Cannabis:
19 Mai 2018
Hanf ist die neue Kohle
Es ist jetzt 25 Jahre her, dass ein Buch erschien und etwas erreichte, was nur die wenigsten Bücher schaffen: es löste tatsächlich ein, was sein Titel behauptete, nämlich: „Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“.
Profilbild von Mathias Bröckers
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Jack Herer (* 18. Juni 1939 in New York City; † 15. April 2010 in Eugene, Oregon) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Hanfaktivist. Sein bekanntestes Werk ist das Buch Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf, das mittlerweile ein Standardwerk für Hanfbauern und Legalisierungsbefürworter ist.. Quelle: http://portland.indymedia.org/en/2009/09/394133.shtml, Foto: unbekannt, Lizenz: CC-0.

Die Ur-Fassung des Werks war mir einige Jahre zuvor in einer Fotokopie auf den Schreibtisch geflattert, sie stammte von Jack Herer und hatte den Titel „The Emperor Wears No Clothes – Hemp and the Marihuana Conspiracy“, also „Des Kaisers Neue Kleider – Hanf und die Marihuana-Verschwörung“. Dass der Kaiser         die Hanf-Prohibition – nackt war, zeigte das Buch, indem es sämtliche Argumente widerlegte, die für das Verbot angeführt worden sind und werden; und es dokumentiert die politischen und ökonomischen Hintergründe, die überhaupt dazu geführt haben, dass eine der ältesten und wertvollsten Nutz- und Heilpflanzen der Menschheit derart mit Acht und Bann belegt werden konnte. Die deutsche Ausgabe war nicht nur mehr als doppelt so umfangreich wie das US-Original, wir hatten auch noch ein wissenschaftliches Gutachten über die hervorragenden Eigenschaften des Rohstoffs Hanfs hinzugefügt und das Ganze – quod erat demonstrandum – auf Hanfpapier gedruckt. Das Buch wurde aus dem Stand ein Bestseller, mehr als 50.000 Exemplare wurden allein in den ersten sechs Monaten verkauft, mittlerweile liegt es in der 43. Auflage vor.

 

Aber das ist wohl immer noch nicht genug, um die Folgen der erfolgreichsten Desinformations-Kampagne aller Zeiten, die vom „Mörderkraut“ Marihuana, endlich zu beseitigen. Dass 25 Jahre nach diesem Buch letzte Woche im deutschen Bundestag über eine Reform der Cannabisgesetze debattiert wurde und für die Entkriminalisierung allenfalls eine theoretische Mehrheit besteht – sich praktisch also kaum etwas tun wird – ist ein Armutszeugnis schlechthin. Und man fragt sich, wieviele Daten, Fakten, Belege und Beweise dafür, dass die Politik der Hanf-Verbote auf totaler Desinformation beruht, eigentlich noch auf den Tisch kommen müssen bis der Prohibitions-Irrsinn ein Ende hat.

 

In den USA, wo er einst begann, wehren sich immer mehr Bundesstaaten mit Volksabstimmungen dagegen, mit Kalifornien hat jetzt auch der bevölkerungsreichste Staat Cannabis für Erwachsene freigegeben; schon bisher war Hanf dort mit 8,5 Milliarden $ Jahresumsatz die lukrativste Agrarpflanze, mit der Legalisierung dieses Geschäfts erwartet der Staat nun 1,5 Milliarden direkte Steuereinnahmen.

 

Vor der kalifornischen Abstimmung über „Medical Marihuana“ 1996 hatte ich einige Tage mit Jack Herer an seinem Infostand in Los Angeles Flugblätter verteilt, damals hielten viele die Informationen über die einzigartigen medizinischen Qualitäten des Hanfs noch für Unsinn; heute gibt es kaum einen natürlichen Stoff der pharmazeutisch intensiver erforscht wird als Cannabinoide. In den gesamten USA stellt die neue Hanfbranche mit 170.000 Jobs schon mehr Arbeitsplätze als der alte Kohlebergbau. Kluge Leute wie der Dekan der Düsseldorfer Universität würden einen solchen Aufschwung gern auch in Deutschland initiieren, aber die Politik steht notorisch auf der Bremse.

 

Nicht einmal die alte „Kumpel“-Partei SPD versteht, dass Hanf die neue Kohle ist – der grüne Universalrohstoff schlechthin. Und letztlich wird selbst die bierselige CSU umlernen müssen: aus Colorado, wo Cannabis seit fünf Jahren legal gehandelt wird, meldet die Skiregion Aspen, dass 2017 der Umsatz mit Marihuana erstmals größer war als der mit Alkohol. Weg vom krank und aggressiv machenden Alkoholismus, hin zum gesundheitlich und sozial weniger gefährlichen Marihuana – der Trend müßte jeden Gesundheitsminister erfreuen, dem es wirklich um schadensminimierenden Drogenkonsum geht. Bei dem für die kommende GroKo von Merkel gekürten Jens Spahn, einem ehemaligen Pharmalobbyisten, dürfte allerdings das Gegenteil der Fall sein. Als Begründung, an der Hanf-Prohibition festzuhalten, wiederholte er 2016 ein halbes Dutzend längst widerlegter Argumente und setzte als Höhepunkt hinzu: „Und überhaupt: Jesus hat damals schließlich Wasser in Wein verwandelt und nicht trockenes Gras in schwarzen Afghanen.“

 

In einem Land, wo man mit derlei Schwachsinn Gesundheitsminister werden kann, ist die Politik auf einem schwer zu unterbietenden Tiefpunkt angelangt….

 

Dieser Text wurde zuerst am 28.02.2018 auf https://www.broeckers.com unter der URL <https://www.broeckers.com/2018/02/28/hanf-ist-die-neue-kohle/> veröffentlicht. Lizenz:  Mathias Broeckers

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Mathias Bröckers

geboren 1954 ist ein deutscher freier Journalist, der vor allem für die taz und Telepolis schreibt. Ab 2001 hat er mehrere Bücher über den 11. September geschrieben.


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