Projekt „Bärensuppe“:
03 Mrz 2016
Eine Begegnung zwischen Elias Tsolakidis und Bilbo Calvez
Wie soll eine Gesellschaft ohne Geld entstehen? Die Reichen wären schließlich nicht bereit, sich von ihrem Geld zu trennen! Dieser Einwand ist berechtigt. Aber noch interessanter ist die Frage: Werdet IHR bereit sein, EUER Geld abzugeben?
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Bilbo Calvez:  Guten Tag, Elias! Elias Tsolakidis, richtig ausgesprochen?

Elias Tsolakidis:  Ja, es ist absolut  richtig. Hallo, guten Tag!

Bilbo Calvez: Wir sind hier in Griechenland, wir sind in Katerini, und eigentlich in einem kleinen Dorf neben Katerini, das heißt Paralia.

Elias Tsolakidis: Paralia, das ist ein Vorort von Katerini.

Bilbo Calvez: Genau, und du sprichst aber ziemlich perfekt Deutsch…

Elias Tsolakidis: Danke schön!

Bilbo Calvez: …obwohl du Grieche bist.

Elias Tsolakidis: Ja, ja, ich lebe aber schon seit langer Zeit in Deutschland. Ich bin damals mit 18 zum Studium nach Deutschland gekommen und seitdem mache ich einen Spagat zwischen Deutschland und Griechenland, der manchmal sehr weh tut.

Bilbo Calvez: In welche Richtung tut es mehr weh?

Elias Tsolakidis: In beiden Richtungen! In beiden Richtungen! Egal, wo man ist, tut es weh. Ich kann dir sagen, es ist nicht einfach, eine zweite Heimat zu haben.

Bilbo Calvez: Aber wie machst du das mit der Familie? Kommen die denn alle mit?

Elias Tsolakidis: Nein. Ich habe in Deutschland studiert, dann kam ich nach Griechenland zurück. Ich habe hier meinen Militärdienst gemacht, habe hier fünf Jahre lang gearbeitet, meine Frau kennengelernt. Wir haben Konstantin auf die Welt gebracht, also, meine Frau hat Konstantin auf die Welt gebracht!

(lacht)

Bilbo Calvez: Aber manchmal mischt man als Mann mit, zumindest psychologisch. (lacht)

Elias Tsolakidis: Und danach kam ich nochmal nach Deutschland um zu promovieren, und dann bin ich beruflich dort geblieben. Seit 2002 sind wir am Pendeln, also sowohl meine Frau als auch die Kinder. Konstantin studiert mittlerweile auch in Deutschland. Wir wissen nicht, wo unser Zuhause ist. Das Einzige was ich sicher sagen kann ist, dass ich in Deutschland beruflich tätig bin, dass ich dort mein Geld verdiene. Aber durch die Krise in der letzten Zeit bin ich öfter hier. Hier habe ich Freunde, hier lebt meine Mutter, leben meine Geschwister, und wie ihr sicherlich mitbekommen habt, ist das Leben hier mittlerweile nicht einfacher geworden.

Bilbo Calvez: Das heißt, du fühlst dich schon verantwortlich. Du denkst nicht: „Ich geh‘ nach Deutschland und lass‘ die Griechen in ihrer Krise, das geht mich nichts mehr an.“ Du fühlst dich verantwortlich.

Elias Tsolakidis: Nein, nein. Ich bin hier auf die Welt gekommen. Wie gesagt, hier habe ich Freunde, hier habe ich Verwandte, hier habe ich meine Familie. Und du kannst im Ausland, in einem anderen Land gut verdienen, gut leben, aber du kannst nicht abends mit deiner Schwester telefonieren und so tun, als ob alles in Ordnung wäre. Das geht nicht. Wenn du weißt, dass deine Mutter nicht ins Krankenhaus gebracht werden kann, wenn du weißt, dass die Kinder deiner Schwester keine Medikamente bekommen können, weil dein Bruder arbeitslos geworden ist, und so weiter. Das ist der Grund, warum ich in der letzten Zeit jetzt des Öfteren hier in Griechenland bin. Wir haben versucht, mit Freunden etwas auf die Beine zu stellen.

Bilbo Calvez: Genau, da kommen wir hin. Elias, du bist der Gründer oder der Leiter von einem Verein, einer Assoziation, also einem Projekt, das heißt „O Topos Mou“. Was heißt das?

Elias Tsolakidis:  „O Topos Mou“ heißt „Mein Ort“. Ich habe im Jahr 2007 mit Freunden zusammen…

Das ist im Grunde genommen eine Bürgerinitiative. Wir wehren uns dagegen… Das ist eine Absicht, eine Wahl, kein Verein zu sein. Keinen Vorstand zu haben, keine festen Organisationsstrukturen zu haben, kein Geld zu verwalten. Wir sind eine Gruppe von Bürgern, die treffen sich, stellen etwas fest, was ihnen nicht passt, versuchen das Ganze zu organisieren, was dagegen zu machen, was zu unternehmen und sobald die Aufgabe erledigt ist…

Bilbo Calvez: …nächste!

Elias Tsolakidis: Ja!

Bilbo Calvez:  Und was macht Ihr genau? Was habt Ihr bis jetzt schon auf die Beine gestellt?

Elias Tsolakidis: Im Jahr 2007 hat es in Griechenland fürchterlich gebrannt. Es brennt jedes Jahr, aber damals war es richtig katastrophal. Ich konnte nicht einfach vor dem Fernseher sitzen. Ich bin einfach mit meiner Schwester zur Feuerwehr gegangen und habe gefragt wie wir helfen können.

Bilbo Calvez: Das war also deine erste Aktivität, also der Startschuss sozusagen?

Elias Tsolakidis: Ja, ich dachte mir sozusagen, hinter uns ist der Olymp. Wir sind gerade 6, 7 Kilometer entfernt vom Olymp, wenn die Sicht schön ist, kannst du wirklich… Es ist ganz nah dran. Und dann dachte ich mir: „Moment mal, wenn es hier brennt, brennen sollte, wer soll diesen Berg retten?“ Alle Feuerwehrleute aus unserer Region waren auf dem Peloponnes, hier war kein Mensch. Ganz Griechenland hat sich am Peloponnes gesammelt, weil es dort wirklich ganz ganz schlimm war und vor allen Dingen, das was man im Fernsehen sehen konnte war, dass diejenigen, also die Feuerwehrmänner, die dahin gebracht worden sind, 10 Tage mit dem selben Anzug unterwegs waren. Das Einzige was ihnen angeboten wurde, war ein Sandwich und ein Glas Wasser, und sonst mussten sie gegen das Feuer kämpfen. Und dann dachte ich mir, wenn es eines Tages mal soweit sein sollte, auch in unserer Region, dann kann ich diesen Menschen ein sauberes Handtuch bringen.

Bilbo Calvez: Was heißt das mit dem Anzug? Die Stadt hatte für sie keine Reserveklamotten? Oder heißt das, sie waren die ganze Zeit im Einsatz?

Elias Tsolakidis: Sie waren die ganze Zeit im Einsatz! Die waren Tag und Nacht im Einsatz! Die haben kaum schlafen können. Und das war der Anfangsgedanke. Jetzt, bevor es hier brennt, sowas zu organisieren. Der Leiter der Feuerwehr hier in Katerini hat sich kaputt gelacht und meinte: „Passen Sie mal auf, ich habe genug zu tun jetzt, gehen Sie bitte!“

Bilbo Calvez: Er wollte also keine Hilfe?

Elias Tsolakidis: Nein, er meinte: „Es ist nett gemeint, aber ich kann keine ungeübten Leute beschäftigen. Kommen Sie im Februar wieder, wenn Sie drüber geschlafen haben. Und wenn Sie meinen, Sie können weiter helfen wollen, dann kommen Sie bitte im Februar.“ Und das habe ich tatsächlich gemacht. Ich bin im Februar hingegangen und habe gesagt: „Ja, hallo, wir haben uns verabredet für den Februar!“

Bilbo Calvez: Der war bestimmt verdammt überrascht?

Elias Tsolakidis: (Lacht) Er meinte: „Kommen Sie, setzen Sie sich hin, Sie meinen es doch ernst. Also ich habe wirklich einen Vorschlag, also einen Gedanken. Ich werde Ihnen einen Ort zeigen, bei uns in der Region, das ist direkt am Strand. Sie haben den Olymp vor sich. Und Sie sollen, wenn es richtig heiß wird, dort mit dem Fernglas den Berg beobachten. Und wenn Sie Rauch sehen, sollen Sie sofort bei uns die 199 wählen, und wir greifen dann ein, aber durch Ihre Informationen. Also Sie werden uns steuern.“

Und dann habe ich gefragt: „Wann sollen wir es machen?“ und er meinte: „Im August, wenn es richtig heiß wird.“ Ich habe ihm dann gesagt: „Gut, okay, danke für die Information, ich möchte erst mal den Ort sehen.“ Und dann sind wir zusammen hingefahren und es war einer der schönsten Plätze in unserer Region, direkt am Strand. Man konnte den Olymp sehen. Und ich habe ihm gesagt: „Okay, geben Sie mir ein paar Tage Zeit, ich versuche, es mit Freunden zu besprechen!“. Ich habe mich dann mit einer kleine Gruppe von 5 Personen getroffen und habe ihnen erzählt, was ich im Kopf habe. Also einen Turm dort aufzubauen, eine Software im Internet zu programmieren, sodass jeder die Möglichkeit hat, sich online zu registrieren, und ich habe vorgeschlagen, vom 1. Juni bis zum 10. September, also hundert Tage….

Ich mache es kurz: Innerhalb von wenigen Tagen waren die ersten Wochen schon ausgebucht, wir haben schon einen Spender gefunden, der uns ein Häuschen aus Holz gebaut hat und die Leute waren total begeistert!

Bilbo Calvez:  Und ihr habt auch Touristen gehabt, das weiß ich.

Elias Tsolakidis: Auch Touristen waren dabei und das lief wunderbar. Die ersten Fälle waren da, die Feuerwehr konnte sofort eingreifen. Das hat sich rumgesprochen, Fernsehsender aus Athen kamen um das zu sehen und ich dachte mir, und ich denke mir heute immer noch…

Bilbo Calvez: Magisch!

Elias Tsolakidis: … das war ein simpler Gedanke, das war eigentlich gar nichts.

Bilbo Calvez: Aber es ist magisch, dass die Leute einfach machen.

Elias Tsolakidis: Ja, ja! Also mittlerweile haben wir drei Beobachtungstürme in der Region, mehr als 500 Familien beteiligen sich daran. Alle Schulen aus der Region beteiligen sich daran, Vereine usw. Wir geben jedes Jahr, in jeder Saison, im Durchschnitt zwischen 25 und 35 Brandfälle bei der Feuerwehr an, und toi, toi, toi, in den letzten 7 Jahren hat es bei uns nicht gebrannt!

Bilbo Calvez: Wow!

Elias Tsolakidis: So hat „O Topos Mou“ begonnen. Mein Ort. Das ist die erste Aktion.

Bilbo Calvez: Und jetzt ist es etwas Riesiges!

Elias Tsolakidis: Ja! Der Sommer war vorbei - 2008 - und wir haben uns ganz einsam gefühlt.

Bilbo Calvez: Weil es vorbei war.

Elias Tsolakidis: Ja, weil es vorbei war.

Bilbo Calvez: Wie viele Leute waren das?

Elias Tsolakidis: 220 Leute.

Bilbo Calvez: Aber die Kerngruppe?

Elias Tsolakidis: Der Kern bestand ungefähr aus 10 Personen. Du musst dir vorstellen, die Leute haben zwar einen Termin reserviert - im Mai für den… sagen wir mal den 25. August - aber dann haben es vergessen. Also haben wir auch ein SMS-System eingerichtet: Drei Tage vorher bekamen sie eine SMS als Erinnerung, dass in drei Tagen der Termin ist.

Bilbo Calvez: Das sind deine deutschen Gene, nein nicht Gene, das ist dein deutscher Einfluss! Du bist schon ein bisschen deutsch geworden! (lacht)

Elias Tsolakidis: Sag das nicht. Ich hab viel in Deutschland gelernt…

Bilbo Calvez: …über Effizienz….

Elias Tsolakidis: …das war auch Teil meines Studiums, ich habe Sportverwaltung studiert. Aber wenn man will, wenn der Wille da ist, dann klappt das auch mit der Organisation. Auch Leute, die dabei sind, aber nie in Deutschland waren und nie mit Deutschland was zu tun hatten, können ganz schön ordentlich sein. Wenn die Ziele klar definiert sind, dann funktioniert das auch. Wir haben den Leuten gesagt: “Pass auf, du hast einen Termin reserviert, den 25. August, du kannst nicht am 25. August anrufen und sagen, ich kann nicht! Wer soll denn hingehen? Also, du übernimmst für diesen Tag die Verantwortung! Und wenn du nicht kannst, dann musst du einen Freund schicken! Wir sind gut organisiert, wir schicken dir eine Erinnerungs-SMS, aber dann ist Schluss, den Rest musst Du selber machen!“

Natürlich gibt es immer noch in jeder Saison 3, 4, 5 Fälle, die lassen sich gar nicht blicken, die gehen gar nicht hin. Und wenn du sie anrufst, sagen sie: „Oh, mein Auto war kaputt oder meine Großmutter ist gestorben“, das Übliche. Aber das findet man überall auf der Welt.

Bilbo Calvez: Ja, aber das ist eigentlich verhältnismäßig richtig wenig!

Elias Tsolakidis: Ich würde sagen, das sind nicht mal ein, zwei Prozent.

Bilbo Calvez: Genau. Erzähl noch mal, nicht so ausführlich, aber damit wir eine Idee bekommen, was jetzt bei „O Topos Mou“ gerade aktuell ist, dass man ein bisschen den Überblick hat vor allem über den Umfang des Projekts.

Elias Tsolakidis: Also im Jahr 2008, im Sommer haben wir uns getrennt. Das war eine sehr sehr sentimentale und auch sehr schöne Abschlussveranstaltung. Wir wurden richtig sentimental weil wir wirklich etwas geschafft haben. Und dann kamen die ersten Ideen. Es gibt eine Peripherie-Straße, einen Ring um die Stadt herum, da ist kein einziger Baum an dieser Straße. Kein einziger Baum. Und jemand hat die Idee gehabt, diesen Ring zu bepflanzen. Und dann sind wir zur Stadt gegangen und haben gesagt: „Passt mal auf, wir sind 200 Familien und wir wollen aktiv werden. Gebt uns Bäume und wir werden versuchen, mit eurer Hilfe bzw. mit unseren Mitteln diese Straße zu bepflanzen!“

Das hat nicht funktioniert, das hat einen Riesenärger gegeben.

Bilbo Calvez: Weil?

Elias Tsolakidis: Weil - ich übertreibe jetzt nicht: Ich bin 32 mal bei der Kommune gewesen und habe einen Antrag gestellt. Ich habe versucht, mich mit jemandem zu verabreden. Ich habe Versprechungen bekommen und irgendwann einmal dachte ich mir: “Nee, das hat keinen Sinn, die wollen nicht!“ Ich habe das alles dokumentiert. Jedes Mal wenn ich hingegangen bin, habe ich das aufgeschrieben. Und dann haben wir das alleine gemacht. Wir haben uns einen Platia ausgesucht, einen Ort und haben den bepflanzt.

Bilbo Calvez:  Aber warum war das so wichtig, diese Bäume zu pflanzen?

Elias Tsolakidis: Wir wollten aktiv werden!

Bilbo Calvez: Aber in einem Land, in dem gerade Krise herrscht, ist es vielleicht wichtiger…

Elias Tsolakidis: Nein, nein, nein! Damals war keine Krise, das wollte ich dir sagen, es ist sehr wichtig zu betonen!

Bilbo Calvez: Okay, ihr habt es vor der Krise organisiert.

Elias Tsolakidis: Zu diesem Zeitpunkt hat Griechenland noch in der Euphorie der olympischen Spiele gelebt, der Europa-Meisterschaft, des Eurovision-Contest und und und! Damals bist du an der Bank vorbeigelaufen, und die Bankleute sind dir hinterhergerannt, um dir einen Kredit zu geben. So sah das damals aus. Aber trotzdem habe ich gespürt, dass die Menschen - manche Menschen - mit diesem Zustand nicht klar kommen. In dieser Euphorie hat man alles vom Staat erwartet, alles sollte der Staat machen. Ich weiß nicht, ob das jetzt 2008 oder 2009 war. Es hat sehr stark geschneit. Die ganze Stadt war gelähmt, überall lagen 40 Zentimeter Schnee. In dieser Kommune hat es kaum Bürger gegeben, die einfach auf die Straße gegangen sind, um den Schnee wegzukehren. Im Gegenteil, die haben geschimpft…

Bilbo Calvez: Sie wollten bemuttert werden!

Elias Tsolakidis: ….sie haben geschimpft, dass die Stadt nicht gekommen ist, um deren Bürgersteig sauber zu machen. Das ist nur ein Beispiel…

Bilbo Calvez: Das ist ganz interessant.

Elias Tsolakidis: ….. ein Beispiel, um zu betonen, wie früher die Menschen gedacht haben: „Das ist der Staat, das ist Aufgabe des Staates. Mich geht das nichts an!“ Waldbrand…

Bilbo Calvez: …soll die Feuerwehr klären!

Elias Tsolakidis: …der Staat soll den Brand verhindern. Der Staat soll den Wald beschützen. Nein!

Bilbo Calvez: Obwohl, wenn es eine Organisation gibt, dann sind die Leute doch dabei! Das ist auch ein kleines Paradox. Einerseits soll der Staat es machen, aber wenn ein Verein oder ein Projekt sagt: „Komm, lass uns das machen!“, dann sind die Leute doch da!

Elias Tsolakidis: Nein, das würde ich nicht sagen!

Bilbo Calvez: Sie waren aber da für den Brand.

Elias Tsolakidis: Das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das sind nur 200 Familien. Aber in dieser Stadt leben 80.000 Einwohner. Aber trotzdem, die Zahl der beteiligten Bürger an dieser Aktion war enorm groß, enorm hoch. So fing das an mit diesem Streit mit der Stadt. Und dann kamen andere Aktionen dazu, wie z.B. die Aktion mit der Mautgebühr. Wir haben enorm hohe Mautgebühren in Griechenland. Du musst dir vorstellen, ein Österreicher bezahlt 75 Euro im Jahr für das komplette Autobahnnetz des Landes. Mein Bruder zahlt für die tägliche Strecke Thessaloniki, Katerini und zurück 1400 Euro!

Bilbo Calvez: Pro Jahr?

Elias Tsolakidis: Pro Jahr! Wenn er nicht die verbilligte Karte kauft, beziehungsweise den verbilligten Apparat. Du zahlst für diese Strecke 700 Euro im voraus, und du darfst dann durchfahren und musst nicht anhalten wenn du an dieser Mautstelle bist. Also nehmen wir an, 700 Euro im voraus. Das ist das Zehnfache! Das ist verdammt viel! Für jemanden der 450Euro im Monat verdient, sind das fast zwei Gehälter! Woher soll dieses Geld kommen? Wir haben dagegen protestiert, und wir waren damals bei dieser Aktion, die dann in ganz Griechenland stattgefunden hat, wir waren sehr aktiv und sind immer noch sehr aktiv! Wir haben also jedes Jahr und jeden Monat etwas neues angefangen, das waren neue Aktionen. Zum Beispiel kam jemand und sagte: “Auf unserem Friedhof sind auch keine Bäume, lass uns am Sonntag hingehen und einfach ein paar Bäume pflanzen!“

Übrigens, die Westseite vom Friedhof ist total grün!

Bilbo Calvez: Geworden!

Elias Tsolakidis: Die kommen von uns! Das haben wir gemacht.!

Tja, und irgendwann mal kam die Krise. 2009, 2010. Die ersten Selbstmorde in der Stadt. Die ersten Familien die beklagt haben, dass sie kein Essen für ihre Kinder haben, die ersten Lehrer die von ihren Schulen berichtet haben, wie die Kinder ohne Frühstück in die Schule gekommen sind. Und so haben wir im Jahr 2010 mit den ersten Überlegungen begonnen, den sozialen Supermarkt einzurichten. Der soziale Supermarkt, das ist eigentlich ein falscher Begriff. Wir verkaufen gar nichts. Leute kommen zu uns und sagen: „ Hier, ich habe 5 Kilo Lebensmittel!“. Wir versuchen, arbeitslose Familien, unversicherte Familien mit Lebensmitteln zu versorgen.

Bilbo Calvez:  Das heißt, Leute kommen und bekommen Lebensmittel von euch?

Elias Tsolakidis: Ja, wir haben mittlerweile etwa 150 Familien fest, die von uns monatlich zwischen 30 und 35 Kilo Lebensmittel bekommen.

Bilbo Calvez: Pro Monat?

Elias Tsolakidis: Pro Monat, ja.

Bilbo Calvez: Müssen sie da etwas vorweisen, dass sie Bedarf haben? Oder reicht das, wenn sie sagen: „Wir haben nichts.“ Oder wie macht ihr das?

Elias Tsolakidis: Nein, sie müssen das nachweisen. Wir haben Sozialarbeiter, die mit ihnen Interviews führen, Gespräche führen, aber sie müssen schon beweisen können, dass sie arbeitslos sind, und mit dieser Arbeitslosenkarte können sie erst mal bei uns aufgenommen werden.

Bilbo Calvez: Sind auch Flüchtlinge dabei oder sind es nur Leute aus Katerini?

Elias Tsolakidis: Nein, wir haben keine Flüchtlinge. In dieser Region haben wir keine Flüchtlinge. Die Flüchtlinge - jetzt wechseln wir das Thema - kommen auf die Inseln, von den Inseln an die Grenze, und von dort aus wollen sie nach Europa. Niemand will hierbleiben!

Bilbo Calvez: Alles klar, okay. Katerini ist aber sehr schön.

Elias Tsolakidis: Katerini ist ganz nett, aber man kann nicht von der Sonne leben. Man braucht ein bisschen was zu essen, man braucht Medikamente wenn man krank ist, man braucht Schulsachen für die Kinder, usw., usw.

Bilbo Calvez: Also wenn man bedürftig ist und arbeitslos, bekommt man in diesem Supermarkt monatlich Essen von der Gruppe…

Elias Tsolakidis: Lass uns noch mal zurück gehen. Also, wir haben den sozialen Supermarkt eingerichtet, wir sind einfach auf die Straße gegangen, haben Tische in die Fußgängerzone gestellt und haben die Leute per E-mail gebeten, dass sie was spendieren sollen.

Bei jeder Aktion kamen so zwischen 500 und 1000 Kilo zusammen, und wir haben die dann in einem Raum untergebracht, der uns auch zur Verfügung gestellt worden ist. Und dann kamen die bedürftigen Familien und haben dann ihre Lebensmittel bekommen, je nachdem, wie viele Mitglieder jede Familie hat. Aber ganz schnell haben wir festgestellt, dass der Raum nicht mehr ausreicht. Das war ein ganz kleiner Raum in der Innenstadt, mehr als 2 Tonnen Lebensmittel konnten wir dort nicht unterbringen. Aber auch Klamotten, auch Medikamente haben die Leute spendiert. Zum Beispiel teure Spritzen. Dafür brauchten wir einen Kühlschrank.

Also wir brauchten dringend einen Raum. Und ich habe das Glück - oder das Pech - direkt gegenüber von einem staatlichen Gebäude zu wohnen. Ich bin dort aufgewachsen. Das ist eine alte Tabakfabrik, ein Forschungszentrum, das seit 15 Jahren nicht mehr funktioniert, seit 15 Jahren geschlossen ist. Also habe ich mir überlegt, wir versuchen bei der Stadt zu erfahren, wem dieses Gebäude gehört, um einen Antrag zu stellen, dass sie uns dort Lagerräume zur Verfügung stellen, weil ich wusste, dass dort Lagerräume existieren. Weil ich auf dieser Plantage, also auf diesem Zentrum groß geworden bin. Und ich habe festgestellt, dass niemand wusste, wem dieses Gebäude gehört. Es wurde uns sogar versprochen...

Bilbo Calvez: Dass ihr es bekommt.

Elias Tsolakidis: … ja, dass wir es bekommen. Und als ich gesagt habe: “Ja okay, jetzt müssen wir einen Vertrag haben oder jetzt müssen wir den Schlüssel haben, um reinzukommen!“, haben sie festgestellt, das gehört gar nicht ihnen.

Bilbo Calvez: Das heißt, sie hatten auch keinen Schlüssel?

Elias Tsolakidis: Genau. Es hört sich vielleicht komisch an, aber es ist so. Was blieb uns übrig?

Bilbo Calvez: Einbrechen!

Elias Tsolakidis: Nein, wir sind hingegangen und haben alle Journalisten der Stadt eingeladen und in ihrer Anwesenheit haben wir das Schloss geknackt, ein neues Schloss angebracht und haben den Journalisten gesagt: “Bitte teilt uns mit, wer der Besitzer ist, hier ist der Schlüssel, dann können sie ihn haben“. Das war vormittags, nachmittags stand schon die Polizei vor unserer Haustür. Der Besitzer hat sich gemeldet, nach der Pressemeldung hat sich der Besitzer gemeldet. Das ist das Agrarministerium aus Athen gewesen und wir sollten ganz schnell den Raum verlassen. Das haben wir uns nicht gefallen lassen. Denn - ich kann dir Bilder zeigen - direkt nebenan ist eine Schule. Aus diesem Gebäude, aus diesem Hof kamen Schlangen raus. Das war richtig gefährlich. In der Innenstadt ein solches Gebäude zu haben, das seit 15 Jahren leer steht.

Bilbo Calvez: Das heißt, Schlangen waren da, Nester von Schlangen?

Elias Tsolakidis: Ja, ja. Ratten und Schlangen und alles mögliche. Wir haben angefangen, erst mal aufzuräumen.

Bilbo Calvez: Also seid ihr doch geblieben?

Elias Tsolakidis: Wir sind geblieben! Aber unsere Aufgabe war nicht, irgendwelche Glasscheiben kaputt zu schlagen oder mit Sprays auf die Wand zu malen. Wir brauchten Räume um einen Kühlschrank rein zu stellen, um Medikamente rein zu stellen, um Lebensmittel rein zu stellen und so weiter. Es gab monatelang ein hin und her mit dem Ministerium. Wir haben ihnen Fotos geschickt, wir haben ihnen per Pressemeldungen mitgeteilt was wir alles gemacht haben… Ich mach es kurz: Irgendwann mal haben wir die Zustimmung bekommen. Es gab dann juristische Schwierigkeiten. Wir sind eine Bürgerinitiative, wir sind kein Verein, wir haben keine Satzung, wir haben keine juristische Form und wollen auch keine annehmen. Hätten wir einen Verein gegründet, wäre es ganz einfach, den Raum zu bekommen. Ich bin Mitglied der „Ärzte der Welt“, ich hab mich mit dem Vorstand in Verbindung gesetzt und habe sie gebeten, für uns den Antrag zu stellen, weil wir mit ihrer Hilfe auch den sozialen Supermarkt eingerichtet haben, die soziale Apotheke, die soziale Arztpraxis. Und das war die Lösung!

Das Ministerium hat den Antrag akzeptiert. Die „Ärzte der Welt“ wissen wer wir sind. Wir arbeiten, wir kooperieren mit ihnen sehr eng. Und sie sagen: „Ihr seid in unseren Augen eine selbständige Gruppe, und ihr macht das sehr toll, bitte missbraucht nicht unsere Unterschrift.“ Und das läuft seitdem einwandfrei, wir haben den Raum bekommen, und wir sind seitdem nur noch am Arbeiten. Wir renovieren seitdem einen Raum nach dem anderen.

Mit eurer Hilfe sind wir gerade dabei, auch die Dächer zu renovieren. Wir sind ganz glücklich, dass dort ein Schulungsraum eingerichtet werden wird. In wenigen Tagen wird der Schulungsraum fertig sein. Und genauso wie diese Räume momentan aussehen, genauso haben die Räume in der sozialen Arztpraxis, dem sozialen Supermarkt und der sozialen Apotheke ausgesehen. Und dort ist, wie ihr sehen konntet, etwas zustande gekommen.

Bilbo Calvez: Lass uns mal zurückgehen zu diesem Supermarkt. Wenn ich kein Geld habe, gehe ich zu diesem Supermarkt. Leute haben gespendet - das sind auch Leute aus Katerini, die gespendet haben - und dann bekomme ich 35 Kilo Lebensmittel für einen Monat. Was muss ich dafür machen?

Elias Tsolakidis: Es ist richtig, dass du das ansprichst. Wir wollen nicht die Kirche ersetzen. Ich habe nichts gegen die Kirche aber wir sind keine Kirche. Wir sind kein Wohlfahrtsverein. Wir versuchen, die Menschen wachzurütteln.

Bilbo Calvez: Verantwortlich zu machen.

Elias Tsolakidis: Wir sind da, wir haben die Voraussetzungen, wir haben den Rahmen organisiert, damit dieses Gebäude einigermaßen funktionieren kann. Damit diese Gruppe einigermaßen funktionieren kann, müssen sich die Leute daran beteiligen. Solidarität ist keine Einbahnstraße, geht nicht nur in eine Richtung! Du musst etwas geben. Du musst etwas nehmen, aber du solltest auch etwas geben, denn jeder Mensch kann etwas geben.

Bilbo Calvez: Und was muss ich konkret machen?

Elias Tsolakidis: Jeder Mensch, der nicht krank ist und auf den Beinen stehen kann, ist auch in der Lage mit einem Besen zu kehren, oder?

Bilbo Calvez: Okay!

Elias Tsolakidis: Einen Kühlschrank sauber zu machen, Toiletten sauber zu machen, den Rasen zu mähen, Medikamente zu kontrollieren, Lebensmittel zu verpacken. Es gibt Menschen, die kommen und bauen Mauern, es gibt Leute, die kommen und pflegen unsere Möbel.

Bilbo Calvez: Und die Leute, die gerade das Dach aufbauen?

Elias Tsolakidis: Nein, das ist eine Firma. Das sind Fachleute. Du kannst nicht solche Leute aufs Dach steigen lassen…

Bilbo Calvez: … die keine Ahnung haben.

Elias Tsolakidis: weil auch ein Unfall passieren kann.

Bilbo Calvez: Können die Leute machen, was sie wollen?

Elias Tsolakidis: Also jeden Tag gibt es eine Liste von Arbeiten, die Leute kommen da hin und sie sind „verpflichtet“, in Anführungszeichen, 8 Stunden im Monat pro Familie dort zu arbeiten.

Bilbo Calvez: Das ist ganz wenig.

Elias Tsolakidis: Das ist ganz wenig.

Bilbo Calvez: Es gibt also dort Listen und die Leute sagen: „Aha, ich könnte dort 2, 3 Stunden etwas machen. Meine Frau macht gerade drei Stunden.“ Und so funktioniert es. Hast du Leute, die sagen: „Ich möchte eigentlich mehr machen“?

Elias Tsolakidis: Natürlich, die gibt es auch. Kommt selten vor, aber die gibt es auch.

Bilbo Calvez: Okay. Und Leute, die sagen: “Nee, das will ich gar nicht machen.“?

Elias Tsolakidis: Es gibt Leute, die denken sich, wir sind der Staat von früher.

Bilbo Calvez: Also: Es ist selbstverständlich, dass ihnen geholfen wird.

Elias Tsolakidis: Ja. „Pass mal auf, mir geht es schlecht und du musst helfen!“

Bilbo Calvez: Keine Dankbarkeit, nichts?

Elias Tsolakidis: Nein. Wir haben Fälle gehabt, da hat jemand seine Lebensmittel bekommen und an der Mülltonne hat er 5 Kilo Reis in die Mülltonne geworfen.

Bilbo Calvez: Warum?

Elias Tsolakidis: Dann habe ich gesagt: „Hör mal, was machst Du denn da?“ „Wir essen keinen Reis“.

Bilbo Calvez: Kommt er nicht auf die Idee, es weiter zu geben?

Elias Tsolakidis: Ich habe ihm die Lebensmittel, auch die restlichen Lebensmittel, weggenommen und gesagt: “Geh, du hast hier nichts zu suchen! Du hast nicht kapiert, worum es hier geht!“ Solche Leute gibt es auch. Aber lass uns hier nicht über die schwarze Fliege, die im Milcheimer schwimmt, sprechen. Die ist schwarz und fällt sofort auf, aber wir reden über den Eimer, und der ist voll mit wertvoller Milch. Und diese Milch wird von diesen Menschen dort produziert. Lass uns die Fliege rausschmeißen.

Bilbo Calvez: Okay. Bevor man die rausschmeißt, würde ich trotzdem gerne mal gucken, was mit dieser Fliege ist, weil ich das ganz interessant finde. Wie du weißt, ist es hier auch mein Anliegen, über eine andere Gesellschaftsform zu sprechen. Vielleicht sogar über eine Gesellschaftsform, in der man gar kein Geld mehr hat. Und eines der Probleme, die die Menschen haben, ist, dass sie fragen: „Ja, was machen wir mit diesen schwarzen Fliegen?“

Und man kann die natürlich nicht verbannen. Irgendwo müssen sie hin. Hast Du versucht, eine dieser schwarzen Fliegen zu packen und mit dieser Person richtig zu reden und zu fragen: „Warum ist das so mit dir? Was läuft schief, dass du das nicht verstehst?“ Oder hast du dir gedacht: „Nee, der macht da was Falsches, aber da will ich mich nicht drum kümmern.“  Wie kann man herausfinden, was genau das Problem mit solchen Menschen ist?

Elias Tsolakidis: Es gibt Beispiele wie das mit dem Reis. Es gibt noch ein Beispiel. Mir ist das zweimal passiert, dass ich jemanden rausgeschmissen habe. An diese zwei Fällen würde ich keinesfalls Zeit verschwenden, das hat keinen Sinn. Du kannst mit diesen Menschen nichts anfangen. Ich bin kein Sozialarbeiter, ich habe auch die Zeit nicht.

Bilbo Calvez: Ja, ich verstehe.

Elias Tsolakidis: Weißt du, wenn 25 Menschen an der Schlange stehen und Medikamente für ihre kranken Menschen haben wollen, kannst du nicht mit denen diskutieren. Du hast nicht die Zeit, du musst die anderen bedienen. Aber natürlich versuchen wir mit all diesem Menschen zu sprechen. Wir versuchen sie zu überzeugen, aktiv zu werden. Und das zu verstehen was ich vorhin gesagt habe. Dass Solidarität Geben und Nehmen heißt. Und jeder Mensch kann etwas geben. Ich kann keine schwere Kiste tragen, aber ich kann vielleicht gut schreiben, ich kann einen Artikel schreiben.

Bilbo Calvez: Irgendetwas tun kann man immer.

Elias Tsolakidis: Ich kann z.B. mit einem kranken Menschen, einem Nachbarn der nichts zu essen hat, sprechen. Ich kann ihm von dem was ich bekommen habe auch etwas geben. Und wenn man will und wenn man das verstanden hat, bin ich fest davon überzeugt, dass man auch in dieser schwierigen Situation etwas geben kann. Und ich muss betonen, dass diejenigen, die diesen Kern bilden auf der Plantage, überwiegend arbeitslos sind. Die meisten sind arbeitslos. Die meisten haben enorme Probleme zuhause. Sie kommen nicht über die Runden. Aber die machen das.

Bilbo Calvez: Genau, das wollte ich auch fragen. Es gibt die Leute die helfen und die Leute denen geholfen wird. Gibt es ein Profil dieser Menschen? Also hast du gesagt: Naja, das sind eigentlich mehr die, die in Not sind oder das sind Leute, die sehr gebildet sind, die viel Zeit haben, weil sie geerbt haben. Oder das sind junge Leute, alte Leute, Frauen, Männer? Hast du ein Profil von den Leuten, die bereit sind zu helfen? Ehrenamtlich?

Elias Tsolakidis: Bilbo, wie gesagt, ich bin weder Sozialwissenschaftler…

Bilbo Calvez: Ja, aber du bist in der Praxis! Das heißt, du siehst das schon!

Elias Tsolakidis: Ich mag nicht wenn man über Profile redet, ich will nicht über Profile reden. Ich möchte über Kreise reden. Es gibt mehrere Kreise. Es gibt einen Kreis, da sind 10 Leute maximal, die das Ganze leiten. Um diesen Kern herum gibt es einen anderen Kreis, das sind etwa 150 bis 200 Personen, das sind Koordinatoren. Was ist ein Koordinator? Jede Gruppe.

Die soziale Arztpraxis ist ein Teil von „O Topos Mou“, von der Organisation. Sie ist aber selbstständig. Sie entscheidet selbst, sie hat ihre Koordinatoren. Die sind diejenigen, die über die Aktionen der Gruppe entscheiden. Soziale Arztpraxis, soziale Apotheke, Supermarkt, „Ohne Zwischenhändler“, Schulsachen, Mautgebühren - das sind alles Gruppen. Wir haben 23 verschiedene Gruppen und jede Gruppe ist autonom. Alle haben ein Zuhause und das ist die Plantage. Wir sorgen alle dafür, dass das ordentlich aussieht, dass wir dort alle gemeinsam existieren können und alle zusammen arbeiten können. 

Um diesen Kreis der 150 Koordinatoren herum kommen unsere Unterstützer. Das sind schätzungsweise zwischen 4000 und 6000 Personen, die zwischendurch mal bei uns aktiv werden, einmal im Jahr, alle zwei Jahre, die aber sagen: „Die Gruppe find ich gut, und ich unterstütze sie, indem ich einmal im Jahr eine volle Tüte mit Klamotten da hin bringe.“ Das hast du mitbekommen, wie oft Leute irgendetwas vorbeibringen, die ich nicht kenne, von denen ich nicht weiß, ob sie wirklich Mitglied sind.

Also aus dem Newsletter-Kreis den wir haben, melden sich die Leute und sagen: „Ich möchte den Newsletter bekommen.“ Griechenlandweit haben wir etwa 34 000 Empfänger, aber aus Katerini sind es zwischen 6000 und 7000. Diejenigen, die tatsächlich mal was gemacht haben, sind wie gesagt schätzungsweise zwischen 4000 und 6000.

Und dann gibt es auch eine anderen Kreis von Menschen, von Bürgern die uns unterstützen, und das sind die aus dem Ausland. Und ich bin sehr stolz, dass über 500 Familien aus Deutschland uns in den letzten 18 Monaten Medikamente geschickt haben. Große Kartons, medizinisches Material. Wir versorgen mittlerweile das staatliche Krankenhaus mit Medikamenten und mit medizinischem Material. Du hast das mitbekommen, heute Mittag sind drei Leute, drei Ärzte vom Krankenhaus zu uns gekommen um Medikamente abzuholen. Die Polizei schickt den Streifenwagen um Medikamente bei uns abzuholen für die Gefangenen, weil das Krankenhaus sie nicht versorgen kann. Es ist eine tolle Gemeinschaft. Wir haben enorme Probleme weil die Gesellschaft nicht reif genug ist um das zu akzeptieren, aber es wächst! Und für mich persönlich - ich spreche jetzt von mir - ist es nicht wichtig wie groß die Gruppe ist, sondern dass die Gruppe existiert.

Bilbo Calvez: Überhaupt, ja. Du hast aber meine Frage noch gar nicht beantwortet.

Elias Tsolakidis: Bitte, dann musst du sie nochmal stellen.

Bilbo Calvez: Ich wollte wissen: Wenn die Leute die helfen, selber krank sind, wenn sie selber kein Geld haben, was bewegt sie dazu, noch mehr Zeit für die anderen zu investieren, anstatt vielleicht für ihre kleine Familie irgendwie Geld aufzutreiben?

Elias Tsolakidis: Kann mir jemand bitte dieses lange Holz geben? (Bekommt einen Stock und zerbricht ihn in der Mitte) Das ging einfach.

(Zerbricht beide Teile zusammen wieder in der Mitte und wiederholt diesen Prozess)

Bilbo Calvez: Es wird schwieriger!

Elias Tsolakidis: Und das (zu zerbrechen) geht jetzt gar nicht mehr. Wenn Du alleine bist, kann es sein, dass sie dich rum kriegen. Wenn wir aber ganz viele sind, dann kommen wir durch!

Bilbo Calvez: Okay, also dieses Gefühl, eine Familie zu suchen, Unterstützung zu suchen, in der Gemeinschaft sein…

Elias Tsolakidis: Was hast du davon, wenn du zuhause alleine hockst…

Bilbo Calvez: … und du hast nichts…

Elias Tsolakidis: … vor dem Fernseher hockst, das bringt gar nichts. Du musst raus! Mittlerweile ist das System so stark geworden. Also Fernsehen in Griechenland ist das allerschlimmste.

Bilbo Calvez: Das ist überall so.

Elias Tsolakidis: Das ist eine faschistische Propaganda…

Bilbo Calvez: Ist es bei uns auch.

Elias Tsolakidis: … eine Angstmacherei, sodass die Leute zuhause bleiben und sich bloß nicht bewegen.

Bilbo Calvez: Allerdings hast du vorhin von den Fliegen in der Milch gesprochen, und das finde ich bei den Medien so extrem. Man spricht immer nur davon was schief läuft. Man erzählt nicht was gut ist in der Welt. Man schürt damit regelrecht die Angst, damit die Leute nichts machen.

Elias Tsolakidis: Natürlich! Guck mal, wenn der Hund den Schwanz zwischen den Beinen hat, tut er nichts, er ist gehorsam.

Bilbo Calvez: Natürlich ist er gehorsam, er wird nichts probieren. Und deshalb, wenn die Menschen zusammen kommen…

Elias Tsolakidis: So müssen wir rumlaufen, das ist deren Ziel!

Bilbo Calvez: Und bei dir ist es umgekehrt, also: Fernsehen abschalten, Schwanz raus, und dann in der Gruppe wieder etwas probieren.

Elias Tsolakidis: Zusammen was machen. In meinen Augen ist die allerschönste und allerwichtigste Aktion die Gruppe „Ohne Zwischenhändler“.

Bilbo Calvez: Erkläre das bitte kurz für den Zuschauer.

Elias Tsolakidis: Im Dezember 2012 gingen alle Kartoffelproduzenten auf die Straße und haben protestiert, weil die Produktionskosten ihrer Kartoffeln 20 Cent betragen und ihnen wurden nur 19 Cent angeboten, weil der Staat Importe aus dem Ausland zugelassen hat. Billige Importe aus Ägypten. Und die Zwischenhändler haben unsere Produzenten richtig unter Druck gesetzt und haben gesagt: „7 Cent, willst du? Wenn nicht, importiere ich aus dem Ausland. Aber die Kartoffeln haben im Supermarkt 1 Euro gekostet!

Bilbo Calvez: Wow, das ist eine enorme Profitmarge.

Elias Tsolakidis: Was haben die Bauern gemacht? Sie sind auf die Straße gegangen und haben vor dem weißen Turm in Thessaloniki Kartoffeln verteilt. Das war eine Art Demonstration und ich hab das gesehen. Ich saß mit Georg im Auto und diese Zeitung lag auf dem Boden. Wir fuhren mit dem Auto und ich habe die auf dem Boden liegende Zeitung gelesen und habe Georg gesagt: “Warum sollen wir nicht direkt von ihnen Kartoffeln bestellen, ich ruf an.“ Ich habe am nächsten Tag in Nevrokopi angerufen, das ist eine richtige Kartoffelregion, die produzieren fast ausschließlich nur Kartoffeln, und ich habe dort angerufen bei einer Genossenschaft und habe die Telefonnummer von einem kleine Produzenten erfragt und die haben mir tatsächlich eine Telefonnummer gegeben. Ich habe ihn angerufen - Lefteris hieß er - habe ihn gefragt, was er für 25 Tonnen, wie viel er pro Tonne haben wollte. Und er meinte: „Verarscht du mich jetzt, wie soll ich 25 Tonnen nach Katerini bringen?“ Und ich hab gesagt: „Ich gebe dir einen Tag Zeit…“

Bilbo Calvez: … überleg dir den Preis, wir schauen mal.

Elias Tsolakidis: … “Alle Kosten, auf Rechnung, und wir werden dir 25 Tonnen abkaufen. Ist das in Ordnung? Du wirst alleine nach Katerini kommen und wir werden alle dabei helfen, die Lieferung abzuladen, für den Verkauf zu sorgen.“

Bilbo Calvez: Er kümmerte sich um den Transport?

Elias Tsolakidis: Nur um den Transport bis hier her, Rechnungen ausstellen und kassieren. Am nächsten Tag hat er mir gesagt: 23 Cent pro Kilo. Ich hab ihm gesagt: „Du bekommst 25. Ab morgen fangen wir an, Bestellungen aufzunehmen. Ich hab eine Internetseite eingerichtet, ein Online-Formular…

Bilbo Calvez: Extrem effizient und gut organisiert!

Elias Tsolakidis: Ja okay, das sagst du.

Bilbo Calvez: Super ausgeklügeltes System.

Elias Tsolakidis: Innerhalb von 8 Stunden waren wir schon bei 20 Tonnen. Ich habe ganz schnell die 25 Tonnen zusammen bekommen. Die Bestellung aufgegeben, den Raum gemietet, die Erlaubnis von der Stadt bekommen. Und an dem Samstag kam er nach Katerini, alle Leute haben eine SMS bekomme wann sie ihre Kartoffeln abholen sollten. Nicht alle auf einmal, sondern jede Viertelstunde 30-40 Leute. Und es hat wirklich einwandfrei funktioniert. So hat die Kartoffelbewegung in Katerini angefangen.

Am nächsten Samstag werden wir jetzt die 59. Aktion als Marktaktion organisieren. Wir haben allein an einem Samstag für 2 540 Familien 145 Tonnen Olivenöl zur Verfügung gestellt. Das ist die größte Olivenölmenge die im Einzelhandel in Griechenland verkauft worden ist. Problemlos. Die Lebensmittel die die Konsumenten dort kaufen, sind mindestens um 50 Prozent billiger, der Produzent bekommt mindestens 30 Prozent mehr, cash auf die Hand. Und die Qualität ist auch noch deutlich besser.

Bilbo Calvez: Und ist auch lokal.

Elias Tsolakidis: Wir stärken, wir verstärken die lokale Wirtschaft, wir unterstützen die Produzenten im nächsten Jahr…

Bilbo Calvez: … helft den Leuten in der Krise. Und es ist umwelttechnisch auch für den Planeten sehr gut, weil man keine Transportwege…

Elias Tsolakidis: … die Transportwege sich verkürzen. Und mittlerweile haben wir fünf Produzenten in der Nähe, hier in der Region. Sie produzieren ausschließlich für uns. Das heißt, sie produzieren, bringen die Ware zu uns und wir versichern ihnen, dass sie abgenommen, dass sie verkauft wird.

Bilbo Calvez: Okay! Lass uns mal ein bisschen das Thema wechseln.

Auf dem Markt war ich ja selber und habe gesehen, dass das ein ziemlich großer Spagat ist im Moment. Du hast vorhin von Kreisen gesprochen und von dem Kernkreis zu dem 10 Leute gehören, und ich habe festgestellt, dass es ohne dich nicht so wirklich gut läuft. Du musst immer in allen Kleinigkeiten dabei sein, du hast das Programm gemacht für die Apotheke, Du hast das System für die Zettel auf dem Markt gemacht. Und die ganze Zeit musst du immer da und dort sein. Du bist ziemlich überfordert, hier telefonieren, da organisieren.  Dass heißt, du bist fast unentbehrlich. Ist es nicht eine riesige Belastung? Und hast du dir von Anfang an gedacht, dass es so viel wird? Ist es dir nicht total über den Kopf gewachsen?

Elias Tsolakidis: Das ist viel. Das ist viel und das muss sich ändern. Das tut auch der Gruppe nicht gut.

Bilbo Calvez: Du hast auch noch eine Arbeit in Deutschland, du bist ja auch ehrenamtlich hier. Du musst deine Arbeit auch sonst noch machen und du hast auch noch eine Familie.

Elias Tsolakidis: Eben, ich hab Kinder, ich habe eine Frau, die mich Gott sei Dank unterstützt. Ohne die Hilfe meiner Frau würde ich das nicht schaffen. Im Moment jetzt, während wir sprechen, ist jemand zuhause und sorgt dafür, dass die Kinder zum Sport kommen, dass sie zum Unterricht kommen, dass sie rechtzeitig abgeholt werden usw.

Bilbo Calvez: Wo sind die anderen neun von dieser Zehnergruppe?

Elias Tsolakidis: Guck mal, ich kann nicht von jedem verlangen, dass er die Online-Formulare programmiert. Ich kann nicht von jedem verlangen, dass er ein solches Interview auf Deutsch gibt. Auch das was wir gerade machen, ist Zeit raubend. Ich muss das ändern. Es tut der Gruppe nicht gut, dass so viel an einer Person hängen bleibt, gebündelt ist.

Bilbo Calvez: Ich möchte gerne dazu mal etwas sagen. Ich möchte dir nicht zu nah treten, aber ich erzähle dir das trotzdem.

Elias Tsolakidis: Das kannst du ruhig machen.

Bilbo Calvez: Ich probier’s. Wir sind ja per „du“ (lacht). Stell dir mal eine frisch gebackene Mutter vor, die einen Säugling hat, und der Vater ist auch da. Und der Vater nimmt den Säugling, aber die Mutter nimmt dem Vater das Kind immer wieder weg als es weint und tröstet es selbst und sagt: „Ja, der Vater tut ja nichts für das  Kind. Der ist unqualifiziert, ich muss mich die ganze Zeit um dieses Baby kümmern, er tut nichts!“ Aber Fakt ist, wenn er probiert hat, diesen Säugling an sich zu nehmen, dann hat die Mutter nicht zugelassen, dass er es lernt sondern hat ihm das Baby weggenommen. Und was ich beobachtet habe, in den paar Tage in denen ich bei euch war, ist, dass es schwierig ist für dich zu delegieren, weil es schwierige Posten sind. Wie du sagst, mit dem Programmieren, das ist schwierig zu delegieren. Oder die Technik ist auch nicht leicht einfach zu delegieren, aber ich frage mich vielleicht bei dir, ob da manchmal zu wenig Vertrauen ist, dass Leute doch eine Aufgabe übernehmen können?

Es ist nur eine Frage. Denn ich habe tatsächlich beobachtet, dass du wirklich bei jeder Kleinigkeit da bist. Zum Beispiel mit diesen Zetteln auf dem Markt. Wenn jemand anderer das gemacht hätte, wäre es vielleicht nicht so wahnsinnig perfekt, aber es hätte auch funktioniert. Zwar nicht so wahnsinnig ausgeklügelt wie es jetzt ist, aber trotzdem ein gutes System.

Und ich denke mir, dass es auch Zeit gekostet hat, diese System auszuklügeln, zu überdenken, wie mache ich das usw. Ist das bei dir vielleicht so schwierig, weil du entweder denkst, die Leute sind nicht qualifiziert genug oder vielleicht nicht clever genug um das zu deichseln oder wie kommt es, dass es so schwierig ist mit dem Delegieren bei dir? Das Gefühl habe ich schon sehr stark bei dir.

Elias Tsolakidis: Das kann ich dir sagen. Diese Gruppe war mal ein kleines Kind, ein Säugling.

Bilbo Calvez: Dein Säugling.

Elias Tsolakidis: Dieses Kind habe ich auf die Welt gebracht. Mittlerweile ist es eine erwachsene, schöne Frau geworden, die ihre Liebhaber hat, die ihre Liebhaber vielleicht haben wird. Sie gründet eines Tages vielleicht auch eine Familie und ich muss mich damit abfinden, dass dieses Kind mal eines Tages vielleicht seinen eigenen Weg gehen muss…

Bilbo Calvez: Und das fällt dir noch ein wenig schwer, oder? Was steckt dahinter?

Elias Tsolakidis: Das werde ich dir gleich erklären. Das muss ich machen, es gibt keine anderen Weg.

Bilbo Calvez: Ja, aber so kriegst du irgendwann einen Burn-Out.

Elias Tsolakidis: Ja, irgendwann mal platze ich. Klappe ich zusammen.

Bilbo Calvez: Übrigens, Leute die Ideen haben, zündende Ideen haben, müssen mal entlastet werden, damit du andere Ideen entwickeln kannst.

Elias Tsolakidis: Ich muss dieses Kind anders unterstützen. Von den 23 Untergruppen wurden 21 von mir vorgeschlagen, initiiert. Das darf so in der Zukunft nicht sein.

Bilbo Calvez: Na ja, nicht unbedingt. Vielleicht kannst du es schon zünden mit deinen Ideen, aber dann sofort loslassen? Tschupp!

Elias Tsolakidis: Das werde ich machen. Das muss ich machen! Ich muss versuchen, das Steuer auch anderen Menschen zu geben. Aus diesem Grund ist auch diese Gruppe so konzipiert worden. Das heißt, es sind 23 Untergruppen. Wenn eine Untergruppe Mist baut oder ihre Ziele nicht erreicht, können die 22 weiter ihren Weg gehen.

Das heißt, die „Dachorganisation“ in Anführungsstrichen darf ihre Ziele nicht verlieren. Und da muss ich aktiv werden. Wie das Tagesgeschäft abläuft, das ist eine andere Sache. Das muss ich abgeben, da gebe ich dir komplett recht. Aber ich kann dir sagen, ich kann dich auch fragen, was hättest du heute morgen an meiner Stelle gemacht? Ich bin um 8 Uhr auf die Plantage gegangen, auf den Hof gekommen. Ihr seid später gekommen, ihr seid um 9 Uhr gekommen. Vor mir waren 9 Arbeiter da, die mussten betreut werden, Material ist geliefert worden, jemand musste ihnen Kaffee machen. Es war keiner da.

Bilbo Calvez: Aber wieso das denn?

Elias Tsolakidis: Sollte ich zuhause bleiben?

Bilbo Calvez: Natürlich nicht, aber wie kommt das denn? Das ist immer die Frage. Und wie kommt man zu dem Moment?

Elias Tsolakidis: Auch unsere Leute sind schlecht erzogen. Weißt du, vor 5 Jahren, als diese Projekte  entstanden, haben wir an diese Probleme nicht gedacht. Die sind entstanden. Das ist eine Entwicklung.

Bilbo Calvez: Aber bei der Apotheke kommen die Frauen um 6 Uhr, die sind ja da.

Elias Tsolakidis: Natürlich, das ist klar definiert. Für die Apotheke muss ein Apotheker da sein, für die Arztpraxis muss ein Arzt da sein, und für das Dach muss ein Dachdecker da sein.

Bilbo Calvez: Ja, aber es könnte z.B. jemand - einfach nur so als Idee - so machen: Es müssen um 8 Uhr morgens Leute da sein, wenn Aktionen sind und es steht in einem Forum, ich weiß nicht, wie ihr das klärt, so dass man weiß, Montag ist diese Person von 8 bis 11 da, und jemand kümmert sich um solche Aktionen wie heute, also Kaffee machen. Das muss du eigentlich nicht tun, das geht nicht (lacht).

Elias Tsolakidis: Nein, Bilbo. Das geht. Aber um noch mal auf das Familienbeispiel zurückzukommen: Ich habe den Eindruck, ich bin eine schlechte Mutter.

Bilbo Calvez: Weil Du zu nett warst.

Elias Tsolakidis: Alle Kinder…

Bilbo Calvez: … alles bekommen haben…

Elias Tsolakidis: … gehen ins Bad, waschen sich und schmeißen das Handtuch auf den Boden. Und ich nehme es hoch und wasche es und bügele es und lege es wieder ins Regal.

Bilbo Calvez: Anstatt das Kind zu rufen: „Nimm das Handtuch wieder hoch!“, mache ich das selber! „Ja, mein Gott, ich hab jetzt nicht die Zeit, den Jungen abzuholen.“

Und das ist ein Fehler!

Elias Tsolakidis: Das ist ein Fehler! Ich bin auch gerade dabei, meine Fehler zu korrigieren, ich bin dir sehr dankbar, dass du auf die Fehler verweist.

Bilbo Calvez: Weil ich sie von mir kenne…

Elias Tsolakidis: Und glaub mir, das macht meine Frau schon seit Jahren.

(Beide lachen herzlich)

Elias Tsolakidis: Sie sagt schon seit Jahren: „Elias, mach mal weniger, du hast auch eine Familie und so geht es nicht!“ Auch meine Arbeitskollegen in Köln. Die kriegen das auch mit. Es gibt Zeiten, da bin ich gar nicht da. Im Dezember z.B. organisieren wir den solidarischen Weihnachtsmarkt. Der Weihnachtsmarkt auf dem Hof…

Bilbo Calvez: … Du bist hoffentlich nicht der Weihnachtsmann…

Elias Tsolakidis: … nein,nein! (Lachen herzlich). Nein, nein, ich bin nicht der Weihnachtsmann. Nein, das ist ein besonderer Weihnachtsmarkt, ich bin sehr stolz auf dieses Projekt! Wir haben letztes Jahr 27 000 Besucher gehabt, unter ihnen 5 000 Schülerinnen und Schüler. Es gibt keinen Eintritt. Alles ist umsonst. Es gibt Kaffee, Wein, Süßigkeiten, Apfelsaft, Orangensaft, Spiele, Bücher, Spielzeug. Es ist alles umsonst. Jeder bekommt einen Gutschein, und mit diesem Gutschein können sich die Erwachsenen etwas holen und die Kinder auch. Das wurde von 151 Firmen aus der Region spendiert. Aber die Leute bringen statt Eintritt 2 Kilo Lebensmittel. Wir haben insgesamt 12 Tonnen Lebensmittel gesammelt. Und dieses Jahr rechnen wir mit 40 000 Besuchern. Ich bin mir sicher, wir werden mehr als 20 Tonnen Lebensmittel sammeln, und damit können wir ein ganzes Jahr lang unsere Familien versorgen.

Bilbo Calvez: Sag mal, ich weiß, wir müssen mit der Zeit aufpassen, denn ich weiß, deine Zeit ist richtig kostbar. Aber ich habe noch zwei Fragen. Eine ist: Wie hat deine Arbeit - in der Praxis, also ich bin ja Idealist und träume Sachen, aber ich bin nicht so direkt in der Praxis - wie hat deine Arbeit dein Bild über die Menschen beeinflusst und verändert? Zum Positiven? Bist du angenehm überrascht von den Erfahrungen mit den Menschen, die ja schon wirklich sehr extrem sind oder bist du eher enttäuscht? Wie hat dich das verändert?

Elias Tsolakidis: Nein, von Enttäuschung kann nicht die Rede sein. Wenn ich enttäuscht wäre, wäre ich zu Hause. Also, ich bin nicht enttäuscht, mein Magen verträgt mehr. Man muss sich wirklich anstrengen, viele Sachen zu verstehen. Also manche Sachen verstehe ich nicht. Durch diese Aktivitäten, durch dieses Engagement hier, habe ich einen Teil der griechische Mentalität neu kennen lernen müssen. Es ist nicht immer einfach, in einem Verein gibt es einen Vorstand. Der Vorstand hat bestimmte Rechte, der Verein hat bestimmte Rechte, hier gibt es aber keinen Vorstand. Hier setzen wir uns alle an einen Tisch und diskutieren, und die Diskussionen können wirklich grausam sein.

Bilbo Calvez:  Ja, aber im Endeffekt hat man dann eine Lösung, die für alle irgendwie eine Entscheidung ist.

Elias Tsolakidis: Gott sei Dank finden wir immer eine Lösung.

Bilbo Calvez: Das ist im Grunde genommen eine gesunde Anarchie. Anarchie im Sinne von „kein Chef“. Sondern von Konsens, im positiven Sinne.

Elias Tsolakidis: Ich weiß, das kann gut möglich sein. Ich sehe nur, dass zu viel Freiheit auch für die Gruppe nicht gut ist.

Bilbo Calvez: Anarchie bedeutet nicht unbedingt zu viel Freiheit. Es bedeutet, dass man zusammen die Entscheidung fällt, was man mit der Freiheit macht.

Elias Tsolakidis: Was heißt zusammen? Ich muss jetzt ein Beispiel nennen. Du bist im Organisationskomitee, in der Gruppe, die den Weihnachtsmarkt organisiert. Ich habe letzte Woche eine Liste mit 27 Aufgaben an die 30 Mitglieder geschickt. Diese 27 Aufgaben müssen erledigt werden, d.h. neben jeder dieser Aufgaben muss mindestens ein Name stehen damit das erledigt werden kann. Zum Beispiel: Der Rasen muss gemäht werden, der Eingang muss renoviert werden usw. Die Liste kam nur mit fünf gedeckten Aufgaben zurück. Und du hast deinen Namen nicht drauf gesetzt. Und jetzt frage ich mich, warum bist du im Organisationskomitee? Warum bist Du dabei? Warum hast du deinen Namen auf diese Liste gesetzt? Um zu diskutieren? Oder um Entscheidungen zu treffen, die ich realisieren soll? Also, mit solchen Mitarbeitern habe ich Schwierigkeiten. Und wer nicht in der Lage ist, die Ärmel aufzukrempeln und zu arbeiten, der hat dort nichts zu suchen. Dann ist er ein einfacher Besucher. Er kommt einfach zu uns, setzt sich hin, hört zu, sagt vielleicht auch seine Meinung, aber damit ist die Sache dann erledigt. Leider haben es viele Leute nicht kapiert, und ich weiß nicht, ich habe auf keine andere Lösung. Gerne würde ich mir zeigen lassen, wie es anders gehen könnte.

Aber in der Praxis - die Praxis sieht ganz ganz anders aus. Weißt du, letzte Woche zum Beispiel. Wir haben einen Keller, wo zum Beispiel auch Wein drin ist. Jemand hat eine Kiste Wein geholt. Es ist ein Karton mit einer Tüte drin und einem Hahn dran, und er hat ihn in die Küche gebracht, auf den Tisch gestellt, Wein entnommen, und hat getrunken. Nur: der Hahn war undicht. Der tropfte die ganze Nacht. Ich bin am nächsten Tag dort hingekommen und habe gesehen, da ist eine Riesenpfütze auf dem Boden. Ich habe einen Teil davon weggewischt, aber es ist auch  etwas unter die Möbel gelaufen. Es hat angefangen, in der Küche zu riechen. Seit 10 Tagen gehen Leute rein und raus, kriegen mit, dass es richtig stinkt und keiner denkt sich: „Aha, hier muss sauber gemacht werden!“

Kannst du mir sagen, wie du mit solchen Sachen umgehst?

Bilbo Calvez: Also, das Problem, dass ich natürlich da sehe ist, dass es um Erziehung geht. Irgendetwas ist in der Erziehung nicht passiert und da kannst du natürlich nichts mehr tun, das sind ja Erwachsene.

Elias Tsolakidis: Ja, aber man kann von uns jetzt nicht verlangen, dass wir jetzt in dem Alter 50- und 60-Jährige erziehen. Aber es gibt Lösungen meiner Meinung nach. Ich habe 2 Leute gepackt und ihnen gesagt: „Passt mal auf, ab heute ist das Einzige, was ihr hier macht, die Küche. Als Erstes sorgt ihr dafür, dass der Kühlschrank sauber ist, dass die Küche sauber ist. Ihr braucht keine anderen Arbeiten auf dem Hof zu machen, ihr seid für die Küche verantwortlich.“

Bilbo Calvez: Ja, das ist eine ganz gute Methode.

Elias Tsolakidis: „Fertig! Jede Woche zwei Stunden und dann habt ihr jeweils Eure acht Stunden im Monat, und dann könnt Ihr jeweils am Ende des Monats Eure Lebensmittel bekommen.“

Bilbo Calvez: Also ich glaube, das was Du gerade sagst, diese Methode, ich mache jemanden verantwortlich für eine bestimmte Aufgabe, funktioniert sehr gut. Für diese Transitionszeit. Und während dieser Übergangszeit müsste man an der Erziehung und an der Bildung arbeiten, bis das nicht mehr notwendig ist.

Elias Tsolakidis: Ja, das habe ich in der Versammlung auch gemacht, dass ich denjenigen angesprochen habe, der sich den Wein geholt hat. Und dann habe ich ihm gesagt: „In den letzten Tagen hast du dir Wein geholt. Hast du nicht gerochen, dass das stinkt? Hast du nicht verstanden, dass du derjenige bist, der das verursacht hat! Das musst du bitte in der nächsten Zeit ändern, das geht nicht so weiter!“

Bilbo Calvez: Was hat er gesagt?

Elias Tsolakidis: Er hat etwas gesagt, aber es ist unwichtig was er gesagt hat. Wichtig ist, dass man anfängt, solche praktischen Dinge zu lösen, Probleme zu lösen. Das ist aber ganz wenig. Wir müssen das Problem sehen. Das Problem ist die Krise.

Wir müssen versuchen, Wege zu finden, Alternativen zu schaffen, Inseln zu bilden, die ihre eigenen Regeln haben, ihren eigenen Mikrokosmos aufbauen. Weil ich fest davon überzeugt bin, wenn wir einen Organismus haben, der krank ist, besteht die einzige Hilfe, die einzige Hoffnung darin, die einzelnen Zellen wieder gesund zu machen, zu heilen. Der einzelne Organismus besteht aus Zellen. Wie ihr seht, kann man dem griechischen Staat…

Bilbo Calvez: …. nicht mehr helfen…

Elias Tsolakidis: ….helfen! Man kann dem Staat helfen! Ich bin überzeugt, wenn man den Politikern zeigt, was man will, dann machen es die Politiker mit. Sie haben keine andere Wahl.

Bilbo Calvez: Was würde das bedeuten?

Elias Tsolakidis: Du musst dem Politiker den Weg zeigen. Du musst ihm zeigen: „Pass mal auf, für den Olymp brauchen wir 3 Schutzzonen: Schutzzone A, B und C.  In der Schutzzone A und B darf nicht gebaut werden, nichts! Wir brauchen ein Gesetz. Wenn die Bevölkerung hier dafür ist und sich ganz stark macht, dann muss der Politiker das umsetzen.

Ich kann dir ein Beispiel nennen: Eine Firma aus der Region sollte 80 Tonnen Batterieabfälle am Fuße des Olymp vergraben, hat sich mit der Kommune in Verbindung gesetzt und sollte 80 000 Euro dafür bekommen, also pro Tonne 1000 Euro! Für die Kommune ist das viel Geld weil sie pleite ist. Aber du kannst nicht an diesem Berg, am Fuße dieses Berges - das ist eine Schutzzone! - Batterieabfälle vergraben.

Bilbo Calvez: Nein, dass geht gar nicht.

Elias Tsolakidis: Was haben wir gemacht? Wir sind hingegangen und haben die Bevölkerung angesprochen und haben gesagt, jeder soll einen Euro spenden, wir sammeln 80 000 Euro und geben sie als erstes der Kommune, damit das geklärt ist. Und dann diskutieren wir über die Gesetze, damit der Olymp geschützt bleibt. Denn, wer wird bei uns Urlaub machen wollen, wenn du weißt, dass da 80 Tonnen Verseuchtes liegen. Das geht nicht! Das haben wir durchgesetzt. Wir haben viereinhalb Tausend Unterschriften gesammelt, wir waren bei der Kommune mit 200 Leuten bei einer Versammlung und haben sie dermaßen unter Druck gesetzt, dass sie den Vertrag nicht unterschreiben konnten.

Bilbo Calvez: Ich bin auch der Meinung - Ich sage es immer - dass man mit Zellen arbeiten muss, sich binden. Deshalb bin ich da voll deiner Meinung, dass es nur so gehen kann, dass an der Basis so kleine Zellen kreiert werden können oder gesund gemacht werden können. Aber was kann man machen mit den korrupten reichen Politikern und Konzernen? Was macht man mit denen? Ignorieren?

Elias Tsolakidis: Korruption, da hast du jetzt eine meiner Wunden aufgekratzt. Vor etwa 3, 4 Jahren gab es in den deutschen Medien eine richtige fiese Propaganda gegen Griechenland, mit der die einfachen Menschen so richtig schlecht dargestellt worden sind. Also, ich hatte den Eindruck, der Durchschnittsdeutsche hatte durch diese Informationen, die er durch die deutschen Medien bekam, den Eindruck, alle Griechen sind korrupt. Aber jetzt frage ich dich auch, wie ich kürzlich deine Mitarbeiter gefragt habe: Was ist für dich Korruption? Bestechen? Oder bestochen zu werden?

Bilbo Calvez: Sicher beides!

Elias Tsolakidis: Meine nächste Frage ist Folgende: Zeige mir jetzt bitte einen griechischen Finanzskandal, hinter dem kein deutsches Unternehmen steckt! Einen!

Bilbo Calvez: Ich habe nicht gesagt, dass es um griechische Korruption geht. Ich meine Korruption im Allgemeinen. Es ist nicht so, dass Korruption speziell griechisch ist, es sind doch alle Reichen, die korrupt sind, sonst wären sie ja nicht reich.

Elias Tsolakidis: Sie haben den Weg gefunden und kooperieren miteinander. Sie haben ihre Wege gefunden, sie wissen ganz genau, wie sie ihr Geld ins Ausland schicken, wie sie ihre Offshore-Firmen bilden, gründen usw., usw.

Bilbo Calvez:  Die Frage ist, was macht man mit denen?

Elias Tsolakidis: Man wird stärker, okay? Man soll erst mal auf den eigenen Beinen stehen können. Die Angst abbauen. Sich zusammen tun.

Bilbo Calvez: Super!

Elias Tsolakidis: Diese Barrieren einfach abbauen, einfach die Ohren schließen, zumachen, wenn im Fernsehen über Merkel in Griechenland gesprochen wird, denn ich finde das fies, ich finde das unfair, dass die Medien die Menschen so ablenken, dass sie einfach den Kopf der Menschen nehmen und ihn in eine andere Richtung drehen. Einfach den Fernseher abschalten, nicht mitmachen.

Ich habe in Deutschland einen Fernseher, den schalte ich selten, sehr selten ein. Und auch hier muss ich mit den Kindern kämpfen. Da kommt nur Schrott. Der Fernseher ist in meiner Wohnung ein Riesenloch an der Wand und jemand schmeißt Müll in mein Wohnzimmer.

Bilbo Calvez: Ja, man muss sie abschaffen die Dinger.

Elias Tsolakidis: Man muss die Möglichkeit haben, das zu kontrollieren. In der Familie mache ich das.

Bilbo Calvez: Also ich habe ja nie eine Fernseher gehabt, deswegen ist es ganz einfach, das zu sagen. Aber man kann wirklich „ohne“ Leben und man merkt nichts davon. Es ist für mich ein Objekt.

Elias Tsolakidis: Das stimmt, aber es gibt auch sehr sehr gute Dinge im Fernsehen, die ich auch gerne sehe. Man muss sich gezielt die Dinge aussuchen.

Bilbo Calvez: Ja, kann man natürlich machen!

Elias Tsolakidis: Aber: Es geht um ein Werkzeug. Sie haben ein Werkzeug in der Hand und die setzen es gegen die Menschen ein! Ich weiß, dass hört sich krass an.

Bilbo Calvez: Aber ja! Es ist eigentlich ein Medium, das super sein könnte. Ein extrem gutes Instrument, es könnte Bildung vermitteln, alles mögliche. Aber derzeit ist es ein wahres Machtinstrument.

Elias Tsolakidis: Du musst dir vorstellen, wenn du die griechischen Nachrichten von 8 bis 9 siehst… oder die Sender, die haben sich abgestimmt. Nachrichten von 7 bis halb 8, von halb 8 bis halb 9, von halb 9 bis halb 10. Also 3 Stunden lang nur Propaganda. Nur Propaganda, Angstmacherei und egal was du einschaltest, denkst du dir: „Oh Gott, oh Gott, was wird mit uns passieren? Nicht bewegen, bloß sich nicht bewegen!“ Also das geht nicht!

Bilbo Calvez: Aber lass uns bei dieser ganz positiven Sache bleiben, denn wir werden es demnächst ändern. Ganz bald. Und deine positive Vision - das ist im Grunde genau die gleich wie meine, d.h., man arbeitet an den Zellen, an der Basis. - Und ich sage auch über die Eliten: „Einfach ignorieren!“ Die wollen was von uns, aber wir sind schon längst autark und brauchen die einfach nicht mehr! Also einfach ignorieren, so solide sein, dass man die gar nicht mehr braucht.

Was du machst, ist - finde ich - ein wenig der Anfang einer Gesellschaft, die ohne Geld leben könnte. Siehst du das auch als eine Prämisse, die Arbeit von  O Topos Mou, eine Prämisse für eine Welt, in der man endlich das Geld abschafft?

Elias Tsolakidis: Guck mal, wir haben uns für eine Richtung entschieden. Wir haben uns jetzt als Gruppe entschieden, in eine Richtung zu gehen. Ich weiß nicht, was sich da hinten befindet. Das weiß ich nicht. Wenn ich dort angekommen bin, werde ich entscheiden, ob ich die Richtung einhalten werde oder ob dort ein Richtungswechsel notwendig ist. Das weiß ich nicht. Für uns ist das Allerwichtigste, den Menschen zu helfen. Ob wir dann eines Tages auch ohne Geld leben könnten, dass weiß ich noch nicht. Aber momentan ist es nicht das Ziel.

Du bist gekommen, und du hast mich darauf aufmerksam gemacht. Du hat gesagt: „Moment mal, ihr lebt ja auch ohne Geld. Sie kommen zu euch, arbeiten, bekommen 35 Kilo, das ist schon ein Austausch und ihr braucht kein Geld. Die Leute kommen zu unseren Kulturveranstaltungen und brauchen kein Geld. Sie bringen zwei Packungen Spagetti mit.“

Bilbo Calvez: Das ist die Übergangszeit. Irgendwann braucht man nicht mehr zu kontrollieren, was sie bringen.

Elias Tsolakidis: Ja, aber irgendwo müssen sie diese 2 Kilo Lebensmittel kaufen, also dort brauchen sie Geld.

Bilbo Calvez: Oder produzieren.

Elias Tsolakidis: Oder produzieren, ja, natürlich. Diese 5 Produzenten produzieren für uns Linsen, Weinbohnen, Waschmittel, sie produzieren das, sie bringen das zu uns. Aber es gibt Leute, die das kaufen. Wir sind noch nicht so reif, wir sind noch nicht so weit, dass wir sagen: „Pass mal auf, das Geld schaffen wir ab!“

In unserer Community spielt das Geld keine Rolle.

Bilbo Calvez:  Es ist also der Beginn.

Elias Tsolakidis: Ja, es ist ein Beginn. Aber wie gesagt, es war nicht von Anfang an das Ziel, eine solche Community zu bilden. Als sie sich gebildet hat, haben wir ganz andere Ziele gehabt: Angst abbauen, sich gegenseitig abstützen, das Beispiel mit dem Holz. Sich gegenseitig helfen, um gemeinsam stark zu werden. Sich dagegen wehren.

Bilbo Calvez: Und das ist genau das, was man braucht, um eine Gesellschaft ohne Geld auf die Beine zu bringen. Das sind genau die Elemente: Angst abbauen, Unterstützung, Miteinander, Verantwortungsgefühl. Das sind eigentlich ganz genau die gleichen Elemente. Deshalb ist es für mich schon die Prämisse. Es war nicht das Ziel. Aber es geht im Grunde in die Richtung.

Elias Tsolakidis: Mittlerweile kennt ihr unseren Hof sehr gut, ihr wisst, wo die Küche ist, wo das Bad ist…

Bilbo Calvez: … die Katzen (lacht)

Elias Tsolakidis: Vielleicht können wir auch einen Aufenthaltsraum einrichten. Du kannst mit Freunden kommen, wir können ein Treffen hier im Sommer organisieren. Und diese Diskussion auch hier vor Ort führen.

Bilbo Calvez: Ja! Welche Sprache?

Elias Tsolakidis: Die Sprache werden wir schon finden, mach dir keine Gedanken. Die Sprache werden wir schon finden. Aber ich finde es wichtig, dass solche Diskussionen mittlerweile europaweit geführt werden. Ich kenne viele Leute, in Italien, in Spanien, in Portugal, in Frankreich, die diese Krise erlebt haben und auch Leute, die vor dieser Krise Angst haben. Kürzlich erzählte mir ein Kollege von dir aus München, er hat sogar in einem Artikel diesen Satz als Abschluss gebracht: „Vielleicht lernen wir eines Tages hier in Deutschland von dem, was die Griechen auf die Beine gestellt haben, um die Krise zu umgehen.“

Wir waren nicht vorbereitet. Vieles von dem was wir hier machen, ist eventuell falsch, aber ich finde es wichtig, dass diese Bürgerinitiativen überhaupt existieren. Vielleicht ist das ein neuer Anfang, vielleicht ist das auch etwas, was nach zwei, drei Jahren wieder verschwinden wird. Aber ich finde, es ist wichtig, dass wir darüber diskutieren. Dass wir den Mitmenschen helfen können. Und diese Idee ist jetzt breiter geworden. 500 Familien haben aus verschiedenen Städten aus Deutschland Medikamente nach Griechenland geschickt!

Wir in Katerini, die Leute, die Arbeitslosen, die, die wirklich kein Geld haben, die von uns 35 Kilo pro Monat Lebensmittel bekommen, haben vor zwei Wochen für 650 Flüchtlinge an der Grenze Essen gekocht. Sie haben 35 Kilo Lebensmittel bekommen, aber haben für diese Menschen etwas zur Verfügung gestellt…

Bilbo Calvez: … etwas abgegeben…

Elias Tsolakidis: Sie haben für 650 Menschen eine Linsensuppe gekocht. Ich habe eine Frau mit drei Kindern gesehen. Es gibt auf unserer Webseite www.otoposmou.gr ein Video, da isst ein Junge seine Linsensuppe. Mehr will ich nicht. Diesen Menschen haben wir einen Teller warmes Essen angeboten. Ich bin mir sicher, dieser Junge wird daran denken, wenn er mal groß geworden ist!

Bilbo Calvez:  Ja, und darum geht es!

(Die beiden reichen sich die Hand)

Elias, ich nehme dieses Angebot für den Sommer gerne an, weil mich dieses Thema wirklich, wirklich interessiert. Ich bin total begeistert von dem, was du sagst und von dem Projekt und tausend Dank für deine Zeit!

Elias Tsolakidis: Nein, ich danke euch, ich danke euch für eure Hilfe. Ich danke euch, dass ihr hier seid. Ich finde es toll, dass wir uns kennen gelernt haben.

Bilbo Calvez: Genau! Bis bald! Tschüss!

Dieser Text wurde zuerst auf kenfm.de unter der URL <https://kenfm.de/projekt-baerensuppe-begegnung-alicia-bilbo-calvez/> veröffentlicht

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