01 Okt 2020
Drohnenmorde nur noch ohne Hate Speech!
Ein Kommentar von Mathias Bröckers
Profilbild von Mathias Bröckers
Share
„Enter the Drone“ Foto: AK Rockefeller Lizenz: CC BY 2.0

Der geschätzte Senior-Korrespondent und Gonzo-Kolumnist der „Asia Times“, Pepe Escobar, hat unlängst auf Facebook 30 Jahre Geschichte in einer Minute erzählt:


„Eric Hobsbawm zeigte uns, wie das kurze 20. Jahrhundert mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Ende der UdSSR 1991 endete. Dann kam der unipolare Moment, im Zeichen dieses pathetischen, neo-hegelianischen „Endes der Geschichte“. Doch für die Zwecke der nie aufgelösten Kriegspartei brauchte es einen neuen Feind: Betreten Sie die Galaxie der „muslimischen Terroristen“! [1]


Während der Hegemon den globalen Krieg gegen den Terror (Global War on Terror, GWOT) entfaltete – mit Bombenangriffen, Invasionen und Plünderungen – machte sich China bereit, die Führung zu übernehmen, „den Fluss zu überqueren und dabei die Steine zu spüren“(Deng).


Die Finanzkrise von 2008 erschütterte den Kapitalismus bis ins Mark. Vorhersehbar war jedoch die Option, virtuelles Kapital anstelle des realen Lebens zu privilegieren.
Der Hegemon war bereits umstritten – erst recht als die Kompassnadel der Weltwirtschaft bereits nach Asien zu weisen begann.


Bereits 1997, wenige Tage vor der Übergabe Hongkongs (an China. Hongkong war bis dato britische Kronkolonie, Anm.d.Red.), hatte ich ein Buch mit dem Titel „21st – the Asian Century“ veröffentlicht. Damals waren wir sehr wenige, die das sagten.


Später kam die fabelhafte Arrighi-Wallerstein-Debatte, in der Arrighi weit vor allen anderen erklärte, wie China sich durchsetzen würde.


Die Krise von 2008 nahm kein Ende. Im Jahr 2020 stand sie kurz davor, erneut zu verschärfen. Das geschah dann auch.


Jetzt ist klar: Der Feind, den man fürchten muss, ist Asien – speziell China. Das Erscheinen eines unsichtbaren Feindes wurde in die perfekte Metapher verpackt: Der „chinesische Virus“.


Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Das 21. Jahrhundert wird nicht nur das asiatische, sondern auch das eurasische Jahrhundert sein, multipolar, interdisziplinär, gegen Krieg und gegen Hegemonie.“


Das ist, wie ich finde, ein guter Überblick zur Lage, beziehungsweise dazu, wie es historisch zur aktuellen Stellung im geopolitischen Schach gekommen ist, und zu der im transatlantischen Westen immer lauter werdenden Ausrufung des neuen Großfeindes China und der Dämonisierung [2] der kommunistischen Partei. Da kam Corona gerade recht – und in dem nun folgenden, mit dem Lockdown unausweichlichen ökonomischen Niedergang, wird ein Sündenbock mehr denn je gebraucht. Und zwar ein gefährlicher, gegen den man weiter aufrüsten muss, sonst könnte am Ende jemand auf die Idee kommen, die ebenso riesigen wie unberührbaren Rüstungsbudgets anzutasten. Im Schauwahlkampf des US-Imperiums können wir uns deshalb darauf einstellen, dass der außenpolitische Pissing-Contest darum geht, wer am lautesten „Tough On China“ ist. Innenpolitisch wird es dagegen um Rassismus, Black Lives Matter und die Polizei gehen – die letzte Trumpfkarte, die die Demokraten gegen Trump noch im Ärmel haben und deshalb Verständnis nicht nur für die Proteste äußern, sondern sogar für die gewalttätigen Randale in vielen Städten. Aber nach dem Fake-News-Zirkus von Russiagate über Ukrainegate und Impeachment, den die demokratische Partei und ihre Medien gegen Trump veranstalteten, könnte auch dieser Schuss nach hinten losgehen. Schon 2017 hatte Trumps Strategie-Berater Steve Bannon frohlockt:


„Wenn sie (die Demokraten) immer weiter über Identitätspolitik reden, haben wir sie. Ich will, dass sie jeden Tag über Rassismus reden. Solange die Linke auf Rasse und Identität fokussiert ist und wir den ökonomischen Nationalismus durchziehen, können wir die Demokraten vernichten.“ [3]


Weil das mit der Ökonomie wegen Lockdown und Depression wohl nicht so gut laufen wird, empfiehlt  Bannon  für den Wahlkampf jetzt den  Akzent eher auf die Außenpolitik zu legen und die „Gangster“ [4] der Kommunistischen Partei Chinas in den Mittelpunkt zu stellen. Wegen Corona und um „Freiheit und Demokratie“ nach China bringen. [5]


Da die Demokraten gemerkt haben, dass sie mit ihrem Kandidaten Joe Biden, der als Vizepräsident seinem Sohn ja nicht nur in der Ukraine, sondern auch in China lukrative Geschäfte eingefädelt hat, gegen Trumps China-Bashing nicht ankommen, haben sie jetzt schnell noch eine neue Russiagate-Nebelkerze gezündet. In der New York Times [6] wird behauptet, dass „Russen“ den Taliban in Afghanistan „Kopfgeld“ für getötete US-Soldaten zahlen… eine tolle Geschichte, die sich aber ausschließlich auf  anonyme Geheimdienstquellen beruft – ohne die offensichtliche Frage zu beantworten, seit wann man Afghanen dafür bezahlen muss, auf die Besatzungstruppen zu schießen, die ihr Land seit 20 Jahren belagern? Als „Beweis“ für die Beutezahlungen wird eine große Geldmenge angeführt, die in einem Taliban-Lager entdeckt und beschlagnahmt wurde. Mit den Fingerabdrücken Putins… könnte man glauben, wenn man die durchgeknallte Moderation Rachel Meadows auf dem US-Mainstreamsender MSNBC hört [6]. Aber alles ist wie im Russiagate-Zirkus üblich nur heißePropagandaluft [8] – doch Trump, der die Truppen aus Afghanistan eigentlich abziehen will [9], soll davon gewusst und nichts unternommen haben, ….wegen Putin, der ihm nach 2016 auch die Wahl 2020 sichern soll.

 

Man könnte abwinken, dass eine derart krude Verschwörungstheorie doch von niemandem mehr ernst genommen wird, aber sie wird auch Linksliberalen und Progressiven in den USA seit Jahren derart ins Hirn geblasen [10] , dass sie noch immer Wirkung zeigt. Hauptsache, es geht gegen den „faschistischen Clown“ in Orange und nicht gegen den 20 Jahre währenden Krieg in Afghanistan, oder gegen die größte Opium- und Heroin-Produktion aller Zeiten, die unter CIA-Aufsicht dort läuft. Das sind die Themen, die jede echte „Resistance“, jede Opposition gegen die US-Regierung aufzugreifen hätte.


Aber nichts davon… stattdessen: Proteste gegen Rassismus, Sturm auf Denkmäler der alten weißen Männer: in Boston wird Christopher Columbus geköpft, in Oregon die Statue George Washingtons verbrannt, auch Gründervater Thomas Jefferson  musste dran glauben und in San Francisco wird General Ulysses Grant gestürzt, obwohl der doch eigentlich gegen die Südstaaten und die Sklaverei gekämpft hatte. Egal… die verpeilten Rebellen, die sich selbst „woke“ – erwacht – nennen, nehmen es im Eifer des revolutionären Gefechts halt nicht so genau. Im Golden Gate Park haben sie dann gleich noch das Denkmal von Miguel de Cervantes beschmiert: Ein europäisches Gesicht vor dem zwei Figuren knien kann halt nur ein rassistischer „Bastard“ sein [11]. Dass es sich dabei um Don Quichotte und Sancho Pansa handelt, die dort ihrem literarischen Schöpfer Ehre erweisen, dem „Erfinder“ des modernen Romans, der selbst fünf Jahre in der Sklaverei leben musste, nachdem er von ottomanischen Piraten entführt worden war  – geschenkt! Hauptsache irgendwas gegen Rassismus – und gegen Trump, den Oberrassisten…


Wer da WTF oder auf deutsch „Was soll der Scheiß?“ ruft bewegt sich bereits auf dünnem Eis selbst des Rassismus beschuldigt zu werden. Denn jenseits von Randale und Bilderstürmerei geht es in den US-Talkshows derzeit rauf und runter um den Bestseller „White Fragility“ – die Schwierigkeit weißer Personen über Rassismus zu reden – ein Buch der Beraterin Robin di Angelo [12], von der „Rolling Stone“-Reporter Matt Taibbi schreibt, sie sei: „sicher nicht die erste Person, die einen Dollar macht, indem sie pseudo-intellektuellen Schwachsinn als Unternehmensweisheit verkauft, aber sie könnte die erste sein, die das mit hitlerartiger Rassentheorie tut. „White Fragility“ hat eine einfache Botschaft: Es gibt keine universelle menschliche Erfahrung, und wir werden nicht durch unsere individuelle Persönlichkeit oder moralische Entscheidungen definiert, sondern nur durch unsere Rassenkategorie.“ [13]


Rassismus, so die Autorin in einem Interview, ist „eine internalisierte Haltung, die in jeder und jedem Weißen steckt.“ [14]. Wir wollen dann schon gar nicht mehr wissen, was in jedem Juden, Chinesen oder „Neger“ steckt, …aber verbannen Mark Twains Klassiker „Huckleberry Finn“ wegen Gebrauch des „N-„Worts vorsorglich schon mal von den Schulen…


Entlang solcher Identitätslinien zieht sich der Protestdiskurs, die Kulturrevolution, die da angeblich in Gang gekommen ist – und die nichts, nothing, nada an den bestehenden Verhältnissen ändern wird. Warum ich mir da so sicher bin? Weil eine Revolution, der von CNN, MSNBC, New York Times und Washington Post das Wort geredet wird, keine sein kann. Wenn sich die Erniedrigten und Beleidigten dabei vor den „Rassismus“-Karren spannen lassen und aufeinander losgehen, statt gemeinsam gegen die 0,1 %, die das Land kontrollieren, aufzubegehren. Denn nicht ehemalige Sklavenhalter wie Washington, Jefferson oder die weißen Gründerväter sind das Problem, sondern Neo-Feudalherren wie  Jeff Bezos, Warren Buffet, George Soros oder Bill Gates. Dass sie hundert Millionen [15] Dollar an „Black Lives Matters“ gespendet haben, garantiert, dass diese anti-rassistische Rebellion ihr Geschäftsmodell keinesfalls in Frage stellen wird. Sie würden wahrscheinlich sogar die Freiheitsstatue in die Luft jagen lassen, denn die „Freiheit“, die sie verkündet, wurde schließlich durch den Holocaust der indigenen Bevölkerung geschaffen. Sie würden auch niederknien, aus Solidarität und für die Schuld, die die Nation auf sich geladen hat – Hauptsache, keine Krankenversicherung, keine kostenlose Bildung und keinesfalls Abrüstung und Ende der Kriege überall. Stattdessen: Marschbefehle nur noch mit Gender-Sternchen, militärische Eroberungen nur noch in politisch korrekten Transgender-Uniformen [16] und Drohnenmorde bitte ohne Hate Speech …

 

 

Quellen:

[1] Pepe Escobar auf Facebook: <https://www.facebook.com/pepe.escobar.77377>
[2] Information Clearing House: Andre Vltchek - „Why is China Painted as ‘Capitalist’ by Western Propaganda?“ <http://www.informationclearinghouse.info/55330.htm>
[3] The New York Times: Timothy Egan - „What if Steve Bannon Is Right?“<https://www.nytimes.com/2017/08/25/opinion/bannon-trump-polls-republican.html>
[4] Asia Times: David P. Goldman - „Bannon tells Asia Times: US election is all about China“<https://asiatimes.com/2020/06/bannon-tells-at-us-election-is-all-about-china/>
[5] Ken FM:  Dirk Pohlmann. - „Der Neue Kalte Krieg und die Biowaffen“ <https://kenfm.de/der-neue-kalte-krieg-und-die-biowaffen-tagesdosis-23-6-2020/>
[6] The New York Times: Eric Schmitt, Adam Goldman, Nicholas Fando „Spies and Commandos Warned Months Ago of Russian Bounties on U.S. Troops“ <https://www.nytimes.com/2020/06/28/us/politics/russian-bounties-warnings-trump.html?>
[7]The Grayzone: „US claim of ‚Russian Bounty‘ plot is dubious and dangerous“ <https://www.youtube.com/watch?time_continue=70&v=xMfV0cr1_T4&feature=emb_logo>
[8] Consortium News: Scott Ritter - „BOUNTYGATE: Scapegoating Systemic Military Failure in Afghanistan“ <https://consortiumnews.com/2020/07/05/bountygate-scapegoating-systemic-military-failure-in-afghanistan/>
[9]Consortium News: Lee Camp - :“Connecting the Dates – US Media Used To Stop The ‘Threat’ of Peace“ <https://consortiumnews.com/2020/07/01/lee-camp-connecting-the-dates-u-s-media-used-to-stop-the-threat-of-peace/>
[10] Telepolis: Bulgan Molor-Erdene - „Kopfgeldaffäre: The Star Spangled Pranger“ <https://www.heise.de/tp/features/Kopfgeldaffaere-The-Star-Spangled-Pranger-4840389.html>
[11] Book & Film Globe: „The Defiling of Miguel de Cervantes“ <https://bookandfilmglobe.com/creators/writers/cervantes-statue-defiled/>
[12] Robin di Angelo: „White Fragility: Why It‘s So Hard for White People to Talk About Racism“ <https://www.amazon.com/-/de/White-Fragility-People-About-Racism/dp/0807047414/ref=sr_1_1?>
[13] Matt Taibbi: „On White Fragility” <https://taibbi.substack.com/p/on-white-fragility>
[14] ZEIT Campus: : Hannes Schrader, Robin di Angelo - „Die meisten Weißen sehen nur expliziten Rassismus“ <https://www.zeit.de/zustimmung?url=https%3A%2F%2Fwww.zeit.de%2Fcampus%2F2018-08%2Frassismus-dekonstruktion-weisssein-privileg-robin-diangelo%2Fkomplettansicht>
[15] The Washington Times: Valerie Richardson - „Black Lives Matter cashes in with $100 million from liberal foundations“ <https://www.washingtontimes.com/news/2016/aug/16/black-lives-matter-cashes-100-million-liberal-foun/>
[16] Telepolis: Ortwin Rosner - „Tod von George Floyd: Hat die politische Korrektheit versagt?“ <https://www.heise.de/tp/features/Tod-von-George-Floyd-Hat-die-politische-Korrektheit-versagt-4837744.html>

 

 

Dieser Text wurde zuerst veröffentlicht am 14.07.2020 auf KenFM.de unter der URL <https://kenfm.de/drohnenmorde-nur-noch-ohne-hate-speech-von-mathias-broeckers/>. Lizenz: Matthias Bröckers, KenFM.de, CC BY-NC-ND 4.0

Profilbild von Mathias Bröckers

Mathias Bröckers

geboren 1954 ist ein deutscher freier Journalist, der vor allem für die taz und Telepolis schreibt. Ab 2001 hat er mehrere Bücher über den 11. September geschrieben.


Hat Ihnen der Artikel gefallen?
FREE21 steht für nicht embeddeter, crowdfinanzierter Journalismus. Helfen Sie uns noch besser zu werden und unterstützen Sie uns! Jeder Euro fließt in die unabhängige journalistische Arbeit.
einmalig
Spenden
.
Jetzt fördern
Mitglied werden!
.
Magazin
.
Überweisung
GLS Bank
Kontoinhaber:
Verein zur Förderung unabhängiger journalistischer Berichterstattung e.V.
IBAN: x-2100
Name der Bank: GLS Gemeinschaftsbank eG
BIC: GENODEM1GLS
Kommentar schreiben