The Wikileaks Files:
16 Okt 2015
Die Welt laut dem US-Imperium
Die Politik läuft über Medien; Krieg läuft über Medien; Vergeltung läuft über die Medien; Ablenkungsmanöver laufen über die Medien – ein surreales Fließband voller Klischees und falscher Annahmen.
Profilbild von John Pilger
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Die fabelhafte Technologie ist zu unserem Freund geworden – aber auch zu unserem Feind. Jedes mal wenn wir unseren Computer einschalten oder ein elektronisches Gerät – unseren weltlichen Rosenkranz – sind wir der Kontrolle unterworfen: der Überwachung unserer Gewohnheiten und Routinen, und den Lügen und Manipulationen. Edward Bernays, der den Begriff „public relations“ erfand (ein Euphemismus für „Propaganda“), sagte das vor mehr als 80 Jahren vorher. Er nannte es „die unsichtbare Regierung“. Er schrieb: „Jene, die diese versteckten Elemente (unserer modernen Demokratie) manipulieren, bilden eine unsichtbare Regierung, und sie sind die wahre Macht in unserem Land … Wir werden von ihnen regiert, sie formen unsere Gedanken, unseren Geschmack, sie suggerieren unsere Vorstellungen. Und von diesen Leuten haben wir großteils noch nie gehört…“ Das Ziel dieser unsichtbaren Regierung ist die Eroberung von „uns“: unseres politischen Bewusstseins, unseres Verständnis der Welt, unserer Fähigkeit unabhängig zu denken, die Wahrheit von Lügen unterscheiden zu können. Es handelt sich um eine Form des Faschismus. Ein Wort, dass wir mit Recht vorsichtig verwenden; das wir lieber in der flackernden Vergangenheit belassen würden. Aber ein heimtückischer, moderner Faschismus ist eine zunehmende Gefahr. Wie in den 1930ern werden regelmäßig riesige Lügen verbreitet. Moslems sind schlecht. Die frömmelnden Saudis sind gut. Der frömmelnde ISIS ist schlecht. Russland ist immer schlecht. China verwandelt sich zum Schlechten. Die Bombardierung Syriens ist gut. Korrupte Banken sind gut. Korrupte Schulden sind gut. Armut ist gut. Krieg ist normal.
„In Zeiten der weltweiten Täuschung ist das Verbreiten der Wahrheit ein revolutionärer Akt.“ George Orwell
Wer diese offiziellen Wahrheiten anzweifelt, der hat wohl einen neurochirurgischen Eingriff nötig – bis wir bei ihm eine Online-Diagnose durchführen können. Die BBC liefert diesen Service kostenlos. Wer sich nicht unterwirft wird als „Radikaler“ – was immer das bedeutet – bezeichnet. Echte Meinungsabweichung ist selten geworden. Dabei sind diese Abweichler wichtiger denn je. Das Buch, das wir heute vorstellen, „The WikiLeaks Files“, ist ein Gegenmittel gegen einen Faschismus, der seinen Namen nicht nennt. Es handelt sich um ein revolutionäres Buch, so wie WikiLeaks selbst revolutionär ist – genau so wie es Orwell in meinem Eingangs verwendeten Zitat gemeint hat. Es soll uns sagen, dass wir die täglichen Lügen nicht schlucken müssen. Wir brauchen nicht zu schweigen. Oder wie Bob Marley einst sang: „emanzipiert Euch aus der geistigen Sklaverei“. In der Einleitung erklärt Julian Assange, dass es nicht ausreicht, die geheimen Botschaften der Mächtigen zu veröffentlichen: was von großer Bedeutung sei ist ihre Entschlüsselung. Und sie in einen zeitlichen und historischen Zusammenhang zu bringen. Das ist das bemerkenswerte Verdienst dieser Sammlung, sie lässt uns die Erinnerung zurückgewinnen. Sie verbindet die Ursachen und die Verbrechen, die so viel menschliches Leid auslösten (von Vietnam und Zentralamerika bis zum Nahen Osten und dem Balkan) mit der Matrix einer gierigen Macht, den Vereinigten Staaten. Momentan gibt es den amerikanischen und europäischen Versuch, die syrische Regierung zu zerstören. Premierminister David Cameron ist besonders eifrig. Jener David Cameron, den ich als schmierigen PR-Angestellten für einen britischen Privatsender (eines Geierfonds) in Erinnerung habe. Cameron, Obama und der allzeit unterwürfige Francois Hollande wollen die letzte multikulturelle Autorität in Syrien zerstören, das Resultat wird sicher für ISIS den Weg freimachen. Das ist natürlich Irrsinn. Und die Riesenlüge zur Rechtfertigung lautet: man unterstütze jene Syrer, die im Arabischen Frühling gegen Bashar al-Assad protestierten. Wie die WikiLeaks Files zeigen ist die Zerstörung Syriens ein seit langem geplantes, zynisches imperiales Projekt, das weit vor dem Arabischen Frühling und dem Aufstand gegen Assad begann. Für die Weltherrscher in Washington und Europa ist das wahre Verbrechen nicht die unterdrückerische Natur der syrischen Regierung – sondern ihre Unabhängigkeit von amerikanischer und israelischer Macht. Genauso ist das tatsächliche Verbrechen des Iran seine Unabhängigkeit. Und die Unabhängigkeit Russlands. Und die Unabhängigkeit Chinas. In einer amerikanischen Welt ist Unabhängigkeit nicht hinnehmbar. Dieses Buch enthüllt diese Wahrheiten, eine nach der anderen. Die Wahrheit über den „war on terror“, der immer ein Krieg des Terrors war; die Wahrheit über Guantanamo, die Wahrheit über den Irak, Afghanistan, Lateinamerika. Noch nie war das Aussprechen dieser Wahrheiten so dringend nötig. Die Leute in den Medien (mit ein paar ehrenhaften Ausnahmen), die angeblich dafür bezahlt werden die Dinge zu protokollieren, verstricken sich jetzt in ein Propagandasystem, das hat nichts mehr mit Journalismus zu tun. Es ist Anti-Journalismus. Das gilt für die liberalen und die angesehenen genauso wie für Murdoch. Die sogenannten Nachrichten kann man sich nicht mehr ansehen oder lesen – außer man ist bereit, jede fadenscheinige Behauptung zu beobachten und zu zerlegen. Beim Lesen des Buches WikiLeaks Files musste ich an die Worte des verstorbenen Howard Zinn denken, der oft von einer Macht sprach, „die eine Regierung nicht unterdrücken kann“. So eine Macht ist WikiLeaks und sie beschreibt die echten Whistleblower, die den selben Mut besitzen. Ich kenne einige Leute von WikiLeaks persönlich, seit einiger Zeit. Was sie unter Umständen, die sie nicht zu verantworten haben, leisteten ist ein Quell steter Bewunderung. Ich erinnere an die Rettung von Edward Snowden. Wie er sind sie nichts weniger als heldenhaft. Sarah Harrison beschreibt in ihrem Kapitel „Das Inhaltsverzeichnis des Imperiums“, wie sie und ihre Kameraden eine ganze öffentliche Bibliothek über die US Diplomatie angelegt haben. Es gibt mehr als zwei Millionen Dokumente, jetzt für alle zugänglich. „Wir wollen mit unserer Arbeit sicherstellen, dass die Geschichte uns gehört“, schreibt sie. Ich bin begeistert, so etwas zu lesen. Und es zeigt, welchen Mut sie besitzt. Julian Assange gibt, aus den beengten Räumlichkeiten der ecuadorianischen Botschaft in London, eine mutige Antwort an die Feiglinge die ihn verleumdet haben, und an die wild gewordene Macht die auf Rache sinnt und der Demokratie den Krieg erklärt hat. Julian und seine Kameraden bei WikiLeaks haben sich davon nicht abschrecken lassen, kein bisschen. Das ist doch was, oder?

Dieser Text wurde zuerst auf der Propagandaschau unter der URL <https://propagandaschau.wordpress.com/2015/10/02/counterpunch-wikileaks-gegen-das-imperium/#more-15545> veröffentlicht.

Profilbild von John Pilger

John Pilger

ist ein australischer Journalist und Dokumentarfilmer. Von 1963 bis 1986 war Pilger Leiter der Auslandsredaktion des „Daily Mirror“. Seitdem arbeitet Pilger als freier Journalist. Mit zahllosen Journalismus-Preisen ausgezeichnet, gehört Pilger zu den prominentesten englischsprachigen Journalisten. Quelle: Wikipedia


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