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15 Apr 2020
Die Süddeutsche und die Rüstungsgelder
Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast! Mit atemberaubenden Zahlenjonglagen rechnete die „Süddeutsche“ im Umfeld der Münchner Sicherheitskonferenz den russischen Rüstungsetat hoch, um der NATO Schützenhilfe für das Zwei-Prozent-Ziel zu liefern. – Wie man mit Wahrheiten lügt.
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Süddeutsche Zeitung am Samstag (Ausgabe vom 15./16.2.20) Foto: Leo Ensel

Schauen Sie sich mal bitte diese Graphik über weltweite Rüstungsausgaben im Jahre 2018 an, die das überregio­nale Qualitätsblatt Süddeutsche Zeitung am Samstag (Ausgabe vom 15./16.2.20) auf seiner Titelseite im Kontext von Bundespräsident Steinmeiers Eröffnungsrede d­er Münchner Sicherheitskonferenz platzierte! Fällt Ihnen etwas auf? Ja, richtig: Russland liegt hier an erster Stelle!


Russland: Überholen, ohne einzuholen!

Sie glauben dunkel in Erinnerung zu haben, dass die USA doch mehr als zehnmal so viel für das Militär ausgeben als Russland? Lagen nicht auch China, Saudi-Arabien und Indien auf den vordersten Plätzen? Merkwürdig! – Sie beginnen an Ihrem Verstand, an Ihrem Erinnerungsvermögen zu zweifeln? Befürchten gar erste Anzeichen von Alzheimer?


Keine Sorge, in Ihrem Hinterstübchen ist noch alles in Ordnung! – Aber irgendwas kann doch nicht stimmen ...


Tja, für Statistiken gilt halt dasselbe, wie für Handy- und Versicherungsverträge: Auf das Kleingedruckte kommt es an! Und tatsächlich: Unter der fettgedruckten Überschrift „Was Staaten für Rüstung ausgeben“ steht wesentlich kleiner: „in Prozent des Bruttoinlandsprodukts“. – Ach so, daher weht also der Wind! Nicht um absolute Zahlen geht es hier, sondern um das berühmte Zwei-Prozent-Ziel.


Und hier stoßen wir nun auf einen Skandal: Außer den USA und Frankreich erfüllt in dieser Graphik nur der alte und neue Gegner Russland das Zwei-Prozent-Plansoll der NATO! Ausgerechnet. Nein: es übererfüllt, mit 3,9 Prozent verdoppelt es sogar fast die Vorgabe – frei nach der klassischen DDR-Losung „Überholen, ohne einzuholen!“ Gelernt ist halt gelernt.

 

Mit Wahrheiten lügen ...

Aber Moment, schauen wir uns jetzt mal die in Klammern gehaltenen absoluten Zahlen an: Gab Russland 2018 nicht um die 60 Milliarden Dollar für die Rüstung aus? Hier steht aber 150! Ein nicht ganz unbeträchtlicher Unterschied. Dabei beziehen sich doch die Zahlen der Süddeutschen, wie ganz unten rechts in kleinstem Schriftgrad angegeben, auf die Daten des renommierten „Stockholm International Peace Research Institute“ (SIPRI). Wie das nun wieder? – Sehen wir doch direkt bei SIPRI [1] – bzw. in einer Tabelle [2] der Deutschen Welle, die die SIPRI -Daten korrekt wiedergibt – nach! Richtig: 61,4 Milliarden! Bei der Süddeutschen sind es aber 150 Milliarden! Merkwürdig, merkwürdig. – Einmal neugierig geworden vergleichen wir die Milliarden weiter:


USA
Süddeutsche: 649    SIPRI: 649
Stimmt! Aber nun gibt es auffällige Differenzen.
Frankreich  
Süddeutsche: 70    SIPRI: 63,8
China    
Süddeutsche: 466    SIPRI: 250
Großbritannien  
Süddeutsche: 54    SIPRI: 50
Italien    
Süddeutsche: 34    SIPRI: 27,81
Deutschland   
Süddeutsche: 55    SIPRI: 49,5

Wie ist das möglich? Fälscht das Leitmedium tatsächlich auf der Titelseite frech die Daten des angesehenen Stockholmer Friedensforschungsinstituts? – Ach, wir hatten das Kleingedruckte ja nicht vollständig gelesen! Hinter „absolute Ausgaben in Milliarden Dollar“ befindet sich ein Sternchen, das eine Fußnote signalisiert. Und unten rechts finden wir dann das Wörtchen „kaufkraftbereinigt“. Schlau, schlau!

 

 

 


Deutschland: Wieder mal Erster von hinten!

Nun erkennt man endlich die Absicht und ist verstimmt: Das Leitmedium leistet hier argumentatorische, genauer, propagandistische Schützenhilfe für das Erreichen des Zwei-Prozent-Ziels.


In die platte Alltagssprache übersetzt: Schaut her, die Russen geben fast doppelt so viel ihres BIPs für die Rüstung – nämlich 3,9 Prozent – aus, als die zwei Prozent, die USA und NATO von ihren Verbündeten fordern! Und Deutschland ist mit lumpigen 1,5 Prozent das rüstungsfaule Schlusslicht! Sogar noch hinter den Italienern. Schäm Dich, Deutschland – setzen! In der Rüstung wie beim European Song Contest: Immer nur Erster von hinten!


Aber, halten Sie sich bitte fest: Die ultimative Pointe kommt noch! Der reale Spitzenreiter im Jahre 2018, das Land, das laut SIPRI [3] mit 8,8 % des BIP „die höchste militärische Belastung der Welt“ (in absoluten Zahlen: 67,6 Milliarden Dollar; und damit noch vor Indien, Frankreich und Russland) hatte, war nämlich – Saudi-Arabien! Einer der besten Freunde des Westens. Finden Sie das irgendwo in der Grafik des Qualitätsblattes? – Genau: Das haben die cleveren Jungs und Mädels von der Süddeutschen einfach ausgeblendet! Hätte ja sonst auch Russland vom Spitzenplatz verdrängt. Und so die schöne Graphik vermiest ... Doch was regen wir uns auf? Hätten wir alles eigentlich auch vorher wissen können.  Nirgends kann man bekanntlich besser mit Wahrheiten lügen als in Statistiken! Das lernt jeder Ökonom, jeder BWLer und jeder Diplom-Psychologe im ersten
Semester.

 


Quellen:

[1] SIPRI, „SIPRI YEARBOOK 2019“, 2019, <https://www.sipri.org/sites/default/files/2019-11/yb19_summary_de.pdf>
[2] SIPRI, Helle Jeppesen, „Militärausgaben steigen weiter“, am 28.04.2019, <https://www.dw.com/de/sipri-milit%C3%A4rausgaben -steigen-weiter/a-48501719>  
[3] SIPRI, „SIPRI YEARBOOK 2019“, 2019, <https://www.sipri.org/sites/default/files/2019-11/yb19_summary_de.pdf>

 

 

 Dieser Text wurde zuerst am 17.02.2020 auf www.deutsch.rt.com unter der URL <https://deutsch.rt.com/meinung/98115-trau-keiner-statistik-du-nicht/> veröffentlicht. Lizenz: © Leo Ensel

Profilbild von Leo Ensel

Leo Ensel

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen. Im Neuen Ost-West-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens.


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