Krieg in Europa
20 Okt 2014
Die Kinder von Donezk
Drei Mädchen sitzen vor meiner Kamera. Schüchtern, mag man denken. Doch die vermeintliche Schüchternheit ist etwas anderes – sie sind traumatisiert. Von einem Krieg, den es eigentlich nicht gibt, wenn man den westlichen und deutschen Medien glauben würde. Einem Krieg in Europa, den niemand sieht. Und doch ist er da. Hier in Donezk im Südosten der Ukraine, wo ich seit gut zwei Monaten lebe. Mitten in einer Millionenmetropole, die täglich schwer bombardiert wird von der ukrainischen Armee.
Profilbild von Mark Bartalmai
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Der Krieg ist hier unter uns, er ist zwischen uns, zwischen mir und diesen drei Mädchen – Paulina, Nastja und Katja. Er ist in ihre Augen, ihre Stimmen, ihre Seelen eingebrannt. Und sie erkennen mich an, weil auch ich mittlerweile in diesem Krieg lebe wie sie. Es ist Mitte September 2014, und wir sitzen zusammen in einem kahlen Raum eines Flüchtlingshauses in Donezk. Wir haben etwas Zeit gebraucht bis zu diesem Interview. Die Menschen im Donbass glauben nicht mehr an den Westen, an Europa, an Deutschland. Denn der Westen, sagen sie, »hat uns vergessen, im Stich gelassen«. Der Westen weiß nichts von den toten Zivilisten, die der Bombenkrieg jeden Tag hier fordert. »Der Westen kümmert sich nicht um uns. Sie unterstützen sogar die Junta in Kiew, die uns hier tötet.« Ich muss immer schlucken, wenn sie mir das sagen – ich weiß, dass sie Recht haben. Niemand in Deutschland weiß, dass Paulina, Nastja und Katja kein Zuhause mehr haben, da es weggebombt wurde. So wie ihre Schule und der Kindergarten dort im Nordwesten von Donezk nahe dem außerhalb der Stadt gelegenen Flughafen. So wie die Häuser der mehr als 100 anderen Kinder und ihrer Familien allein in diesem Flüchtlingshaus. Und es gibt viele dieser Flüchtlingshäuser und Camps in und um Donezk, die von der Administration der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk verwaltet werden.

Brennender Niederschlag

Katja, die älteste, beginnt zu reden: »Meine Klassenkameradin und ich leben schon seit fünf Jahren zusammen. Wir gingen gemeinsam in die Schule, die ist nicht besonders groß. Am Frühlingsanfang war noch alles in Ordnung, man sagte uns bloß, dass in Kiew irgend etwas passiert sei. Das hat uns nicht so sehr interessiert, wir dachten ja nicht, dass auch hier was passieren könnte. So lebten wir wie ganz normale Kinder. Dann fingen sie an, den Flughafen, neben dem wir lebten, zu bombardieren. Wir hatten Angst und wurden ständig in unsere Häuser geschickt, damit wir nicht draußen waren. Sie bombardierten also den Flughafen, und wir gingen immer in die Keller. Dann, ich weiß das genaue Datum im August nicht mehr, um sieben Uhr haben sie angefangen, massiv zu bombardieren. Wir sind auf den Balkon hinausgegangen, und der ganze Himmel war voll mit so einem brennenden Niederschlag. Ich war noch in meinem Pyjama, mit Shorts, meine Haare waren nicht gemacht. Ich hatte doch keine Zeit dafür. Ich war draußen, lief zu einem kleinen Mädchen, und dann schlug es neben uns ein. Wir rannten alle in die Keller, es war schrecklich. Die Fenster zersprangen alle. Und diese Geräusche! Dieses kleine Mädchen und ich saßen dort, sie ist drei Jahre alt und fragte: ›Oma, was ist los, wo ist Mama?‹ Ihre Mutter war in Donezk.«

Die Schule wurde getroffen

»Ich bin um fünf Uhr morgens aufgewacht«, erzählt mir Nastja, »weil der Flughafen wieder beschossen wurde, es war sehr schrecklich. Im Keller aßen wir Trockenbrot, da es nichts anderes gab. Sie fingen erneut sehr früh an zu schießen, und wir waren alle im Keller. Ich war noch in meinem Schlafanzug als wir hierher fuhren (in das Flüchtlingshaus, Anm. d. A.). Während der Fahrt schlief ich, da ich dort nicht einschlafen konnte. Denn wir befürchteten, dass das Haus über uns einstürzen könnte. Hierher flohen wir, weil bereits Gas und Strom abgestellt waren. Paulina, das ist meine kleine Schwester, wachte nachts ständig auf, weinte und sagte, dass sie Angst habe. Es wurde sehr viel geschossen, wir sahen ständig den Rauch. Bei einer Freundin dort brannte das Haus vollständig ab, und den Onkel traf ein Splitter an der Lunge. Er ist tot. Überall lagen Splitter herum, und es gab viele große Einschlaglöcher. Die Schule wurde auch getroffen – viermal. Einmal die Sporthalle, Paulinas Klasse, die Eingangshalle und noch irgendwo, ich weiß es nicht genau. Wir dachten uns nur: Wohin sollen wir jetzt gehen? Die schießen einfach überall hin, in jedes Fenster, und denen ist egal, ob da einer lebt oder nicht.« Ich frage Paulina, ob sie mir auch etwas erzählen will. Ihre Schwester Nastja antwortet an ihrer Statt: »Sie ist schüchtern. Sie hat immer noch Angst.« Ich sehe es in ihren großen Augen. Den kleinen Mund fest zusammengepresst, blickt sie in eine Leere, in die kein Kind sehen sollte.

»Ich möchte nach Hause«

Nastja und Katja reden. Sie reden, als gäbe es kein Morgen mehr. Ihre Seelen werden für einen Augenblick leichter. Jemand hört zu. Wir stellen nicht viele Fragen, und es beginnt mehr und mehr aus ihnen herauszufließen – als hätte jemand eine unsichtbare Schleuse geöffnet. Ich höre von ihren Freunden und wie sehr sie sie vermissen und nicht wissen, wo sie sind oder was ihnen zugestoßen sein könnte. Ich höre davon, wie sie trockenes Brot im Keller mit dem Hund eines alten Mannes teilten, damit »er nicht sterben muss. Der alte Mann hatte doch nur noch ihn.« Ich höre von Katjas Freundin, die mit ihren Eltern im Auto floh und beschossen wurde. Der Vater starb noch an Ort und Stelle durch einen Kopfschuss, und ihre Freundin trug ihre verletzte Mutter weg von den Schüssen in den Wald. Retten konnte sie sie nicht – auch die Mutter erlag ihren Verletzungen. Katjas Freundin hat sich dann zwei Tage lang mit etwas Brot und Tee am Leben gehalten und sich nach Russland zu ihrer Großmutter durchgeschlagen. Ich höre von anderen Klassenkameraden, die ihre kleinen Geschwister auf der Flucht mit ihrem Leben beschützten und damit bezahlten. Und ich höre sie sagen: »Es ist so schrecklich, dass die Kinder sterben müssen. Sie sind noch so jung und wissen doch noch gar nichts.« Die, die das sagen, sind keine 13 Jahre alt. Plötzlich sagt Paulina: »Bei meinem Taufvater ist ein Splitter ins Zimmer geflogen.« Wir schauen sie an und lächeln, um sie zum Weitersprechen zu animieren. »Ich möchte nach Hause«, spricht sie weiter. »Ich vermisse meine Puppe. Man kann sie anziehen, wie man möchte. Und man kann dort Verstecken spielen.« Ihre Wünsche sind entwaffnend. Auf ihrer Flucht in das sicherere Stadtzentrum von Donezk haben sie alles zurücklassen müssen. »Ich habe nur zwei Shirts und zwei kurze Hosen«, sagt Katja. »Ich auch«, fügt Nastja hinzu. »Und jetzt kommt bald der Winter. Wir haben ja gedacht, wir könnten bald zurückgehen. Es war so schön dort, und jetzt ist alles zerstört. Meine Freundin Lena lebt jetzt in einem ganz alten Haus, weil ihres völlig in sich zusammengefallen ist. Bei Regen läuft das Wasser innen drin die Wände herunter. Sie versuchen, das zu reparieren. Wie es im Winter sein wird, wissen sie nicht, es gibt nämlich keine Heizungen, nur kahle Steinwände. Es wird kalt sein.«

Flugzeuge und Panzer

Sie reden sich für eine halbe Stunde die Last von der Seele, und wir wissen, dass sie täglich das gleiche erleben wie wir. Bombardements, auch hier in diesem Distrikt – wieder und wieder, Tag und Nacht. Und wir wissen auch, dass wir trotzdem nicht das gleiche empfinden wie diese Kinder. Ihr Trauma übersteigt das unsere um ein vielfaches und wird ihr Leben prägen. Wir fragen sie, ob sie den Kindern in Kiew, in Deutschland, England oder Frankreich etwas sagen möchten. Ihre Antwort berührt uns zutiefst, und wir spüren, dass es eine Zukunft geben kann nach all dem Tod, den Bomben, den Panzern und den Greueln. Irgendwann einmal. Sie sagen: »Wenn sie zum Beispiel sagen würden: ›Ich habe keine Lust, in die Schule zu gehen, ich will nicht früh aufstehen‹, würde ich ihnen antworten, dass man lieber früh aufsteht, als das Bombardement hinter den Fenstern zu hören, lieber als im feuchten Keller zu sitzen mit den Ratten und Mäusen. Dass man lieber früher, aber ausgeschlafen aufsteht, als so etwas zu hören. Und dass sie nicht sehen müssen, wie man schießt, dass sie nicht die Explosionen sehen müssen, die wir sahen, dass sie nicht diese Kampfflugzeuge sehen müssen, dass sie nicht die Panzer sehen müssen. Wahrscheinlich haben sie das noch nicht gesehen, selbst als das auf dem Maidan stattgefunden hat, oder sie haben es vergessen. Aber wir hoffen für ihre Eltern, dass ihre Kinder das nicht sehen müssen, dass es ihnen zu Hause gut geht. Und ich würde ihnen sagen, sie haben Glück, dass sie nachts schlafen können, dass sie immer etwas zu essen haben, in ihrem eigenen Haus leben, dass ihre besten Freunde bei ihnen sind.« Katja fügt hinzu: »Meine beste Freundin ist jetzt in Cherson. Ich habe keine Möglichkeit mehr, sie zu sehen. Wir haben unsere gesamte Kindheit über alles zusammen gemacht, und jetzt ist sie weg. Das ist so schade. Sie haben wirklich Glück, dass sie ihre Freunde täglich sehen können, nicht wie wir jetzt.« An dem Tag, an dem wir gehen, bekomme ich überraschend ein Geschenk. Es ist ein Bild aus Blumen, Gräsern und Kernen. Ein Bild, das eine Mutter mit ihrem Kind zusammen gebastelt hat. Während eines Bombenangriffs. Um sich abzulenken von der Angst. Lena, die dieses Bild gemacht hat, weint, als sie es uns gibt.

Es regnet auf diesem Bild, aber es sind Tropfen, keine Bomben. Es könnten auch Tränen sein – die Tränen der Kinder aus Donezk. Aus Donezk, der Stadt im Donbass. Einer Stadt in Europa. Einer Stadt, in der Krieg herrscht. Im Jahre 2014. Ein Krieg, den Europa nicht sieht.

Profilbild von Mark Bartalmai

Mark Bartalmai

Mark Bartalmai ist ein deutscher unabhängiger Journalist, Kriegs-Korrespondent aus der Ukraine und Dokumentarfilmemacher.

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