Umwelt und Gesellschaft:
12 Jan 2020
Nur aufgeklärter Kollektivismus kann uns noch retten
Wir erleben ein massives Aussterben und auch der größte Individualismus wird das nicht aufhalten können, schreibt Caitlin Johnstone.
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Momentaufnahme des Meereises, September 2010. (NASA Goddard Space Flight Center/Flickr, CC BY 2.0)

Der Individualismus kann die Menschheit nicht vor den Krisen schützen, in denen sie sich derzeit befindet. Individualismus ist dafür einfach nicht geeignet.


Es gibt den weit verbreiteten Glauben, dass wir, wenn wir einfach alle kollektivistischen Impulse in unserer Gesellschaft eliminieren würden, alle unsere Probleme los wären. Also etwa, dass Regierungen, die so viel Blutvergießen und Unterdrückung verursachen, keinen Schaden mehr anrichten könnten, würden wir sie auf eine untergeordnete Rolle reduzieren oder gar ganz abschaffen, und dass dann auch Konzernmächte, die sich mit Regierungen verbünden, ihre Macht über den Einzelnen verlieren würden. Das Credo lautet: Lasst den Einzelnen für sich selbst sorgen, so wie er es für richtig hält, ohne dass sich eine kollektivistische Macht in seine Angelegenheiten einmischt, und die Welt wäre ein besserer Ort. Aber das wird nie passieren.


Das häufigste Argument, warum es auf diese Weise nicht besser werden kann, ist, dass die Welt voller schrecklicher Menschen ist, und wenn der Wille des Einzelnen über dem Willen des Kollektivs steht, könnten die schrecklichen Menschen noch viel mehr schreckliche Dinge tun. Die Menschen, die soziopathisch genug sind, um die Umwelt zu zerstören und andere für ihren Profit auszubeuten, würden dann noch mehr Einfluss auf das gesamte Wohlergehen der Welt ausüben können als diejenigen, die es nicht sind. Und es würde keine Sicherheitsnetze geben, die diejenigen schützen, die in benachteiligte Situationen geraten sind. Eine alleinerziehende Mutter, die nicht so gut in der Lage ist, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wäre dann nur noch von der Gutmütigkeit eines Mannes abhängig. Eine solche Gesellschaft würde zwar behaupten, gerecht zu sein, da sie alle Menschen vor dieselben Anforderungen stellt, aber realistisch betrachtet wäre das Unrecht noch viel schlimmer.


Dieses Argument ist natürlich wahr, aber es ist nicht der Hauptgrund, warum uns der Individualismus nicht retten kann.


Der drohende Zusammenbruch des Ökosystems

Der Hauptgrund, warum uns der Individualismus nicht retten kann, ist, dass er vom Wettbewerb abhängt. Wenn jeder ein Individuum ist, der vom Kollektiv weder unterstützt noch behindert wird, müssen wir alle um die knapper werdenden Chancen und Ressourcen dieser Welt konkurrieren. Eine Gesellschaft, die all ihre Energie und Kreativität aus dem Antrieb des Einzelnen zieht, den anderen Individuen voraus zu sein, wird niemals in der Lage sein, das grundlegende Problem des drohenden Zusammenbruchs des Ökosystems zu überwinden, und uns stattdessen in einen massiven Wettlauf um die Umweltzerstörung aus Profitgründen treiben, indem jeder der Erste sein will. Deshalb müssen sich strenge Anhänger des Individualismus auch gegenseitig das Märchen erzählen, dass das Ökosystem in Ordnung ist – um kognitive Dissonanzen zu vermeiden.


In Wirklichkeit erleben wir ein massives Artensterben [1], wie es die Welt seit dem Ende der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren nicht mehr gesehen hat, wobei jeden Tag etwa 200 Arten aussterben [2]. Das gesamte, uns umgebende Ökosystem, aus dem wir hervorgegangen sind, verschwindet vor unseren Augen. Mehr als die Hälfte der weltweiten Tierwelt [3] ist in den letzten 40 Jahren verschwunden, und die weltweite Insektenpopulation ist um bis zu 90% zurückgegangen [4]. Fruchtbarer Boden verschwindet [5], ebenso wie Wälder [6]. Die Ozeane ersticken [7], 90% der weltweiten Fischbestände sind entweder vollständig leer gefischt oder überfischt [8], die Meere sind voll von Mikroplastik [9], und Phytoplankton, eine unverzichtbare Grundlage der Nahrungskette der Erde, wurde seit 1950 zu 40 Prozent vernichtet [10]. Die Wissenschaft hat immer wieder gezeigt [11], dass die globale Erwärmung schneller stattfindet als vorhergesagt [12], und es gibt selbstverstärkende Erwärmungseffekte [13], die als „Feedbackschleifen“ [14] bezeichnet werden und die, wenn sie einmal ausgelöst wurden, die Atmosphäre unabhängig vom menschlichen Verhalten weiter und weiter erwärmen können, wodurch noch mehr Feedbackschleifen entstehen.


Den Weg aus dieser Situation werden wir in keinem Wettbewerb gewinnen. Wir müssen umkehren, wir alle zusammen – jetzt.


Sicher, in einem völlig individualistischen Paradigma könnten einige Leute erneuerbare Energiequellen und neue Materialien erfinden, um mit den bestehenden ökozidalen Konzepten in Konkurrenz zu treten. Aber das würde es nicht plötzlich unrentabel machen, Regenwälder weiter zu zerstören oder Gift in die Atmosphäre zu schleudern. Wenn wir Jahrhunderte hätten, in denen sich umweltfreundlichere Konzepte durchsetzen könnten, hätten wir vielleicht eine Chance, aber wir haben keine Jahrhunderte, um dieses Problem zu lösen, wir haben Jahre. Sich auf einen menschlichen Einfallsreichtum zu verlassen, der von nichts anderem angetrieben wird als von Wettbewerb und Profit – kann nicht der Weg sein. Wir müssen alle Anstrengungen auf das konzentrieren, was jetzt dringend notwendig ist.

 

Die Mensch-Kohlenstoff-Verbindung

Individualisten wissen das. Deshalb bestreiten sie mit aller Macht den Konsens der Wissenschaft über das unaufhaltsame Verschwinden unseres Ökosystems, jener Welt also, in dem sich unsere Spezies entwickelt hat. Ich habe die Behauptungen, mit denen diese Tatsachen verleugnet werden sollen, genau studiert und nichts gefunden, was ich nicht selbst mit ein wenig Recherche schnell entlarven konnte [15].


Die Wissenschaft, die die erderwärmende Wirkung der industriellen Freisetzung von Kohlenstoff zeigt, ist seit ihrer Entdeckung im Jahr 1896 durch einen Mann namens Svante Arrhenius [16] öffentlich bekannt. Niemand beschuldigte ihn damals, Figur einer globalen Verschwörung zu sein; die wissenschaftliche Welt notierte seine Entdeckung einfach mit einem „Oh, cool! Ja, das macht Sinn.“ Einer seiner Kollegen schlug sogar vor, ungenutzte Kohleflöze in Brand zu setzen [17], um die globale Temperatur zu erhöhen, denn damals hielt man mildere Winter noch für eine gute Idee.


Erst als die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Bedrohung für die fossile Brennstoff-Industrie wurden, entwickelte sich eine radikal politisierte Debatte, die von Koch-finanzierten Forschungsteams und Fox News angeheizt wurde.


Die Tür ist ohnehin verschlossen, um unsere Probleme durch robusten Individualismus zu lösen. Die Argumente für Individualismus wurden von den rechtsgerichteten Mainstream-Parteien genutzt, um [Unternehmens-]Steuern zu kürzen, Sozialprogramme zu streichen, Mindestlohnerhöhungen zu beenden und Vorschriften für Unternehmen aufzuheben, aber nie, nie und nimmer hielten sich Regierungen darüber hinaus politisch zurück.  


Die Kriegsmaschine wächst weiter, ebenso wie der zunehmend militarisierte und überwachungswütige Polizeistaat und viele weitere Aspekte, mit den Regierungen ihrer Bevölkerung schaden anstatt zu nützen.


Die Argumente für Individualismus werden immer nur benutzt, um es den Oligarchen bequemer zu machen – nichts anderes.


Ohne eine umfassende und massive Zusammenarbeit werden wir diese oli­garchische Unterdrückungsmaschine nie überwinden, um eine gesunde Welt zu schaffen. Individualisten argumentieren: „Hey, wir können auch zusammenarbeiten! Wir wollen nur nicht vom Kollektiv dazu gezwungen werden.“


Okay, aber das tun sie nicht. Und selbst wenn doch, wie viel Energie hätten sie noch übrig, die sie in eine umfassende Zusammenarbeit investieren könnten, nachdem sie schon so viel Energie verbraucht haben, um gegen ihre Nachbarn ums Überleben zu kämpfen? Wahrscheinlich sehr wenig.


Die Zusammenarbeit des gesamten Kollektivs, das ist die einzige Antwort. Das Problem ist, dass hinterhältige Manipulateure auftauchen, und unseren gesunden Impuls, miteinander zu kooperieren, ausnutzen, um uns zur Kooperation mit herrschenden Mächten zu treiben.


Mit dem sogenannten „Widerstand“ gegen Trump in Amerika – wird die populistische Linke eine Herde zur Unterstützung der Demokratischen Partei. Diese Bewegung hat kein anderes Ziel als den Erhalt der bestehenden Machtstrukturen. All unsere gesunden Impulse zur  kollektiven Lösung unserer Probleme werden dadurch vereitelt, dass die Herrschenden Experten in der Kontrolle von Narrativen sind [18]. Sie sind in der Lage, uns auf eine Weise zu manipulieren, die am Ende nur ihnen zugute kommt, anstatt unserem ursprünglichen Impuls zu folgen, sie in ihre Schranken zu weisen und eine gesunde Welt zu gestalten.


Also ist der Kollektivismus an sich wertlos. Was wir brauchen, ist nicht nur unser gesunder Impuls zur Zusammenarbeit, sondern auch eine weise und intuitive Art der Zusammenarbeit, die nicht durch die Propagandageschichten der Mächtigen manipuliert wird. Wir brauchen einen aufgeklärten Kollektivismus, in dem wir alle zum Wohle des Ganzen zusammenarbeiten, nicht weil wir dazu manipuliert wurden und noch nicht einmal, weil wir durch zwingende Argumente überzeugt wurden, sondern weil wir weise und mitfühlend genug geworden sind, um zu verstehen, dass es das Beste für uns alle wäre. Das hieße, unsere Denkweise grundlegend zu verändern. Es würde eine kollektive Evolution in eine völlig neuen Art und Weise unseres Bewusstseins bedeuten.


Ist das eine große Herausforderung? Natürlich. Das ist Evolution immer. Aber entweder Evolution oder Aussterben. Wir werden uns entweder von einer ego-getriebenen Spezies, die durch Angst und Gier manipuliert werden kann, zu einer erleuchteten Spezies entwickeln, die nicht an mentale Narrative [oder Ideologien] gebunden ist [19], oder wir werden sterben. Wir haben die ganze Freiheit, diesen Test zu bestehen oder zu scheitern, aber wir werden ihn machen müssen. Tatsächlich machen wir ihn ja schon.


Diese Transformation mag in Zukunft „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ oder „Sonstwie-ismus“ genannt werden, aber sie wird etwas Besonderes sein, wie wir es noch nie zuvor versucht haben. Sie wird nicht nur eine Veränderung in der Verteilung von Macht und Ressourcen sein, sie wird eine grundlegende Veränderung des Menschen  und seiner Arbeitsweise sein, sowohl im Kollektiv als auch für den Einzelnen.


Der Glaube, dass die Menschheit eine tiefgreifende psychologische Transformation durchlaufen kann und muss, um zu überleben, ist weder ein schräger Aberglaube, noch sonst etwas „Spirituelles“.


Es ist eine politische Position, die genauso profan und gültig ist, wie die Ansicht, dass die Arbeiterklasse sich gegen die Plutokratie erheben kann und muss. Es gibt eigentlich keinen Mechanismus, der uns davon abhält, das Einzige, was uns aufhält, ist, dass wir es noch nicht genug wollen [20].


Menschen waren nie dazu bestimmt, als Individuen zu agieren. Wir stammen nicht von Einzelgängern wie Tigern oder Eisbären ab, sondern von Affen, die in ihrer gesamten DNA gruppenorientiert sind. Wir brauchen uns gegenseitig. So sind unser Gehirn und unser Nervensystem verkabelt. Da gibt es kein Entrinnen. Wir werden zusammen aufwachen oder gar nicht. Wir werden uns gemeinsam weiterentwickeln oder gemeinsam sterben.

 

 

Quellen:

[1] <https://www.iflscience.com/plants-and-animals/earth-s-sixth-mass-extinction-has-begun-new-study-confirms/?source=post_page>
[2] <https://www.theguardian.com/environment/2018/oct/26/facts-about-our-ecological-crisis-are-incontrovertible-we-must-take-action?CMP=share_btn_fb&source=post_page>
[3] <https://www.bbc.com/news/science-environment-37775622?source=post_page>
[4] <https://www.counterpunch.org/2018/03/27/insect-decimation-upstages-global-warming/?source=post_page>
[5] <https://www.theguardian.com/environment/2018/mar/26/land-degradation-is-undermining-human-wellbeing-un-report-warns?source=post_page>
[6] <https://www.nationalgeographic.com/environment/global-warming/deforestation/?source=post_page>
[7] <https://www.scientificamerican.com/article/the-ocean-is-running-out-of-breath-scientists-warn/?source=post_page>
[8] <https://www.ecowatch.com/one-third-of-commercial-fish-stocks-fished-at-unsustainable-levels-1910593830.html?source=post_page>
[9] <https://www.geochemicalperspectivesletters.org/article1829?source=post_page>
[10] <https://psmag.com/environment/global-warming-is-putting-phytoplankton-in-danger?source=post_page>
[11] <https://medium.com/@caityjohnstone/some-thoughts-on-climate-change-b312f14c43bb?source=post_page>
[12] <https://www.weforum.org/agenda/2019/07/4-crazy-things-that-are-happening-in-the-arctic-right-now/>
[13] <https://guymcpherson.com/climate-chaos/self-reinforcing-feedback-loops-2/?source=post_page>
[14] <https://www.yaleclimateconnections.org/2018/02/why-feedback-loops-are-troubling/?source=post_page>
[15] <https://skepticalscience.com/argument.php>
[16] <https://en.wikipedia.org/wiki/Svante_Arrhenius?source=post_page>
[17] <https://en.wikipedia.org/wiki/Walther_Nernst?source=post_page>
[18] <https://medium.com/@caityjohnstone/propaganda-is-the-root-of-all-our-problems-3209ab8650a4>
[19] <https://caitlinjohnstone.com/2018/06/05/how-humanity-could-become-impossible-to-propagandize/>
[20] <https://medium.com/@caityjohnstone/humanity-is-not-sleeping-its-in-an-induced-coma-aa5c141f3b17>

 

 

Dieser Text wurde zuerst am 24.7.2019 auf Consortiumnews.com unter der URL <https://consortiumnews.com/2019/07/24/only-enlightened-collectivism-can-save-us/> veröffentlicht. Lizenz: ©Caitlin Johnstone

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel und Kommentare spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.<br />

Quellen

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Caitlin Johnstone

über sich selbst: Schurkenjournalist. Bogan Sozialist. Anarcho-psychonaut. Guerilla-Dichter. Utopia prepper. Stolz 100 Prozent Leser-finanziert durch Patreon und Paypal. Viel Arbeit mit Hilfe von Soulmate/Mitverschwörer Tim Foley. Wenn Sie Caitlin direkt unterstützen möchten, besuchen Sie bitte ihre Website: www.caitlinjohnstone.com


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