Projekt „Bärensuppe“:
24 Apr 2016
Eine Begegnung zwischen Alicia und Bilbo Calvez
In der Kommune in der Nähe von Kassel habe ich Alicia getroffen. Wer in dieser Kommune einsteigen möchte, muss sein gesamtes Vermögen der Kommune geben. Diese Kommune funktioniert intern ohne Geld. Wenn ich ohne Geld meine, geht es nicht um „eine Hand wäscht die andere“, sondern um ein bedingungsloses Miteinander. Es wird weder verglichen noch gezählt. Jeder bringt mit was er kann und benutzt was er braucht.
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Bilbo Calvez: Wir sind hier in der Nähe von Kassel, in einer Kommune, in der Ihr probiert, ein wenig anders mit Geld umzugehen. Das finde ich interessant, weil sich meine künstlerische Arbeit mit Geld beschäftigt. Darum sind wir hier. Alicia, seit wann lebst Du dort?

 

Alicia: Seit 6 Jahren lebe ich nun in der Kommune.

 

Bilbo Calvez: Was hat Dich hierher getrieben?

 

Alicia: Zwei unterschiedliche Sachen, einmal  war ich mit meinem  vorherigen Arbeitsleben unzufrieden. Ich habe in der Altenhilfe gearbeitet und das mit dem stationären Alltag war mir zu unmenschlich und ich habe gehört, dass es hier eine Tagespflege gibt, in der ich kollektiv arbeiten kann. Und der andere Grund war, hier in Gemeinschaft zu leben und andere Alternativmodelle zu leben anstatt Kleinfamilie. Also ich musste mich irgendwann entscheiden. Zweierbeziehung und Kleinfamilie oder weiterhin alternativ zu leben. Ich war kurz davor auf den Wagenplatz zu ziehen und dann kam die Idee mit der Kommune und dann habe ich mich mit dem „Kommunegedanken“ beschäftigt.

 

Bilbo Calvez: Wie alt warst da?

 

Alicia: Anfang 30 – ich bin jetzt 39.

 

Bilbo Calvez: Und hast Du Geld in die Kommune eingebracht?

 

Alicia: Noch nicht viel. Wir können, also müssen das Vermögen einbringen und da ich vorher nichts angespart hatte, weil ich auch weniger arbeiten wollte. Ich hatte nur eine 30 Stunden Stelle, von der ich gerade so leben konnte, so habe ich 1.000,- € eingebracht. Aber irgendwann kommt ja eventuell noch mein Erbe dazu und dann wird das auch noch eingebracht in die Vermögensökonomie.

 

Bilbo Calvez: Das heißt jeder Mensch, der sich entscheidet hier zu leben, muss sein gesamtes Vermögen in die Kommune einbringen? Wenn er also eine Goldreserve hat, muss er diese Goldreserve auch einbringen?

 

Alicia: Ja, die muss aufgelöst werden und dann würde der Barbetrag eingebracht werden.

 

Bilbo Calvez: Meinst Du, dass es Leute davon abhält hierher zu kommen?

 

Alicia: Es gibt Leute, die das davon abgehalten hat, es zu machen. Ich kenne auch Menschen, die sagen, sie finden das toll aber wenn sie dann aussteigen, müssten sie wieder neu ansparen für die Altersvorsorge, weil unser Rentensystem kaputt ist.

 

Bilbo Calvez: Das bedeutet, wenn jemand kommt und der hat meinetwegen 500g Gold, was sein Vermögen ist, muss er das in der Kommune abgeben, wenn er hier einzieht aber bekommt es nicht wieder, wenn er auszieht?

 

Alicia: Genau. Weil wir das hier mit dem Vermögen gemeinsam aufgebaut haben, haben wir gesagt, dass die Leute danach nicht in ein soziales Loch fallen sollen, wenn sie aussteigen, sondern einen Ausstiegsvertrag machen. Das in Zeiten, in denen es Ihnen gut geht und es möglichst keine Konflikte gibt, so dass sie ein halbes Jahr davon leben können. Wenn ich zum Beispiel als examinierte Pflegekraft mit leitender Ausbildung – also ich habe eine Ausbildung zur Pflegedienstleistung – ich werde draußen, wenn ich aussteige würde, würde mich das Arbeitsamt nicht lange arbeitslos lassen. Ich würde ruck-zuck eine gute Stelle bekommen und würde dann, sagen wir mal, 1.500 € mitnehmen, um den ersten Monat überleben zu können und nochmal 2.000 - 3.000 € als zinsloses Darlehen, um die Kaution und die erste Miete zu zahlen. Ein 58 jähriger Kommunarde zum Beispiel, der jetzt ausgestiegen ist, hat keine Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Er hat fast  10.000 € mitgenommen. Wir haben eine sehr große Spannbreite und es wird individuell geguckt, wer was für das erste halbe Jahr zum Leben benötigt.

 

Bilbo Calvez: Das ist unabhängig davon, was die Leute eingebracht haben?

 

Alicia: Unabhängig, weil das unsere Idee ist, dass das Geld nicht der entscheidende Moment ist. Es ist unabhängig davon, was die Leute eingebracht haben. Es zählt im Moment des Einstieges, aber beim Ausstieg zählt dann ein anderer Aspekt. Wie kann man das sonst gerecht machen? Die Leute, die hier etwas erwirtschaftet haben oder nicht erwirtschaftet haben – wir haben ja auch Arbeitsbereiche in denen kein Geld verdient wird, die aber sehr wichtig sind. Es gibt Leute, die machen für uns die Vereinsverwaltung von der ganzen Kommune. Wir sind 60 Erwachsene, 20 Kinder und es sind 4 Menschen, die nur den ganzen Verein verwalten und unser Leben organisieren. Die erwirtschaften ja nichts, sind aber für uns total wichtig. Würden die nach den Prinzipien, die draußen in der Gesellschaft gelten (bewertet werden), würden die eigentlich kein Geld mitnehmen, weil sie ja nichts erwirtschaftet haben. Und wenn die dann noch nicht mal was eingebracht hätten, weil sie vorher auch nicht gearbeitet haben. Wir können nicht in Geld aufrechnen, wer wie viel erarbeitet hat.  Deswegen gilt: Was brauchen die Leute zum Leben, wenn sie nicht mehr bei uns in der gemeinsamen Ökonomie leben?

 

Bilbo Calvez: Das bedeutet, wenn jemand nichts hatte, ist es kein Problem. Aber wenn jemand 50 ist und in seinem Leben schon viele Abstriche gemacht hat, um etwas zurückzulegen, dann ist es für ihn schon eine sehr große Überwindung, zu sagen: Jetzt gebe ich meine 50.000 Euro erspartes Geld. Wenn man dann nach fünf Jahren merkt, dass es nicht passt, hat man 50.000 Euro verloren. Das ist schon ein bisschen hart oder?

 

Alicia: Deswegen haben wir einen sehr langen, komplizierten Einstiegsprozess. Es dauert über ein Jahr, bis die meisten Leute hier einsteigen können. Nach einer Probezeit, von 3 Monaten, entscheidet die Kommune, ob jemand einsteigen kann und dann habe auch ich noch einmal 3 Monate Zeit, um zu überlegen, ob es klappt.

 

Bilbo Calvez: Dann dauert es 6 Monate?

 

Alicia: Die Probezeit dauert 6 Monate. In der Zeit davor finden aber noch Kennenlerngespräche statt. Der Einstiegsprozess ist sehr kompliziert. In der Zeit kann ich schon gucken, ob es klappt oder nicht. Während der Probezeit wird mein Vermögen eingefroren. Es wird nicht eingebracht, sondern es liegt bei mir auf dem Konto.

 

Bilbo Calvez: Aber ich lebe trotzdem in der Kommune?

 

Alicia: Genau. Ich lebe trotzdem in der Kommune, in der Alltagsökonomie. Wir haben die Ökonomien getrennt, in Alltags- und Vermögensökonomie. In der Vermögensökonomie ist das Geld, das wir einbringen, zum Beispiel Einstieg oder Erbe. Davon werden die Gebäude gekauft und renoviert. In der Alltagsökonomie ist das, was wir im Alltag verbrauchen. Zigaretten, Kaffee, Partys, egal was. Alles, was wir machen. Das Vermögen wird also während der Probezeit eingefroren. Wenn ich mich dann in dem ersten halben Jahr gegen die Kommune entscheide, kann ich wieder an mein Vermögen ran. 

 

Bilbo Calvez: Muss ich dann etwas geben, für die Zeit in der ich da war?

 

Alicia: Nein. Die Leute arbeiten ja hier mit und werden etwas zur Gemeinschaft beitragen. Wir bezahlen den Leuten während dieser Zeit, aus der Vermögensökonomie, die Miete weiter, weil wir nicht möchten, dass die Leute, während ihrer Probezeit, sozial abhängig von uns sind.

 

Bilbo Calvez: Das heißt, die Miete wird weiter gezahlt, damit sichergestellt ist, dass jemand zurückkehren kann.

 

Alicia: Die Leute sollen freiwillig zu uns kommen und nicht aus sozialen Zwängen heraus. Anderseits möchten wir auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn jemand in die Arbeits- oder Obdachlosigkeit gehen müsste. Deswegen möchten wir zumindest das sicherstellen. Denn jemand, der hier seine Probezeit macht, muss in der Regel schon seinen Job kündigen, um hier zu arbeiten. Wir arbeiten fast alle gemeinsam.

Ich, zum Beispiel, habe in Bonn gelebt und gearbeitet und mein Arbeitgeber hätte mir kein Jahr unbezahlten Urlaub gegeben. Für mich war aber klar, dass ich meinen Job ohnehin aufgeben möchte und deswegen bin ich dieses Risiko eingegangen.

 

Bilbo Calvez: Was arbeitest du hier?

 

Alicia: Ich arbeite in der Tagespflege. Das ist ein Kollektiv, das Demenzkranke aus der Region, tagsüber versorgt. Die fahren abends wieder nach Hause. Eine Frau hat mal gesagt, sie geht in den Omagarten und ihr Enkel in den Kindergarten. Das empfand ich als eine nette Beschreibung.

 

Bilbo Calvez: Die Leute, die in die Tagespflege kommen, müssen die das bezahlen?

 

Alicia: Genau. Das ist klassisch, wir sind ja keine Insel im Kapitalismus. Wir müssen von irgendetwas leben und rechnen das mit den Pflegekassen ab.

 

Bilbo Calvez: Ist das billiger als es sonst wäre oder habt ihr ganz normale Preise?

 

Alicia: Wir haben normale Preise, aber der größte Teil wird von den Pflegekassen getragen. Ein Eigenanteil  kann auch abgerechnet werden, so dass es öffentliche Kassen und Gelder sind, so dass die Leute nicht privat belangt werden. Nur ein kleiner Teil, das ist der Eigenanteil, der ist bei uns sogar etwas höher. Bei uns gibt es gutes Bio-Essen in Demeter- und Biolandqualität und das ist dann natürlich auch ein wenig teurer.

 

Bilbo Calvez: Ihr habt auch Felder?

 

Alicia: Ja.

 

Bilbo Calvez: Seid ihr mit eurem Essen ein wenig autark?

 

Alicia: Nein, nicht ganz. Wir sind Teil der solidarischen Landwirtschaft, mit einem anderen Kommuneprojekt zusammen. Im Winter kaufen wir schon mehr Gemüse ein.

 

Bilbo Calvez: Geht ihr energetisch ein wenig in Richtung Autarkie? Gibt es alternative Energieversorgungen?

 

Alicia: Wir haben alles an alternativen Energien. Wir haben Solarzellen auf unseren Dächern und wir haben ein Blockheizkraftwerk. Aufgrund des hessischen Energieversorgungsgesetzes müssen wir aber alles ins öffentliche Netz einspeisen und müssen dann leider bei einem Stromanbieter kaufen. Tatsächlich verbrauchen wir aber nur erneuerbare Energien.

 

Bilbo Calvez: Das heißt, es gar nicht möglich von Stromanbietern unabhängig zu sein?

 

Alicia: Nein, das geht leider nicht. Da machen wir aber gerade unseren Einfluss aufs Dorf geltend. Wir sind ja hier nur ein kleiner Teil, einer Gemeinde. Seit fünf Jahren gibt es hier im Ort eine Energiegenossenschaft, die versucht „Energie in Bürgerhand“ zu bekommen. Die kämpfen gerade dafür, dass die Gemeinde Kaufungen von den großen Stromkonzernen unabhängig wird und eine eigene Energiegenossenschaft bekommt. Und, das glaube ich, ist der politische Einfluss, den wir hier in der Regionalpolitik haben. Immer mehr Menschen, die bei uns gelebt haben, ziehen in die Nachbarschaft und ziehen so ein leicht alternatives Spektrum im Ort an. So haben wir auch eine Auswirkung auf die Dorfbevölkerung.

 

Bilbo Calvez: Also, egal wie gut man damit umgeht, könnte man niemals Energie ohne Geld haben?

 

Alicia: So lange wir in diesem kapitalistischen System leben, werden wir das nicht schaffen.

 

Bilbo Calvez: Das ist irre. Es ist schon ein extremer Druck von der Gesellschaft, der es eigentlich unmöglich macht, sich davon zu lösen.

 

Alicia: Die Gesetzeslage war vor 20-30 Jahren noch anders. Es wird gerade eher enger. Vor 30 Jahren hat ja unser Rentensystem noch einigermaßen vom Staat aus funktioniert. Mittlerweile sind immer mehr Leute gezwungen, für die Rente anzusparen. Das wird natürlich für einen 50-jährigen in einer Vermögensökonomie schwierig, wie Du vorhin gesagt hast. Da treffen wir dann aber auch manchmal Einzelentscheidungen. Wir hatten schon mal jemanden, der mit 58 zu uns kam, der ist 2 Jahre vor mir eingestiegen und ist jetzt 65. Bei ihm wurde das Vermögen nach und nach eingebracht. Einen Teil im ersten Jahr, einen weiteren im zweiten und nach drei bis fünf Jahren der Rest.

 

Bilbo Calvez: Macht in der Situation auch irgendwie Sinn.

 

Alicia: Bei älteren Leuten macht das Sinn. Bei jüngeren Leuten ist es dann eher noch anders. Es gibt die Kommune Waltershausen in Thüringen, die haben ein stufenbasiertes Modell. Bei denen ist dann ab fünf Jahren das ganze Vermögen drin. Wir sind eine der wenigen Gruppen, in Deutschland, die ein sehr strenges, gemeinsames Ökonomiesystem haben.

 

Bilbo Calvez: Habt ihr auch Leute, die stinkreich eingestiegen sind?

 

Alicia: Stinkreich…kommt drauf an. Eher welche, die später gut geerbt haben.

 

Bilbo Calvez: Also welche, die richtig was eingebracht haben, so dass man dachte, uh, wir kaufen ein Haus?

 

Alicia: Das war eine Erbschaft. So über 100.000 - 150.000 Euro.

 

Bilbo Calvez: Wenn jemand ein Haus hat, muss er das dann verkaufen?

 

Alicia: Das muss dann verkauft werden. Der Erlös würde dann in die gemeinsame Ökonomie übergehen.

 

Bilbo Calvez: Das würde zum Beispiel bedeuten, wenn es das Haus seiner Familie ist, dass er entscheiden muss ob er es behält, also den emotionalen Besitz oder löst er sich davon. Das ist schon schwer.

 

Alicia: Einer unserer Kommunarden aus dem Ausland, der dann tatsächlich auch wegfahren ist und das Haus seiner Eltern verkaufen musste. Er hatte aber schon 25 Jahre nicht mehr dort gelebt und hatte so kaum noch Bezug dazu. Bei mir werden es meine Geschwister machen. Mir wird mein Pflichtanteil vom Erbe ausgezahlt und meine Geschwister würden dann das Haus entweder behalten oder verkaufen.

 

Bilbo Calvez: Aber ein Teil geht schon in die Kommune.

 

Alicia: Mein Pflichtteil würde dann in die Kommune gehen. Ich stehe aber auch so hinter dem Projekt, dass ich keine Probleme damit habe. Ich finde die Idee gut und es wäre genauso risikoreich, wenn ich heiraten würde und nach 2 Jahren liefe mir mein Partner oder die Partnerin weg und würde mich verklagen. Dann müsste ich das Haus abbezahlen. Das Risiko ist genauso hoch und ich weiß nicht, wie sehr ich dahinter stehe.

 

Bilbo Calvez: Aber der Unterschied ist, wenn jemand wirklich mühsam gespart hat, sein ganzes Leben, dann ist das eine andere Geschichte, als wenn jemand erbt oder einen Reichen heiratet, der dich dann verlässt. Das ist eine andere Geschichte.

 

Alicia: Wenn ich mal meine Schwester nehme, die in einer ganz klassischen Kleinfamilie lebt, wenn die sich von Ihrem Mann trennt, könnte das ganze, von ihr eingebrachte Geld, genauso futsch sein. So ist es immer ein Risiko in der Gesellschaft, wenn ich etwas anspare, kann es sein, dass es die Bank verzockt.

 

Bilbo Calvez: Die nächste Finanzkrise kommt.

 

Alicia: Ja, die nächste Finanzkrise kommt. Was mir wichtiger ist als das Geld, ist, dass ich hier mit Menschen zusammen lebe. Ich habe zum Beispiel niemals gelernt Gemüse anzubauen aber mit Menschen zusammen lebe, die wissen wie es geht und die es machen können. Und wenn irgendwann die nächste Finanzkrise kommt, hab ich ein wenig Sicherheit. Ich fühle mich gut aufgehoben, weil ich ein soziales Netzwerk habe mit Menschen, die ich mag und mit denen ich gern lebe. Und ich weiß, die Leute könnten mich im Notfall vielleicht ernähren. Wir könnten hier einiges an Lebensstandard herunterfahren und in einer Krise gut leben. Da bin ich auch eher Pessimistin. Ich denke, dass sich das System überlebt hat. Wir also in die nächste Krise mit Volldampf hinein steuern. Egal, ob das Öl alle ist oder was es da noch an Horrorszenarien geben kann. Das hier ist mir sicherer, als Geld anzusparen.

 

Bilbo Calvez: Das verstehe ich ganz gut, das leuchtet ein. Sag mal. Ich hab gelesen, dass jeder aus der Kommune auch hier arbeitet.

 

Alicia: Nein, es gibt auch Leute, die außen arbeiten. Wir haben es gern, dass Leute, die einsteigen, erst einmal hier arbeiten damit sie besser in die Gemeinschaft reinkommen.

 

Bilbo Calvez: Das gilt nur für die Anfangsphase?

 

Alicia: Auch da machen wir Ausnahmen. Es gibt eine Kommunardin, die Sozialarbeiterin ist. Sie hat von Anfang an gesagt, dass sie außen arbeiten möchte.

 

Bilbo Calvez: Das heißt sie arbeitet draußen und gibt ihr Geld hier ab.

 

Alicia: Ihr Gehalt geht dann in die Kommune. Aber sie muss genau ihre Gemeinschaftsdienste machen, wie alle anderen, die hier arbeiten.

 

Bilbo Calvez: Was sind das für Gemeinschaftsdienste?

 

Alicia: Das sind zum Beispiel Spüldienste. Wir werden ja in der Woche vom Küchenteam bekocht. Damit das nicht als typische Frauensache verstanden wird, gibt es ein festes Team das kocht. Da ist nur eine Frau drin.

 

Bilbo Calvez: Eine Frau kocht für alle?

 

Alicia: Nein, es kochen vier Menschen, drei Männer und eine Frau. Die decken den Frühstückstisch ab. Das Frühstück machen wir alle zwei Wochen im Wechsel, jeden Tag eine Person. So muss jeder alle zwei Wochen ran. Und die, die kein Frühstück machen, die spülen abends. Es gibt ja Leute, die morgens nicht so gut aus dem Bett kommen und die müssen dann alle zwei Wochen abends spülen. Es ist so aufgeteilt, dass jeder alle 14 Tage für ca. anderthalb Stunden mit Frühstücks- oder Abenddienst beschäftigt ist. Das ist geschlechterunabhängig. Das Gleiche passiert mit dem Kochen am Wochenende. Ich habe heute Morgen für die Gruppe gekocht. Mit dem Mittagessen am Samstag, ist man alle 8 Wochen mit drei bis vier Stunden Dienst dran.

 

Bilbo Calvez: Gibt es auch Leute, die sagen, ich bin ein miserabler Koch und möchte lieber spülen? Kann man das beeinflussen?

 

Alicia: Wenn man nicht kochen mag, kann man stattdessen am Wochenende Spül- oder Tischdienste übernehmen.  Unter der Woche, ist man dann alle 4 oder 8 Wochen mit 3 bis 4 Diensten dran. Das ist von Kochgruppe zu Kochgruppe unterschiedlich. Letztendlich kommt jeder auf fast die gleiche Zeit für Reproduktionsarbeiten. Dann kommt noch das hinzu, was in den WGs getan werden muss, wie zum Beispiel das Bad putzen. Das regeln aber die WGs jeweils für sich. Insgesamt ist auch die Gruppenreproduktionszeit gerecht aufgeteilt.

 

Bilbo Calvez: Habt Ihr Nachtmenschen hier? Also, Leute die nicht früh aufstehen? Ihr esst ja zusammen Frühstück zwischen 7.00 - 9.00 Uhr, da würdet ihr mich nie sehen. Vor 12.00 Uhr existiere ich gar nicht.

 

Alicia: Gerade bei uns jüngeren gibt es ein, zwei Leute, die bis abends um 23.00 Uhr in der Werkstatt arbeiten und dafür dann am nächsten Tag erst um 11.00 oder 12.00 Uhr am Frühstückstisch sitzen. Wir haben einen Tresen, an dem man sich jeder Zeit etwas zum Essen zubereiten kann.

 

Bilbo Calvez: Also muss ich als Künstler zum Beispiel nicht auf meinen Schlafrhythmus verzichten.

 

Alicia: Nein, es ist halt nur unangenehm, wenn man am Wochenende allein am Frühstückstisch sitzt und alle anderen sind schon aktiv. Als ich hierher kam, habe ich auch oft lange geschlafen, fand es dann aber schade, nicht mit den Anderen essen zu können. Vorgestern habe ich sogar die 1. Mai  Kundgebung verschlafen, weil ich am Tag zuvor feiern war. In Kassel ist das nicht so, wie in Berlin mit 18.00 Uhr, die fangen hier schon um 10.00 Uhr an. Das muss man für sich persönlich entscheiden, wie viel Gesellschaft man braucht. Als Nachtmensch ist man schon isolierter.

 

Bilbo Calvez: Was ich noch nicht so richtig verstanden habe, ist die Sache mit eurer Zeitbörse für Arbeit. Wie funktioniert das?

 

Alicia: Wir hatten mal mit einer anderen Kommune versucht, Arbeitsstunden zu tauschen. Das hat aber nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt hatten. Die hatten da mehrere Baustellen. Und die von uns gewünschte Arbeitszeit, hätte man dort gar nicht zurück leisten können. Wir mussten dann doch wieder auf das Geldsystem zurückgreifen. Es war eine Idee, die aber nur an manchen Punkten funktioniert. Wir hatten hier mal jemanden aus einer anderen Kommune, der hier in der Kita gearbeitet hat. Dann hat man versucht, das über einen Stundentausch zu regeln aber es gab Bedenken, wegen zu hoher Stundenschulden. Wie soll man das abarbeiten?

 

Bilbo Calvez: Wäre es nicht möglich gewesen, diese Zeit zu schenken?

 

Alicia: Dazu gab es unterschiedliche Meinungen in der Kommune. Es gab schon einmal die Situation, dass wir zu viele Stundenschulden hatten. Das war uns unangenehm.

 

Bilbo Calvez: Aber so viel Vertrauen, dass man die Stunden nicht zählt, war nicht möglich?

 

Alicia: Das gab es am Anfang. Bei uns hier im Kleinen funktioniert das, hier rechnet es keiner auf. Aber zwischen den Gruppen wird das noch Zeit brauchen. Im Wendland funktioniert das gut aber da sind vier örtlich getrennte Gruppen von je 10 - 15 Leuten. So viele haben wir jeweils in unseren internen Gruppen. Wir sind daher nicht so auf kleinere Gruppen angewiesen.

 

Bilbo Calvez: Gibt es eine Zahl von Menschen, ab der es nicht mehr funktioniert? Also, dass eine Gruppe zu groß wird?

 

Alicia: Nein, ich denke, man muss immer die Strukturen ändern. Wir sind hier 60 und ich denke, mit unseren Strukturen ist die Grenze erreicht. Das, sehen andere natürlich anders. Einige meinen, hier könnten mit dieser Struktur bis zu 100 Menschen leben, andere denken es sind nur 40. Ich spüre aber, dass es hier langsam einen Strukturwandel gibt, wohin der führt, werden wir sehen.

 

Bilbo Calvez: Damit es eine geldlose Gesellschaft geben kann, muss die Vernetzung auch geldlos funktionieren. Aber das braucht Zeit.

 

Alicia: Es braucht Zeit und Vertrauen. Das müssen wir halt alle (neu) lernen. Bisher haben wir gelernt, dass wir für viele Dienstleistungen zahlen müssen. Es müssen immer mehr Dienstleistungen bezahlt werden, die früher kostenlos waren. Wie zum Beispiel Toiletten, die waren noch vor 20-30 Jahren kostenlos. Jetzt zahlt man überall. Je weiter wir in diesem System fortschreiten, desto schwieriger wird es.

 

Bilbo Calvez: Meinst Du, dass es ein Akt ist, um das Entstehen einer geldlosen Gesellschaft zu unterdrücken?

 

Alicia: Das weiß ich nicht. Jedenfalls wird der Zusammenbruch des Systems nach der Akkumulationstheorie von Marx hinausgezögert, weil immer wieder Dienstleistungen gefunden werden, die in Geld aufgerechnet werden können. Das macht es so schwierig. Wir müssen es erst wieder lernen, auch mal Sachen umsonst zu machen oder anders zu werten, anders zu rechnen, so dass auch Hausarbeit einen anderen Wert hat als derzeit in unserer Gesellschaft. Hier ist es so, dass diese Arbeiten gleich gewertet werden aber dazu mussten erst einmal Veränderungen im Kopf stattfinden. Was ich spannend finde, ist, dass hier sehr viele Männer in sozialen Berufen arbeiten. Das würde draußen gar nicht gehen, weil die damit keine Familie ernähren können. Ich kenne Jungs, die deswegen ihre Erzieherausbildung abgebrochen haben. Die haben gesagt, dass sie so nach dem klassischen Familienbild ihre Familie nicht ernähren können. Die können davon nicht leben. Frauen als Zweitverdiener können so leben. Ich denke, das haben wir hier ganz gut geschafft aber das war ein langer Prozess. Das funktioniert hier irgendwie. Keiner weiß warum das funktioniert. Es weiß auch keiner, warum wir in der Mitte des Jahres ein Kassenloch haben. Am Ende des Jahres ist es weg. Es wird gesagt, wir haben ein Minus, also geben wir im Monat darauf weniger aus. Keiner weiß warum. Es ist irgendwie so eine Art innere Uhr, die mir sagt, ich muss jetzt in der Stadt einen Kaffee weniger trinken. Irgendwas läuft da energiemäßig bei uns oder im Kopf ab, ohne dass wir wissen weshalb. Es funktioniert einfach.

 

Natürlich ist Geld immer mal wieder ein Thema. Einige sagen, du arbeitest zu wenig, andere sagen du arbeitest zu viel. Alle Menschen sind unterschiedlich, der Energiepegel ist unterschiedlich und das Bedürfnis nach Ruhe und Urlaub. Die einen haben das Bedürfnis, einen Kaffee trinken zu gehen, die anderen müssen jede neue Schallplatte haben. Für den einen ist Theater wichtig, für den nächsten die Sauna. So sind die Bedürfnisse unterschiedlich.

 

Bilbo Calvez: Wie geht ihr mit Luxus um? Stell dir mal vor, ihr wohnt mit jemandem zusammen, der ein leidenschaftlicher Motorradfahrer ist. Der will unbedingt eine hochwertige Jacke haben und argumentiert, die kaufe ich nur einmal. Aber er hat eben diese Neigung, dass er immer Qualität und Luxus in allen Bereichen haben will. Was würde mit so einem Menschen passieren?

 

Alicia: Wir haben hier das System, dass bis 150 € einfach nur aufgeschrieben wird und über 150 € muss es vorher angekündigt werden.

 

Bilbo Calvez: Wenn ich eine Kneipe gehe, muss ich dann einen Beleg mitbringen?

 

Alicia: Nein, es wird nur aufgeschrieben, um zu sehen, wo das Geld bleibt.

 

Bilbo Calvez: Also, das wird schon aufgeschrieben?

 

Alicia: Ja aber nicht „Kneipe“ sondern so etwas wie „Alicia Taschengeld - 30 €“. Wofür ich es ausgegeben habe, ist egal. Es geht darum, das grob zuzuordnen. Wir haben Kategorien wie „Taschengeld“, „Lebensmittel“, „Verkehr“ und „Sonstiges“. Nicht „Taschengeld“ sondern „privater Konsum“ heißt das. Es geht nur darum, festzustellen, wo geben wir Geld aus. Wenn wir dann mal ein Kassenloch haben, können wir nachsehen, wo die Ausgaben gestiegen sind und warum. Nicht aber, um das für die einzelne Person zu bestimmen. Wir kaufen ja viel im Großhandel ein oder produzieren selbst und auf einmal ist bei „Privatausgaben“ ein hoher Anteil an Lebensmitteln. Dann guckt man zum Beispiel, kocht die Küche nicht mehr gut genug oder was ist der Grund dafür, weshalb auf einmal alle zu REWE gehen. Hat der jetzt so eine gute Schokocreme, dass das Samba nicht mehr schmeckt? Es geht nicht darum, den Einzelnen zu kontrollieren, sondern um zu gucken, „Aha, wir haben im Verkehr viel Geld ausgegeben. Warum?“.

 

Bilbo Calvez: Wenn jemand ein Auto kaufen will, was macht man dann?

 

Alicia: Autos werden kollektiv genutzt. Wir haben eine Motorradfahrerin, die hat damals zur Entscheidung gestellt, dass sie ihre Enduro für sich hat. Der haben wir dann nach 15 Jahren eine neue Enduro gekauft. Das ist dann auch ok.

 

Bilbo Calvez: Ist sie dann die einzige, die damit fährt?

 

Alicia: Sie hat gesagt, wenn andere Leute die ankriegen, dürfen sie auch damit fahren. Wir haben ein Gemeinschaftsmotorrad, mit dem sie viel fährt. Sie ist auch aktiv in einem linken Motorradclub. Da gehört das zum Lebensgefühl dazu und ist in Ordnung. Wir haben eine Liste mit den Ausgaben über 150 €, welche aber auch wieder nicht zur Kontrolle gedacht ist. Dort kann ich zum Beispiel eintragen, dass ich mir einen gebrauchten Laptop für 200-400 € kaufen möchte. Dann kommt einer unserer Computerfreaks an und fragt, was ich genau haben möchte.

 

Ich sage ihm soundso viel Arbeitsspeicher, Prozessorleistung und dann sagt der, ich kann Dir den gleichen für 150 € besorgen. Darum geht es halt. Oder wenn jemand in den Urlaub nach Italien möchte, dann sagt ein anderer, hey da wohnt meine Tante, da kannst du günstig schlafen. Wenn dann mal jemand jede Woche drauf steht, dann wird geguckt und die Person angesprochen. Aber nicht vor allen Leuten, sondern in persönlichen Gesprächen. Du hattest eben das Auto angesprochen. Fahrzeuge sind Allgemeineigentum. Wenn Leute mit einem Auto zu uns kommen, überlegen wir, ob wir es behalten. Wir entscheiden also, ob es kollektiviert oder verkauft werden soll. Das betrifft einerseits den finanziellen Aspekt, andererseits haben wir uns auch das Thema Ökologie auf die Fahnen geschrieben. Natürlich ist es ökologisch sinnvoller, 13 statt 60 Fahrzeuge zu fahren.

 

Bilbo Calvez: Es ist schon ein Widerspruch, dass in Bezug auf das Geld sehr viel Vertrauen eingebracht wird, also die Leute Ihr privates Taschengeld nutzen, aber die geleisteten Stunden werden aufgeschrieben.

 

Alicia: Das betrifft nur die Arbeit mit anderen Projekten. Hier bei uns werden die Stunden nicht aufgeschrieben.

 

Bilbo Calvez: Ah. Weil jemand, der schon lange Erfahrung in seinem Beruf hat, sollte doch anders gewertet werden, als jemand der einfach so arbeitet.

 

Alicia: Nein wir haben keine Stundenkonten. Nur mit den anderen Projekten werden Konten geführt. Ich weiß nicht, wie viel meine Kommunardinnen arbeiten. Ich weiß es bei den Leuten aus meinem Kollektiv, weil ich dort den Dienstplan erstelle. Aber auch nur was an Betreuungsstunden anfällt, kann ich sehen. Aber wie lange meine Kollegin für die Abrechnung mit der Krankenkasse benötigt oder wie lange ich am Dienstplan sitze, das interessiert keinen. Das ist auch das Schöne. Ich bin mit der Erledigung meiner Aufgaben flexibler. Das war vorher nicht so. Zum Beispiel, hatte ich am Donnerstagabend Lust, wegzugehen. Der Dienstplan muss am Montag hängen, also schreibe ich ihn am Wochenende. Das wäre in einem anderen Betrieb nicht möglich. Das überprüft auch niemand, weil wir in einem Kollektiv ohne Chef arbeiten. Ich muss das vor niemanden rechtfertigen, wann ich den Dienstplan oder meine Belegungsplanung schreibe. Natürlich kommen meine Kommunarden an, wenn ich große Augenränder habe und fragen mich, ob ich nicht vielleicht zu viel arbeite. Wobei wir hier auch einen anderen Arbeitsbegriff haben. Das läuft dann meist so und nicht als Vorwurf. Wir gucken eher darauf, was die Person für die Gemeinschaft tut, was wird an Lohnarbeit geleistet und was macht sie vielleicht noch an auswertigen Tätigkeiten, wie zum Beispiel Aktivität in Verbänden. In der Gemeinschaft ist das schon sehr energieaufwendig, da muss man schon aufpassen, dass man seine Energien herunterfährt. Wenn man will, kann man hier 24 Stunden am Tag etwas tun. Egal, ob kreativ oder nicht, wir haben hier gemeinsam viele Möglichkeiten. Wir haben einen Musikraum, in dem das Schlagzeug von einem ehemaligen Kommunarden steht. Das hat in die neue Wohnung nicht hinein gepasst. Deswegen steht es hier und ich habe angefangen Schlagzeug spielen zu lernen. Das hätte ich draußen nie gemacht. Ich hab mich einfach hingesetzt und meinen Frust rausgetrommelt. Das ging nur, weil es da war. Ich hätte mir deswegen keins gekauft. Vielleicht, wenn ich in einer Band spielen würde aber das hat schon einen sehr hohen Wert. Was ich auch sehr spannend finde ist, dass wir hier je nach Jahr pro Kopf zwischen 700 - 900 € im Monat verbrauchen. Darin ist alles enthalten. Das wäre draußen mit Miete und allem sehr schwierig.

 

Bilbo Calvez: Das liegt ja auch daran, dass ihr gemeinschaftliche Räume habt und eine gemeinschaftliche Waschmaschine nehme ich an.

 

Alicia: Wir haben für 60 Leute, also mit den Kindern, die ja schon fast doppelt zählen, drei Waschmaschinen. Die laufen zwar ununterbrochen aber wir kommen mit drei Waschmaschinen aus. Da achten wir dann auf Qualität. Es muss eine Profimaschine, wie für Waschsalons von einer  guten Marke sein, damit die auch eine längere Haltbarkeit haben.

 

Bilbo Calvez: Habt ihr überhaupt Luxusfreaks? Leute, die tolle Klamotten oder zum Beispiel Frauen, die 20 Paar Schuhe haben wollen?

 

Alicia: Das weniger. Wir achten eher darauf, wo es her kommt. Ich trage zum Beispiel fast nur Sachen aus unserer Kleiderkammer. Nur bei Schuhen bin ich ein wenig eigen. Die müssen neu sein, weil ich ein wenig krumme Füße habe. Da habe ich drauf geachtet, dass die Schuhe fair sind, also dass die in Europa hergestellt und von einem Kollektiv vertrieben werden. Da bin ich auch bereit mehr zu zahlen, obwohl ein Paar Schuhe für 100 € ist noch nicht zu teuer.

 

Bilbo Calvez: Schuhe sind ja auch wichtig für die Gesundheit, da muss man aufpassen. Sag mal, ihr seid ja eigentlich keine Demokratie, weil ihr nach dem Konsensprinzip arbeitet. Es geht nicht darum, dass fast die eine Hälfte unglücklich und die andere Hälfte glücklich ist, sondern dass alle zufrieden sind.

 

Alicia: Wir versuchen, dass alle zufrieden sind. Das ist natürlich mal mehr, mal weniger leicht. Dann bekommt man es mal gut hin und an einem anderen Punkt ist es schwieriger. Mich wundert es manchmal, worüber wir manchmal länger diskutieren und welche Sachen dann schneller durchgehen. Wir versuchen gerade, ein Konsenssystem aufzubauen, das die Widerstände berücksichtigt. Wo hat jemand einen Widerstand und wenn ja, warum und wie kann man den Konsens so formulieren, dass die Person möglichst wenig Widerstand hat. So, dass nach Möglichkeit, alle tatsächlich einverstanden sind.

 

Bilbo Calvez: Bitte gib mir ein Beispiel, einen Konflikt den Ihr hattet, um zu sehen, wie das funktioniert.

 

Alicia: Ein Beispiel zu dem wir noch keinen Konsens haben, ist die Frage des Wachstums. Wollen wir weiter wachsen und wenn ja, wie? Da gibt es die Überlegung, ob ein neues Gebäude benötigt wird. Jetzt haben wir entschieden, dass wir noch ein Gebäude kaufen, wenn die Möglichkeit besteht.

Für solche Entscheidungen gibt es einen Ablauf. Zunächst gibt es eine Gruppe, die sagt, wir möchten das und machen einen Entscheidungsvorschlag. Wir haben eine Plenumswand. An dieser muss der Vorschlag dann für zwei Wochen ausgehangen werden. Eine Woche vor der Entscheidung muss der Vorschlag verlesen werden, damit ihn auch jeder gehört hat. Für das Plenum selbst gibt es Karten mit Stimmungsbildern. Das sind zum Beispiel „ich bin begeistert“, „das finde ich gut“, „das ist mir noch unklar“, „ich finde das nicht gut“ und „ich bin dagegen“. So bekommt man ein Gefühl, wie sehr die Entscheidung getragen wird. Wenn dann jemand sagt, ich will das nicht, geht das Thema in eine Kleingruppe und wird dort diskutiert. Danach wird die Entscheidung neu formuliert und wieder diskutiert. Mit dem Haus war es so, dass es nicht nur darum ging etwas zu kaufen, sondern auch darum, die Gemeinschaft zu vergrößern. Das war zu komplex, um es nur in einer Kleingruppe zu diskutieren. Wir treffen uns zweimal im Jahr zu Klausurtagen, an denen wir, ohne Gäste, unter uns sind und uns auch so anders erleben können. Da haben wir das dann diskutiert und aufgeschrieben, weshalb die Leute damit Bauchschmerzen haben oder warum andere es wollen. Es ging aber eher darum, welche Ängste es gibt und herauszufinden, ob man diese beheben kann oder nicht. Wir haben festgelegt, dass wir das Haus nur kaufen, wenn es ein Nutzungskonzept gibt und die Finanzierung steht. An den Tagen wurde lange diskutiert und dann noch einmal in der kleinen Gruppe, bis es dann endgültig entschieden wurde. Ein anderes Thema war die Handynutzung. Als ich hierher kam, galt die Regel, dass auf dem ganzen Gelände die Handys ausgeschaltet sein müssen, es sei denn, man hatte zehn Meter Abstand zu den anderen Kommunarden oder es wurde abgesprochen. Das kam auch von den Leuten mit Strahlungsängsten oder einem Ruhebedürfnis. Dann kam aber die Generation 70er/80er Jahre und unsere Jugendlichen haben sich schon gar nicht dran gehalten. Die kennen das gar nicht ohne Handy. Da musste eine neue Entscheidung her, wie das funktionieren kann. Jetzt müssen Handys in den Gemeinschaftsräumen lautlos gestellt und nach 5 Minuten Aufenthaltsdauer ausgeschaltet werden. In den WG‘s können abweichende Absprachen getroffen werden.

 

Bilbo Calvez: Es gibt schon eine gewisse Vorsicht mit den Geräten.

 

Alicia: Genau. Aber das wurde dann echt lange in den kleinen Gruppen diskutiert. Weil die Befürworter haben viele Freunde, die nur über das Handy kommunizieren. Wir haben aber in fast jedem Raum ein Festnetztelefon. Bei mir ist so, dass ich mein Handy habe und das auch nutze. Aber ich möchte nicht, dass wenn wir mit 60 Leuten beim Essen sitzen, alle zwei Minuten ein Handy klingelt und jemand raus rennt und telefoniert. Deswegen finde ich es gut, dass in den Gemeinschaftsräumen nicht telefoniert wird. Dafür kann man mittlerweile in fast allen WG’s und Arbeitsbereichen das Handy benutzen. Aber wie gesagt das war ein langer Prozess, gerade auch wegen der Leute mit Strahlungsängsten. Es gab auch Entscheidungen, die getroffen, aber nie umgesetzt wurden.

 

Bilbo Calvez: Welche Konflikte kommen bei Euch am häufigsten vor? Also, welche Konflikte entstehen hier zwischenmenschlich?

 

Alicia: Meistens sind es persönliche Sachen. Es gibt kleinere Streitigkeiten, wenn zwei Charaktere aufeinander treffen oder Situationen, die jemanden an die Mutter erinnern oder so etwas. Manchmal kommt es auch zu Unverträglichkeiten wegen Sympathie, Antipathie und Stress.

 

Bilbo Calvez: Sind schon mal Leute, wegen solcher Konflikte ausgestiegen?

 

Alicia: Das gab es auch. Aber der häufigste Ausstiegsgrund, ist tatsächlich die Liebe. Einige gehen, weil sie nicht mehr miteinander können aber die meisten, weil sie sich woanders verliebt haben und die Person nicht hierher ziehen wollte. Ein guter Freund und Kommunarde ist ausgestiegen, weil seine Freundin in Österreich lebt und nicht nach Deutschland möchte.

 

Bilbo Calvez: Hast Du Deine große Liebe in der Kommune gefunden?

 

Alicia: Nein, ich bin seit 5 Jahren Single. Ich bin mit einer Außenbeziehung hierhergekommen und hab mich dann getrennt.

 

Bilbo Calvez: Denkst Du, dass du wieder jemanden findest? In der Kommune scheint es ja keine Person zu geben, die in Frage kommt.

 

Alicia: Vielleicht kommt es ja irgendwann. Ich bin so, wie ich gerade lebe glücklich und wenn es doch passiert, weiß ich nicht ob ich so ein klassisches Zweiermodell will. Vielleicht möchte ich da eher etwas Neues ausprobieren.

 

Bilbo Calvez: Also, dann eher mit jemanden, der nicht in der Kommune wohnt.

 

Alicia: Oder auch mit Jemanden von hier, in einem offenen Modell. Ich beschäftige mich in letzter Zeit mit Polyamorie.

 

Bilbo Calvez: Gibt es Leute, in die Du verliebt bist?

 

Alicia: Nein, gar nicht. Das gab es mal, aber gerade nicht.

 

Bilbo Calvez: Wie hat sich dein Ich in den 6 Jahren hier verändert?

 

Alicia: Da hat sich sehr viel verändert. Einerseits habe ich mich als Transmensch geoutet. Ich bin als Zismann hierher gekommen.

 

Bilbo Calvez: Vorher warst Du kein Transmensch?

 

Alicia: Ich war da schon drin und habe es heimlich in meiner Wohnung gemacht. Hier habe ich dann bemerkt, dass die Menschen offen sind und ich so leben und herumlaufen darf, wie ich will. Das stört keinen. Mein Arbeitsbereich hat hinter mir gestanden und dann haben wir vor den Gästen aus „Herr“ „Frau“ gemacht. Das war ein sehr entscheidender Moment. Ich habe viel alte Muster und Rollen abgelegt. Bevor ich herkam, hatte ich immer wieder mit Angststörungen und Depressionen zu tun. Das ist hier erst richtig aufgetaucht, weil ich mich mit mir selbst beschäftigen muss. Wenn ich einen Konflikt mit jemanden habe, kann ich fünfmal sagen „Du Arschloch“ beim zehnten Mal muss ich gucken, warum ich denke, dass er ein Arschloch ist. Und da kamen alte, nicht verarbeitete Verletzungen hoch. Ich war damals für 10 Wochen in der Psychosomatik und bin danach hier wieder gut angekommen. Ich denke, da habe ich in den letzten 6 Jahren sehr große Schritte gemacht. Im Gegensatz zu den Leuten, die draußen, also nicht in einer Kommune leben, konnte ich die 10 Wochen krank sein und auch wieder genesen. Ich musste mir keine Gedanken machen, ob meine Miete bezahlt wird, ich meinen Arbeitsplatz behalte und wie ich wieder ins Arbeitsleben komme. Ich konnte über die Krankenkasse eine ganz normale Eingliederung machen, ohne, dass mir jemand Stress gemacht hat. Das war ja mein Kollektiv und die haben gesagt, wir möchten, dass Du gesund wieder kommst und nicht nach einem halben Jahr wieder zum Arzt musst.

 Das Einzige worum ich mir Gedanken machen musste, war, dass mein Kaktus nicht vertrocknet, dass meine Kommunardin ihn regelmäßig gießt. Ich konnte mich in der Klinik komplett auf mich konzentrieren und wusste, ich komme zu Menschen nach Hause, die mich mögen und mich mit offenen Armen empfangen haben. Ich konnte auch sagen „Lasst mich bitte die ersten sechs Wochen in Ruhe, ich melde mich, wenn ich euch brauche.“ Das wäre in einer Nichtkommune nicht möglich gewesen. Da hätte ich Angst haben müssen, meinen Arbeitsplatz zu verlieren. Ich habe mitbekommen, wie Leute darum gekämpft haben, damit sie ihre Miete weiter zahlen konnten während sie in der Psychosomatik waren. Das waren alles Gedanken, die ich mir nicht machen musste, weil wir hier eine gemeinsame Ökonomie leben. Das, glaube ich, ist ein ganz großer Unterschied zur Gesellschaft da draußen. Da war dann auch nicht das Geld wichtig, sondern das Soziale, also, dass mir die Zeit gegeben wurde, krank zu sein und auch wieder zu genesen.

 Das hat mich stark verändert. Auch die Bindung zur Gruppe war wichtig. Es gab immer mal wieder Momente, in denen ich weg wollte, mit Konflikten nicht klar kam, weil ich nicht wusste, was das mit mir zu tun hat. Durch die gruppendynamischen Prozesse hat sich die Situation verändert. Da habe ich gemerkt, dass das die Leute sind, mit denen ich leben will und auch gerne leben möchte. Natürlich kann es vorkommen, dass ich den Einen oder Anderen nicht leiden kann. Ich kann ja nicht mit 60 Leuten befreundet sein. Es ist schon ein bisschen wie Verwandtschaft. Man hat nicht immer diese ganzen engen Bindungen, wie bei Cousins, Cousinen, Onkel und Tanten, zu denen schon eine Bindung da ist, aber nicht so ganz eng wie bei Geschwistern.

 

Bilbo Calvez: Ich spüre da ein sehr großes innerliches Wachstum.

 

Alicia: Für mich, war es ein sehr intensives innerliches Wachstum. Alte Freunde von mir haben auch gesagt, dass sie mich kaum wiedererkannt haben, dass ich mich sehr stark verändert habe.

 

Bilbo Calvez: Wenn man in so einer Welt lebt und nach draußen geht, hat man da manchmal das Gefühl, dass man besser ist als die Anderen?

 

Alicia: Das nicht. Was ich bemerkt habe, ist ein Unterschied beim Kommunikationsverhalten. Ich bin bewusst viel draußen. Ich bin in Kassel in einer Politgruppe aktiv und feministisch organisiert. Von der Kommune habe ich die Weiterbildung zur leitenden Pflegefachkraft bezahlt bekommen. Da habe ich manchmal so eine innere Arroganz gespürt, was das Kommunikationsverhalten angeht. Wir haben hier, wie ich meine, eine sehr hohe Kompetenz an Kommunikation und wie wir miteinander umgehen. Ich war echt gestresst, wenn ich dort mitbekommen habe, wie sie diskutiert und sich unterbrochen haben.

 Wenn sie laut geworden sind oder das Gespräch dominieren wollten. Da habe ich eine Arroganz gespürt, weil es bei uns besser läuft. Andererseits war ich auch schnell gestresst. Bei Leuten, die nicht so viele gruppendynamische Prozesse mitgemacht haben, merke ich, dass ich schneller gestresst bin, wenn es laut, hektisch und aggressiv wird. Das bin ich nicht mehr gewohnt. Am Anfang, gerade im ersten Jahr, hat mich Straßenbahnfahren auf einmal gestresst. Hier ist alles etwas langsamer, entschleunigter und dann auf einmal diese Hektik, Ellenbogen, mal schnell zur Seite schubsen. Hier auf dem Gelände rennt kaum jemand und wenn jemand rennt, sind es meist die Kinder. Die spielen Fangen, die Erwachsenen weniger.

 

Bilbo Calvez: Leben hier Kinder, die hier geboren wurden?

 

Alicia: Ja. Es sind sogar schon welche ausgezogen, die hier geboren wurden.

 

Bilbo Calvez: Sind sie anders?

 

Alicia: Ein wenig vielleicht. Man merkt es bei den ganz Kleinen. Meine Schwester hat drei Kinder im Alter von 9, 7 und 5 Jahren und Kinder in diesem Alter haben wir hier auch. Da merke ich, dass die Kinder hier viel weniger fernsehen und andere Spiele spielen, als meine Nichten. Unsere Kinder hier sehen auch fern aber weniger, weil sie hier viel mehr Möglichkeiten haben. Die Kinder haben hier ganz andere Möglichkeiten als in einem kleinen Apartment oder mit einer Mutter, die zwar zu Hause ist, die Kinder aber zum Abschalten auch mal vor der Glotze parkt.

 

Bilbo Calvez: Gibt es eine größere Bereitschaft zu teilen und hilfsbereit zu sein oder sieht man da keinen großen Unterschied?

 

Alicia: Es ist anders. Hilfsbereitschaft erlebe ich bei meinen Nichten auch. Aber unsere Kinder sind frecher also positiv frecher. Ein Beispiel ist ein fast ausgefallener Urlaub. Einmal im Jahr fahren unsere Kommunardinnen, die keine Kinder haben, mit den Kindern für 10 Tage weg. In einem Jahr gab es aber zu wenige Männer, die mitfahren wollten. Also haben die Frauen gesagt, dass sie nicht fahren und haben das auch den Kindern gesagt. Da die ja auch viel von unserer Demokultur mitbekommen haben, es war während des letzten Castortransports, haben sie das Mittagessen blockiert. Sie haben eine Barrikade aus Stühlen und Tischen aufgebaut und haben Transparente gemalt. Auf denen stand dann „Männer in den Kinderurlaub!“. Die älteren Kinder, so 12/13 Jahre alt haben sogar eine Unterstützerliste erstellt. Dort durften die Eltern und Frauen unterschreiben und haben Essen bekommen. Alle Männer ohne Kinder, die nicht mitfahren wollten, mussten so lange auf ihr Essen warten, bis sich vier Männer verbindlich angemeldet hatten.

Das ist nur aus der Idee, der Kinder heraus entstanden. Die Kinder haben zwar kein Mitspracherecht im Plenum, weil sie keine Kommunarden sind aber sie können mitwirken und Einfluss nehmen. In dem Jahr darauf, hat dann eine Kommunardin gesagt: „Wir haben noch zu wenig Leute für den Kinderurlaub, wenn sich nicht genug melden, sagen wir den Kindern Bescheid. Ihr wisst ja was das bedeutet.“ Der Rest lief dann automatisch. Die Kinder bekommen hier ein anderes Bewusstsein für Möglichkeiten, sich etwas zu erkämpfen. Es sind jetzt die ersten 30jährigen ausgezogen.

 

Bilbo Calvez: Warum sind die ausgezogen?

 

Alicia: Wer will schon bei seinen Eltern leben? Die meisten haben in einer anderen Stadt studiert,  kommen aber wieder zurück. Zwei sind zum Beispiel in die Nachbarschaft gezogen und haben jetzt auch Kinder.

 

Bilbo Calvez: Sind die beiden in Kommunen gezogen oder in die normale Gesellschaft?

 

Alicia: Zwei leben in Kleinfamilien. Dann gibt es einen, der etwas alternativer leben möchte und bei den Anderen weiß man es noch nicht, die studieren noch aber die ziehen sicher auch hier in die Nachbarschaft, denn es kommen die ersten Enkelkinder zur Welt. Da sollen die Großeltern auch in der Nähe sein. Es gibt eben Verbindungen. Man merkt schon den Einfluss eines Lebens in der Kommune bei denen, die hier aufgewachsen sind. So eine Art Kommuneprägung, ich bin mit einer Frau befreundet, die hier aufgewachsen ist und deren Eltern das vor 30 Jahren mitbegründet haben. Da merkt man einen Unterschied zu Leuten, die nicht in einer Kommune aufgewachsen sind, wie ich zum Beispiel. Aber auch weil die Eltern damals im Gegensatz zu heute dogmatischer waren. So legt meine Freundin großen Wert auf klassische Schokolade. Andere Kinder hatten das und hier war es ein wenig strenger Anfang der 80er Jahre. Da merke ich dann, dass sich ein undogmatischer Umgang mit den Kindern positiv auswirkt. Wenn wir denen heute die Benutzung von Handys erlauben, ist es später vielleicht gar nicht mehr so wichtig. Wir sind nun mal keine Insel in der Gesellschaft. Die Kinder bekommen in der Schule mit, wie die anderen Kinder leben und ich glaube, darum ist es wichtig, keine dogmatischen Grenzen zu setzen. Eine Ausnahme gibt es: Wir fliegen nicht. Es gab mal ein Kind, das mit der Klasse auf Klassenfahrt gehen wollte und da haben wir das erlaubt aber ansonsten haben wir aus ökologischen Gründen entschieden nicht in Europa zu fliegen. Letztes Jahr ist eine Kommunardin nach Brasilien geflogen, weil ihre Familie dort herkommt. Ausnahmen gibt es immer. Aber im Verhältnis zu anderen Menschen fliegen wir wenig.

 

Bilbo Calvez: Eine letzte Frage. Ich werde mal ein extremes Beispiel skizzieren. Sagen wir, ich möchte hier bei Euch einziehen. Ich bin Künstlerin, arbeite während der Projekte über Monate 70 Stunden in der Woche. Dann habe ich mal kein Projekt und muss für eine Gewisse Zeit in meinem Saft schmoren. Manche Ausstellungen bringen etwas ein, andere nicht. Also eine absolut unregelmäßige Geschichte. Ich schlage mich zwar mit kleineren andern Geldquellen durch aber hauptsächlich lebe ich von der Kunst. Ich möchte also bei euch einziehen, weil mir dieses System gefällt.  Meine Arbeit soll es Menschen ermöglichen, über die Gesellschaft und die Kunst zu reflektieren aber sie ist nun nicht unbedingt mit Geld verknüpft. Wie wäre das für Euch, so einen Menschen aufzunehmen?

 

Alicia: Ich glaube, das wäre kontrovers. Das würde garantiert diskutiert werden. Andererseits haben wir ja unseren doch recht aufwendigen Kennenlernprozess. Wenn das menschlich gut klappt und alles sagen, du bist so toll, dass wir dich schon von der menschlichen Seite her, bei uns haben wollen, dann wird es garantiert auch einen Weg geben. Natürlich gäbe es dann Einwände wie: „Du bist ja nicht hier, kannst Du hier Fuß fassen in der Gemeinschaft, wenn Du für deine Kunst ständig unterwegs bist?“. Ein anderes Beispiel wäre ein Musiker, der ein halbes Jahr auf Tournee geht. Wie viel Sinn macht es, wenn man die Gemeinschaft nicht wirklich miterleben kann. Das wären Themen, die diskutiert werden aber wenn es menschlich passt, würde es einen Weg geben. Ich würde nie behaupten, dass es nicht möglich ist. Ich würde definitiv sagen, dass es schwierig ist. So wie Du das geschildert hast, wäre es schwierig. Es würde viele Diskussionen geben, da bin ich mir sicher. Natürlich müssen teilweise auch ökonomische Aspekte berücksichtigt werden.

Einige würden sagen: „Ist doch super, dann haben wir endlich mal einen kreativen Menschen neben den ganzen HanderkerInnen und den GeisteswissenschaftlerInnen. Das wäre doch schön.“ Andere wiederum, wären nicht einverstanden.

 

Bilbo Calvez: Ihr habt keine Künstler hier?

 

Alicia: Nein. Wir haben Leute, die das als Hobby betreiben, wie Malen, Musik machen oder so etwas in der Art. Ich würde höchstens fragen, ob du nicht Tätowieren lernen möchtest, damit Du uns hier alle kostenlos stechen kannst. Bevor ich hier eingestiegen bin, war ich mit einer Künstlerin zusammen und da hab ich auch überlegt, ob das geht mit einer bildenden Künstlerin, die sich mit Malerei beschäftigt. Ich glaube, das wäre schwierig geworden. Da wäre es vielleicht noch einmal anders, weil sie ja hier hätte malen können. Aber wenn ich weiß, dass wenn sie an einem Projekt dran ist, sie sechs Wochen keinen Menschen sehen will, sich einschließt und vielleicht mal raus kommt, um ein Glas Rotwein zu trinken, wo ist da die Gemeinschaft, wenn man da so allein zurückgezogen lebt?

 

Bilbo Calvez: Naja, das sind ja Phasen oder Wellen.

 

Alicia: Bei mir oder anderen würde das auch Wellen auslösen. Es wäre spannend zu sehen, was passieren würde. Das hatten wir noch nicht. Was würde passieren, wenn jemand hierher kommt und sagt, ich will aber nur als Künstlerin arbeiten oder nur Musik machen? Hier ist schon jemand ausgestiegen, der gemerkt hat, dass er sein recht kostspieliges Hobby, Musik, als Cellist, nicht gut mit der Gemeinschaft verbinden kann. Da mussten Tonabnehmer und immer wieder neue Instrumente und andere Sachen gekauft werden aber es war kein Geld damit zu verdienen. Dann hat er auch noch 40 Stunden die Woche draußen gearbeitet. Er ist ausgestiegen, weil er nicht mehr hier war. Er hat draußen Geld verdient, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, wozu aber von unserer Seite her, kein Grund bestand, obwohl er so viel Geld für sein Cello ausgegeben hat. So konnte er dann nicht einmal seine Spüldienste machen und musste die ständig wegtauschen, weil er arbeiten war oder Konzerte gegeben hat. Es wäre schwierig und kontrovers. Das wäre auch kein Prozess, der ein Jahr dauert sondern eher zwei bis drei Jahre oder noch länger. Vielleicht kann ich noch kurz den Ablauf des Kennenlernprozesses erklären. Die Leute kommen hierher und sagen: „Hey ich hab das jetzt gesehen, möchte euch gern kennenlernen und mir überlegen bei euch zu leben.“ Dann machen wir entweder ein Kommuneseminar oder ein Kennenlernwochenende, wenn die Menschen noch nicht in der Kommune sind. So können sie unsere Strukturen und Grundlagen wie gemeinsame Ökonomie, Konsens und linkes Politikverständnis kennen lernen. Sie können sehen, wie wir leben. Das erzählen zwei Kommunardinnen. Es gibt eine Führung und danach gibt es organisierte Kennenlernwochen. Alle zwei Monate wechseln sich die WGs ab. Und dann arbeiten die Menschen eine Woche bei uns, also nicht nur, sie sitzen auch ganz viel und quatschen mit den Kommunarden und lernen uns kennen.

Wir empfehlen, drei bis vier von diesen Wochen zu machen, um zu gucken, ob es passt. Es wird ein schriftlicher Probezeitantrag gestellt, damit alle, ein Bild von der Person bekommen. Die Vermögensverhältnisse müssen offen gelegt werden, weil auch Menschen mit Schulden einsteigen können. Natürlich nicht so viele, weil wir es ja bezahlen müssen.  Danach gibt es dann die WG-Gespräche.  Die laufen dann so ab, dass man uns kennen lernen kann. Wir erzählen also von uns, wo wir her kommen, warum wir hier sind und die erzählen auch ein wenig über sich. Es ist ein gegenseitiges Kennenlernen. Anschließend wird eine Tüte aufgehängt und jeder muss schriftlich seine Meinung abgeben. In der Regel steht drauf „OK“ oder „Herzlich Willkommen“ und manchmal auch lange nette Texte wie „Deine Art ist total nett und ich find’s super, dass du kommst“. Das wird ausgewertet und in der Zeit hat man auch drei Menschen, die einen betreuen. Bei Konflikten zum Beispiel, damit das nicht ungebremst auf einen zukommt. So kann man erst einmal sagen: „Das und das hab ich gehört.“ Ich hätte gern ein moderiertes Gespräch mit dem Menschen, der da kommen will. Wenn dann alle wollen, gibt es eine dreimonatige Probezeit und danach wird noch einmal entschieden, ob die Person einsteigen kann. Dann ist der Druck weg und die Person kann selbst noch einmal drei Monate gucken, ob sie hier einsteigen möchten. Ich habe nach den drei Monaten Probezeit gesagt: „Ich will.“ Da brauchte ich nicht lange überlegen, das war für mich klar. Andere haben auch schon mal verlängert und auch wir haben schon einmal gesagt: „Lass uns mal eine Probezeit von einem halben Jahr machen.“ Auch das gab es bei uns schon.

 

Bilbo Calvez: Alicia, ich bedanke mich. Es ist ein superspannendes Projekt, große Achtung. Ich wünsche euch sehr viel Spaß für die spätere Zeit und das alles weiter so gut läuft, wie es schon läuft oder sogar noch besser.

 

Alicia: Vielleicht noch besser. Nächstes Jahr haben wir unser Dreißigjähriges, mal gucken, was die nächsten 30 Jahre passiert.

 

Bilbo Calvez: Danke schön Alicia.

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