Kommentar:
03 Mai 2018
Die Lehren aus dem isländischen Bankenskandal
Island hat weniger Einwohner als Wuppertal. Und doch hat es das Land fertiggebracht, 2008 eine der im internationalen Maßstab ganz großen Bankenpleiten hinzulegen.
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Die Kaupthing Bank war die größte isländische Bank und die sechstgrößte in den nordischen Ländern. Quelle: www.vb.is/frettir/gerdi-sersamning-vid-kaupthing/135679/?q=dómsmál, Foto: Birgir isl. Gunnarsson / CC0)

Kein anderes Land hat die Vorgänge, die in diese internationale Finanzkatastrophe führten, so rigoros aufgeklärt. Das Parlament setzte das Bankgeheimnis außer Kraft und berief eine Untersuchungskommission. Deren Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass die Bankaufsicht, die wir heute betreiben, das Bankgeschäft kaum sicherer macht.

 

Gemessen an der Bilanzsumme relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes war die isländische Krise die größte Bankenpleite aller Zeiten. Mit umgerechnet 115 Milliarden Euro betrug die Bilanzsumme der drei Pleitebanken das Neunfache des BIP des Landes. Was die Schweiz in drei Jahrhunderten aufgebaut hat, einen Bankensektor, dessen Bilanzsumme das Achtfache des BIP ausmacht, hatte Island in seinem Drive, zum internationalen Finanzzentrum zu werden, in gut fünf Jahren geschafft – mit fatalen Folgen, wie sich herausstellen sollte.

 

Die Untersuchungskommission, die das Parlament einsetzte, wurde mit sehr weitreichenden Befugnissen ausgestattet, von beteiligten Bankern, Bankkunden und Politikern Dokumente und Aussagen einzufordern. Damit und mit einem gerüttelt Maß an detektivischer Kleinarbeit konnte sie Praktiken zur Umgehung von Regulierungen aufdecken, die im Bankgewerbe verbreitet sein dürften, aber im Normalfall praktisch nicht nachweisbar sind. Diese Praktiken stellen die Effektivität von Regulierungen infrage, auf die wir uns bis heute verlassen, um künftige Bankenkrisen zu vermeiden.

 

Bisher waren die Ergebnisse der Untersuchung nur schwer zugänglich. 3.000 Seiten in isländischer Sprache sind keine leichte Kost. Nun hat die Yale-Professorin Sigrieur Benediktsdottir, die Mitglied der Untersuchungskommission war, die über Island hinaus wichtigen Ergebnisse einer internationalen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „The Rise, the Fall, and the Resurrection of Iceland“ heißt das NBER-Arbeitspapier, das sie mit Gauti Eggertsson von der Brown University und Eggert Thorarinsson von der isländischen Zentralbank veröffentlicht hat.

Eigenkapital ist nicht verlässlich

Die vielleicht wichtigste Lehre: Man sollte sich nicht zu sehr auf hohe Eigenkapitalquoten der Banken verlassen. Denn, um es zugespitzt auszudrücken: Wer Geld drucken kann, kann auch Eigenkapital drucken. Was dieses so geschaffene Eigenkapital im Krisenfall wert ist, steht infrage.

 

Wenn eine Bank Kredit gibt, schafft sie Einlagen, mit denen man sich zum Beispiel Bankaktien kaufen kann. Diese erhöhen, wenn es neue Aktien sind, das Eigenkapital der Bank. Das ist in Island in großem Maßstab passiert, wie der Bericht nachweist. Bei der verhängnisvollen Privatisierung der einstigen isländischen Staatsbanken, mit der alles anfing, gaben die drei großen Banken über Kreuz Kredite an die Käufer der Aktien der jeweils anderen Banken. Als Sicherheit für die Kredite dienten die gekauften Bankaktien. Zum Teil gaben die Banken sogar den Käufern der eigenen Aktien Kredit.

 

Das führte, als es zur Abwicklung der Pleitebanken kam, dazu, dass viel weniger Eigenkapital zur Verlustübernahme zur Verfügung stand, als vorher an Eigenkapital deklariert worden war. Denn die Kredite waren uneinbringlich, die Sicherheiten in Form von Aktien der jeweils anderen Pleitebanken wertlos. So habe die Bank Kaupthing volle 70 Prozent des Kaufpreises von Landsbanki finanziert, Landsbanki wiederum 35 Prozent des Kaufpreises von Bunadarbanki, die wenig später von Kaupthing übernommen wurde.

 

Die Eigentümer der drei Banken waren, überwiegend verdeckt, eng miteinander vernetzt. „Es stellte sich heraus, dass das Eigenkapital der Banken zu einem großen Teil von ihnen selbst finanziert und damit Fiktion war“, schreiben die Autoren.

Kapital in
Eigenproduktion

Mit ihren Überkreuzkrediten für Käufer der jeweils anderen Bank umgingen die Banken das Verbot, Käufe der eigenen Aktien zu finanzieren. Gleichzeitig verletzten die Großkredite an eng miteinander verbundene Eigentümer Regeln gegen Klumpenrisiken und gegen Insiderkredite – und zwar im großen Maßstab. Zum Zeitpunkt des Crashs bestand etwa ein Fünftel des aufschlüsselbaren Kreditvolumens der drei Großbanken aus Krediten, die sich letztlich sechs miteinander verbundenen Personengruppen zuordnen ließen, die jeweils signifikante Anteile an mindestens einer der drei Banken hielten. Das diente wohl auch dazu, die unter Druck geratenen Aktienkurse der kreditgebenden Banken zu stützen. Letztlich schufen damit die Banken wieder per Kredit das Geld, mit dem die eigenen Aktien gekauft wurden.

 

Beides war vor der Katastrophe weder bekannt noch ohne Weiteres erkennbar. Denn durch komplizierte Holdingstrukturen hatten die Bankeigentümer die wahren Eigentumsverhältnisse gezielt verschleiert.

Oh wie schön
ist Panama

Wenn Island ein Land mit hoher Korruption wäre, könnte man das als isländische Besonderheiten abtun. Aber Island führte immer wieder die internationalen Ranglisten als Land mit der geringsten Korruption an. Wenn viele denken, in kontinentaleuropäischen Industrieländern gebe es so etwas nicht, könnte das nach Meinung der Autoren daran liegen, dass man dort nichts davon weiß und wissen kann. Sie betonen, dass man diese verschleierten Regelbrüche bei den isländischen Banken erst nachträglich aufgrund sehr aufwendiger Untersuchungen eines Netzes von Holdinggesellschaften mit Überkreuzbeteiligungen aufdeckte. Und dies sei nur möglich gewesen, weil das Bankgeheimnis aufgehoben wurde. „Weil es kaum andere Länder gab, die so viel in die Aufklärung steckten, ist schwer zu sagen, wie repräsentativ der Fall Island für das internationale Bankgeschäft insgesamt ist“, stellen sie fest. Sie führen aber Beispiele an: Auch bei der Krise der mexikanischen Banken und der US-Savings-and-Loans-Krise in den 1990er-Jahren zeigte sich im Nachhinein ein sehr hoher Anteil von Insiderkrediten.

 

Durch die verschiedenen Enthüllungen wie Luxleaks, Panama-Leaks und Paradise-Leaks ist jedenfalls bekannt, dass verschachtelte Holdingstrukturen in großem Umfang eingesetzt werden, um Besitzverhältnisse an Unternehmen undurchsichtig zu machen. Zweifel sind angebracht, dass Bankaufsichtsbehörden unter solchen Bedingungen in der Lage sind, Insiderkredite und Klumpenrisiken zu entdecken.

 

Dieser Text wurde zuerst am 25.02.2018 auf www.norberthaering.de unter der URL <http://norberthaering.de/de/27-german/news/956-island> veröffentlicht. Lizenz: Norbert Häring

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Norbert Häring

Norbert Häring (JG 1963) ist promovierter Volkswirt. Er arbeitete für eine Bank als Analyst und als Redenschreiber, bevor er 1997 in den Wirtschaftsjournalismus wechselte. Er arbeitete bei der Börsen-Zeitung und war bei der Gründung der Financial Times Deutschland dabei. 2002 ging er zum Handelsblatt, für das er seither von Frankfurt aus schreibt. Er bloggt unter norberthaering.de und ist Co-Direktor der World Economics Association, einer Ökonomenorganisation mit über 12.000 Mitgliedern. Er ist Autor einer Reihe von zum Teil preisgekrönten Wirtschaftsbüchern. Sein aktuelles Buch „Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen“ ist unter den Top-Ten der Wirtschaftsbücher.

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