wirtschaftlich & verantwortungsvoll
17 Apr 2015
Landwirtschaft geht auch anders
Im Jahr 2010 kam ein junger Mann auf der Suche nach Erkenntnis in das Büro von Jerry Hatfield, dem Leiter des USDA National Laboratory for Agriculture and the Environment in Ames, Iowa. Er hieß John Kempf und er wollte unbedingt mehr über Pflanzen-Physiologie erfahren. Dieser Bereich, mit dem sich Hatfield intensiv auseinander setzt, beschäftigt sich mit den komplizierten Interaktionen zwischen Pflanzen, Boden und Atmosphäre.
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Nach einem mehrstündigen Gespräch über Agrarwissenschaft, verließ der junge Mann das Büro von Hatfield mit einem Stapel Fachliteratur im Gepäck. Das war nur einer von unzähligen Schritten Kempfs auf einem Weg, der von einem zerstörten Zuckermelonenfeld aus vor sechs Jahren begonnen hatte. Verzweifelt darum bemüht, seinen landwirtschaftlichen Familienbetrieb vor immer schlimmeren Krankheiten und Schädlingsplagen zu schützen, begab sich Kempf in die Untiefen der Wissenschaft, um Lösungen zu finden, die in den gängigen Lehrbüchern nicht aufgeführt sind.

Dabei sammelte sich bei Kempf die gesamte alternative Literatur zum Thema und er wurde zum Chef eines schnell wachsenden Beratungsunternehmens. Aus Sicht seiner Anhänger ist es das beste Unternehmen, wenn es um nachhaltige und profitable Landwirtschaft geht. Die größten Optimisten sagen sogar, dass seine Firma die Perspektive für eine bessere Zukunft der Landwirtschaft bietet, da sie das positive aus allen Landwirtschaftskonzepten zusammenführt.

Kempf ist gerade 26 Jahre alt, amisch und hat nur 8 Jahre die Schule besucht. Als er mit 14 die Schule verließ, stieg er in die familieneigenen Obst- und Gemüseproduktion in Ohio ein, wo er im Lauf der Zeit für Berieselung, Düngung sowie den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden Verantwortung übernahm. Er setzte auf Pferde statt auf Traktoren und arbeitete mit einem Sprüher, der von einem kleinen Motor angetrieben wird.

Es war eine schlimme Zeit für die Familie. Infektionen und Krankheiten belasteten die Ernte, Kempf sah sich selbst in einem stetig zunehmenden chemischen Krieg gefangen – und das mit nur sehr geringen Erfolg. Der Tiefpunkt war 2004 erreicht, als deutlich mehr als die Hälfte der Ernte bei Kempfs – Tomaten, Gurken, Zucchini und Zuckermelonen – verdarb. Die Familie kam finanziell in eine äußerst kritische Lage, es bestand Handlungsbedarf.

Der damals 16-jährige Kempf stellte daher alles in Frage, was er je über Landwirtschaft gelernt hatte.

Er untersuchte die wenigen erfolgreichen Ernteplätze des Jahres und versuchte herauszufinden, warum auf einem Stück Land, das an die Farm angrenzte, Zuckermelonen besonders gut gewachsen waren. In diesem Jahr hatten die Kempfs einige Reihen Zuckermelonen von ihren alten Feldern auf Neue übertragen, die bis dahin noch nicht jahrelanger, chemischer Behandlung ausgesetzt waren. Die Ergebnisse, wie Kempf es in einem seiner Youtube-Videos beschreibt, waren erschütternd.

Auf den alten Feldern schlug überall der echte Mehltau zu. Direkt daneben, die Grenze war klar erkennbar, wuchsen die identischen Pflanzen, die im gesamten Zeitraum identisch behandelt worden waren, absolut gesund heran – so Kempf in seinem Video.

Dieser unbeabsichtigte aber exakte Feldversuch belegte die unterschiedlichen Historien der Felder auf beiden Seiten der Grundstücksgrenzen in Bezug auf Chemie-Einsatz – für Kempf war das der „Heureka“-Moment, wie er selbst sagt.

Er fühlte, dass es eine Antwort auf seine Fragen gab. Aber all jene, die dazu hätten beitragen können, waren nur an Details interessiert und übersahen das „Big Picture“.

Warum gediehen die Pflanzen auf dem neuen Feld, während die anderen verkümmerten? Und warum nahmen die Krankheiten und Probleme laufend zu, trotz seiner Bemühung, ihnen mit Pestiziden den Garaus zu machen?

Er studierte Fachmagazine wie Soil Science Society of America Journal und Biology and Fertility of Soils. Er führte Gespräche mit Experten, fand Lücken im eigenen Wissen und füllte diese: Botanik, Pathologie, Entomologie, Physiologie, Immunologie usw..

„Landwirtschaftliche Forschung und Ausbildung konzentriert sich auf Spezialgebiete”, sagt Kempf. „Viele der Wissenschaftler glauben, dass die Antworten auf landwirtschaftliche Herausforderungen im eigenen Bereich zu finden sind. Und sie kommunizieren nicht untereinander”.

Kempf war daran gelegen mit allen zu sprechen, um ein durchgängiges Verständnis von Boden- und Pflanzengesundheit zu gewinnen, das er in seinem Betrieb anwenden kann. Obwohl er nur ein Teenager war, der nicht einmal die 9. Klasse erfolgreich abgeschlossen hatte, waren die Wissenschaftler daran interessiert, mit ihm zusammenzuarbeiten.

„Ich wurde ernst genommen, da ich in der Lage war, intelligente Fragen zu stellen und niemandem mein Alter verriet“, so Kempf.

Ihm kam schnell der Verdacht, dass die chemiebasierten landwirtschaftlichen Methoden, die er anwendete, die Ursache und nicht die Lösung des Problems waren.

„Viele der Materialien, die in industrieller Landwirtschaft zum Einsatz kommen, steigern das Pflanzenwachstum und den Ertrag, wirken sich aber negativ auf die Biologie der Böden aus“, sagt er.

Die Taktik der verbrannten Erde, die er mit Pestiziden und Herbiziden angewendet hatte, war zu erfolgreich. Das mikrobielle Leben, das für gesunde Böden unverzichtbar ist, war ein Kollateralschaden. Als Folge konnte man akzeptable Erträge für die verschiedenen Produkte nur noch erreichen, indem den Boden in Dünger „ertränkte“. Diesen Ansatz verwarf er schnell und setze alles daran, wieder einen gesunden Boden herzustellen. Er ließ Pflanzen damit das tun, wozu sie am besten geeignet sind, wenn man ihnen eine Chance gibt: wie verrückt zu wachsen.

Seit 2006 verzichtete Kempf komplett auf Pestizide und verbrachte mehr und mehr Zeit damit, seine Ideen mit Wissenschaftlern und Farmern im gesamten Land zu diskutieren. Sein Vater stellte ihn vor die Wahl: Hör auf zu quatschen – oder verdiene Geld damit.

Kempf entschied sich für die zweite Option und gründete im gleichen Jahr seine landwirtschaftliche Beratungsfirma Advancing Eco Agriculture (AEA).

Kempf vermeidet die Phrase „nachhaltig“, um den Eindruck zu vermeiden, die derzeitige Form der Landwirtschaft solle erhalten bleiben. Er spricht daher bevorzugt von „regenerativer Landwirtschaft“. Mit seinem Ansatz besetzt er eine eigenartige Nische. Er fordert die Farmer auf, auf Pestizide zu verzichten, gleichzeitig kritisiert er den biologischen Anbau. „Der typische Bioanbau ist nur negativ, beschäftigt sich damit, was nicht erlaubt ist“, sagt Kempf.

„Keine GVOs, keine chemischen Pestizide, nicht dies, nicht das. Zwar stellt das sicher, dass Bioprodukte im Wesentlichen frei von Pestiziden sind, sorgt aber nicht dafür, dass die Ernte ebenfalls gedeiht, oder die Bioprodukte wirklich gesünder als die normalen Lebensmittel sind“.

Sein Ansatz ist proaktiver. AEA vermarktet Produkte, die darauf abzielen, Boden- und Pflanzengesundheit zu verbessern und setzt auf ausgefuchste Maßnahmen, die Pflanzengesundheit in der gesamten Saison zu kontrollieren. Rückbesinnung auf vor-industrielle Landwirtschaft kombiniert mit aktuellen technologischen Innovationen – den Menschen gefällt diese Philosophie und das Unternehmen wächst rasant. Aktuell hat AEA rund 30 Mitarbeiter und betreut einige tausend Kunden im ganzen Land.

Larry Keefer, der Zeit seines Lebens 500 Morgen Soja, Getreide und Mais westlich von Lansing in Michigan anpflanzt, gehört zur wachsenden Kundschaft von AEA und ist vom Ansatz überzeugt: „In meinen Augen ist das die bessere Art der Landwirtschaft“, sagt Keefer, der bereits über fast 20 Jahre Erfahrung mit unterschiedlichen nicht-konventionellen Methoden verfügt.

Eine von Keefers wertvollsten Produkten ist hochentwickeltes, GVO-freies Soja, das für die Tofu-Herstellung in Japan verwendet wird. Während er in der Vergangenheit zwischen gute 40 Scheffel pro Morgen erntete, ergab ein Test auf gut 40-Morgen Gelände eine Steigerung auf 59 Scheffel pro Morgen.

Er war der erste, der in seiner Gegend mit AEA zusammengearbeitet hat. Inzwischen sind 10 weitere Farmer dazugestoßen.

Was an Kempf fasziniert, ist die Art und Weise, wie er die Gratwanderung zwischen den verschiedenen landwirtschaftlichen Ideologien meistert.

In der Vermeidung von Chemikalien, dem Fokus auf ein gesundes, landwirtschaftliches Ökosystem und der Betonung von Qualität vor Quantität, ist AEA sehr konsequent. Gleichzeitig verwendet Kempf, der selbst über einen konventionellen Hintergrund verfügt, die gleiche Terminologie wie die großen Agrarbetriebe. Und die Webseite von AEA verzichtet auf die typischen Wohlfühlbegriffe aus dem Bio-Sektor.

Kempf, ein anerkannter Experte in Agronomie und Bodenkultur entspricht selbst keinem Stereotyp. Als Mitglied der Amish-Gemeinde fährt er nicht mit dem Auto und nimmt auch kein Flugzeug. Als Chef eines rasch wachsenden Beratungsunternehmens nimmt er die Dienstleistungen einer New Yorker PR-Firma in Anspruch und ist ganz stilecht auf Twitter und in der Bloggerszene unterwegs. Er führt das Unternehmen gemeinsam mit einem Investor, Phillipe van den Bossche, der in Manhattan lebt, früher für Madonna gearbeitet hat und sehr schnell anerkennt, dass „er und Kempf zwei völlig unterschiedliche Typen seien.”

Bis 2016 will Kempf 10.000 konventionelle Farmen umgestellt haben. Diejenigen, die ihn und seine Ideen kennen, bestätigen, dass er genau das tun wird.

„Sein Ansatz ist der neue „Mainstream“ der Agronomie, der das Bestehende ablösen wird“, sagt Michael McNeil, ein landwirtschaftlicher Berater von Iowa, der Kempf bereits seit Jahren kennt und der davon ausgeht, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die regenerative Landwirtschaft sich allgemein durchsetzt. „Wenn der Profit der Farmer sinkt, werden sie sich nach neuen Möglichkeiten umschauen, um zu überleben. Unsummen für die Agro-Industrie auszugeben funktioniert für die wenigsten”.

Kempfs ultimative Ziele sind – so seine eigene Aussage – dafür zu sorgen „dass die Qualität der Nahrung beeinflusst wird” und „zu sehen, dass das regenerative Modell der Landwirtschaft zum akzeptierten Modell auf der ganzen Welt wird”. So wird regenerative Landwirtschaft Mainstream, zum Nutzen aller.

http://modernfarmer.com/2014/08/brilliant-unusual-twenty-something-hopes-unleash-next-green-revolution/

 

EN/DE Der Bericht, der schon vor einiger Zeit im „Modern Farmer“ erschien, zeigt auf, dass wirtschaftlicher Erfolg und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur in der Landwirtschaft kein Widerspruch sein müssen. Im Gegenteil. Der Bericht macht Hoffnung, dass Landwirtschaft auch anders geht, dass GMO und Gifte verzichtbar sind, ohne dass die Weltbevölkerung Hunger leiden oder die Bauern auf Einkommen verzichten müssen. Damit mehr Menschen diese Hoffnung teilen haben wir ihn übersetzt.

übernommen von www.netzfrauen.org

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