Glasperlenspiel im Elfenbeinturm:
25 Nov 2016
Die Sekte der Ökonomen – Ein Interview
Die „Wirtschaftsweisen“ sprechen gerne vom Wettbewerb. Nur für sie selbst gilt das nicht. Sie kennen nur eine Theorie, die Neoklassik, mit der sie das herrschende System absichern, sagt die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann in ihrem neuen Buch.
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Jens Wernicke: Frau Herrmann, Ihr Buch trägt den Titel „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ – haben Sie jetzt die Seiten gewechselt?

 

Ulrike Herrmann: Der Titel ist ironisch gemeint. Er spielt darauf an, dass in der heutigen Mainstream-Ökonomie der Kapitalismus überhaupt nicht vorkommt. Die sogenannte „Neoklassik“ tut so, als würden wir uns in einer Art fiktivem Mittelalter befinden und als hätte es die Industrialisierung nie gegeben. In der herrschenden Theorie fehlt alles, was einen voll ausgereiften Kapitalismus ausmacht. Großkonzerne kommen nicht vor, auch die grassierende Spekulation wird ausgeblendet. Investitionen und Kredite spielen keine zentrale Rolle – ja selbst Geld und Gewinne sind völlig nebensächlich.

 

Jens Wernicke: Also ein Glasperlenspiel im Elfenbeinturm.

 

Ulrike Herrmann: Leider sitzen die Wirtschaftswissenschaftler nicht isoliert in einem Elfenbeinturm, wo sie keinen Schaden anrichten können. Im Gegenteil, sie sind so mächtig wie keine andere Disziplin. Sie beherrschen alle Expertengremien, beraten die Regierungen und lenken die Zentralbanken. Es ist nicht übertrieben: Die Irrtümer der Ökonomen kosten nicht nur Milliarden, sondern sogar Menschenleben. Allein die jüngste Finanzkrise hat weltweit Billionen gekostet. Dieser teure Crash war nur möglich, weil die Ökonomen eine Theorie vertraten, in der Finanzkrisen gar nicht vorkamen: Stattdessen wurde behauptet, dass die Finanzmärkte stets zur „Effizienz“ und zum „Gleichgewicht“ neigen würden.

 

„Zum Dogmatismus der Mainstream-Ökonomen gehört, dass sie die wichtigsten Theoretiker ihres eigenen Faches ignorieren. Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes werden an den Universitäten kaum, verzerrt oder gar nicht mehr gelehrt.

 

Jens Wernicke: Sie verstehen Ihr Buch als Brandrede gegen die Mainstream-Ökonomie, der sie blanke Ideologieproduktion vorwerfen.

 

Ulrike Herrmann: Die heutige Ökonomie hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun – sondern ist eine Religion. Wer das Mantra vom Gleichgewicht nicht glaubt, kann an einer großen Universität keine Karriere machen. Alle wichtigen Lehrstühle sind von Neoklassikern besetzt. Deshalb ist auch nicht zu erwarten, dass sich die Ökonomie von innen erneuert. Generationen von Studenten werden indoktriniert: Derzeit sind in Deutschland 429.676 Studierende im Fach Wirtschaft eingeschrieben. Sie lernen nie, ihre Disziplin kritisch zu hinterfragen. Stattdessen müssen sie sich durch Lehrbücher quälen, die „Musteraufgaben“ und „Musterlösungen“ präsentieren – also suggerieren, dass es eine „Wahrheit“ namens Neoklassik gäbe.

 

Jens Wernicke: Aber es gibt doch viele verschiedene Schulen in der Ökonomie: Klassiker wie Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes haben sehr unterschiedliche Ansätze vertreten.

 

Ulrike Herrmann: Zum Dogmatismus der Mainstream-Ökonomen gehört, dass sie die wichtigsten Theoretiker ihres eigenen Faches ignorieren. Adam Smith, Karl Marx und John Maynard Keynes werden an den Universitäten kaum, verzerrt oder gar nicht mehr gelehrt. Dabei haben diese Theoretiker ihre Disziplin begründet und umgewälzt. Ohne sie gäbe es die moderne Volkswirtschaftslehre überhaupt nicht. Natürlich waren Smith, Marx und Keynes auch Kinder ihrer Zeit, sodass manche ihrer Ideen durch die historische Entwicklung widerlegt wurden. Aber anders als die heutigen Ökonomen haben sie die wesentlichen Fragen gestellt – und sich in der realen Welt umgesehen.

 

Jens Wernicke: Es müsste auch den Neoklassikern auffallen, dass sie mit ihrer Theorie zu kurz springen. Die Realität schlägt doch täglich zu.

 

Ulrike Herrmann: Es hat eine politische Funktion, dass die Neoklassiker so nachdrücklich behaupten, dass die Wirtschaft stets zum Gleichgewicht tendieren würde: Dies entsorgt das leidige Thema „Macht“. Plötzlich ist es keine Frage mehr, warum einige reich und viele arm sind. Jeder bekommt, was angeblich seiner „Leistung“ entspricht. Die Neoklassik ist eine Theorie, die für die Privilegierten sehr bequem ist.

 

Jens Wernicke: Können Smith, Marx oder Keynes erklären, warum die Armen arm und die Reichen reich sind und was dagegen unternommen werden kann?

 

Ulrike Herrmann: Adam Smith hat bereits vor 240 Jahren klar erkannt, dass nicht die Intelligenz oder die „Leistung“ erklärt, ob jemand arm oder reich ist. Stattdessen sah er genau, dass die Herkunft entscheidend ist – und dass Arbeiterkinder kaum Chancen haben. Karl Marx hat beschrieben, wie der Einsatz von Technik dazu führt, dass am Ende nur noch wenige Großkonzerne übrigbleiben, die ihre Branchen beherrschen. Der Wettbewerb wird ausgehebelt, und es entsteht ein Oligopol. Und Keynes hat erstmals die Macht der Finanzmärkte analysiert. Er gilt ja oft als „linker Spinner“. Das ist eine völlig falsche Wahrnehmung. Keynes war selbst professioneller Spekulant und hat ein Vermögen von umgerechnet 22 Millionen Euro hinterlassen. Aber gerade weil er lebenslang mit Derivaten spekuliert hat, wusste er genau, dass man die Finanzmärkte sehr stark regulieren muss, wenn man verhindern will, dass eine kleine Elite sich auf Kosten der Mehrheit bereichert.

 

Jens Wernicke: Wodurch entstehen Krisen und in welcher Situation befinden wir uns Ihrer Meinung nach? 

 

Ulrike Herrmann: Gefährliche Finanzkrisen entstehen immer dadurch, dass zu viele Kredite vergeben wurden. Dieser Schuldenberg lastet dann auf der Realwirtschaft. In genau dieser Situation befinden wir uns jetzt. Es hat sich eine „Superblase“ aufgepumpt, die bis zum Zerreißen gespannt ist. Allen Bankern ist klar, dass es zu einer weiteren schweren Finanzkrise kommen wird. Genau deshalb ist jetzt die Angst so enorm groß, dass die Deutsche Bank in die Pleite schlittern könnte.

 

„Die heutige Ökonomie hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun – sondern ist eine Religion. Wer das Mantra vom Gleichgewicht nicht glaubt, kann an einer großen Universität keine Karriere machen. Alle wichtigen Lehrstühle sind von Neoklassikern besetzt.

 

Jens Wernicke: Aber wir wissen doch alle: Krisen gehören zum Kapitalismus.

Ulrike Herrmann: Finanzkrisen lassen sich vermeiden: Man muss nur die Banken entmachten. Investmentbanken sind völlig überflüssig; Sparkassen reichen aus. Historisch lässt sich zeigen, dass das Wachstum immer dann am stärksten war, wenn es keinen „Freihandel mit Geld“ gab, sondern Kapitalverkehrskontrollen dafür sorgten, dass man mit Devisen nicht spekulieren konnte.

Jens Wernicke: Was ist von Smith, Marx und Keynes zu lernen?

 

Ulrike Herrmann: Finanzminister Schäuble sollte unbedingt einmal Smith lesen, der schon vor 240 Jahren wusste, dass Exportüberschüsse unsinnig und extrem gefährlich sind. Smith war keineswegs ein radikaler Liberaler, obwohl die Neoklassiker immer so tun, als wäre er ihr Stammvater. Marx hat ganz klar gezeigt, dass der Kapitalismus keine Marktwirtschaft ist, weil es keinen Wettbewerb gibt – und auch nicht geben kann. Es ist daher extrem bedenklich, dass heute immerzu nach „Marktlösungen“ gesucht wird und sich der Staat zurückzieht. In den letzten Jahren wurden fast alle öffentlichen Güter verkauft: Wasserwerke, Krankenhäuser, Elektrizitätswerke, Sozialwohnungen. Jetzt wird diskutiert, ob man auch die Autobahnen durch „Private-Public-Partnership“ indirekt privatisiert. Besonders krass war die Riester-Rente, die exemplarisch zeigt, wer von diesen „Marktlösungen“ profitiert: Die staatlichen Subventionen haben nur die Allianz und die Deutsche Bank reich gemacht. Von Keynes kann man lernen, wie ein Weltwährungssystem aussehen müsste, das die Devisenspekulation sofort beendet. Dieser Vorschlag ist brandaktuell: Momentan kreisen täglich fünf Billionen Dollar um den Erdball, um mit Währungen zu hantieren.

 

Jens Wernicke: Wie streut man einer so großen und gut geölten Macht- und Propagandamaschine Sand ins Getriebe?

 

Ulrike Herrmann: Ich setze auf Aufklärung. Mein Buch habe ich geschrieben, damit auch Nicht-Ökonomen verstehen, welche Theorien es gibt – und wie absurd der herrschende Mainstream ist.

Dieser Text wurde zuerst am 15. November 2016 auf KenFM unter der URL <https://kenfm.de/die-sekte-der-oekonomen-ein-interview/> veröffentlicht. (Lizens: KenFM)

Dieser Text erschien zuerst am 09.11.2016 bei der Wochenzeitung Kontext.

 

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Jens Wernicke

Jens Wernicke ist Gewerkschaftssekretär und freier Journalist. Er war Mitglied im SprecherInnenrat der StipendiatInnen der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie im Vorstand des freien zusammenschlusses von studentInnenschaften (fzs) e.V. Er arbeitete unter anderem als Referent für Bildungs- und Hochschulpolitik für die Fraktion DIE LINKE. im Hessischen Landtag und ist aktuell Mitarbeiter bei den NachDenkSeiten.

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