KEN FM im Gespräch:
25 Feb 2016
Dr. Daniele Ganser zur Ost-Erweiterung der NATO
Es war von den Russen ein Geschenk an die Deutschen – und das finde ich ja richtig, dass Deutschland wiedervereinigt wurde – damit hier eine alte Wunde geheilt werden konnte. Damals haben die Russen aber verlangt, die NATO darf sich nicht weiter ausdehnen. Die NATO hat versprochen, ja. Die Amerikaner, der Präsident Bush – damals, der eben zur gleichen Zeit diese Brutkastenlüge in Kuwait gemacht hat – der hat dann den Russen versprochen, ja natürlich, wir dehnen uns nicht aus.
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(Ausschnitt, August 2014)

DG: Der wesentliche Punkt ist, Russland wird natürlich vom Westen bedrängt. Wir, und damit meine ich der Westen, schürt diese Angst vor Russland. Man sagt so, nicht so direkt, aber man sagt wieder, man drückt die Knöpfe, man sagt, die Russen, die essen ihre Kinder, ja. Einfach um die Angst zu schüren. Und dann wird

KJ: Unberechenbare Großmachtfantasien – genau, wenn wir noch eine Woche warten, ist Berlin, Bern und Paris von den Russen besetzt, ja. So wird’s… völliger Unsinn, – Ja – völliger Unsinn.

DG: Was wirklich passiert ist, und dann müssen wir nochmal in die Geschichte gehen, und darum bin ich überzeugt davon, wer die Geschichte studiert, hat bessere Verständnisse dieser Vorgänge.

1990, als es darum ging, Deutschland wieder zu vereinen, hatten wir ja die Situation, dass die BRD Mitglied der NATO war, die DDR aber war Mitglied des Warschauer Pakts. Da hatten wir also ein kapitalistisches und ein kommunistisches Militärbündnis. Das geht jetzt gar nicht zusammen. Dann war die Problematik, dass wenn man das fusioniert, entweder Deutschland neutral werden sollte – hätte ich sehr gut gefunden, hat man nicht gemacht – oder dass Deutschland entweder ganz in den Warschauer Pakt geht, oder ganz in die NATO.

Man hat sich dafür entschieden, ganz in die NATO zu gehen. Für diesen Entscheid aber musste Gorbatschow das OK geben, dass die DDR aus dem Warschauer Pakt rausgelöst wird und in die NATO reinkommt.

KJ: Das war ein riesen Ding. Wurde gemacht.

DG: Es war von den Russen – ich sage mal – ein Geschenk an die Deutschen –  und das finde ich ja richtig, dass Deutschland wiedervereinigt wurde – damit hier eine alte Wunde geheilt werden konnte. Damals haben die Russen aber verlangt, die NATO darf sich nicht weiter ausdehnen. Die NATO hat versprochen, ja. Die Amerikaner, der Präsident Bush – damals, der eben zur gleichen Zeit diese Brutkastenlüge in Kuwait gemacht hat – der hat dann den Russen versprochen, ja natürlich, wir dehnen uns nicht aus. Das war aber auch eine Lüge, die NATO hat sich dann weiter ausgedehnt. Polen kam in die NATO, Estland kam in die NATO, Lettland, Litauen. Das sind alles Länder, die für die Russen sozusagen ziemlich nahe liegen. Dann kam Rumänien in die NATO, Bulgarien kam in die NATO, die Tschechei kam in die NATO, die Slowakei.

Ich meine, für die Russen – man muss ja in der Friedensforschung in den Köpfen immer hin und her springen – für die NATO hat das nur bedeutet, wir dehnen uns aus, die Leute wollen das, wir machen das. Also ob’s die Leute wollen spielt keine Rolle, aber die Regierungen, dass haben wir so eingestellt damit wir uns ausdehnen können. Für die Russen war es eine Bedrohung und die Russen haben immer wieder gesagt, dass wenn jetzt die NATO versucht die Ukraine auch zu nehmen, wenn sie dort die Regierung stürzt, jemanden installiert, der dann sozusagen den NATO-Beitritt will, dann ist der Punkt erreicht, wo man das nicht tolerieren will. – Weil es wirklich an uns grenzt. Das ist der Pufferstaat. – Das ist der Pufferstaat, das ist wie Weißrussland, das ist diese Zone – oder Georgien – wo man sagt, es reicht, einfach es reicht.

Man muss sich das so vorstellen, wenn sich jetzt der Warschauer Pakt ausgedehnt hätte und nicht die NATO, dann wäre der Warschauer Pakt, dann wäre sozusagen Frankreich  Warschauer Pakt geworden, Spanien, Deutschland, Nieder… –  wäre alles Warschauer Pakt, und dann hätte man gesagt Mexiko brauchen wir auch noch. Irgendwann hätten die Amerikaner gesagt, geht nicht.

Dass heißt, dieser Kampf zwischen den USA, zwischen Russland und zwischen China, dieser Kampf ist nicht vorbei. Das heißt, dass sind die Großmächte die immer um Einfluss ringen. Und die Amerikaner haben eben sozusagen die Idee, dass sie auf dem Eurasischen Feld – das ist Europa und Asien zusammen – dass sie dort die verschiedenen Akteure gegeneinander aufspalten, dass also die Deutschen und die Russen sich nicht mögen, und dass die Iraner und Iraker im Krieg sind, und dass in der Ukraine die verschiedenen Gruppen gespalten sind. Weil, wenn sich die zusammen tun würden, dann hätten sie sehr viel Wirtschaftsmacht und sehr viel Ressourcen. Die Ressourcen liegen im eurasischen Raum. Die liegen nicht im… – Und die wandern auch nicht – nein, die wandern auch nicht, und das Fracking ändert da gar nichts dran. Die Ressourcen liegen im persischen Golf. Und wenn man das so beobachtet, dann ist es meiner Meinung nach eigentlich falsch, wenn man diesen Sturz von Janukowitsch 2014 in der Ukraine und der Machtantritt von Poroschenko auch 2014 in der Ukraine, wenn man den nur so darstellt, als wäre das eine Revolte des Volkes, die sozusagen zum Sturz eines korrupten Führers geführt hat. Das ist so nicht richtig, sondern wir haben auch Paramilitärs, die eingreifen. Wir haben auf dem Maidan, das ist dieser Platz in Kiew, haben wir Scharfschützen an einem ganz entscheidenden Tag im Februar 2014, die von den Dächern runterschießen und die erschießen sowohl Polizisten als auch Demonstranten. Und das ist einfach für den Historiker immer so ein AHA-Erlebnis wo man sich fragt… Nochmals: Polizisten und Demonstranten haben die erschossen, dann sind das wohl nicht die Freunde der Polizisten, sonst würden sie ja die nicht erschießen. Die Polizisten sind von der Regierung Janukowitsch gestellt, wenn die Snipers die Polizisten erschießen, ist es unwahrscheinlich, dass das die gleiche Gruppe ist. Ist nichts bewiesen. Aber ich sage nur, hier wird Chaos generiert.

Und wenn ich zurück gehe: 1953 wurde ja im Iran die Regierung Mossadegh gestürzt – durch CIA und MI6 – genau. Der englische und amerikanische Geheimdienst haben damals die Regierung gestürzt – eine demokratische Regierung – genau, eine demokratische. Also das Gerede von Demokratie hat dort ein Ende, wenn man sieht, die wollten die Rohstoffe des Irans. Der Iran hat die Rohstoffe nationalisiert, das war aber nicht BP. Die haben gesagt „Hey Jungs dass ist unser Öl, wir sind zwar Briten, aber es gehört uns.“ – Damals hießen sie aber noch Iranoils – genau, genau das ist – Heut heißen sie BP – ja, ja das ist die gleiche Firma, das sind die Briten. Und die Briten wollen einfach das Öl im Iran und man sieht dann auch, als die Amerikaner gesagt haben, wir helfen euch die Regierung im Iran zu stürzen, haben sie gesagt, wir hätten dann aber gern ein Teil des Öls. Also das ist immer – wer die Wirtschaftskriege studiert dem fällt es wie Schuppen von den Augen. Aber den Hauptpunkt, den ich machen wollte, man hat damals in Teheran, in der Hauptstadt vom Iran, auch Terroranschläge inszeniert. Und wir haben jetzt die offzielle CIA-Geschichte zu diesem Regierungssturz 1953, und da schreibt die CIA selber, dass man Agenten verkleidet hat, als Muslime, und dann hat man sozusagen Terroranschläge geführt. Das ist „false _ag strategy of tension“, so nennen wir das, also unter „falscher Flagge die Spannung erhöhen“. Und es könnte sehr gut sein – ich habe sehr diesen Eindruck – , dass in der Ukraine genau das gleiche passiert ist.

D.h. dieser Regierungssturz in der Ukraine könnte sein, dass man einfach sagt, wir haben hier jemanden installiert, Poroschenko, der das Land längerfristig dem Westen anbindet und in die NATO führen möchte, während umgekehrt die Russen natürlich versuchen werden – indem sie die Erdgaslieferung unterbrechen – dieses Regime Poroschenko wieder zu stürzen. Und das ist für mich ein klassisches Beispiel für ein Ressourcenkrieg kombiniert mit Geostrategie. D.h. die NATO weitet sich aus nach Russland, die Russen können dann die Erdgaslieferung unterbrechen, wenn sie nicht zufrieden sind mit der Regierung in Kiew, oder sie nehmen die Krim oder die Ostukraine. Sie versuchen Teile sozusagen auf ihre Seite des Schachbretts zu nehmen.

Und was mich einfach sozusagen in der Analyse eines Spiegels, eines Guardian, einer FAZ, einer Süddeutschen Zeitung enttäuscht. Ich kann nur sagen enttäuscht, ich lese das ja auch. Dass da einfach dieses Feindbild „Putin der Böse“ tausendmal runtergeleiert wird, und niemand macht mal eine Karte wo da steht: Nato 1990 mit den Ländern, dann Nato 2014 mit den Ländern, und dann sozusagen reingezoomt auf die Ukraine, „Der Zankapfel“. Das finden sie einfach nicht, da müssen sie schon aufs Internet gehen und sich das recherchieren und sehen die NATO hat sich ausgeweitet. Und das zweite wäre wichtig, dass man die Pipelines genau zeigt und dass man die Abhängigkeit von Europa von diesen fossilen Energieträgern zeigt, und zeigt was haben wir geleistet im Bereich erneuerbaren Energien. Das wird aber auch gar nicht gemacht, sondern dann lieber noch mal eine Keule für Putin. Und das ist schon – irgendwo ist es eine Beleidigung an den Verstand. Also die Leute werden – sie werden sehr für dumm verkauft. So im Sinn von, für, mehr Hirnmasse sehen wir bei euch nicht.

Dieser Text wurde zuerst auf Youtube unter der URL <https://youtu.be/tO8OkrOxNOA?t=1h5m26s> veröffentlicht.

Transcript von Petra Kupsky und Martin Simon Krüger

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