Kommentar:
11 Sep 2017
High Noon – wenn die Fetzen fliegen
Gelegentlich bedaure ich, dass ich schon vor langer Zeit damit aufgehört habe, einigen „verdienten“ Menschen die vulgärsten Ausdrücke an den Kopf zu werfen, die unser gut sortierter Sprachschatz hergibt – der persönlichen Hygiene wegen.
Profilbild von Dirk C. Fleck
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Foto: Reddit.com

Das gilt auch und insbesondere gegenüber vielen meiner Journalistenkollegen, selbst wenn ihr Arbeitsnachweis eine Beschimpfung der dritten Art rechtfertigen würde. Seit einigen Jahren schon beobachte ich unter ihnen eine perfide Lust, die verhängnisvollen Kriegsvorbereitungen einer durchgeknallten Machtelite medial zu unterstützen. Auf dem Gipfel der Ratlosigkeit, den die Herren der „freien Welt“ inzwischen erklommen haben, hat sich ihre „freie Presse“ auf beeindruckende Weise gleichgeschaltet.

 

Die verbale Aufrüstung in den Redaktionsstuben ist erschreckend und schreitet unvermindert voran. Dem Dauerfeuer dieser verleumderischen Berichterstattung entgeht niemand, der dumm genug ist, die Querfront aus SZ, Zeit, taz, Bild und Spiegel als Informationsquelle ernst zu nehmen. Von ARD, ZDF und Konsorten ganz zu schweigen. Der Schriftsteller Wolfgang Bittner brachte die von den „Qualitätsmedien“ geschaffene Realität  folgendermaßen auf den Punkt: „Seit mehreren Jahren herrscht wieder Kalter Krieg. Europa ist erneut von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gespalten – ich empfinde das als eine Jahrhunderttragödie. Angefangen hat es mit der Ausdehnung der NATO nach Osten, entgegen den Gorbatschow 1990 gegebenen Versprechungen. Mit der Ukraine-Krise begann 2014 die Aufrüstung der russischen Anrainerstaaten und parallel dazu eine an Bösartigkeit kaum zu überbietende Propaganda-Kampagne gegen Russland.“

 

Was also war mein Rat an mich selbst, als ich beschloss, meinem Zorn auf die fahrlässigen Handlanger unseres suizidgefährdeten Systems freien Lauf zu lassen? Ich musste mit dem Vorsatz brechen, nie wieder ausfällig zu werden, egal gegenüber wem. Also besuchte ich die Asservatenkammer, in der sämtliche sprachlichen Unflätigkeiten lagern, derer sich Menschen jemals bedient haben. Ich stieg hinab in die tiefsten Tiefen des Gewölbes, dorthin, wo die übelsten aller Schimpfwörter in den Regalen vermodern. Vielleicht, so sagte ich mir, hätte ich Glück und stieß auf einige Ausdrücke, die man den Hetzern mit einigem Recht ans Revers heften konnte. Aber wissen Sie was? Ich wurde nicht fündig, nicht einmal dort! Zwischen all den deftigen Angeboten fand ich nicht ein einziges Wort, das man auf die verblendeten Lohnschreiber von heute und ihre skrupellosen Vorgesetzten hätte anwenden können. Die unerzwungene Aufwiegelung, die sie so vehement betreiben, ist noch nicht erfasst worden in ihren wahren Auswirkungen. Den Jüngern der alternativen Internet-Foren rate ich sehr, sich keinen Illusionen hinzugeben. Denn offensichtlich hat die Mehrheit der Menschen immer noch kein Problem damit, den Dreck auch zu fressen, der ihnen vom Mainstream tagtäglich vorgesetzt wird. Deshalb, und nur deshalb war ich entschlossen, diese Schreibtischtäter als das zu bezeichnen, was sie in Wirklichkeit sind: als… als… .

 

Wie gesagt, da fehlen mir die Worte. Vielleicht sollte ich für diese Leute einen völlig neuen Begriff kreieren. Griegrumpf zum Beispiel. Ja, das ist gut, sie sind Griegrümpfe! Der Begriff wurde zwar eben erst von mir erfunden, ist aber schrecklicher als alles, was Menschen je in den Mund zu nehmen wagten. Aber bevor die beleidigende Wucht des Wortes erkannt und akzeptiert wird, vergeht zu viel Zeit. Zeit, die wir vermutlich nicht mehr haben. Denn die Griegrümpfe spielen mit dem Leben. Mit unser aller Leben. Wenn wir Pech haben, gibt es uns nicht mehr, bevor die ganze Tragweite des Begriffs erkannt wird. Die Griegrümpfe natürlich auch nicht, aber dazu später.

 

„Journalisten rund um den Globus decken immer mehr Details auf?! Dass Russland die Server der Demokratischen Partei gehackt hat, wird nicht einmal mehr von der Demokratischen Partei behauptet, während sich Journalisten wie der von Joffe in die Propagandaschlacht geschickte Yascha Mounk weiterhin in ihrer Lieblingsbeschäftigung üben: diffamieren statt recherchieren.

 

Drei dieser Griegrümpfe sind ganz sicher die Bild am Sonntag-Mitarbeiter Marcus Hellwig, Christian Spritz und Marvin Mügge, die am 19. März auf der BamS-Facebookseite ein Video zur Nato-Friedensmission im Baltikum veröffentlichen durften. Das Dreigestirn hat sich die Arbeit, auf die sogar der Reichspropagandaminister Goebbels stolz gewesen wäre, redlich geteilt. Der eine hat wohl das Bildmaterial ausgesucht, der andere den Text verfasst und der dritte hat das Ganze dann musikalisch unterfüttert, martialisch und heldenhaft. Der Text geht so:

 

„Seit der russischen Besetzung der Krim lebt Osteuropa in Angst vor Putin. In Litauen übt die Bundeswehr im Rahmen der NATO-Mission „Enhanced Forward Presence“ nun für den Ernstfall. Sicherung der Ostflanke und Abschreckung Russlands. Deutschland hat dabei die Führung in Litauen übernommen. Litauische und deutsche Soldaten bereiten sich Seite an Seite auf eine feindliche Invasion vor. Der litauische Brigade-Kommandeur Mindaugas Stepanovicius freut sich über seine neuen Kameraden aus Deutschland: „Wir haben das Verständnis füreinander sehr schnell gefunden. Auf militärischer und auf menschlicher Ebene.“ Bundeswehr-Generalmajor Bernd Schützt ist zufrieden: „Wir arbeiten mit den Litauern Hand in Hand.“ Danke, dass ihr Europas Freiheit schützt“. Wow! Danke, liebe Bundeswehr, danke, danke … Schauen Sie sich den Clip selbst an, er wurde am 19. März auf dieser Seite gepostet: <https://www.facebook.com/BamS/?hc_ref=PAGES_TIMELINE&fref=nf>. Aber Vorsicht, es zieht einem die Schuhe aus.

 

Falls Sie immer noch nicht verstehen, was ich meine, sollten Sie sich kurz diesen Film anschauen. Danach reden wir dann weiter, danach werden Sie hoffentlich begreifen, warum ich die Herrschaften, die im folgenden zitiert werden, Griegrümpfe nenne: <https://youtu.be/h0bsrFyLz6U>. Die ersten zwei Minuten reichen schon zum besseren Verständnis, obwohl es sich natürlich lohnt, den ganzen Film anzusehen.

 

Noam Chomsky, emeritierter Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und seit den 1960er Jahren einer der prominentesten Kritiker der US-amerikanischen Politik, fasst unser Dilemma folgendermaßen zusammen: „Over the years, there’s been case after case when there were very narrow decisions that had to be made about whether to launch nuclear weapons in serious cases. What is this guy going to do if his vaunted negotiating skills fail, if somebody doesn’t do what he says? Is he going to say, “Okay we’ll nuke them? We’re done?” Remember that in any major nuclear war, the first strike destroys the country that attacks; it’s been known for years. The first strike of a major power is very likely to cause what’s called nuclear winter, leads to global famine for years and everything’s basically gone. Some survivors straggling around.“

 

So. Und was sahen wir am 19. Februar bei Anne Will? Wir sahen die tapfere Sahra Wagenknecht, wie sie die 900 Milliarden Dollar, welche die NATO-Staaten für Rüstung ausgeben, mit den 66 Milliarden verglich, die Russland als Militärausgaben deklariert. Und wir sahen den dickbräsigen Chef des Bundeskanzleramts in der Art eines Kleinkindes, das mal kurz die Schaufel beiseite legt, auf die Tatsache antworten, dass unser Wehretat mit einer geplanten Steigerung von 5,4 Prozent wesentlich stärker zulegen wird als der Gesamthaushalt des Bundes. Originalton  Peter Altmaier: „Leider haben nicht alle Staaten gute Absichten und deshalb ist es wichtig, dass man sich verteidigen kann, wenn man sich verteidigen muss.“  Kugelbäuchlein John Kornblum, pensionierter amerikanischer Diplomat, ehemaliger Deutschland-Chef der amerikanischen Investmentbank Lazard und Dauergast in deutschen Talkshows, nickte zustimmend, während Bernd Urich, Leiter des Politikressorts bei der Wochenzeitung Die Zeit, die Zeit für gekommen hielt, die geplante Erhöhung des deutschen Rüstungsetats mit dem Argument zu  begründen, dass die Opferbereitschaft der Amerikaner nicht mehr sehr ausgeprägt sei, weshalb es nun an den Europäern sei, verteidigungspolitisch in die Bresche zu springen. Ulrich, der die verkniffenen Augen nie richtig aufzukriegen scheint, aber für sich den totalen Durchblick reklamiert („Der Krieg ist der moralische Ernstfall für Staaten, auch für demokratische“.), ist der bravste Diener seines Herrn Josef Joffe, der im Presseclub der ARD schon mal einen Mord im Weißen Haus empfahl, um den gewählten amerikanischen Präsidenten Donald Trump loszuwerden. Trump nämlich hatte friedliche Gespräch mit Putin versprochen und er scheint sie nach wie vor zu suchen.

 

Das „Monster aus Moskau“ hat übrigens gerade angekündigt, dass Russland seinen Verteidigungsetat bis 2019 um 25 Prozent senken wird, was den Herausgeber und Transatlantiker Joffe nicht davon abhalten konnte, einen öligen Artikel wie diesen ins Feuer zu gießen. Unter der Überschrift VEREINIGT EUCH IM KAMPF FÜR DIE FREIHEIT schreibt ein Griegrumpf namens Yascha Mounk unter anderem: „Russland ist gerade sehr erfolgreich darin, die Demokratien des Westens zu untergraben. Um unsere Freiheit dagegen zu verteidigen, müssen wir viel mehr unternehmen.“ An anderer Stelle heißt es: „Schon weit vor der US-Wahl hatte der frühere Schachweltmeister und politische Dissident Garri Kasparow davor gewarnt, dass Wladimir Putin die Demokratie untergraben will. Und zwar nicht nur in Russland, sondern auch in den Nachbarländern, womöglich in der ganzen westlichen Welt. Damals wurde er als Spinner verlacht. Als Russland dann die Server der Demokratischen Partei in den USA hackte und Unmengen von Falschmeldungen verbreitete, wurden seine Warnungen schließlich als sehr vorausschauend anerkannt. Aber erst seit einigen Wochen werden die wirklichen Dimensionen der russischen Einmischung ersichtlich – weil Journalisten rund um den Globus immer mehr Details aufdecken.“

 

Journalisten rund um den Globus decken immer mehr Details auf?! Dass Russland die Server der Demokratischen Partei gehackt hat, wird nicht einmal mehr von der Demokratischen Partei behauptet, während sich Journalisten wie der von Joffe in die Propagandaschlacht geschickte Yascha Mounk weiterhin in ihrer Lieblingsbeschäftigung üben: diffamieren statt recherchieren. Ich könnte täglich aus dutzenden solcher oder ähnlich gelagerter Artikel zitieren, von der intellektuell verbrämten geopolitischen Analyse bis zur offenen Hetze, wie sie der Spiegel so perfekt beherrscht. In dieser Hinsicht hat das ehemalige Nachrichtenmagazin die Bild-Zeitung längst abgehängt.

 

Den Vogel schoss dieser Artikel von Griegrumpf Matthias Gebauer kürzlich ab: „Nato vermutet Russland hinter Fake-News-Kampagne gegen Bundeswehr.“ Darin heißt es: „Die Bundeswehr ist bei ihrer Baltikum-Mission Ziel einer perfiden Kampagne geworden. Nach SPIEGEL-Informationen wurden offenbar aus Russland Gerüchte über eine angebliche Vergewaltigung durch deutsche Soldaten gestreut. Die im Nato-Partnerland Litauen eingesetzten Bundeswehrsoldaten sind ins Visier einer konzertierten Desinformationskampagne geraten, die offenbar von Russland gesteuert wurde. Nach SPIEGEL-Informationen streuten Unbekannte vor einigen Tagen durch gezielte E-Mails Gerüchte, dass deutsche Soldaten bei ihrem Einsatz in dem baltischen Land eine Minderjährige vergewaltigt hätten. Laut Nato-Diplomaten handelt es sich um eine gezielte Fake-News-Attacke zur Diskreditierung der Bundeswehr.“  Beweise? Nada. Spiegel Informationen! Offenbar.

 

Tja, Griegrumpf Gebauer, die glaubt Euch doch keiner mehr. Deshalb schlug die Geschichte auch keine große Wellen. Das nächste Mal müsst Ihr voll auf Angriff gehen: ab zwölf Uhr mittags muss endlich zurück geschossen werden – so in etwa. Und dann liebe Kollegen, könnte tatsächlich etwas passieren, das Euer Zeitempfinden für den Bruchteil einer Sekunde bis in alle Ewigkeit auf den Kopf stellen wird: der atomare Alptraum. Josef Joffe könnte beim putten zu einem Birdie fünfzig Meter weit über das gepflegte Grün in  den nächsten Bunker geschleudert werden. An der Ericusspitze 1 würden die beim Mittagstisch sitzenden Spiegel-Redakteure, von den Scheiben ihres Glaspalastes geköpft, zuckend übereinander herfallen. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt bestiege  vielleicht gerade seinen Audi A8 in der Tiefgarage des Konzerns und findet sich plötzlich im Freien wieder, weil das Gebäude über ihm mitsamt seinem Büro auf magisch Weise verschwunden ist. Andere Kollegen, die sich in den letzten Jahren die Finger wund geschrieben haben, um die Herzen der Menschen abzustumpfen, sehen ihre Kinder mit vor Schreck geweiteten Augen an sich vorbeifliegen, während ihnen selbst die Haut in Fetzen von den Knochen fällt. In der Elbphilharmonie hängt der Himmel voller Geigen und aus einem Flieger, der in zehn Kilometer über Hamburg hinweg Richtung Kopenhagen unterwegs ist, registrieren die Fluggäste erschrocken einen in rasender Geschwindigkeit aufsteigenden Pilz, der ihnen fast bis unter die Flügel reicht, während sich darunter die brennende Elbe ihren Weg durch ein gigantisches Trümmerfeld bahnt…

 

Hallo, Ihr Griegrümpfe, die Ihr uns zu Bewohnern eines anderen Planeten machen wollt. Eure wie unsere Zeit ist bald um, wenn Ihr so weiter macht wie bisher. Aber natürlich wollt Ihr so weiter machen. Na gut, dann hätte ich hier noch etwas für Euch: Der US-Oberst Leutnant Steven Gventer bestätigte die Dringlichkeit des NATO-Aufmarsches an der russischen Grenze. Wörtlich sagte er: „WIR SIND BEREIT, TÖDLICH ZU WERDEN!“ Wie findet Ihr das? Ist doch okay, oder?

 

Dieser Text wurde zuerst am 01.04.2017 auf kenfm.de unter der URL <https://kenfm.de/high-noon-wenn-die-fetzen-fliegen/> veröffentlicht. Lizenz: KenFM

Profilbild von Dirk C. Fleck

Dirk C. Fleck

Dirk C. Fleck wurde 1943 in Hamburg geboren. Er studierte an der Deutschen Journalistenschule in München, war Lokalchef der Hamburger Morgenpost und Redakteur bei Merian, Tempo und Die Woche. Als Kolumnist war er für Die Welt und die Berliner Morgenpost tätig. Er arbeitete als freier Autor für die Magazine GEO, stern und Der Spiegel. Flecks journalistisches Augenmerk liegt auf dem Thema Ökologie, dem er sich auch als Schriftsteller widmet. U.a. erschien 2008 sein Roman Das Tahiti-Projekt und 2011 der Roman Maeva!.


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