KenFM am Telefon:
02 Mrz 2016
Friederike Beck zu den Finanzierungsnetzwerken des IS
KenFM sprach mit der investigativen Journalistin Friederike Beck über den IS. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Netzwerken aller Art. Für Beck wurde die „Marke“ IS recht aggressiv „in den Markt gedrückt“. „Der IS sind Wir.“ Der aktuelle „Kampf gegen den IS“ ist für sie nichts anderes als eine raffinierte Werbekampagne für ein Terror-„Produkt“, das den Eliten gleich doppelt nützt.
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Ken Jebsen: Mit dem Kampf gegen den Terror verhält es sich ähnlich wie mit dem Kampf gegen Drogen: Je länger für ihn getrommelt wird, je aussichtsloser wird dieser Kampf. Mehr noch: Drogengeschäfte und Terror machen, seit gegen sie ganz offiziell; also mit Militär und Steuermitteln bekämpft werden, immer mehr Boden gut. Was für den Laien wie eine falsche Taktik aussieht, ist für den recherchierenden Profi längst ein Teil des Machtapparates. Geheimdienste sind sowohl Drogen- als auch Waffenhändler. Die Milliarden, die mit Drogen verdient werden, tauchen in keiner Bilanz auf und können dann in verdeckte paramilitärische Operationen gesteckt werden. Spätestens seit Büchern wie ‚Die CIA und das Heroin‘ von McCoy oder ‚NATO-Geheimarmeen‘ von Dr. Daniele Ganser ist klar: Drogenfinanziertes Terrormanagement ist Teil der Macht. Und damit sind wir beim IS – dem Islamischen Staat. Dieses Terrornetzwerk kam nicht aus dem Nichts und lebt nicht von Luft und Liebe. Auch der IS ist ein Werkzeug der Macht und wird wie ein Konzern gemanagt und finanziert. Die Frage ist: Von wem? Und über welche Kanäle? Und mit welchem Ziel? Am Telefon haben wir jetzt Friederike Beck. Frau Beck, ich grüße Sie.

Friederike Beck: Ja, schönen guten Abend Herr Jebsen.

Ken Jebsen: Frau Beck, Sie sind eine investigative Journalistin; Baujahr ‚68; Autorin und Sie beschäftigen sich – neutral ausgesprochen – seit einigen Jahren mit im Dunkeln arbeitenden Netzwerken. Ich erinnere mich an Aufsätze wie ‚US-Geostrategie und deutsche Souveränität: Ein heißes Eisen‘ oder ‚Werte als orwellscher Begriff‘, ‚Die Lieblingsoligarchin des Westens unter Mordverdacht‘ oder auch  ‚EU-Ermächtigung: auf dem Weg in eine Diktatur? – Eine Bestandsaufnahme‘  ‚Das Guttenberg-Dossier: Der junge Führer und die Atlantikbrücke‘. Bevor wir auf das Terrornetzwerk IS kommen, wie recherchiert man denn eigentlich auf einem Feld, das davon lebt, dass keines dieser Mitglieder mit einem von Außen darüber spricht?

Friederike Beck: Am allerwenigsten recherchiere ich wahrscheinlich in den deutschen Medien. Ich kann recht gut Englisch, Spanisch, ein bisschen Russisch, etwas Französisch und bin vorwiegend in ausländischen Medien unterwegs.

Ken Jebsen: Frau Beck, was reizt Sie denn an Netzwerken so sehr, dass Sie sich damit so intensiv beschäftigen?

Friederike Beck: Ich gucke halt gerne hinter die Kulissen. Das ist einfach so eine Grundneugier. Und ich gebe mich halt selten zufrieden mit den offiziellen Erklärungen. Ich finde es  einfach unheimlich spannend, wenn ich dann auf einer Fährte bin, dann geht es mir so wie mit meinem Dackel: Dann kann ich nicht mehr loslassen. (lacht)

Ken Jebsen: Okay, sind dann die recherchierten Inhalte dann leicht an klassische Medien zu verkaufen?

Friederike Beck: Nein, das sind sie natürlich nicht. Es sind ja heiße Eisen. Es betrifft ja nicht nur Journalisten, sondern auch Leute in Amt und Würden oder in Positionen zum Beispiel wie die EU-Botschafterin im Irak, die letztes Jahr offen ausgesprochen hat und einige unangenehme Dinge über den IS gesagt hat. Und wo dann ganz merkwürdige Sachen mit ihr passierten. Ich hatte erst kürzlich einen Artikel über Thema ‚Wer finanziert denn eigentlich den IS?‘ Und da bin ich auf ein Interview gestoßen mit Jana Hybášková. Die war mehrere Jahre lang im Irak offizielle EU-Botschafterin. Sie spricht fließend Arabisch und man kann davon ausgehen, die sagt jetzt nicht einfach so etwas, sondern das hat schon Hand und Fuß. Und da hat sie vor einem auswärtigen Ausschuss der EU einige Dinge gesagt, dass zum Beispiel einige Mitgliedsstaaten der EU auch sich beteiligen an dem Ölhandel und dieses Öl auch direkt kaufen. Und sie hat händeringend gefordert, man möge ganz gezielt gegen diese Leute, die diesen illegalen Handel betreiben und den IS damit fördern, mit Sanktionen begegnen. Und sie hat eine Zahl in den Raum gestellt von 5.000 Lastwagen, die diesen Ölhandel betreiben, so eine Art rollende Flotte. Ich habe jetzt einmal geguckt, was mit dieser Frau eigentlich passiert ist. Und die ist allen Ernstes in Namibia gelandet als Botschafterin. Sie ist also als Arabischsprachige am anderen Ende der Welt. Es ist damals noch nachgehakt worden in einem Frageausschuss des EU-Parlamentes durch einen französischen Abgeordneten. Der hat gefragt: ‚Moment! Was macht denn jetzt eigentlich die EU-Komission gegen diese Mitgliedsländer? Hat sie da jetzt irgendwelche Maßnahmen in petto? Was passiert da eigentlich?‘ Das war ein Herr Jean-Luc Mélenchon. Und außerdem hat er nicht verstanden, dass die Frau Hybášková, also dass vom offiziellen diplomatischen Dienst der EU gesagt wurde, dass die Hinweise, die sie gegeben hatte, dass diese Anschuldigungen nicht den Tatsachen entsprechen würden und es gebe überhaupt keine Beweise dafür. Mann hat also von offizieller Seite dieser EU-Komission diese Spezialistin, dieser EU-Botschafterin, die im Irak schon fundierte Informationen über ISIS hatte, hat man desavouiert und den EU-Parlamentariern allen Ernstes gesagt, dass es nicht stimmen würde und dass es da keine Anhaltspunkte gäbe. Und die Antwort von Frau Mogherini – die ist ja Vizepräsidentin der EU-Komission – ist auch relativ nichtssagend. Die hat dann zwei Monate später gesagt: ‚Ja klar, wir halten uns an alle Sanktionen und wir sind ja auch gewillt gegen Al-Qaida vorzugehen, aber leider, leider kann man gegen diesen Ölschmuggel nichts tun, weil das vermischt sich ja am Ende alles sowieso. Es gibt also ein riesiges Netzwerk von Vermittlern und privaten Businessleuten, die da im Irak diesen Schmuggel betreiben. Und da können sie eben nichts machen, weil am Ende kommt es dann eh vermischt an.‘ Das war dann das Ende der Durchsage.

Ken Jebsen: Diese Aussage, die von der EU-Botschafterin quasi weggedrückt wurde und sie wurde dann zwangsversetzt Richtung Afrika, wo sie nicht mehr den – ich sag‘ jetzt mal – Schaden anrichten kann. Das kam ja dann wieder auf´s Tablett, spätestens in Antalya als Putin davon gesprochen hat, dass 40 Staaten den IS finanzieren, unterstützen, und dass da eben auch G20-Staaten dabei sind. Das war in Antalya, Türkei. Dann eben auch die Vorwürfe gegen den Sohn des Präsidenten, Bilal Erdoğan, dass der in diesem Schmuggel auch vernetzt sei und daran partizipiert. Was ist da dran?

Friederike Beck: Über Bilal Erdoğan weiß man, dass er in den USA-Kreisen gut vernetzt ist. Er hat in den USA studiert, dort auch seinen Abschluss gemacht. Er war dann eine Zeit bei der Weltbank und hat sich in den letzten Jahren halt eingekauft in eine Reederei. Allerdings mit zwei anderen, aber er ist einer von diesen drei. Die heißt BMZ. Das ist ein Reedereiunternehmen, die von Ceyhan aus Öltanker haben und in die ganze Welt Öl verschiffen. Und es steht da so im Raum die Familie Erdoğan, die da mit persönlich involviert ist. Aber das ist dann schon sozusagen Endstation.  Jeder Journalist, der da ein bisschen nachfragt, weiß: Die Türkei ist das Land mit den, glaub‘ ich, am meisten inhaftierten Journalisten. Es ist also hochgefährlich da nachzufragen. Aber die Frau  Hybášková, auf die würde ich gerne noch einmal zurückkommen, die nämlich noch viel mehr gesagt hat. Die hat dann noch ein weiteres Interview gegeben und noch mehr Finanzquellen aufgezeigt, wo der IS sich damit alimentiert. Und da hat sie schockierenderweise, wie ich finde,  und das war auch alles schon letztes Jahr, also jetzt genau vor einem Jahr, Ende November. Da hat sie das gesagt und es ist nichts passiert. Sie hat gesagt, dass es organisiertes Verbrechen dort gibt dort im Irak. Dass es Handel gibt mit Frauen, mit Kindern und dass dort Organhandel stattfindet; also menschliche Organe, die dort verkauft werden neben dem illegalen Ölhandel. Das ist natürlich so ein Punkt, da würde man am liebsten gar nicht darüber reden, so grauslich ist der. Aber man muss es halt leider, weil es ist ja auch irgendwo bekannt. Mich hat es natürlich erinnert an den Kosovo damals 1999. Dass da halt die ‚Wertegemeinschaft‘ hineinging und dann da die KFOR und die UNMIK- Mission  installiert wurde. Dann gab es da recht bald mit dem Internationalen Gerichtshof für Jugoslawien eine Anklage, dass die albanische UÇK verwickelt sei in den Organhandel. Das wurde dann erst niedergeschlagen. Dann gab es noch einmal eine Kommission, wo der Schweizer Dick Marty vorgestanden hat. Dann gab es nochmal eine, die ist jetzt am Ende eben 2014 zu dem Schluss gekommen – Special Investigation Task Force hieß die – von der EU ganz offiziell: ‚Ja, es stimmt. Man müsste noch einmal alle albanischen Milizenführer und die gesamte UÇK müsste man eigentlich vor Gericht stellen. Nur passiert ist halt bisher nichts. Nur um mal ein Beispiel zu nennen: Für eine illegal entnommene Niere – die wird gehandelt zwischen 80.000 und 100.000 Dollar. Und das hat eben diese Frau  Hybášková schon vor einem Jahr gesagt. Und es ist überhaupt nichts daraufhin passiert. So das man gesagt hätte: Stopp, das passiert ja nicht nur dort, das Zeug wird ja weitergehandelt. Es wird in die Länder gehandelt, wo halt auch das Geld da ist, um so etwas überhaupt machen zu können. Ich habe dann noch ein paar weitere Hinweise zu dem Thema gefunden.Es gibt – vielleicht kennen Sie das – ‚Monitor‘ heißt das. Das ist ein Nachrichtenportal für den Mittleren Osten, wo eigentlich über den Libanon, Israel, die Türkei, Saudi-Arabien und andere arabische Staaten alle möglichen guten Journalisten ihre Nachrichten absetzen, ihre Reportagen absetzen. Da wurde halt auch gesagt, dass dieser Organhandel mit Zentrum in Mosul stattfindet. Und ein Arzt das auch bestätigt hat, dass dort Ärzte eingeflogen sind, sowohl arabische als auch von außerhalb. Die Leute, denen das zugefügt wird, sind entweder frisch gefallene IS-Kämpfer oder es sind halt Gekidnappte oder welche, die man hat sterben lassen. Das ist eine der gruseligen Sachen. Also es gibt, wenn man es zusammen zählt, sieben Geldquellen für den IS. Die habe ich gefunden. Wo immer auch der Westen mit hinein verwickelt ist. Also man darf eben nicht dorthin gehen und sagen: ‚Ja, der IS ist so ein Monster. Da kann man mit dem Finger drauf zeigen. Und das ist das Böse jetzt. Das hat mit uns nichts zu tun.‘ Sondern es ist genau anders. Und da fand ich halt gut, dass Putin uns in Antalya mal den Spiegel vorgehalten hat. Und wir haben da einmal hineingeschaut und gesehen: Huch, das sind wir ja eigentlich selbst.   

Ken Jebsen: Weil Sie von Jugoslawien gesprochen haben: Wie ja viel später herauskam, dass die CIA damals schon Al-Qaida-Kämpfer in dieser Region – ich sag jetzt mal – eingesetzt hat.  Vielleicht noch einmal zurück, weil wir über Geld sprechen: Ich habe in einem langen Artikel über was für Summen man da nachdenken muss. Das sind ja keine Millionen mehr. Da geht es weiter bereits.

Friederike Beck: Ja, da geht es um Milliarden. Spiegel online hatte schon vor einem Jahr gesagt: Es gibt 14 Ölfelder, die also sowohl in Syrien als auch im Irak vom Islamischen Staat besetzt wurden. Und wenn man so täglich; allein das Ölfeld in Syrien Al-Omar. Das ist das ertragreichste Ölfeld. Es gibt pro Monat zwischen 1,5 und 1,7 Millionen Dollar. Also man findet da immer nur schwankende Beträge und man findet nie einen genauen Betrag. Also wenn man die beide zusammennimmt; also die Ölfelder die der IS besetzt hat im Irak als auch in Syrien, kommt man pro Jahr auf Summen, die schwanken zwischen 900 Millionen und 1,8 Milliarden Dollar. In diesen Kategorien bewegt sich das Ganze.

Ken Jebsen: Das Öl muss ja dann auf den Weltmärkten verkauft werden. Sie haben vorhin den Hafen Ceyhan angesprochen und der ist ja relativ weit weg von dort, von den Orten, wo das Öl aus dem Boden kommt. Wie kommt es dahin? Also Lastwagen ist die eine Geschichte, aber da gibt es ja die Pipeline noch?

Friederike Beck: Es gibt natürlich die Kirkuk-Ceyhan-Pipeline. Die geht von den ölreichen irakischen Kurdengebieten von Kirkuk dann an Mosul vorbei nach Norden und dann stracks in die Türkei nach Westen und dann eben in die Ägäis. Dort in den Hafen Ceyhan, von wo aus es dann in alle Welt geht. Man darf halt auch nicht vergessen: Der IS hat eben auch die größten Ölraffinerien besetzt. Das war irgendwann im Frühsommer des letzten Jahres. Und die zwei größten Ölraffinerien sind Ramadi und Baidschi. Die sind auch bei Mosul in dieser Gegend. Und es ist natürlich klar, im Irak sind mindestens 10 US- Ölfirmen, Kanada ist präsent, die französische Total. Es gibt eine ganze Liste, die ist mindestens eine ganze DIN A4-Seite lang. Auch türkische Ölfirmen, britische Ölfirmen natürlich. Die müssen quasi auch dieses vom IS geschmuggelte Öl, welches oft auch im Irak zur Weiterverarbeitung genau in diese zwei Raffinerien gebracht. Auch die „normalen“ Ölfirmen lassen das natürlich dort machen. Quasi bei dem IS, denn es geht ja gar nicht anders. Wo sollte das Öl denn sonst raffiniert werden, bevor es in die Pipeline kommt?

Ken Jebsen: Würden Sie sagen, der IS ist inzwischen ein Subunternehmer im internationalen Ölhandel?

Friederike Beck: Ja, das kommt einem bald so vor. Frau Hybášková, die war ja mindestens vier Jahre im Irak. Sie hat gesagt, die geben ganz normale Anzeigen auf in internationalen Blättern, also der IS, Anzeigen, also ganz normale Jobangebote für Ölingenieure. Das sind eben richtige Strukturen. Das ist eben nicht nur eine Gruppe von ein paar verirrten Milizen, die mit einer Knarre durch die Gegend laufen, sondern eben ganz offiziell und ungeniert suchen die sich auf dem internationalen Arbeitsmarkt ihre Ölingenieure zusammen.

Ken Jebsen: Also kann man sagen, der IS hat seine Bildungsschicht, was man hier nicht gerne wahr haben will. Da sind wir bei der Vorgeschichte des IS: Können Sie die Vorgeschichte des IS kurz zusammenfassen? Oder geht es gar nicht kurz, weil die Geschichte sehr lang ist, selbst wenn sie kurz ist?

Friederike Beck: Ohne den Einmarsch der USA im Irak wäre das alles nicht möglich gewesen. Das darf man nie vergessen. Andererseits glaube ich, dass dieser IS ein Produkt ist, wo über den Namen gerungen wurde über längere Zeit. Also man konnte sich nicht entscheiden, ob das jetzt Ariel, Dash oder Persil am Ende wurde. Es, glaube ich, fluktuiert halt auch. Es wird ja immer versucht, so zu sagen: ‚Ja, es haben sich einmal welche zusammengefunden und sich dann irgendwann gegründet mit so einem Gründungsdokument.‘ Aber ich glaube, das Jahr oder die Zeit kann man gar nicht so genau benennen. Es ist letztendlich müßig, ob man Al-Qaida oder die Al-Nusra-Front oder wie auch immer sie jetzt heißt. Das sagen sie ja auch selbst: ‚Wer am meisten bezahlt, da gehen die Kämpfer halt hin. Vorher waren sie halt moderat, dann wurden sie ausgebildet von den USA in irgendeinem der Stützpunkte in der Türkei oder in Jordanien. Dann sind sie erst bei der FSA [=Freie Syrische Armee; Anm. d. Free 21 Transcript Teams] oder dann landen sie am Ende beim IS. Ich wäre vorsichtig zu sagen, es gibt jetzt ein Gründungsdatum, wo er offiziell von dem Herrn Al-Baghdadi gegründet wurde. Ich glaube daran eher nicht, sondern das Produkt wurde eben massiv in den Markt gepusht im Frühsommer letzten Jahres. Wichtig ist daran, dass es den Namen ‚Staat‘ hat, denn das war ja immer das Problem. Wenn man jetzt die Taliban nimmt, da ist ja das Problem rein völkerrechtlich, dass man ja im Grunde Krieg nicht führen kann gegen Privatpersonen. Denn Osama Bin Laden war ja eine Privatperson, ein Saudi, der sich angeblich in Afghanistan versteckt hatte. Und dann war es natürlich blöd für das internationale Recht, dass es im Grunde kein Staat war und die Afghanen eigentlich gar nichts damit zu tun hatten. Das hat man jetzt bei dieser ‚Produkteinführung‘ dieser Terrormarke geändert, indem man schon in den Namen, den Islamischen Staat mit hineingenommen hat.   

Ken Jebsen: Obwohl unsere Verteidigungsministerin immer sagt: ‚Das ist kein Staat.‘ Was ist es denn jetzt? Wenn Sie sagen: ‚Es ist einer.‘

Friederike Beck: Es ist natürlich keiner, aber es geht darum, es zu erleichtern, die Eingriffe oder die Interventionen zu erleichtern indem man sagt: ‚Das ist dann eben ein Staat im Zweifelsfall.‘ Und sich dann dabei auf diesen Namen bezieht. Aber sicherlich hat er natürlich Strukturen. Er hat einen Finanzminister. Er stellt Leute an. Das sind schon Strukturen, aber trotz allem sind die Übergänge offen. Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit den Kurden oder mit der Türkei. Wo fängt diese Struktur des IS an und wo hört sie auf? Das ist halt sehr schwierig zu sagen. Das sind so überlappende Felder, dass man es ja kaum sagen kann. Es ist natürlich im Endeffekt kein Staat, aber es ist ein geschickter Schachzug, dass man ihn Staat nennt. Das erleichtert sozusagen die Interventionen.   

Ken Jebsen: Ich habe vorhin das Wort ‚Terrormanagement‘ benutzt. Es wird ja auch gar nicht bestritten, dass es das gibt. Aber mal jetzt auf den IS angewandt: Ist denn der IS aus dem Ruder gelaufen oder wird das nur so verkauft, um mehr militärisches Engagement zu rechtfertigen und dafür hier zu mobilisieren? Ist das Aus-dem-Ruder-Laufen nicht doch ein kontrolliertes Tun?

Friederike Beck:  Naja, zum Beispiel seitens der Türkei, die das ganze so möglich gemacht hat durch das systematische Öffnen der Grenzen. Also, sowohl der Ölschmuggel wäre ohne die Türkei nicht möglich als auch das Einströmen von Kämpfern, von allen möglichen Milizen. Von Anfang an eigentlich wäre das so nicht möglich. Und bei der Türkei war es auch so: Es gab da – ich glaube, es ist jetzt schon eineinhalb Jahre her – ein geleaktes Telefonat, wo Ahmet Davutoğlu, der Außenminister, sich mit einigen Mitgliedern unter anderem dem Geheimdienstchef unterhalten hat dahingehend, wie man am besten eine Möglichkeit zur Intervention schafft, seitens Syriens. Also, mit vier Leuten wollten die da einen Angriff starten über die Grenze rüber und das wäre ein guter Vorwand für die Türkei, da hinein zu gehen. Und das würde dann die Verbündeten nach sich ziehen.  Und zusätzlich hat das Thema des Terrorismus gleichzeitig immer die Option, dass man eingreifen kann, dass man einen guten Anlass hat, im Nachbarland einzugreifen und gleich noch die ganze Wertegemeinschaft hinterher zu haben. Dass natürlich Assad abgesetzt werden soll, das hat geopolitische Gründe. Nämlich diesen schiitischen Bogen zu zerschlagen. Das ist ja jetzt auch schon ausgesprochen worden und überhaupt kein Geheimnis mehr. Man möchte eben diesen Bogen, der vom Libanon geht über den Bahrain, über den Iran zerstören und dieses Mittelglied Syrien wollte man herausschlagen. Das ist ja nicht aufgegeben worden. Jetzt habe ich nirgendwo gesehen, dass es aufgegeben wird offiziell. Man sagt ja weiterhin: ‚Mit denen können wir nicht kooperieren.‘ Wobei Luftschläge ohne Bodentruppen, da sagt jeder: ‚Das bringt ja gar nichts.‘ Also jemand, der Bomben will, also jetzt die Deutschen oder dazu helfen will, dass gebombt wird. Und aber nicht mit Bodentruppen kooperieren will, die eben auch den IS bekämpfen. Das ist auch völlig unglaubwürdig. Das funktioniert nicht. Das sagt jeder.       

Ken Jebsen: Und wer sich anschaut, was ‚Wir‘, also die Wertegemeinschaft, im Irak geleistet haben und in Afghanistan mit den Bodentruppen, muss ich sagen: Richtig erfolgreiche Kämpfer sind wir auch nicht. Wir hinterlassen eigentlich nur ‚failed states‘ und das fällt uns jetzt auf die Füße. Aber wie verlogen ist denn Ihrer Meinung nach diese ganze Kampf-gegen-den-Terror-Debatte?

Friederike Beck: Tja, das ist natürlich ein weites Feld. Ich glaube, wenn man sich anguckt, wo geopolitische Interessen bestehen und anguckt, wo der Terrorismus auftritt, dass es sehr große Übereinstimmungen gibt. Der IS, ich meine, weiß man, dass die Finanzquellen aus den Golfstaaten, die Waffen sehr häufig aus der US-Quelle kommen. Wenn man die Waffenstatistiken anschaut, da ist kurz bevor der Arabische Frühling ausbrach – das war Ende 2010 – da sehen sie die Säule nach oben steigen. Da wird einem ganz anders. Da wurde exportiert zum Beispiel nach Saudi-Arabien. Da fragte man sich: Wen wollen die denn da eigentlich bekämpfen? Das sieht dann schon so aus, dass es da Langzeitziele gibt, die da umgesetzt werden. Man braucht halt einen Vorwand, rein völkerrechtlich, um intervenieren zu können. Da denke ich schon, dass es die Langzeitziele gab. Die neuen Grenzziehungen, die es im Mittleren Osten gab, wo strategische Konzepte schon lange in der Schublade liegen. Und da glaube ich jetzt nicht daran, dass es so eine ganz spontane Geschichte ist, sondern dass man da auch immer guckt, was da im Vorfeld des Arabischen Frühlings passierte, was da für Waffenexporte waren. Da fällt man doch vom Glauben ab. Da glaube ich jetzt doch eher, dass es um die Verwirklichung geopolitischer und strategischer Ziele ging, dass man es da jetzt schon gezielt gefördert hat. Es ist natürlich sehr gewagt, klar, doch man kann da schon sehr viele Mosaiksteine liefern.

Ken Jebsen: Frau Beck, so gewagt ist es nicht, wenn man sich einmal das Buch von Brzezinski vornimmt und dann auch guckt, wann es erschienen ist. Ich rede jetzt nicht von ‚The grand chessboard‘, sondern von ‚America- die einzige Vorherrschaft‘ usw. und wie man die auch hält. Da wir das Ganze  explizit auch beschrieben. Nicht nur, was im Nahen Osten mit Syrien zu geschehen hat, sondern auch, was mit der Ukraine zu geschehen hat. Also das ist praktisch ein Fahrplan und Geopolitiker denken natürlich wie beim Schach über eine lange Distanz. Übrigens, ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf einen Aufsatz aus dem Jahre 2012 in der FAZ hinweisen: Da gab es einen Arbeitstitel von einem Historiker aus Passau ‚Und ihr denkt es geht um einen Diktator.‘ Der beschreibt das, was Sie hier gesagt haben, noch einmal ganz explizit. Also es ist keine Verschwörungstheorie. Ich möchte noch einmal auf den Anfang beim Kampf um den Terror kommen. Der 11. September wird dann ja immer gerne vergessen. Seit dem 11. September werden da ja gerne im Rahmen des Kampfes gegen den Terror, im Westen vor allem, immer mehr Bürgerrechte massiv beschnitten oder einfach einmal abgeschafft, vorübergehend – sage ich einmal. Sind das denn Ihrer Meinung nach ‚Kollateralschäden‘ an der Demokratie oder würden Sie dies eher als Teil der Übung werten, wenn es darum geht, die Freiheit hier im Westen einzuschränken?

Friederike Beck: Ich glaube, das ist ein ganzer Korb voll Gründe. Das ist ja das Gute daran. Man kann mit dieser Marke IS, die man gerade eingeführt hat, Innenpolitik betreiben in den einzelnen EU-Staaten oder auch in den Vereinigten Staaten. Also Stichwort die Sicherheitsgesetze immer weiter verschärfen, die bürgerlichen Freiheiten immer mehr einschränken. Sowieso ‚ divide et impera‘ veranstalten. Das ist ja eine der ältesten Regeln. Also wenn man die Muslime, die jetzt nun einmal in Europa sind sozusagen ständig im Fokus hat und die ausspielt gegen andere Gruppen innerhalb der Gesellschaft, dann haben wir wahrscheinlich bald eine wunderschöne Bürgerkriegskonstellation, die man ohne diese Strategie der Spannung nicht hätte. Man hat also einen ganzen Korb voll Ergebnisse davon, die, wie es scheint, bestimmten Eliten gefallen.

Ken Jebsen: Weil Sie immer von westlicher Wertegemeinschaft sprechen mit einem süffisanten Unterton, möchte ich noch einmal etwas weitergehen: Also wenn es um den Kampf-gegen-den-Terror geht, also Terrorpaten, Despoten, dann wird ja auch immer mit Zahlen operiert. Aber egal wie man es dreht und wendet, kein Netzwerk ist so erfolgreich im Töten von Menschen wie der international organisierte Hunger. Alle fünf Minuten verhungert ein Kind. Das hat Jean Ziegler ja schon mal offiziell bekannt. Dann sind ja Lebensmittelkonzerne im Kern die eigentlichen Terrornetzwerke, weil sie handeln ja auch vorsätzlich, indem sie Mangel organisieren und verteidigen. Warum reden wir nicht darüber, wenn wir von absoluten Zahlen sprechen?

Friederike Beck: Wir haben halt nicht die Diskurshoheit in den Medien. Das ist das Problem. Die Medien muss man auch als Kriegspartei mit sehen. Und nicht nur indem, was sie berichten, sondern auch, was sie nicht berichten. Da liegt das Ganze auch begründet. Medien sind – meiner Meinung nach – Kriegspartei und Informationskrieg ist halt Teil des modernen Krieges.

Ken Jebsen: Frau Beck, wenn Donald Trump Präsident wird, und davon gehen wir hier stark aus, was wird sich ändern?

Friederike Beck: Ich muss jetzt sagen – was Sie wahrscheinlich sehr enttäuschen wird- ich habe mir sehr intensiv seine Interviews angeschaut. Da ist mir besonders eins aufgefallen. Er ist natürlich, was seine Meinung über Frauen angeht und sein polteriges Auftreten anbelangt, ziemlich grauslich. Aber man muss von diesen emotionalen Sachen wegkommen und mal ganz nüchtern diesen Typen angucken. Und vor allem mal die deutsche Perspektive beziehungsweise die europäische Perspektive einnehmen. Was ist sozusagen für uns denn gut? Was momentan gerade gemacht wird, ist ja ein neuer Graben mitten in Europa. Es wird Containment massiv gegen Russland gemacht. Die NATO geht immer weiter Richtung Osten, ins Baltikum, nach Polen. Es laufen Militärtransporte. Es werden Truppen dorthin geschickt und erhöht, die Manöverzahl angehoben usw. Ein Interview, eine Einlassung von Donald Trump hat mir besonders gut gefallen. Er sagte: ‚Er kommt mit dem Putin klar. Er setzt sich einfach mal mit ihm an den Tisch. Er guckt ihm in die Augen und redet mit ihm von Mann zu Mann.‘ Und da habe ich mir gesagt:‘Top, das ist doch unser Mann.‘(lachen) Da nehme ich jetzt gerne in Kauf, was er über Frauen sagt oder halt auch ein paar Sachen über mexikanische Einwanderer. Man muss es ja mal nüchtern sehen: Wir als Deutsche oder Europäer können ja absolut nicht das Interesse haben, dass wir weiter ein neuer Kalter Krieg oder auch heißer Krieg betrieben wird und eine Strategie der Spannung. Sondern unsere Interesse gerade im Zentrum Europas und Deutschlands Interesse wäre ja zum Beispiel, dass wir endlich einmal diese Sanktionen aufheben und dann das gemeinsame ‚Haus Europa‘ mal wieder anschauen und ausbauen. Und auch mit Russland die eurasische Gemeinschaft etwas mehr betonen. Natürlich durchaus den Blick nach Westen weiterhin, aber da läge eine große Chance, wenn da so ein Trump käme und sagt:‘Ja, mit dem Putin komme ich ganz gut klar. Mit dem regele ich das einmal von Mann zu Mann.‘ Und diese NATO-Politik, die im Moment gemacht wird, bei der ja eigentlich immer mehr auf Konfrontation gegangen wird. Dann wäre ich einfach mehr für Donald Trump auch als Frau.          

Ken Jebsen: Ich bin da jetzt gar nicht enttäuscht. Ich sehe das ähnlich, weil ich gucke mir ja an, wer da jetzt alternativ ist. Der Sanders hat kaum eine Chance. Der Sohn von Powell sowieso nicht und Frau Hillary Clinton halte ich für wirklich grauenhaft und verlogen. Das mag ich ja an dem Trampel Trump, dass er ganz offen sagt, auch zur Konkurrenz: ‚Ich weiß, wie das Geschäft läuft. Ich habe Euch ja auch alle gekauft.‘ Das sagt er ja ganz offiziell bei FOX-News. (lachen) ‚Und vor allem: Ich habe einen Medienkonzern und kann mich verteidigen.‘ Man darf auch amerikanischen Wahlkampf nicht überinterpretieren. Das ist ja auch alles Showbusiness. Warten wir mal ab, was passiert. Er hat ja auch als Jeb Bush gesagt hat – er hat sich ja auch die Domain gesichert; also Trump hat sich ja auch die Domain von Jeb Bush gesichert im Internet. Also wenn man Jeb Bush eingibt bei Google, landet man auf der Seite von Trump. Also das finde ich unglaublich komisch. – und als er dann gesagt hat, sein Vater, also der Vater von Bush, hat ja etwas für die Sicherheit der USA getan. Da hat der Trump gesagt: ‚Dann wäre der 11. September nicht passiert.‘ Also der Typ geht dann schon nach vorne. Er ist auf jeden Fall unterhaltsam. Eine letzte Frage an Sie, es ist eine Frage, die bei der SPD gestellt wurde, als man fragte: ‚Ja, wer ist denn für den Syrieneinsatz?‘ Und die Meisten dafür waren, aber auch einige Wenige dagegen. Da fragte ein Parlamentarier der SPD: ‚Sagen Sie einmal, wissen wir überhaupt, wie wir aus der Sache wieder herauskommen?‘ Können Sie mir das sagen?

Friederike Beck: Tja, einen Fuß in der Tür hat man natürlich immer schnell, aber Deutschland macht halt eben auch keine unabhängige Außenpolitik. Ich denke mal, man wartet da auf Zuruf. Da wurde natürlich mal wieder sowohl die deutsche Verfassung als auch das Völkerrechtaußer Kraft gesetzt. Man kann nicht in irgendeinem Staat herumbomben. Der einzige, der das sozusagen völkerrechtskonform macht, ist momentan Russland. Einen anderen sehe ich da nicht. Es gibt einfach eine Regierung und ich kann nicht dahin gehen. Zumal dann offiziell gesagt wird, dass man sich nicht koordiniert. Es hätte, wenn man das mit der IS-Bekämpfung ernst genommen hätte, Putin, der monatelang gesagt hat: ‚Wir brauchen jetzt einfach einen internationalen Zusammenschluss, wo alle Beteiligten und alle Anrainer, auch der Iran und der Irak und alle anderen müssen da an den Tisch. Und die Europäer müssen sich überlegen, wie wir da eine Koalition zu Stande bekommen.‘ Man kann so etwas natürlich nicht ohne Bodentruppen machen. Die USA haben ja gesagt, sie gehen da nicht mit Bodentruppen rein. Nach dem Afghanistandebakel ist es in der Öffentlichkeit nicht mehr zu verkaufen. Insofern finde ich das Ganze völlig verlogen. Es ist erneut eine Niederlage für das Völkerrecht und auch für das Grundgesetz. Das wird jetzt erneut wieder beschädigt leider.

Ken Jebsen: Frau Beck, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Gespräch auch wenn der Inhalt wenig lustig war.

Friederike Beck: Ich danke auch.

Dieser Text wurde zuerst auf YouTube unter der URL <https://www.youtube.com/watch?v=fMr5xcYKZbY> veröffentlicht (Lizenz: KenFM)

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