Nach einem Bericht aus Lesbos:
14 Mrz 2016
Flüchtlingshilfe – das Bild einer internationalen Solidarität
Plötzlich standen sie vor Stacheldrähten, hatten Kinder dabei, aber oft nichts zu essen, keine Decken, keine Unterkunft, keine ärztliche Betreuung. Halb erfroren, fast ertrunken kamen Tausende von ihnen auf der Insel Lesbos an, einige von ihnen hatten unterwegs ihre Familie verloren. Einige Boote waren untergegangen. In den letzten Jahren sind Zigtausende ertrunken
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Lesbos, Februar 2016 (Foto: Chris Morrow, Huffington Post)

Ein unsägliches Leiden trieb die Menschen aus ihren Heimatländern, und ein unsägliches Leiden trifft sie auf ihrem Weg in die vermeintlich bessere Welt. Auch im Winter hörte der Strom nicht auf, plötzlich standen sie vor Stacheldrähten, hatten Kinder dabei, aber oft nichts zu essen, keine Decken, keine Unterkunft, keine ärztliche Betreuung. Halb erfroren, fast ertrunken kamen Tausende von ihnen auf der Insel Lesbos an, einige von ihnen hatten unterwegs ihre Familie verloren. Einige Boote waren untergegangen. In den letzten Jahren sind Zigtausende ertrunken …ertrunken! Das Drama an Bord eines überfüllten Bootes vor dem Untergang fast jeden Tag: Freunde, Eltern mit Kindern, Säuglinge, die eben erst auf die Erde kamen (vorstellen! vorstellen!).

 

Viele von uns waren unterwegs für die Flüchtlingshilfe. Einige waren zu verschiedenen Zeiten auf der Insel Lesbos und haben miterlebt, was dort geschieht. Und Lesbos ist nur ein winziger Punkt in dieser Apokalypse.

 

Was tun? Wie können wir helfen? Wir kennen die globalen und politischen Hintergründe, die zu dieser historischen Völkerwanderung geführt haben. Die Zustände in ihren Heimatländern sind unerträglich. Bauern verhungern, Oppositionelle werden samt Familien hingerichtet, Kindersoldaten werden von Milizionären gezwungen, ihre Eltern zu töten … Das sind Folgen einer von den westlichen Industrienationen eingeleiteten Kolonisation in den vorigen Jahrhunderten und der globalen Unterwerfung unter das Gesetz des Kapitals, welches überall mit ökonomischen und militärischen Mitteln durchgesetzt wurde. Der materielle Reichtum unserer Gesellschaft basiert auf der Ausbeutung anderer Völker und Kulturen auf der ganzen Erde. Die Rüstungsindustrie liefert – mit Genehmigung aller Regierungen – Waffen in die Krisengebiete. Sie liefern nicht Hilfsgüter und Lebensmittel, sondern Bomben! Und so erzeugen sie die elementare Logik des heutigen Dramas. Progressive Gruppierungen und Parteien Europas versuchen, den Teufelskreis zu durchbrechen, aber sie schaffen es nicht, denn die Lobbies der weltweiten Rüstungsindustrie sind viel zu stark, und so bleibt es bei einer einfachen Wahrheit, der wir heute nicht mehr entkommen: Wer Waffen liefert, sät Krieg. Wer Krieg sät, wird Flüchtlinge ernten.

 

Ja! Das stimmt. Aber wie weiter? Die Erkenntnis allein, dass wir in einem imperialistischen System leben, welches ihre Profitquellen mit Waffengewalt sichert, hilft weder den Flüchtlingen, noch ihren Helfern. Die, die dort helfen und eigenen Auges das Elend sehen, kommen in eine fast unerträgliche Position. Sie können jetzt für einen Moment helfen, aber was kommt dann? Kommen sie doch selbst aus einer Gesellschaft, welche das Elend zum großen Teil verursacht hat und es täglich weiter verursacht, mit fast jedem Konsumgut, das wir einkaufen.

„Man muss kein Kommunist sein, um zu wissen, was auf der Erde geschieht und wie das organisierte Verbrechen nicht in der Hand von Kriminellen liegt, sondern in der Hand von Banken, Konzernen, Regierungen, Geheimdiensten und Medien. Wir wissen, dass die Politiker in einer furchtbaren Logik gefangen sind.“

 

Angesichts des namenlosen Elends geht es nicht mehr um Anklage und Verurteilung, sondern um neue Entscheidungen für eine globale Humanität. Man muss kein Kommunist sein, um zu wissen, was auf der Erde geschieht und wie das organisierte Verbrechen nicht in der Hand von Kriminellen liegt, sondern in der Hand von Banken, Konzernen, Regierungen, Geheimdiensten und Medien. Wir wissen, dass die Politiker in einer furchtbaren Logik gefangen sind. Angela Merkel ist eigentlich eine sympathische Frau. Sie hat mit großen Mut ihr Herz für die Flüchtlinge geöffnet. Aber dieselbe Frau unterschreibt Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien. Warum tut sie das, warum tut sie nichts, um den Wahnsinn zu stoppen? Weil sie es nicht kann, denn sie lebt in einem System, welches mächtiger ist als sie.

 

Die Not wird weitergehen, solange dieses System existiert. Im Moment brauchen die Fliehenden unsere Hilfe. Darüber hinaus aber sollten wir uns Gedanken machen, wie wir global ein anderes System aufbauen können, welches sich nicht mehr durch Profit, Waffentechnik und Massenmord behaupten muss. Wir danken allen, die bis an die Grenze einer totalen Erschöpfung alles geben, was sie können, um die Verzweifelten, die Gefolterten und Ertrinkenden zu retten. Möget ihr trotz allem weitermachen, trotz Küstenwachen, Polizeisperren, trotz rechtem Terror und Hasspredigern in den europäischen Ländern. Bleibt auf der Willkommens-Seite. Durch eure Kraft kann sich eine neue Humanität auf unserem Planeten ausbreiten. Die Menschlichkeit darf jetzt nicht mehr durch die alten politischen Mächte zerbrochen werden.  Wir alle sind unterwegs zu einem neuen Leben in einer neuen Welt.

Eine neue Welt

Neben der globalisierten Gewalt könnte jetzt eine Globalisierung der Anteilnahme und Solidarität entstehen, welche einer Sehnsucht folgt, die wir alle in uns tragen. Für diese neue Bewegung brauchen wir eine längerfristige Perspektive, starke Gemeinschaften und ein großes gemeinsames Ziel.

Die Vision einer heilen Erde ist kein Wunschtraum, sondern eine reale Möglichkeit, die im Bauplan des universellen Lebens angelegt ist. Wir können durch den Aufbau eines internationalen Netzwerks diese Möglichkeit für unseren Planeten verwirklichen. Wir laden alle Kollegen, Genossen, Brüder und Schwestern ein, die heute in der Flüchtlingshilfe und anderen Friedensarbeiten unterwegs sind, über die globale Lösung nachzudenken. Wir wollen das Elend der Flüchtlinge für immer beenden. Es ist ja nicht neu, es ist die Folge einer sehr langen Geschichte. Seit Jahrtausenden fliehen Menschen vor Gewalt und Grausamkeit, ab dem 19. Jahrhundert wurde diese Flucht das Merkmal einer globalen Kriegswirtschaft … die Flüchtlingszüge am Ende des Zweiten Weltkriegs … damals der Untergang der überfüllten Lusitania (Flüchtlingsschiff auf der Ostsee mit 9000 Menschen an Bord), heute der Untergang der Schlauchboote zwischen Türkei und Lesbos – immer und überall dasselbe Bild, dasselbe Schicksal, dieselbe ohnmächtige Trauer.
 
Aus Lesbos schrieb uns unsere Mitarbeiterin Dara Silverman folgende Zeilen:

 

Ich habe meine Pläne geändert und die Nachtschichten im Verteilerzelt von Moria übernommen. Die Menschen kommen völlig durchnässt und unterkühlt aus den Booten. Es muss schnell gehen. Wir teilen trockene Kleidung und andere notwendige Sachen an sie aus. Vor einigen Nächten standen vielleicht zwanzig kleine Kinder vor uns, triefend nass und eiskalt. Es war das totale Chaos. Ein kleines Mädchen schrie markerschütternd, ununterbrochen. Jemand sagte mit Hilfe eines Übersetzers, sie schreie schon die ganze Überfahrt, weil sie ihren Bruder wieder haben will. Wir erfahren nicht, was mit ihrem Bruder geschehen ist.  Gestern Nacht dagegen war es ganz ruhig. Dann wird uns klar: Es ist ruhig, weil keines der Boote die Überfahrt aus der Türkei nach Griechenland geschafft hat. Tatsächlich sind in dieser Nacht etwa hundert Menschen, unter ihnen viele Kinder, ertrunken.

 

Was geschieht, wenn eine Mutter ihr erfrorenes Kind in den Armen hält? Oder wenn eine Mutter am Ende ist und einer Helferin ihr Kind reicht mit der Bitte: Nimm es zu dir. Was geschieht in den Herzen der Betroffenen – und was in denen der Politiker, die jetzt dabei sind, das Problem durch scharfe Stacheldrahtzäune und Polizeieinsätze zu lösen? Küstenwachen haben mehrfach auf Flüchtlingsschiffe geschossen, ließen sie kentern und sahen zu, wie die Menschen ertranken. Das ist ein Teil einer unvorstellbaren Realität. Aber sind diese Küstenwächter – ebenso wie früher die Nazi-Soldaten, die Akteure der Judenverfolgung, die amerikanischen Killer im Vietnamkrieg, die Paramilitärs in Kolumbien, die fanatisierten israelischen Soldaten bei der Zerstörung von Gaza (Sommer 2014) oder die jungen Leute vom „Islamischen Staat“ – sind sie nicht alle ebenso Menschen wie „wir“? Menschen mit derselben Sehnsucht nach Heimat und Vertrauen, mit derselben Grundausrüstung für ein liebendes Leben, und Menschen mit derselben Erfahrung einer schlimmen Geschichte? Täter und Opfer sind in derselben fürchterlichen Logik miteinander verbunden. Wir brauchen heute eine universelle Schau, die über beiden liegt – und die sie in derselben Matrix des Lebens wieder miteinander verbindet. Neben den bestehenden gesellschaftlichen Ordnungen gibt es die universelle Ordnung der „Heiligen Matrix“, die in alles Leben genetisch eingebaut ist. Wir werden Frieden haben auf der Erde, wenn wir gelernt haben, das Leben zu heiligen und unsere Lebenssysteme nach den Regeln dieser universellen Lebensordnung auszurichten. Das sind nicht die Regeln einer institutionalisierten Religion, nicht die Regeln von Strafe und Vergeltung, sondern die Regeln von Anteilnahme, gegenseitiger Unterstützung, Kooperation und Solidarität. Regeln aller Gemeinschaften, die in Zukunft überleben wollen.

 

Viel wird gesprochen über die Integration der Flüchtlinge in die bestehende Kultur. Ist das wirklich die einzige Lösung? Könnten sie – in ihren Heimatländern oder in ihren Zielländern – nicht eine andere Kultur aufbauen, durch die sie unabhängig werden von den Mächten und Märkten der globalisierten Welt? Eine Art von neuer „Autonomiekultur“, die sich an den Gesetzen des Lebens orientiert und nicht mehr an denen des Profits? Unter ihnen sind hohe Geister, die es sofort umsetzen könnten. Gebt den Flüchtlingen Land und helft ihnen, ihre eigenen autarken Zentren zu errichten. Sie brauchen ja nicht viel dafür, denn die Erde erzeugt alles,  was wir brauchen, wenn wir sie richtig behandeln: Autarke Nahrungsversorgung funktioniert, wenn eine autarke Wasserversorgung und Energieversorgung gegeben sind. Für beides stehen heute sichere Methoden bereit: Methoden für die Wasser-Retention, für die Gewinnung von Biogas, für die Nutzung der Sonnenenergie etc. Schnell könnten auf diesem Wege Modelle entstehen, denen sich nach und nach die gesamte Menschheit anschließen muss, weil sie anders nicht mehr überleben kann. Es wären Modelle für eine neue Erde, Terra Nova. Wir stehen vor einem großen Systemwechsel.     

 

Die ersten dieser Modelle sind schon im Aufbau. Sie beschränken sich dabei nicht nur auf die materielle Grundversorgung der Bewohner, sondern achten auch darauf, dass zwischen den Teilnehmern eine neue Lebenskultur entsteht, sie beendigen den Geschlechterkrieg, entwickeln ein geheiltes Liebesleben und treten von da aus auch zu den Tieren in ein neues, solidarisches, liebendes Verhältnis. Zusammen mit anderen Gemeinschaften, die im selben Sinne arbeiten, könnte auf diesem Wege auf der Erde ein neues planetarisches Feld des Lebens entstehen. Die Richtung einer neuen humanen Evolution ist eindeutig. Wenn die ersten Gemeinschaften in diesem Sinne arbeiten, entsteht ein morphogenetischer Weltprozess, denn alle Wesen sind im Innersten an die Heilige Matrix angeschlossen. In diesem Zusammenhang kann ich nur um eines bitten und beten: Lasst uns zusammenarbeiten für ein neues Konzept der menschlichen Zivilisation auf unserem Planeten. Wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer geben.

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Profilbild von Dieter Duhm

Dieter Duhm

ist Psychoanalytiker, Soziologe und Autor vieler Bücher. Duhm gründete 1978 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt für eine soziale und ökologische Alternative, aus dem im Jahr 1995 das Friedensforschungszentrum Tamera in Portugal hervorging. Als Wissenschaftler und Künstler arbeitet er in den Bereichen Eros und Heilung, Theorie der globalen Heilung, Konkrete Utopie und am Aufbau konkreter Modelle. Inzwischen ist ein weltweites Netzwerk von Gruppen und Projekten entstanden, die sich an diesen Grundgedanken orientieren.

http://www.dieter-duhm.com/
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