26 Sep 2014
Glück gehabt!
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Brzezinski im Jahr 1983
Wir schreiben das Jahr 1983. Der Kalte Krieg ist alles andere als vorbei. Im Gegenteil. Die Sowjetunion gibt zumindest nach Außen ein recht stabiles Bild ab. Ronald Reagan bezeichnet den Klassenfeind in aller Öffentlichkeit als „Reich des Bösen“ und wünscht sich dessen Untergang. In der UdSSR bleibt diese Provokation nicht ohne Wirkung. Seit Dezember 1979 befindet sich der Staatenverbund in Afghanistan in einem Stellvertreterkrieg mit den USA. Amerika hatte schon im April islamische Gotteskrieger, die sich selber Mudschaheddin nannten, massiv mit Waffen, Geld und Know how von Pakistan aus in Richtung Afghanistan geschickt, damit sie dort vor der Haustür Moskaus kommunistische Tendenzen bekämpfen mögen. Konkret: Die kommunistische Führung in Form der DVPA, der prorussischen Demokratischen Volkspartei Afghanistans unter Muhammad Taraki. Chef der CIA-gepushten Mudschaheddin war schon damals ein gewisser Osama bin Laden. Die CIA warb ihn an und machte ihn auf pakistanischem Boden mit einem Mann bekannt, der aktuell für das Chaos in der Ukraine mitverantwortlich ist. Zbingiew Brzezinski. Aus dieser Zusammenarbeit entstand später das Terrornetzwerk Al-Kaida, das aktuell unter dem Namen ISIS tut, was man ihm aus Übersee beigebracht hat. Chaos stiften, um die militärische Präsenz der USA zu rechtfertigen. Auch Hillary Clinton, die Hauptfrau des früheren US-Präsidenten Bill Clinton, prangerte später die Erschaffung von Al-Kaida durch die CIA offen an. Damals aber war alles, was der UdSSR schadete, den USA recht, denn das gehörte zur „Strategie der Spannung“. Ziel war es, Moskau wo es ging zu provozieren, immer in der Hoffnung, die Russen würden einen Fehler machen. Am 1. September 1983 kam es dazu. Moskau schoss eine koreanische Passagiermaschine vor der Küste der Insel Sacharin ab. 269 Menschen fanden den Tod. Russland gab später an, die Maschine für ein Spionageflugzeug gehalten zu haben, das vorsätzlich den russischen Luftraum verletzt hätte, um die Russische Luftabwehr zu testen und zu enttarnen. Die politische Weltlage im September ‘83 war also alles andere als entspannt. Beide Seiten hatten sich bis an die Zähne atomar bewaffnet und verfügten über ein Potential der Nuklearen Zerstörung, das dazu in der Lage war, diesen Planeten gleich mehrfach von sämtlichem Leben zu befreien. Der sogenannte Overkill war der Status quo. In dieser Zeit, konkret in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1983, schob der damals 44 jährige Stanislaw Jewgarowitsch Petrow, als Offizier der Streitkräfte der UdSSR seinen Dienst. Er war zuständig für das Raketenfrühwarnsystem im Bunker „Serpuchow-15“, der 50 km vor Moskau lag. Zuerst begann sein Dienst wie gewohnt. Der Mann saß vor seinen Monitoren und überwachte, wie jeden Abend, vor allem den gegnerischen Luftraum. Würde von den USA aus ein Raketenangriff erfolgen, blieben einem nur noch wenige Minuten, um die eigenen Atomraketen Richtung USA zu schicken. Man selber würde den Gegenschlag im Falle X zwar nicht mehr erleben, könnte aber sicher sein, dass die Vereinigten Staaten rund 30 Minuten später auch aufgehört hätten zu existieren. Wer zuerst angreift, stirbt als zweiter. Das war die Logik dieses Systems. Das Potential der Vernichtung war allen Seiten bekannt, doch der Irrsinn gehörte zum Alltag. Genau wie heute. Nur, dass aktuelle Gefechtsköpfe von ihrer Schlagkraft noch einmal deutlich erhöht wurden. Pauschal kann man sagen, dass allein der Zünder einer amerikanischen Atombombe 2014 in etwa die Energie freisetzt, die in Hiroshima oder Nagasaki ganze Städte ausradierte. Der Zünder! Zurück in die russische Raketenbasis von 1983, „Serpuchow-15“. Der 26. September war gerade 15 Minuten alt, da meldeten die russischen Computer einen atomaren Angriff durch die USA. Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, der diensthabende Offizier an diesem Abend, muss sich binnen Minuten ein Bild von der Lage machen und dann die Entscheidung über einen Gegenschlag treffen. Er weiß, von ihm hängt jetzt das Schicksal der gesamten Menschheit ab. Währenddessen tickt die Uhr, jede Sekunde zählt. Im gesamten System heulen seit der Alarmmeldung die Sirenen. Auch Moskau bekommt mit, das ist keine Übung. Hatten die USA eine ihrer unlängst in Europa stationierten Pershing-2-Raketen abgefeuert? Die Computer in „Serpuchow-15“ melden dann aber nur denn den Abschuss einer einzigen amerikanischen Atomrakete. Offizier Petrow bleibt nicht mehr viel Zeit, doch er entschließt sich, abzuwarten. Er kann sich nicht vorstellen, dass die USA die UdSSR mit nur einer Rakete angreifen würden. Wenn Washington sich zu einem Angriffskrieg entschlossen hätte, dann hätte das Pentagon auf die Totale Vernichtung des Gegners gesetzt, kombiniert der Offizier. Nach circa zwei Minuten, die Petrow und Crew für eine genaue Analyse nur blieben, entschließen sie sich, im Gefechtsführungszentrum die eigenen Raketen noch nicht scharf zu machen. Petrow hält den Abschuss der amerikanischen Atomrakete für einen Fehlalarm russischer Computer und spricht das auch aus. Sekunden später meldet der russische Rechner dann aber weitere vier Atomsprengköpfe, die aus den USA gestartet waren und sich Richtung Russland bewegten. Jetzt waren also insgesamt fünf Raketen auf dem Weg in die UdSSR. Konnte das sein? Stanislaw Jewgarowitsch Petrow entschloss sich, auch diese Meldung als Fehlalarm einzustufen. Er wollte nicht für den Dritten Weltkrieg verantwortlich sein. Nicht aus Versehen. 17 Minuten später stelle sich heraus, dass Petrow richtig entschieden hatte. Russland traf nie eine amerikanische Atomrakete, und so war auch der Entschluss von Offizier Petrow, nicht auf den roten Knopf zu drücken, richtig. Dreieinhalb Monate später war der Fehler im System gefunden. Die Beobachtungssatelliten aus russischer Produktion hatten die Sonnenstrahlen, die von der Erdoberfläche reflektiert wurden, als Raketenstart interpretiert. Wie der Zufall es wollte, wurde diese Reflektion ausgerechnet über einer amerikanischen Militärbasis beobachtet, Malstrom Air Force Base in Montana. der Fehler des „unfehlbaren Systems“ erkannt wurde, galt es, den Vorfall zu vertuschen. So wurde Offizier Petrow weder belobigt noch verwarnt. Auch der Orden, den er sich durch das Retten der Menschheit in der Nacht des 26. September verdient hatte, blieb aus. Pech für ihn. Aber Glück für die Menschheit. Erst 1993 durfte die Prawda über dieses „Glück“ schreiben. Im September 2013 erhielt der wachsame russische Offizier dafür, dass er die Menschheit vor der totalen Vernichtung bewahrt hatte, den „Dresden-Preis“. Petrow gab ein paar Interviews, auch an die FAZ, und alle waren happy. Warum auch nicht? Glück muss man eben haben. Besonders, wenn es um Atomraketen geht. Und da hatte der Herbst ‘83 ja noch ein weiteres Schmankerl zu bieten. Im November 1983 simulierte die NATO unter dem Namen „Able Archer 83“ einen Atomkrieg gegen Russland. Diese Übung wurde von Moskau als derart realistisch empfunden, dass man sie für einen echten Angriff hielt. Also wurde der gesamte Warschauer Pakt in Alarmbereitschaft versetzt. Das ging soweit, dass die in der damaligen DDR stationierten russischen Kampfjets scharfe Atombomben unter die Flügel geschnallt bekamen und mit laufenden Motoren auf dem Rollfeld die Starterlaubnis abwarteten. Russland war bereit zum Gegenschlag. Dass es nicht zum Äußersten kam, einem Atomkrieg aus Versehen, haben wir Rainer Rupp zu verdanken. Er arbeite als Agent für die HVA, dem DDR-Pendant der NSA. Rupp hatte es als „U-Boot“ bis an die Spitze der NATO geschafft und griff, als er den Ernst der Lage erkannte, in Brüssel sitzend zum Telefon. Er konnte die Militärs in Ostberlin überzeugen, dass es nicht nötig sei, zurückzuschlagen. Die Atombomben wurden nicht abgeworfen. Das erklärt auch, warum KenFM 2014 Rainer Rupp vor die Kamera bekam. Schon wieder Glück gehabt. Eben erst hat die NATO in der Ukraine ein großes Manöver hinter sich gebracht. Das alles, während die Ukraine-Krise auf maximaler Flamme köchelt. Atomwaffen in Europa sind nicht verschwunden. Im Gegenteil. Sie existieren und sollen sogar modernisiert werden. Für schlappe 60 Milliarden Dollar. Auch russische Nuklearwaffen gibt es immer noch reichlich. Auch sie können jederzeit einen Atomkrieg auslösen. Mal seh‘n was passiert. Wir haben als Menschheit schon so oft schlichtweg Glück gehabt, da gibt es keinen Grund, pessimistisch zu sein. Richtig? Wird schon schief gehen. Unsere Führer sind viel weiser als damals, und wenn nicht, wird sich im Falle X bestimmt wieder ein Offizier wie Stanislaw Jewgarowitsch Petrow oder ein Spion wie Rainer Rupp finden und zum Telefon greifen.
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Ken Jebsen

Ken Jebsen (geb. am 29. September 1966) ist Fernseh- und Radiomoderator und seit 2011 als freischaffender Reporter tätig. Deutschlandweit bekannt wurde Jebsen 2011 durch seine Entlassung beim RBB, nachdem er "verschwörungstheoretische Positionen" vertreten hatte und der Vorwurf des Antisemitismus gegen ihn erhoben worden war. Jebsen ist Betreiber des Youtube-Internetkanals KenFM.


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