Tag 6
17 Aug 2016
Luga & St. Petersburg
Aus dem Reise & Tour-Tagebuch von der Musikerin und Bloggerin Germaid.
Profilbild von Germaid Ponge
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Yeah! Frisch ausgeschlafen und ungeduscht ging es am Morgen des 12. August los Richtung St. Petersburg (ehemals Leningrad), im Oblast Leningrad. Die Sonne schien und die 250 Friedensfahrer waren gut gelaunt nach der Party am Vorabend in dem russischen Dorf. Wir sammelten unsere Autos am Grenzstein zwischen Oblast Pskov und Oblast Leningrad. Hier war noch Zeit unser Friedens-Mobil mit russischen Sprüchen zu bemalen. Russische Kinder halfen uns bei der Übersetzung. So lautet die Botschaft unseres Friedenspanzers nun „Deutsche und Russen sind Brüder und Schwestern“, „Kriege kann man nur verlieren. Nur Frieden kann man gewinnen.“ und „Hupe für den Frieden“. „MIR“ ist das russische Wort für Frieden und bedeutet gleichzeitig „Welt“, welch schöner und treffender Zufall… ;-)
 
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Mit Polizeibegleitung wurden wir zum Kriegsdenkmal in Luga geleitet. Die Autos auf der Straße hupten und die Menschen winkten uns zu. Ganz offensichtlich schienen ihnen unsere Friedensbotschaften auf dem Auto zu gefallen. Mittlerweile wurde uns bewusst welch enorm große Reichweite unsere Friedensfahrt in Russland hat. Während die deutschen Medien wahrscheinlich wenig bis gar nicht über unsere Aktion berichten, weiß scheinbar hier jeder dritte Bescheid. Oft haben wir auf der Straße gehört: „Ach ihr seid die von der Friedensfahrt. Ich habe davon im Radio gehört und im Fernsehen gesehen.“

 

Als wir am Denkmal ankamen war wieder einmal ein riesiges Begrüßungsfest von der Stadt Luga vor St. Petersburg für uns organisiert worden. Öffentliche Medien, vergleichsweise zu ARD und ZDF, berichteten. Es war ein ziemlich großes Aufgebot mit Reden von Politikern, Opernsänger sind aufgetreten, eine Folkloregruppe hat getanzt. Zunächst war mir diese Begrüßung ein wenig unangenehm. Vor allen Dingen hatte ich keine Lust auf politische Reden. Doch tatsächlich, der Bürgermeister von Luga fand wunderschöne Worte für den Frieden. Er berichtete, dass hier auf dem Leningrader Bezirk die blutigsten Schlachten im 2. Weltkrieg und auch in den Kriegen zuvor stattgefunden hatten. Leningrad (heute St. Petersburg) wurde insgesamt 900 Tage von den Nazis belagern und die Lebensmittelzufuhr wurde abgeschnitten. So sollte die Bevölkerung der Stadt nach und nach ausgehungert werden. In dieser Zeit kamen fast eine Million Menschen allein in dieser Stadt ums Leben und der Großteil davon waren Zivilisten. Russische und deutsche Soldaten starben auf der Erde, auf der wir nun standen. Die riesige Säule mit einer Frau auf der Spitze mahnt vor weiteren Kriegen dieser Art. „Nie wieder soll ein solches Leid passieren, keinem Volk auf dieser Erde.“, sprach der Bürgermeister. Hinter der Säule befand sich das Denkmal mit in Stein gehauenen Bildern von Soldaten und Müttern, die mit ihren Kindern auf dem Arm vor dem Feuer flohen. Wir gingen mit Blumen in der Hand die Treppenstufen hinauf und in den Raum des Denkmals, in dem Bilder aus jener Zeit hingen, die an die Belagerung erinnerten. Es war sehr bewegend. Ich fühlte den Schmerz der hier auf diesem Land passiert ist. Und dies ist nicht nur ein Schmerz, der das russische Volk betrifft. Genauso trauerten wir um alle Menschen, die in diesem Krieg starben, um die deutschen Soldaten, die hier gefallen waren und nie mehr zu ihren Familien nach Hause kamen, um die Kinder, die nie geboren worden sind, weil junge Männer zu früh ihre Leben lassen mussten.

 

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Ich muss dieser Tage immer wieder an meinen Großvater denken, der als junger Mann als Kriegsgefangener hier nach Leningrad gebracht worden war. In einem klapprigen Holzwagon wurden die Männer zusammengefercht tagelang ohne Verpflegung durch die russische Landschaft transportiert. Dann wurden sie in diesen Wäldern hinausgescheucht und ihnen wurde die Kleidung und all ihr Gut abgenommen. Hier verlor mein Großvater die Taschenuhr seines Vaters, was ihn bis heute schmerzt. Diese Bilder erinnern an die Deportation der Juden in die Konzentrationslager und so wird sehr deutlich, dass im Krieg tatsächlich immer beide Seiten nur verlieren können.

Eine Gruppe von Menschen hatte sich um eine alte, russische Oma versammelt. Ihre Stimme war klagend, zerbrechlich. Sie berichtete vom Krieg und weinte dabei. Ich verstand kein Wort von dem, was sie sagte, doch der Klang ihrer Stimme trieb auch mir die Tränen in die Augen.

 

 

Profilbild von Germaid Ponge

Germaid Ponge

Germaid Charlotte Ponge ist diplomierte Kulturwissenschaftlerin, Musikerin und Gesangspädagogin. Angetrieben von ihrem Interesse an verschiedenen Kulturen und deren Folklore bereist sie seit vielen Jahren die Welt und singt Lieder unter anderem in Deutsch, Englisch, skandinavischen Sprachen, Gälisch, Spanisch, Russisch und Nepalesisch. Von Kanada bis Russland und von Norwegen bis Jordanien hat sie bereits Konzerte gespielt. Sie war Moderatorin der Weltmusik-Sendung „Songpoeten“ auf Radio Leinehertz und der Musikshow „Acoustic Poeten“.


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