einlädt, ebenfalls herzukommen und über Frieden zu verhandeln.

 


wlDer unendlich kluge Walter Lippmann, der spätere Chefideologe des Council on Foreign Relations, hat die Faszination der Feuerpause und der Verhandlungen von Brest-Litowsk eingefangen: „In Brest-Litowsk wurde der Traum aller einfachen Leute wahr; es war also möglich zu verhandeln. Es gab andere Möglichkeiten, das Martyrium zu beenden, als mit seinen Feinden ums Überleben zu ringen. Scheu, aber mit angespannter Aufmerksamkeit, wandten die Menschen ihren Blick nach Osten. Warum denn eigentlich nicht, fragten sie sich. Wozu ist denn das Ganze gut? … Die früheren Symbole des Krieges waren abgedroschen und hatten ihre einigende Kraft eingebüßt. Unter der Oberfläche war eine tiefe Kluft aufgerissen in jedem alliierten Land … Die ganze alliierte Sache war in die Defensive gedrängt durch die Weigerung, an den Verhand­lungen in Brest-­Litowsk teilzunehmen.“ <6>

 

Sozialistische, kommunistische und anarchistische Gruppen schiessen in den USA wie Pilze aus dem Boden. Gegen diese Ausbrüche von Eigenwilligkeit 
des Volkes geht die Wilson-Regierung mit äußerster Brutalität vor. Tausende von Linken werden deportiert oder in Lagern gepeinigt. Der aufgehetzte Mob lyncht ­Führer der Gewerkschaft IWW oder steckt deren Büros in Brand. Mit der millionenfachen Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“ in den USA kommt zum Deutschenhaß der Judenhaß hinzu.

 


Mit Einschüchterung allein aber kann der Sieg weder zuhause noch in Übersee gewonnen ­werden. Man muß den Bolschewiki die Trophäe der Meinungs­führerschaft wieder abknöpfen. Denn, das haben die Alliierten im Gegensatz zur deutschen ­Regierung begriffen: ein Krieg besteht aus drei vollkommen gleichwertigen Armen. Erstens: der Nieder­ringung durch Waffen und ­Munition. ­Zweitens: der ­Abschnürung der wirtschaft­lichen Haupt­schlag­ader des Feindes. Und Drittens, genau so wichtig: dem Krieg an der Propagandafront.

 


Und der wichtigste, intelligenteste Krieger an der Propagandafront war Walter Lippmann. Er sagt: wenn man Leute unter einen Hut bringen will, die von ihren Grundpositionen her nicht zusammenzubringen sind, dann darf man nicht rational-logisch arbeiten. Man muß einen Begriff nehmen, der möglichst inhaltsleer ist, und unter dem sich jeder was anderes vorstellen kann.

 


Walter Lippmann ist einer der Verfasser von Wilsons berühmten 14 Punkten, die als Gegenoffensive gegen Brest-Litowsk gedacht waren:

„Sie (die 14 Punkte) sollten, kurz gesagt, alliierte Einheit sichern und befestigen für den Fall, daß der Krieg weiterging.“<7>

 


Und der Krieg mußte weiter­geführt werden. Sonst wäre die überhitzte US-amerikanische Kriegswirtschaft zusammengebrochen.
Das Team um Lippmann hatte in einer erstaunlichen Kraftanstrengung jenes politische Programm zusammengezimmert, das Präsident Wilson am 8. Januar 1918 dem Kongreß der USA vorlegte. Damit ist Wilson als tapferer, gleichwohl tragischer Streiter für eine bessere Welt in die Geschichte eingegangen. Man sieht indes ­Wilsons Forderungen an, daß sie einen Negativabguß der ­Geheimverträge darstellen. Weiterhin sind sie eine propagandistische Reaktion auf das Zimmerwalder Manifest von 1915. Im schweizerischen Dörfchen Zimmerwald hatten sich Delegierte sozialistischer Parteien verschiedener Länder getroffen. Ihre wichtigste Forderung ist die Selbstbestimmung der Völker.
Tatsächlich sind Wilsons 14 Punkte eine lustige Mischung aus hohlen Versprechungen und geschickt eingeschmuggelten Regelungen, die sich mit Regelungen der Geheimverträge deckten.

 


Da fordert Wilson alias Lippmann das Ende aller Geheimdiplomatie. So etwas kann Wilson unmöglich anders als propagandistisch gemeint haben.
Die Bildung neuer Nationen wird angekündigt. Es handelt sich exakt um jene Staaten, die aus der Auflösung Österreich-Ungarns hervorgehen.
Selbstbestimmung gilt nicht für Völker im ehemaligen russischen Reich. Denn die US-Regierung baut noch bis 1922 auf die Wiedereinsetzung eines konservativen russischen Regimes von US-Gnaden. Kolonien sollen sich die Großmächte nicht gegenseitig wegschnappen. Von einer Selbstbestimmung der Kolonialvölker ist keine Rede. Freier Handel ist wohlfeil, denn jeder kann sich was anderes darunter vorstellen.
Lippmann, listig, über den Gummi-Charakter der 14 Punkte: „Denn die Phrase, die immer inhaltsleerer wird, ist nunmehr in der Lage, fast nichts zu bedeuten. Dann wird sie bald fähig, beinahe alles zu bedeuten. Mr. Wilsons Phrasen wurden in unendlich unterschiedlichen Weisen in jedem Winkel der Welt aufgefaßt.“ <8>

 


Der Krieg konnte 
weitergehen. Dank Wilsons 14 Punkten:

 

[caption id="attachment_21661" align="alignleft" width="400"]Millionen traumatisierte junge Männer wollten nicht mehr aufeinander schießen. Zentralbild
1. Weltkrieg. Westfront 1916. Deutscher Soldat eines Sturmtrupps.[/caption]

„Sie standen für entgegengesetzte Ideen, aber sie riefen eine gemeinsame Empfindung wach. Und in diesem Sinne spielten sie eine Rolle, die westlichen Völker für jene verzweifelten zehn Monate des Krieges zu gewinnen, die sie immer noch zu erdulden hatten.“ <9>

 

 

 

 

 

 

Fußnoten

<1> Die Texte der Geheimverträge in englischer Sprache sind nachlesbar unter:http://www.gwpda.org/comment/secrettreaties.html

<2> Die britische Marine hatte den gesamten Transport der deutschen Handelsmarine blockiert. Auch dafür mußte es einen Minister geben. Die britische Seeblockade kostete auf deutscher Seite 750.000 Menschen das Leben, durch Hunger oder Mangelernährung. Noch durch Generationen sprach man mit Schaudern vom schrecklichen „Steckrübenwinter“ 1917/18.
<3> zitiert nach Harold D. Lasswell: „Propaganda Technique in the World War“. Chicago 1927, S. 78.
<4> ebda., S.79
<5> Edward Bernays: “Crystallizing Public Opinion”. New York 1923, S.173.
<6> Walter Lippmann: “Public Opinion”. New York 1921.
<7> ebd.
<8> ebd.
<9> ebd.

Dieser Text wurde zuerst am März 14, 2016 auf usacontrol.wordpress.com unter der URL <https://usacontrol.wordpress.com/2016/03/15/die-geheimvertraege-aus-dem-ersten-weltkrieg-im-wortlaut/> veröffentlicht (Lizenz: Hermann Ploppa)

Profilbild von Hermann Ploppa

Hermann Ploppa

Hermann Ploppa ist Politologe und Publizist. 2014 erreichte Ploppa eine größere Öffentlichkeit mit seinem Buch „Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern. Er hat zahlreiche Artikel über die Eliten der USA veröffentlicht, u.a. über den einflussreichen Council on Foreign Relations. Daneben produzierte Ploppa Features über Sri Lanka und Burma für den Deutschlandfunk.

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