Dem 3. Weltkrieg entgegen:
09 Nov 2016
Krieg und Frieden in der Vergangenheit und heute
Nach allen Merkmalen ist die internationale Gemeinschaft wieder in eine Phase zunehmender Kriegsgefahr getreten. Es ist kein Zufall, dass darüber immer häufiger westliche politische Analytiker schreiben.
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„Entweder erklären wir den Krieg, oder Deutschland [wird] von einer tiefen ökonomischen Krise erfasst“ (Hitler 1939)

Im Juni 2011 ist ein Buch von Prof. Chossudowskij erschienen: „Dem 3. Weltkrieg entgegen“. Auch unter russischen Analytikern sind die Sorgen um das Weltschicksal angestiegen, z.B. im Artikel vom Jurij Kropnow: „Die allgemeine Tendenz wird klar: Der Westen braucht einen großen Krieg.“

 

Nach dem schandhaften Krieg der NATO gegen Libyen wachsen die Androhungen der USA und Israels, gegen den Iran militärisch vorzugehen. Viele sehen darin die Gefahr, dass es zum großen Krieg kommt. Gibt es Gründe für solch alarmierende Erwartungen? Zur Erinnerung: Das Hineinrutschen der Welt in die vergangenen Weltkriege. Gibt es Analogien zur Gegenwart? Wir leben jetzt in einer neuen Atomraketenepoche, inder Kriege mit dem Einsatz von Atomwaffen kein rationales Mittel mehr sind, um politische Ziele zu erreichen, weil die angreifende Seite als Antwort einen vernichtenden Schlag bekommen kann. Aber: Darf man sich auf die Vernunft der heutigen Führer der staatlichen Politik verlassen? Für sie gelten die gleichen Fehler: Dummheiten, Eigennutz und Egoismus, das Streben nach Übertrumpfen und der Herrschaft über andere und Ausnutzung anderer. Was war bestimmend beim Auslösen der Weltkriege im 20. Jahrhundert im Vergleich zur ähnlichen Entwicklung heute?

 

In einem vierbändigen Werk „Hitlers Strategie – Weg in die Katastrophe“ versuchte ich die Gründe dieses Unglücks der Menschheit zu untersuchen. Dabei kann ich 7 Faktoren nennen:

 

1) Die Handlungen des expansiven Reiches, das offen das Ziel setzte, die regionale und dann globale Herrschaft zu erobern und die Ressourcen und die Märkte der Welt zu besitzen. Hitler sagte in einer Besprechung in seinem Hauptquartier 1940: „Heute kämpfen wir um Ölreservequellen, Kautschuk, Bodenschätze usw.“ 1941, 2 Tage vor dem Überfall auf die SU, unterschrieb Hitler die Direktive Nr. 32. „Vorbereitung auf die Periode nach dem Abschluß des Unternehmens Barbarossa“, wo er die Pläne des Besiegens der USA und GB und anschließend das Erreichen der Weltherrschaft darstellte.

 

2) Das expansive Reich wollte durch massive Aufrüstung militärische Überlegenheit erreichen.

 

3) Das Reich versuchte die Kräftebalance in der Weltarena zu zerstören, indem man kleinere und mittlere Länder besiegte und den geopolitischen Raum vergrößerte, indem man um die Weltherrschaft kämpfte. Im Falle Deutschlands waren es der Anschluss Österreichs, die Einnahme des Sudetenlandes und dann der Tschechei. Der Überfall auf Polen führte zum Erreichen der kritischen Masse im Verändern der Kräfteverhältnisse. Das konnten GB und Frankreich nicht zulassen. Sie haben Deutschland den Krieg erklärt. So ist der Weltkrieg losgegangen.

 

4) Der Zusammenschluss der Länder zu einer Koalition, deren nationale Interessen und 1 / 6 nationale Souveränität durch einen expansiven Staat bedroht waren: Im System internationaler Beziehungen gibt es ein Gesetz der Abwehrreaktion. Daraus entsteht ein potentielles Kräftegegengewicht gegen den Staat, der die Politik des Beherrschens, der Gewalt und des Diktats über andere Völker anstrebt und den anderen Völkern seine Werte aufzwingen will. Im 1. Weltkrieg war dieses Gegengewicht die Entente und im 2. die Anti-Hitler-Koalition.

 

5) In dem expansiven Staat entsteht ein Machtapparat, der im engsten Kreis der Machtelite auf eine Person übertragen ist. Über das Schicksal von Krieg und Frieden entscheiden eine oder wenige Personen.

 

6) Der expansive Staat strebt Widerstand gegen die ökonomische und Systemkrise des Kapitalismus an. Als Lösung gilt eine Kriegserklärung. In einer Besprechung mit den Generälen 1939 sagte Hitler: Entweder erklären wir den Krieg, oder Deutschland [wird] von einer tiefen ökonomischen Krise erfasst.

 

7) Die Bevölkerung wird propagandistisch bearbeitet, indem man in der Bevölkerung die Vorstellung eines Feindes fortentwickelt. Der Feind sind dann die Völker der Länder,gegen die der Überfall vorbereitet wird.

 

Die Weltkriege begannen jeweils in Europa und griffen dann auf andere Regionen der Welt über. Es ist besonders anzumerken, dass der expansive Staat, der den Krieg mit den Ziel erklärte, seine Herrschaft zu installieren, jedes Mal einen fatalen Fehler gemacht hat im Bewerten der eigenen Kräfte, der materiellen, geistigen und moralischen Voraussetzungen, um das Ziel zu erreichen.

 

Dieser Staat hat grob das Gesetz verletzt, das Clausewitz formuliert hat und nach dem die Ziele der Politik nur solche Ziele sein sollen, die streng den materiellen Ressourcen und den internationalen Bedingungen entsprechen. Deshalb hat der expansive Staat Deutschland in zwei Weltkriegen eine schwere Niederlage erlitten, und das deutsche Volk erlebte zwei nationale Katastrophen. Das Reich versuchte die Kräftebalance in der Weltarena zu zerstören, indem man kleinere und mittlere Länder besiegte und den geopolitischen Raum vergrößerte, indem man um die Weltherrschaft kämpfte.

 

Den gleichen fatalen Fehler im Aufstellen außenpolitischer Aufgaben, die bei weitem nicht den vorhandenen Ressourcen entsprachen, haben die sowjetischen Machthaber nach dem 2. Weltkrieg gemacht. Stalin, der immer allein über das Schicksal seines Landes entschieden hat, glaubte, dass er nach einem herausragenden Sieg über den Faschismus mühelos die sowjetische Herrschaft über Ost- und Zentraleuropa installieren könnte. Als er die Länder dieser Region unter sowjetische Kontrolle gebracht hatte, verletzte er grob das Kräftegleichgewicht in Europa und rief die Abwehrreaktion der Länder Westeuropas hervor. Er hat den kalten Krieg provoziert, der als untragbare Bürde auf die SU, ihre Wirtschaft und ihre Bevölkerung lastete. Sie ist eine der wichtigsten Gründe für den Zerfall der SU. Das ist noch nicht alles. Das Land war zu einem Kampf mit einer Koalition verdammt, die viel mehr Ressourcen hatte und außerdem es den USA erlaubte, als Garant und Verteidiger und führende Kraft des Westens die amerikanische Herrschaft über Westeuropa zu errichten – nach den Zerfall der SU auch über den östlichen Teil Europas.

 

Seit Zeiten des kalten Krieges und der bipolaren Welt zwischen den USA und der SU, die beide Atommächte waren und um die Vorherrschaft rangen, besteht ein Gleichgewicht der Atomwaffenangst. Diese hat beide Mächte vor riskanten Schritten bewahrt.

 

Die Supermächte waren zu Maßnahmen gezwungen, um einen Krieg zu vermeiden. Sie haben auch eine Reihe von Verträgen über die beiderseitige Beschränkung der Atomwaffen und Zurückhaltung bei der Entwicklung von Atomwaffen vereinbart. Das hat aber nicht das Ende das Kampfes zwischen den Supermächten bedeutet. Die USA haben die Schwerpunkte auf die Ebenen des Informations- und Wirtschaftskrieges und geheimer Sabotageakte (subversive Tätigkeiten) verschoben. In der SU wurde eine pro-amerikanische Lobby eingerichtet. Sie hat Schmiergelder gezahlt und Repräsentanten 2 / 6 des Partei- und Staatsapparates für sich arbeiten lassen. Dies alles ist die von Liddell Hart erarbeitete Strategie indirekter Maßnahmen zum Zerstören des Gegners ohne Militärkräfte und Besetzung des Territoriums. Diese Strategie hat eine sehr wichtiger Rolle bei der Organisation des Staatsputsches im Dezember 1991 gespielt.

 

Beim Zerfall der SU war es eines der wichtigsten Ziele amerikanischer Politik, mit der Etablierung der Kapitalismus im postsowjetischen Raum als bestes Verfahren das Degradieren Russlands in allen Lebensbereichen, besonders in der Wirtschaft, zu erreichen. Zur Zeit der sowjetischen Reformen in den 80-er Jahren wurden neue Grundlagen der sowjetischen Außenpolitik erarbeitet, die es erlaubten, mit dem Westen zu einer Reihe von Abmachungen über das Ende des kalten Krieges und der Herstellung einer neuen Friedensordnung in Europa zu kommen. Am 21.11.1990 wurde von allen europäischen Ländern, den USA und Kanada die Pariser Charta unterschrieben. Sie erklärte, das Zeitalter der Konfrontation sei zuende.

 

„Wir proklamieren, dass unsere Beziehungen in Zukunft auf der Grundlage von Respekt und Zusammenarbeit aufgebaut werden.“

 

Europa befreie sich vom Erbe der Vergangenheit. Es komme ein neues Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Einheit. In der Charta wurden hervorragende Ziele und Normen des internationalen Zusammenlebens formuliert, dass Sicherheit und Vertrauen zwischen allen Ländern gefestigt werden, dass Abrüstung gefördert wird, dass politische Beratungen verstärkt werden, um ökonomische, soziale, ökologische, kulturelle und humanitäre Probleme zu lösen. Von Europa soll Frieden ausgehen. Europa muss für alle Länder offen sein und mit allen Ländern zusammenarbeiten, um die aktuellen und zukünftigen Probleme zu lösen.

 

Die Bedeutung des OSZE soll gestärkt und ihre 10 Prinzipien sollen streng befolgt werden. Nach dem Zerfall der SU sind alle diese wunderbaren Sätze über Bord geworfen worden, da sie nicht mehr den Interessen der USA entsprachen. Denn die USA sind jetzt die einzige Supermacht in einer einpoligen Welt und haben der Versuchung nicht widerstanden ihre Position auszunutzen, um die Einflussgrenzen zu erweitern, allen ihren Willen und ihre Werte aufzuzwingen und alle Ressourcen der Erde zu beherrschen. Diese Politik hat der Welt mehr Bedrohung gebracht als die Ost-West-Konfrontation.

 

1) Die USA sind eindeutig ein expandierender Staat. Das Ziel der globalen Politik der USA ist mit eindeutiger Klarheit im Projekt Neues Amerika Zeitalter (PNAC 1997) von Cheney (Vizepräsident), Rumsfeld (Verteidigungsminister) u.a. erarbeitet worden. Das bedeutet Weltherrschaft im Sinne amerikanischer Grundsätze und Werte: „Wir müssen die Verantwortung für die einzigartige Rolle Amerikas im Unterstützen und Entwickeln der Weltordnung mit unserer Sicherheit und unseren Wohlstand durch das Verwirklichen unserer Grundsätze gewährleisten.“ Diese Festlegungen haben ihre weitere Entwicklung in den nächsten Programmdokumenten der US-Verwaltung erhalten.

 

2) Um die Weltherrschaft zu erreichen und zu bewahren, hat das Projekt den Ausbau einer noch nie dagewesenen amerikanischen Militärkraft vorgesehen: „Wir müssen unsere Militärausgaben wesentlich erhöhen, wenn wir heute die globale Verantwortung übernehmen wollen, und unsere Militärkräfte der Zukunft anpassen.“ Heute betragen die Militärausgaben nahezu 700 Milliarden Dollar. Das ist fast die Hälfte der Militärausgaben der gesamten Welt. Das ist deutlich mehr als die Militärausgaben beim Höhepunkt des kalten Krieges. Ziel des USA ist die globale Militärherrschaft einschließlich Raketenabwehr, damit Russland seine Fähigkeit verliert, militärisch zu antworten und nicht mehr in der Lage ist, gegenüber militärischen und politischen Drohungen Widerstand zu leisten. Darüber berichten offen amerikanische Autoren (Anm. 2: Pentagon).

 

3) Die USA zerstören zielgerichtet die Balance der Weltkräfte zu ihrem Gunsten. Sie verbreitern ihren geopolitischen Raum, um die Weltherrschaft zu sichern und den Zugang zu den Energie- und Rohstoffquellen und Weltmärkten. Das erreichen sie, indem sie Kriege gegen einzelne Staaten führen und ein verzweigtes Netz von Militärbasen aufbauen. Nach dem Zerfall der SU haben die USA gegen Jugoslawien, Afghanistan, Irak und Libyen Krieg geführt und die Kontrolle über viele andere Länder hergestellt ohne militärische Handlungen durchzuführen. Amerikanisches Militär ist heute in über 130 Ländern. In Europa besteht bereits eine amerikanische Herrschaft: In Deutschland bis heute 40,000 Mann und dabei A-Waffen. Diese Truppen sind nicht nur Instrument amerikanischer Herrschaft, sondern dienen auch der Durchsetzung amerikanischer Interessen in anderen Regionen der Welt.

 

4) Die amerikanische Politik der Vorherrschaft hat in der ganzen Welt einen starken Antiamerikanismus hervorgerufen als Folge einer Gesetzmäßigkeit, die man als Abwehrreaktion bezeichnet. Aber es ist noch nicht soweit, dass eine Anti-US-Koalition von Ländern zustände gekommen ist, nämlich derjenigen Staaten, denen die USA ihren Willen aufzwingen wollen. Eine Erklärung dafür ist, dass die politischen Eliten westlicher Länder gezwungen waren sich dem US-Diktat des kalten Krieges zu beugen, um sich vor Stalins Expansion zu schützen. Sie bewegen sich heute im Fahrwasser amerikanischer Politik, um daraus gewisse Vorteile zu ziehen. Aber im Bewusstsein europäischer Länder entwickeln sich auch andere Stimmungen. Die Menschen wollen nicht hinnehmen, dass die USA sie wie Satelliten behandeln und sie in amerikanischen globalen Militäraffären ausnutzen. Ein berühmter deutscher Politiker, Egon Bahr, hat einen berühmten Satz gesagt: „Kein Volk kann so lange auf den Knien leben.“ Als Perspektive ist eine Anti-Amerikanische Koalition zu erwarten, wenn die USA nicht mit ihrer Herrscherpolitik aufhören.

 

5) In den USA entscheidet ein kleiner verborgener Kreis über Krieg und Frieden. Dazu gehören einige der reichsten Familien. Selbst Brzezinski zeigt in einer Rede am 14.10. eine grosse Besorgnis, weil die meisten heutigen Kongressabgeordneten und Senatoren wie auch zum großen Teil die führenden Beamten in die Kategorie der sehr reichen einen Prozent gehören und nur ein geringer Teil mache die USA-Politik.

 

6) Es geht um die Suche nach einem Ausweg aus dieser größten Finanz-, Wirtschaftsund moralischen Krise seit 1929/33, die die kapitalistische Gesellschaft erschüttert hat und auch die Sozialstruktur der US-Gesellschaft und jetzt auf der ganzen Welt erfasst hat. Deshalb besteht die Gefahr, dass die amerikanischen Machthaber den gefährlichen Weg des Krieges einschlagen, z.B. eines Krieges gegen den Iran. Auf diese Art könnten sie versuchen ihre geopolitischen Ziele zu erreichen. In der Zeit der Globalisierung kann ein Krieg mittlerer Ausdehnung sehr schnell in einen Weltkrieg übergehen. Das erschreckt die amerikanische Machtelite nicht, denn es gibt genug Vertreter, die glauben, dass es an der Zeit sei, sich von ein paar Milliarden überflüssiger Weltbürger zu befreien.

 

7) Was die propagandistische, psychologische Begleitung und die Motivation amerikanischer Herrschaftspolitik und das Herstellen des Feindbildes angeht, haben die US-Machtkreise alle bisherigen Rekorde überboten.

 

Wie wir sehen, gibt es zwischen den Faktoren, die im 20. Jahrhundert zu den Weltkriegen führten, und den Tendenzen heutiger amerikanischer Politik viele Gemeinsamkeiten. Das bezieht sich sogar auf die Kontinuität im Überschätzen der eigenen Kräfte, um das Ziel der Weltherrschaft zu erreichen. Die USA in einer Lage imperialer Überspannung bilden einen der wichtigsten Gründe für die Finanzkrise und das Anhäufen gigantischer Staatsschulden. Die amerikanische Hegemonie neigt ihrem Untergang zu. Washington hat das internationale Lexikon mit Begriffen bereichert: Humanitärer Krieg, präventive Intervention, überlegene Rüstung, allgemeine Bedeutung amerikanischer Werte, USA-Interessen über alles, „wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“, Achse des Bösen, Schurkenstaat, Scheckbuchdiplomatie, punktuelle Schläge, NATO-Globalisierung, Schliessen der anfälligen (gefährdeten) Flächen der USA durch Antiraketensysteme u.a.

 

Die neue amerikanische Militärdoktrin hat den USA die Prärogative erteilt, um präventive Kriege zu führen. Wie empfindet die russische Führung die US-Politik und wie reagiert sie auf die bestehende Bedrohung? Es ist bekannt, dass es in Jelzins Zeiten ein eigenartiges Staatskonzept gab, nach dem es für Russland keine äußere Bedrohung mehr gab. Dieses Konzept unterstützte Außenminister Kosirev. Dieses Konzept hat den russischen nationalen Interessen und der Verteidigungsfähigkeit sehr geschadet.

 

Später ist ein Palliativ (Milderung) entstanden, ein außenpolitischer Kurs, der an eine Politik der Versöhnung erinnert. Es ist schwer zu erkennen, warum sich die russische Führung kein einziges Mal mit einer Initiative gemeldet hat gegen die Gefahr der expansionistischen Politik der USA, die die Welt und Russland bedroht, gegen amerikanische Vorherrschaft und Willkür in der Weltarena. Dafür hat es mehrere breite Möglichkeiten gegeben. Aber sie wurden nicht genutzt. Es ist merkwürdig, dass weder Jelzin, noch Putin, noch Medwedjew mit einem Aufruf an die EU appelliert haben, die guten Prinzipien der Pariser Charta zu beleben. Sie wurden nicht einmal in offiziellen Bekanntmachungen erwähnt, obwohl sie den wesentlichen nationalen Interessen Russlands und anderer europäischer Länder entsprechen.

 

Noch ein Beispiel: 2008 habe ich ein Projekt für eine Konvention zum Verbot der Politik globaler Herrschaft vorgeschlagen und veröffentlicht. Das Projekt wurde dem Außenministerium vorgelegt mit dem Vorschlag, es auf der nächsten UNO-Vollversammlung vorzubringen:

 

„Wir UNO-Mitglieder unter Beachtung, dass das Streben nach Weltherrschaft im 20. Jahrhundert zu Weltkriegen führte, die der Menschheit unzählige Opfer abverlangten, zu kolossalen Verlusten materieller Werte, zur Militarisierung der Gesellschaft und des Völkerbewusstseins, zum Entstehen schwer überwindbarer Feindbilder, zu Nachkriegsarmut, Zerstörung, Verzweiflung und Verhärtung der Menschen, zum Zerfall der Produktion und Rückgang der Wissenschaft führten, die wir uns dessen bewusst sind, dass es nach jedem Weltkrieg wieder ein großes Machtzentrum gibt, das eine imperiale und messianische Herrschaft ausübt und nationale Interessen und die Freiheit der Völker bedroht, die sich im Widerstand zu dieser Bedrohung vereinigen, in Anbetracht dessen, dass in einer Zeit der Atomwaffen und im Weltraumzeitalter ein neuer Weltkrieg als Folge der Politik globaler Herrschaft zum Auslöschen der menschlichen Zivilisation führt, in der festen Überzeugung, dass die Herrschaftspolitik immer mit einer Expansion einhergeht und der gefährlichste Faktor der internationalen Beziehungen ist, in scharfem Gegensatz zu den demokratischen Grundsätzen der Außenpolitik steht und solche internationalen Regeln wie „Einheit in Vielfalt“, „Lebe selbst und lass andere leben“ unbeachtet lässt, wird die Notwendigkeit anerkannt, die materielle Grundlage globaler Herrschaftspolitik zu liquidieren durch Einschränkung aller Militärausgaben aller UNO-Mitglieder auf bis zu 0.5% des Bruttoinlandsprodukts. Wir erklären unseren Beschluss für ein internationales Verbot einer Politik, die als Ziel die Herrschaft über andere Völker hat und eine solche Politik als Verbrechen gegen die Menschheit zu bezeichnen ist.“

 

Diese internationale Konvention könnte im Falle ihrer Ratifizierung durch die UNO-Vollversammlung eine ernsthafte Hürde im Kampf der Weltgemeinschaft gegen eine Politik des Hegemonismus, des Diktats und gefährlicher militärischer Willkür in den internationalen Beziehungen sein. Aber diese mögliche Konvention hat bei unseren Politikern keine Reaktion erweckt. Die russische Führung könnte auch andere wichtige Initiativen, die den Frieden festigen, starten, z.B.:

 

  •  Beendigung und vollständiges Verbot des militärischen Wettbewerbs, den die USA der Welt aufzwingen, und Beschränkung der Militäretats auf 0,5% des BIP.
  • Die Auflösung der NATO als Überbleibsel des kalten Krieges in Anbetracht dessen, dass für Europa heute keine Bedrohung mehr besteht, und die Umwandlung der OECD in eine tatkräftige Hauptorganisation europäischer und euro-atlantischer Zusammenarbeit.
  • Die Rückführung von 40.000 amerikanischer und 20.000 britischer Truppen und der Atomwaffen aus Deutschland. • Initiativen gegen den Bau amerikanischer Stützpunkte in Zentralasien, im Kaukasus, am Schwarzen Meer und auf dem Balkan.
  • Rückführung der NATO-Truppen aus Afghanistan und anderen Ländern. In Fragen des amerikanischen Raketenabwehrsystems in Europa hat die russische Führung lange Zeit einen absurden Standpunkt vertreten, und zwar der Zusammenarbeit mit den Amerikanern beim Aufbau dieses Systems (paritätisch), obwohl das System ausschließlich gegen Russland gerichtet ist. Einen entschlossenen Schritt Medwedjews und wirksame Maßnahmen gegen die Bedrohung hätte man viel früher machen sollen und nicht kurz vor der Duma-Wahl, was nur als Wahlkampfmanöver erscheint.

 

Diese und andere Initiativen russischer Außenpolitik könnten gegen das Anwachsen der militärischen Bedrohung wirken. Über sie hat der Chef des Generalstabs der Armee, Makarow, vor einem Öffentlichkeitskomitee am 17.11.11 gesprochen. Aber die Initiativen wurden den internationalen Organisationen nicht vorgelegt. Man fragt sich: Warum? Die geschichtliche Erfahrung belegt, dass diejenigen, die die Vorherrschaft in Europa und in der Welt anstreben, immer ein Fiasko erlebten. Das gleiche Schicksal erwartet auch die Initiatoren und Täter, die das amerikanische Weltimperium aufbauen. Wichtig ist nur, zu verhindern, dass ein neuer Weltkrieg losgetreten wird. Übersetzung: Bernd Krain

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Wladeslaw Daschitschew

W. I. Daschitschew 1925–2016, war ein russischer Politologe und Historiker, welcher zu Ostblock-Zeiten maßgeblich zur Ost-West-Entspannung beitrug. 1991 lehrte er als Gastprofessor an der FU Berlin, 1992 an der Ludwig-Maximilians-Universität München und 1996 an der Universität Mannheim. Mit dem Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien wurden zu dieser Zeit Pläne wirtschaftlicher Zusammenarbeit für Kaliningrad entwickelt. 1995 erhielt er den Friedrich-Joseph-Haass-Preis zur deutsch-russischen Verständigung. 1998 kehrte er nach Russland zurück und arbeitete bis 2006 am Zentrum für internationale ökonomische und politische Studien des Institutes für Wirtschaft der Russischen Akademie der Wissenschaften. (Quelle: Wikipedia)


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