Statement zur Gewalt:
06 Jun 2019
Gelbwesten-Stellungnahme zu den Ereignissen in Paris am 16.3.
Die folgende Stellungnahme kommt von der Gelbwesten-Gruppe „Cervaux non disponibles“ und betrifft die gewaltvollen Ereignisse vom 16. März 2019. Aus dem Französischen übersetzt von Ollie Richardson, Auszug aus einem längeren Artikel und einem Twitter-Thread mit vielen Videos [1] von ihm, aus dem Englischen übersetzt von Fritz Kollenda, von Ollie Richardson
Profilbild von Ollie Richardson
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Foto: flickr / Patrice Calatayu, Lizenz: CC BY-SA 2.0 4.

„Es ist erledigt: Der 16. März bleibt unter den wichtigen Daten der sozialen Bewegung der Gelbwesten (Gilets Jaunes) eingraviert.


Angesichts politischer, medialer und wirtschaftlicher Gewalt ist es notwendig, die Dinge klar zu sagen, ohne Heuchelei.


Beginnen wir mit den Fakten: Es ist wahr, dass viele GJ (Gilets Jaunes = Gelbwesten, Anm. der Red.) für diesen Act 18 nach Paris gekommen sind, um über das System hinauszugehen und das Management der „öffentlichen Ordnung“ zu untergraben. Sie waren vielleicht nicht in der Mehrheit, aber sie waren ziemlich zahlreich und entschlossen, Ergebnisse zu erzielen. Diese Tausende von GJ waren nicht alle ein Teil der Black-Block-Taktik. Es gab viele GJ zum ersten Mal mit nur ihren Westen, Masken und Goggles. Es gab auch einige Demonstranten in einem Block, ob in schwarzem K-Weg und/oder in gelber Weste.


Vor allem aber waren alle Demonstranten voll in die Demonstration des Tages eingebunden. Es gab noch nie eine Aufteilung in Gruppen von „nettte GJ“ und „bad rioters“. Die überwiegende Mehrheit der anwesenden Demonstranten unterstützte oder akzeptierte die offensiven Aktionen, ohne unbedingt dasselbe tun zu wollen.


Mehrere Videos zeigen die Ankunft eines Blocks von dreißig Demonstranten, der von einer Ehrengarde und einem Applaus auf dem Place de l‘Etoile am Vormittag begrüßt wird.


Und ja, es schockiert dich und kann dich stören. Aber so sieht die Realität in Frankreich im Jahr 2019 aus: Zehntausende von Bürgern sind sich heute einig, dass der Kampf offensiv geführt wird. Du kannst sie diskreditieren, sie Zerstörer, Komplizen, Hooligans, Rassisten oder Anarchisten nennen. Du kannst versuchen, ihnen ganz die Menschlichkeit wegzunehmen.


Aber die Realität ist ganz anders: Es ist nicht zum Vergnügen, dass diese Menschen gewalttätige Handlungen akzeptieren (und/oder fördern). Es ist eine Notwendigkeit. Es geht nicht um die Gewalt selbst, sondern um ihre Folgen im sozialen Kampf. Folgen, unvermeidlich ungewiss und manchmal gefährlich, die aber einen positiveren Horizont darstellen als der aktuelle soziale Status quo.


Ganz im Ernst, tief drinnen, seht ihr nicht, dass der Act 18 (die 18. Demon­stration der Gelbwesten. Anm. d. Red.) wegen dieser Exzesse eine sehr wichtige Auswirkung auf die Politik und die Medienwelt hatte? Dass die gleiche Anzahl von Demonstranten bei einer erklärten Kundgebung, bei der „nichts passiert ist“, von denselben Politikern und Medienagenturen völlig missachtet und verachtet worden wäre?


Es sind nicht die GJ, die nur die Sprache der Gewalt und Macht verstehen, es ist das gegenwärtige System. Wie könnte man in dieser Gesellschaft, in der man der wildeste und mächtigste sein muss, hoffen, die Situation zu ändern, indem man schwach und zahm bleibt?


Die Massenmedien sind nur an einer Bewegung interessiert, in der es „sensationelle“ Bilder gibt, die die Einschaltquoten der Zuschauer erhöhen. Zwei Tage vor Act 18 fand in der Bourse du Travail ein Treffen zwischen Persönlichkeiten der Bewegung und Intellektuellen statt.


Der Ort war voll und Hunderte von Menschen blieben draußen. Warum nicht über diese konstruktive und friedliche Initiative sprechen? Warum haben sich mehrere Wochen lang Tausende von GJ in den Städten versammelt, ohne dass sich die Medien dafür interessieren? Weil es nichts mehr gibt, was man den Zuschauern „verkaufen“ kann.


Auf der politischen Seite schien die Regierung in 17 Wochen nur während der gewalttätigsten Akte von Ende November und Anfang Dezember Zugeständnisse zu machen. Dort, wie durch Zufall, nach fast zwei Monaten, in denen die Regierung das soziale Thema und die Gelben Westen völlig verachtete, verkürzte Macron seinen Urlaub, um die Dinge in die Hand zu nehmen. Wir wissen, dass er soziale Fragen nicht direkt aufgreifen wird und dass er das Thema GJ ausschließlich durch seine Gewaltlupe angehen wird. Aber zumindest kommt die Frage wieder auf den Tisch.


Um es klarzustellen: Die politische Macht respektiert die tiefen Gründe für die Wut ihres Volkes nicht. Was sie interessiert, ist die Ruhigstellung dieser Wut, für ihre eigene Ruhe und die aller Mächtigen.
Macron sagt, dass die Anwesenden gestern auf den Champs-Élysées die Republik „zerstören“ wollen. Weil die Republik Fouquet gehört? Cartier? Den Banken?


Diese Regierung hat, wie alle anderen auch, Millionen von Bürgern verunglimpft, sie in ein immer unerträglicher werdendes Prekarität versetzt, auch wenn die Milliardäre immer reicher und reicher werden. Wie viele Menschen wurden in den letzten vier Monaten, in denen die Gelbwesten gekämpft haben, zu Arbeitslosen gemacht, um ihr Geschäft profitabler zu machen? Wie viele Rentner sind weiter in die Schieflage geraten? Wie viele Patienten konnten aus Mangel an Mitteln nicht die notwendige Versorgung erhalten?


Wie viele Todesfälle hat diese liberale Politik in vier Monaten Kampfzeit verursacht? Die Zahlen kennt keiner, aber es ist offensichtlich, dass sie kolossal sind.


Der Ultraliberalismus tötet, verletzt und zerstört Leben und Familien. Es geht nicht um „große Worte“, um den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Es ist völlig sachlich. Und viele Yellow Vests auf dem Land oder in den Vororten kennen es sehr gut, da sie es täglich leben.


Wenn ihr also denkt, dass Bürger, die eine Bank zerstören oder eine Barrikade errichten, Feinde der Republik sind, aber diejenigen, die Arbeitsplätze abbauen und sich durch das Elend dieser Bürger bereichern, Freunde der Republik sind – und außerdem ihre Beschützer, dann haben wir eine ganz andere Vorstellung davon, was die Republik sein sollte.


Wenn dich die Gewalt eines verwüsteten Luxusgeschäfts viel mehr stört als Menschen, die sterben oder in Armut geraten – ja, dann wir sprechen nicht die gleiche Sprache.  


Dein moralischer Kompass ist nicht derjenige, der in uns lebt. Selektiv moralisch zu sein bedeutet, unmoralisch zu sein. Du bist unmoralisch. Und du kannst die GJ als Feinde der Republik behandeln, aber sie werden viel moralischer und viel näher an den Werten der Republik bleiben als du.


Und hör auf, dich von der Gewalt einer sozialen Bewegung beleidigen zu lassen, wenn du diese Bewegung leugnest und völlig ignorierst, außer in Fällen von Gewalt.
Nur dann können wir über Moral diskutieren.“

 

 

Quellen und Anmerkungen:

[1] Twitter-Thread von Ollie Richardson vom Act 18, der 18. Demo der Gelbwesten in Paris vom 16.3.2019 mit vielen Videos <https://twitter.com/O_Rich_/status/1106853155579588608>
Ausführlicher Text von Ollie Richardson mit zeitlicher Abfolge der Gelbwesten-Demonstrationen und den Hintergründen <https://www.theblogcat.de/archiv/archiv-2019/m%C3%A4rz-2019/>
Übersetzung der Forderungen der Gelbwesten: <https://deutsch.rt.com/europa/80823-manifest-gelbwesten-ende-austeritatspolitik-volksentscheide/>

 

 

Dieser Text wurde zuerst auf Englisch am 17. März 2019 unter der URL <https://www.stalkerzone.org/french-yellow-vests-statement-about-events-on-march-16-in-paris/> veröffentlicht und auf Deutsch am 19.03.2019 auf theblogcat unter der URL <https://www.theblogcat.de/archiv/archiv-2019/märz-2019/> veröffentlicht. Lizenz: theblogcat

Profilbild von Ollie Richardson

Ollie Richardson

ist Autor für www.stalkerzone.org, schrieb für globalresearch.ca und thesaker.is. Ollie war einer von zwei Übersetzern, die die Untertitel für den Dokumentarfilm „8 Monate in der Ukraine (Euromaidan - MH17)“ lieferten, der vom in Brisbane lebenden Musiker Chris Nolan produziert wurde. Auf Twitter: https://twitter.com/O_Rich_


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