Vortrag von Daniele Ganser
06 Okt 2015
Regime Change in der Ukraine?
Vortrag von Daniele Ganser am 25. Mai 2015 im Kino Babylon Berlin, präsentiert von free21.org und veröffentlicht von KEN FM: Knappe zwei Stunden Geopolitik im Kino Babylon in Berlin, mit aktuellem Bezug.
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Vielen Dank. Es freut mich sehr, dass Sie zu diesem Vortrag gekommen sind. Mein Name ist Daniele Ganser, ich bin Schweizer Historiker, ich bin 42 Jahre alt und ich forsche zum Thema „verdeckte Kriegsführung.“
Wir haben heute leider ein sehr schwieriges Thema, das wir bearbeiten. Es geht um Regime Change in der Ukraine, also Regierungssturz, wer steckt dahinter?

Das ist eine sehr sehr brisante Frage und ich möchte vorausschicken, dass die Historiker sich nicht einig sind. Der größte Teil der Historiker bearbeitet die Frage nicht. Ein kleiner Teil, der die Frage beantwortet, ist zerstritten.

Also, was ich Ihnen heute präsentiere, sind meine Analysen. Ich möchte dann doch darauf drängen, dass Sie auch andere Leute fragen, was sie denn glauben, wer die Regierung in der Ukraine gestürzt hat. Sie können das gerne im Freundeskreis machen.

Ich habe das in der Schweiz in den letzten Wochen gemacht, weil ich intensiv in der Forschung drin war, ich hab Freunde gefragt, was glaubst du denn, wer hat die Regierung in der Ukraine gestürzt? Und ich habe eines sehr oft gehört, dass die allgemeine Meinung ist: Das Volk.

Das Volk hat durch friedliche Proteste die Regierung gestürzt. Und da kann ich Ihnen schon jetzt sagen – das wäre sozusagen vom Vortrag vorweggenommen: Das ist falsch. Die Regierung wurde durch Scharfschützen gestürzt. Und das ist eben ein Unterschied. Wenn Scharfschützen eine Regierung stürzen, ist das eine militärische Operation und wenn das Volk eine Regierung stürzt, ist das eine zivile Operation. Und das muss man auseinanderhalten.

Ich kann die Frage, wer sind die Scharfschützen – das ist ein bisschen schwierig, das kann ich auch nicht ganz aufdröseln, aber ich möchte Sie an dieses Thema heranführen.
Aber ich habe mir gedacht, wenn wir schon zusammenkommen hier in Berlin, ich komme ja auch nicht alle Tage.
Ich werde mit Ihnen eine Weltreise machen. Mein Anspruch ist immer der, dass Leute, die schon sehr, sehr viel wissen, etwas profitieren von der Vorlesung und dass Leute, die noch überhaupt keine Ahnung haben von der Sache, die sagen: „Ich habe noch nie etwas über diese Ukraine gelesen, finde das aber irgendwie spannend“ – dass also der Laie, wie der Profi etwas mitnehmen kann. Wir werden ein bisschen um die Welt reisen, wir werden in die Ukraine gehen, wir werden nach Kuba gehen, wir werden in den Iran gehen.

1. Regime Change Ukraine 2014

Fangen wir also an: Was ist passiert? (Auf der Leinwand erscheinen Fotos von Viktor Yanukovych und Petro Poroschenko.) Der Präsident Janukowitsch wurde im Februar 2014 gestürzt und der neue Präsident, der hereinkam, heißt Poroschenko. Wir haben dazwischen einen Premierminister, Jazenjuk. Und das Hauptproblem, dass wir in den westlichen Medien und auch in der Bevölkerung im Westen haben, ist, dass niemand sich diese Namen merken kann. Das ist einfach das Problem. Auch die Gesichter sind so, dass – also man muss die Sache mal anschauen – man sich fragen muss, ist das übersichtlich? Die Antwort ist „Nein, es ist nicht übersichtlich“. Wenn man nicht genau hinsieht, dann hat irgendwie ein Oligarch den anderen abgelöst und man hat es irgendwie gar nicht begriffen. Aber wenn man es einfacher darstellt dann ist das Regime-Change- System wie beim Fußball. Beim Fußball kennen wir das: Einer geht raus und ein Neuer kommt rein. Das ist das Gleiche beim Regime-Change. Also Regime-Change heißt übersetzt einfach Putsch oder Regierungssturz und das Wesentliche ist, dass Leute außerhalb vom Spielfeld entscheiden, ob jetzt ein offensiver Spieler reinkommt oder ein defensiver Spieler. Und die Idee ist, durch das Wechseln des Spielers das ganze Spiel zu beeinflussen. Also nochmal: Janukowitsch out, Poroschenko in, das ist der Spieler-Wechsel. Und wenn man jetzt nicht weiß, was für Positionen die vertreten, macht das überhaupt keinen Sinn, also man muss beim Spieler ja wissen: Ist das jetzt ein offensiver Spieler, oder ein defensiver Spieler. Im Fußball ist das übersichtlich, in der internationalen Politik ist das ein bisschen komplizierter. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen zwei Männern ist – da sind sich die Forscher einig: Dieser Mann (deutet auf Janukowitsch) war der Freund von Russland. Er wollte nicht, dass die Ukraine in die NATO hineinkommt. Dieser Mann hier, Poroschenko, der Neue, der eingewechselt wurde, der ist eher der Freund der USA. Er möchte, dass die Ukraine in die NATO hineinkommt. Und Sie sehen: Schon diese ganz einfache Analyse verändert das Spiel fundamental.

Jetzt haben wir einen CIA-Analysten, der heißt Ray McGovern und der hat eine sehr weitreichende Angabe gemacht und hat gesagt: „Es war ein vom Westen gesponserter Putsch, es gibt kaum Zweifel daran.“
Und das ist eine Aussage. Als ich die auf meinem Forschertisch hatte, habe ich schon gestutzt und habe gedacht: Nun gut, das habe ich jetzt so nicht überall gelesen. Was heißt „der Westen“? Der Westen, das sind eigentlich wir, wir sind der Westen. Das sind die Nato-Länder, angeführt von den USA. Also, wenn Ray McGovern das sagt, dann nehme ich das sehr ernst und darum wäre das jetzt meine These für diesen Vortrag, dass die Regierung von Janukowitsch vom Westen gestürzt wurde.
Aber Sie müssen verstehen, wenn das wirklich wahr ist, dann ist das sehr, sehr brisant. Ray McGovern hat das übrigens in Berlin gesagt, im September 2014 und ich habe dann gedacht, das wird jetzt öfters rezipiert und diskutiert, doch das Enttäuschende war, dass danach einfach Funkstille kam. Okay? Es wurde überhaupt nicht rezipiert, diese Aussage lief eigentlich nur über youtube auf Weltnetz.tv. Das ist auch nicht so bekannt wir Pro 7. Ich kenne Ray McGovern nicht persönlich, aber nur aus der Forschung und ich finde ihn einen sehr interessanten Analytiker. Und warum finde ich den Mann interessant? Weil er war lange beim CIA und das sind jetzt zwar nicht meine Freunde beim CIA, aber grundsätzlich ist das einer, der in den USA sehr, sehr viele internationale Analysen gemacht hat – er war eben zuständig für die Vorbereitung des Tagesberichts, den die CIA an den Präsidenten vorbereitet. Sie sehen also, die CIA bereitet jeden Morgen einen Bericht für den Präsidenten vor und berichtet ihm über die Lage der Welt. Und Ray McGovern war eben einer, der das sehr sehr lange gemacht hat. Er kann durchaus den Iran und den Irak auseinanderhalten, er kennt den Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten, er weiß, wo die Sowjets ihre Militärstützpunkte haben und er weiß, dass die USA in Guantanamo einen Militärstützpunkt haben. Das heißt, er kennt die Welt, ist wirklich ein kluger Kopf. Und wenn der das sagt, dann ist das besonders interessant, weil das ist einer jener Amerikaner, der schon sehr lange die eigentlich aggressive, imperiale Politik der USA kritisiert hat. Er hat den Angriffskrieg gegen den Irak kritisiert, hier im Bild kam er auf CNN, confronting Rumsfeld, das heißt er ist einer derjenigen in den USA, die sagen, es ist eigentlich nicht richtig, dass wir lügen und töten. Poroschenko auf der anderen Seite, sobald er gewählt wurde, hat er sofort in seinem ersten Interview, das dann in der Bild-Zeitung kam, im Mai 2014 ganz klar geäußert, dass er die Ukraine, die möchte er in die NATO hereinführen. Das ist noch einmal der wichtige Faktor, wenn Sie den Regime Change anschauen, hier wurde ein Spieler eingewechselt, der das Land in die NATO hineinführen möchte. Auf die Frage, drei Tage, nachdem er ins Amt kam, „wollen Sie in die NATO eintreten“, sagte er, „es gibt noch keine Mehrheit , aber ich möchte, dass man in dieser Richtung arbeitet.“ Und die NATO hat auch schon Jahre vorher beschlossen, dass die Ukraine der NATO beitreten soll, schon 2008, nur damals hatte die Ukraine sozusagen die „falsche“ Regierung, weil die wollte das nicht. Und mit diesem Wechsel hat man das eben geschafft.

2. Assoziierungsabkommen scheitert

Kommen wir zu diesem Assoziierungsabkommen, das ist ein komplizierter Ausdruck: Assoziierungsabkommen. Was man hier sagen kann: Das Assoziierungsabkommen ist kein Beitritt. Ich bin ja aus der Schweiz. Und Sie wissen: Die Schweiz ist nicht Mitglied der EU, die Schweiz ist auch nicht Mitglied der NATO, wir beobachten das von außen, und was Sie wissen, ist, dass die Ukraine ein Abkommen zu unterzeichnen hatte, dass irgendetwas mit der EU zu tun hatte. Es ging aber nicht um den EU-Beitritt, die Ukraine hat nicht abgestimmt: „Wollen wir Mitglied der EU werden“, sondern es ging um ein Abkommen, wo irgendwelche Dinge geregelt werden und man hatte so das Gefühl, es geht in erster Linie einfach um Wirtschaftsfragen. Das ist so nicht richtig, wenn man das Abkommen genauer liest, sieht man, es hat auch militärische Elemente in diesem Abkommen.
Der Streit eskaliert im November 2013, als eben Janukowitsch, das ist der Präsident, der später gestürzt wurde, das Abkommen mit der EU scheitern ließ.
Hier das Treffen mit dem EU-Erweiterungskommissar Stephan Fule. Ich finde Frau Gabriele Krone-Schmalz eine sehr interessante Person, die hat später gesagt, dieses Assoziierungsabkommen wurde in den Medien nicht richtig erklärt und da bin ich mit ihr völlig einig, weil sie hat gesagt, das dieses eigentlich die Krise eingeleitet hat, aber es wurde selten gesagt, dass eben in Paragraph 7 dieses Abkommens von militärischer Zusammenarbeit die Rede ist. Das heißt man hat immer das Gefühl, das Eine ist, man wollte die Ukraine in die NATO hineinführen – das ist ganz klar eine militärische Taktik. Das Andere ist Zusammenarbeit mit der EU, man hat das Gefühl das sind nur wirtschaftliche Themen. Das ist nicht der Fall. Wir sagen ja auch in der Forschung, dass die Europäische Union ein Friedensprojekt ist. Und hier stellt sich die Frage, inwiefern hat hier die Europäische Union nicht den Frieden, sondern eher den Krieg herbeigeführt hat. Und das ist eine sehr sehr schwierige Frage, die noch zu wenig diskutiert wird aber da dieses Abkommen derart destabilisierend gewirkt hat – was wir heute sehen – da hat Gabriele Krone-Schmalz ganz Recht (wenn sie sagt): „Wir Medien hätten schon zu einem frühen Zeitpunkt wissen müssen und uns danach richten müssen, dass dieses Assoziierungsabkommen die Ukraine zerreißt.“
Und das ist tatsächlich passiert. Also: Die Ukraine ist heute zerrissen. Das heißt, im Kern geht es nicht nur um den Krieg in der Ukraine in meinem Vortrag heute, es geht um Medienkompetenz.

Das wurde schon verschiedentlich angesprochen: Ich bekomme immer wieder E-mails von Leuten, die fragen: „Wie mach ich denn das denn jetzt mit den Medien, ich bin frustriert, ich bin nicht mehr zufrieden, was mache ich denn jetzt? Weil ich ja die E-Mails nicht alle beantworten kann, möchte ich das hier kurz erklären: Im Moment ändert sich das Medienverhalten der Leute so, dass wir früher eigentlich gewartet haben, was uns serviert wird. Da kamen die Abendnachrichten, da haben wir uns schon eingerichtet, dann kamen die Nachrichten, etwa zehn Storys, da müssen Sie schon verstehen, wir haben keine Möglichkeit, uns das alles zu merken. Machen Sie den persönlichen Test: Schauen Sie die Abendnachrichten und wenn die vorbei sind, schreiben Sie auf einem Blatt Papier auf, was die zehn Storys waren. Und meistens schreiben Sie: Morgen regnet‘s. Das ist in etwa, was wir uns merken können. In der Schweiz immer wieder: Federer hat gewonnen. Das heißt, wir sind super differenziert, wir können uns alle Dinge merken, aber wenn man das wirklich macht, kann man noch ein zweites Blatt nehmen und schreiben, was ist denn gestern in den Abendnachrichten gekommen, an was kann ich mich noch erinnern? Und spätestens dann wird es sehr beschämend. Sie werden merken, dass Sie sich überhaupt nicht mehr erinnern und das was am Schluss noch bleibt, sind Feindbilder, okay? Feindbilder können Sie emotional aufnehmen. Sie wissen einfach: 9/11, war Osama bin Laden, der ist bös, die Ukraine, ist Putin, der ist bös. So viel zur Politik. Und dann haben Sie einfach noch nicht einen sehr differenzierten Zugang. Ich denke, was wir jetzt brauchen ist ein Medienkonsum, der nicht nur wartet, was serviert wird, sondern der aktiv sucht, was einen interessiert. Das heißt, die Zeit, die Sie für Medienkonsum investieren. Sie sagen, mich interessiert die Welt, dann gehen Sie rein und sagen – Sie googeln sich rein – klar, Sie werden überwacht – aber trotzdem, Sie können einen Begriff eingeben: Mich interessiert jetzt Tomatenzucht. Ja, ist ja okay, kann einen interessieren, Tomatenzucht, und dann kann man sagen, mich interessiert jetzt MH17, Flugzeugabschuss. Und dann verfolgen Sie dieses Thema und das ist etwas ganz anderes, wenn Sie aktiv suchen, als wenn sie warten, was Ihnen serviert wird. Das hat mit Medienkompetenz zu tun.
Was ich noch sagen möchte: Im September 2014 hat dann der Neue, der Eingewechselte, dieses Assoziierungsabkommen unterschrieben.
So, jetzt haben Sie schon sehr viel gelernt, Sie wissen, was ein Regime Change ist, Sie wissen dass dieses Assoziierungsabkommen militärische Komponenten gehabt hat und Sie haben diese Aussage von Ray McGovern, der sagt, dass es eben ein vom Westen gesponserter Putsch war. Wenn er sagt „Westen“, dann meint er die USA.

3. Imperium USA

Sie müssen verstehen: Die USA ist das mächtigste Land der Welt, es gibt 200 Länder auf der Welt und die USA sind das mächtigste und darum bezeichnen wir Historiker es als Imperium. Immer wenn ich das sage, die USA sind ein Imperium, regen sich gewisse Leute auf. Ich sag dann: Regt euch nicht auf, es gab immer wieder Imperien: Es gab das britische Imperium, das römische Imperium, die Holländer hatten mal imperiale Politik, die Franzosen hatten Teile von Afrika als Kolonien. Man soll sich bitte nicht aufregen über den Begriff „amerikanisches Imperium“. Man soll sich auch nicht aufregen, wenn ich sage, Paris liegt in Frankreich. Das sind einfach Facts. Dann muss man sich daran gewöhnen, dass man diese Fakten anspricht. Dann kann man sich fragen, ist das Imperium wohlwollend gegenüber der Welt ist oder ist es ein Imperium, das rücksichtslos seine eigenen Interessen durchsetzt. Über das kann man diskutieren, aber man kann nicht darüber diskutieren, ob die USA ein Imperium ist, oder nicht.
Wie beurteilen wir, als Historiker, ein Imperium? Zuerst schauen wir: Wer hat die Welt-Reservewährung? Und die hat die USA, das ist der Dollar. Das ist nicht der Euro, auch nicht der Yen, nicht der Rubel und auch nicht der Schweizer Franken, sondern das ist der Dollar. Das ist die wichtigste Währung. Und meistens hat ein Imperium die wichtigste Währung. Die Dollars können Sie übrigens in den USA gratis drucken, seit die Golddeckung aufgehoben worden ist. Dann hat die USA das größte BIP, das Bruttoinlandsprodukt, das können Sie messen, das sind 14500 Milliarden, das ist jetzt eine Zahl, die Sie in der Schule nicht lernen, weil das ist eine Zahl, die ist so abgehoben, dass man sie sich auch nicht merken kann. Aber trotzdem, es ist einfach das größte BIP, die größte Wirtschaft. Immer wieder werden Sie erleben, dass sich die Leute überlegen, ob sie das Imperium kritisieren sollen, oder lieber nicht, weil natürlich alle Wirtschaftsbeziehungen haben mit dem größten Wirtschaftsraum der Welt.

Und was ich sehr spannend fand, in Amerika, im Februar 2015, hat ein amerikanischer Geostratege, George Friedman, den ich noch nie getroffen habe und den ich auch nicht sehr schätze, muss ich offen sagen, aber trotzdem interessant, was er gesagt hat. Er hat einen Vortrag gehalten in Chicago und er hat gesagt: „Wir sind ein sehr junges Imperium, wir wollen nicht einmal darüber nachdenken, dass wir ein Imperium sind…“ Das hat er zu den Amerikanern gesagt, das ist ein Amerikaner, der zu anderen Amerikanern spricht.
„Aber wir sind fast ein Viertel der Weltwirtschaft. Wir werden viele Menschen sehr verärgern…“ Damit hat er Recht. Ein Imperium versucht naturgemäß seine Macht zu stabilisieren und zu erweitern. Mit Menschenrechten hat das überhaupt nichts zu tun, sondern das hat damit zu tun, dass man Schürfrechte kontrollieren möchte, dass man Exportwege kontrollieren möchte, dass man Militärbasen errichten möchte. Aber gleichzeitig muss man natürlich der Öffentlichkeit erzählen, dass man das nur macht, um der Welt zu helfen. Aber meiner Meinung nach stimmt das gar nicht. Ein Imperium erkennen Sie auch daran, dass es die größte Luftwaffe hat, das ist bei den USA ganz evident.

Hier ein amerikanisches Flugzeug, das Syrien bombardiert. Die haben wirklich diese überlegene Luftwaffe und ich kann mich erinnern, als ich noch ein kleiner Junge war, so 14 oder so, da ging ich ins Kino und habe diesen Film Tob Gun gesehen. Vielleicht, die Älteren unter Ihnen kennen das. Das ist ein Film mit Tom Cruise und Flugzeugen und wie alle Jungen fand ich das super: Schnelle Flugzeuge und dann noch Motorräder, da war für mich ganz klar, ist ein qualitativ hochstehender Film. Ich habe damals überhaupt keine Ahnung gehabt über internationale Politik, erst zwanzig Jahre später habe ich herausgefunden, dass, wenn man einen Flugzeugträger will, oder Flugzeuge oder mehrere Flugzeuge, muss man das Script zuvor dem Pentagon geben. War ich nat. völlig empört, weil das wusste ich ja vorher nicht, und dann schaut sich das Pentagon das Script an, ob die Verteilung von Gut und Böse so stimmt; wenn es eben nicht stimmt, bekommen Sie keine Flugzeuge und ein Film aus Pappkarton-Flugzeugen ist nicht so cool.
Das ist eben die kulturelle Macht, die die Amerikaner haben, sie transportieren eben in ihren Filmen, z. B. „American Snipers“, ihre kulturelle Analyse der Welt. Das habe ich dann mit Entsetzen festgestellt und seither schaue ich mir Top Gun nicht mehr an. Die Amerikaner haben am meisten Drohnen im Einsatz, das ist diese Drohne „Preditor“, die haben etwa 3000 Leute schon erschossen mit diesen Drohnen und der amerikanische Professor, Noam Chomsky, sagt, das ist die größte Terrorgruppe, die es gibt. Diese Drohnen, die sind unbemannt, da ist Niemand drin, das sind Soldaten am Boden mit Joystick und die schießen dann die Raketen herunter und dann sterben die Leute. Und 3000 Tote sind schon ziemlich viel. Stellen Sie sich vor, wenn Al Kaida Drohnen hätte und in der letzten zehn Jahren 3000 Leute erschossen hätte? Man fände das völlig abgefahren, würde das als extreme Form des Terrorismus bezeichnen, aber wenn das Imperium das macht, dann heißt das Terrorismusbekämpfung. Also Sie müssen immer sehr, sehr genau hinschauen, wie wird eigentlich die Sprache benutzt? Ein Imperium hat eben Interesse daran, die Sprache so zu nutzen, dass sie das hinbekommen, was man „manufacturing consent“ nennt, also Zustimmung herbeiführen. Und das funktioniert. Die Drohnen werden übrigens über den Stützpunkt Ramstein zum Teil gelenkt. Die Amerikaner haben auch am meisten Flugzeugträger, da bin ich wieder bei „Top Gun“. Da wird es ziemlich übersichtlich: Sie haben zehn Flugzeugträger, die Briten haben zwei, China hat einen, Russland hat einen. Also, da sehen Sie einfach, wer das Imperium ist, da müssen Sie nicht lange diskutieren. Die Schweiz hat auch keine Flugzeugträger. Also, das ist schon eine krasse Situation und wenn Sie die Flugzeugträger haben, dann können Sie die Weltmeere kontrollieren.
„Die USA kontrollieren alle Weltmeere,“ sagt George Friedman, „keine Macht hat das jemals getan.“ Also, die Briten hatten auch eine starke Flotte, aber alle Weltmeere, das war damals nicht möglich, weil sie nicht so schnell überall hin konnten. Daher können wir in andere Länder einmarschieren, aber sie können nicht bei uns einmarschieren. Das ist eine sehr schöne Sache…“
Also, das ist so: Sie können den Nachbarn überfallen und alles ausrauben, aber der Nachbar kann nicht bei ihnen, weil um das Haus herum haben sie zehn Flugzeugträger. Also jetzt runtergebrochen. „Wir müssen die Kontrolle über die Meere und den Luftraum behalten, denn dies ist die Basis unserer Macht.“ Also das Imperium reflektiert diese Macht, es ist kein Geheimnis in den USA, sondern die Elite in den USA ist sich völlig klar, dass sie das Imperium sind und diese Macht ausnutzten.

Natürlich – und das ist jetzt das Interessante an einer Informationsrevolution – wir stecken ja mitten in einer Informationsrevolution – diese Informationsrevolution wird überwacht. Die NSA – hier das Bild – ist der größte Geheimdienst in der USA im Bereich Signals Intelligence. Signals Intelligence ist eben die Überwachung digitaler Kommunikation, d. h. E-Mails, Twitter und Facebook, diese ganzen Social Medias. Und, man hat damals gesagt, ja gut, Obama hat das gesagt: „Niemand hört Ihre Anrufe ab.“
Es gab in Deutschland eine Diskussion, ob die Amerikaner die Deutschen abhören. Und da ist ja immer die Frage: Glauben Sie dem Präsidenten? Das ist die Frage. Der Präsident ist immer einfach der Kopf des Imperiums. Und er muss für das Imperium kommunizieren. Er kann nicht sagen: Ich möchte mich entschuldigen für den Irak-Krieg, da haben wir gelogen: Das waren ABC-Waffen. Ich würde auch gerne das Rüstungs-Budget um 90 % reduzieren und danach möchte ich in alle Länder fliegen und mich dort entschuldigen, weil wir sie bombardiert haben – das wäre eine längere Runde. Wenn Sie das machen würden, als Präsident, dann würden Sie erschossen. Das heißt, er hat eine Funktion, wenn er sagt: „Niemand hört Ihre Anrufe ab“. Ist aber nicht wahr. Es gibt eine Dramatik.
„Ausspähen unter Freunden, geht gar nicht“ hat Angelia Merkel gesagt, als klar wurde, dass auch sie abgehört wird. Das war ja die Debatte. Werden nur Terroristen abgehört oder wie oder was? Und diese Debatte ist nicht vorbei. Also das Imperium hat auch die beste Möglichkeit, die Menschen abzuhören. Heißt, wenn Sie eine E-Mail – das passiert ja manchmal – die Sie verloren haben und Sie wissen nicht mehr, was hab ich denn schon wieder geschrieben? Rufen Sie bei der NSA an, vielleicht haben die eine Kopie? Ich möchte aber sagen, dass man nicht – wenn man das weiß – nicht mehr kommunizieren sollte. Die Leute sagen: „Ich habe herausgefunden, die NSA überwacht uns, dann kommunizieren wir doch nicht mehr.“ Das hat keinen Sinn. Ich möchte eher Sie ermuntern, dass Sie untereinander kommunizieren, dass Sie sich austauschen, weil: Es gibt zwei Supermächte. Die erste Supermacht sind die USA. Und die zweite Supermacht, das ist nicht China, das ist nicht Russland, auch nicht Deutschland oder die EU, sondern das ist die öffentliche Meinung. Das ist die zweitgrößte Supermacht und darum läuft ein Kampf um die öffentliche Meinung, die zweitgrößte Supermacht. Also da dürfen Sie sich nicht Illusionen hingeben, dass um dieses Gebiet kein Kampf herrscht. Nun kann man fragen, wo ist dieses Gebiet, kann man das geographisch festmachen? Ja, das ist zwischen Ihren Ohren. Um diesen Raum wird gekämpft und zwar sehr sehr intensiv.
Wenn ich dann immer sage, das Imperium erkennen Sie daran, dass es Militärbasen hat weltweit – 700 an der Zahl – hier ein Bild von Ramstein. Da sehen Sie eben: Die Amerikaner haben eine Basis in Deutschland, nicht umgekehrt. Deutschland hat keine Militärbasis in den USA. So erkennen Sie das Imperium.
Jetzt kann man für das Imperium sagen, dass Eurasien der schwierigste Raum ist. Eurasien ist der Raum, Europa und Asien zusammengenommen. Das ist hier grün dargestellt und wenn Sie es anschauen: Ziemlich große Ecke. Und da sind die größten Rohstoffe: Zwischen dem Persischen Golf und dem Kaspischen Meer. Darum ist das Ziel des Imperiums, das sich hier befindet, diesen Raum zu kontrollieren. Aber das ist ein bisschen schwierig, denn sie sind viel kleiner und Eurasien viel größer. Nicht gerade die Schweiz, aber der Raum, der ganze Raum ist groß. Und die Amerikaner haben gesagt: Nun gut, hier haben wir Russland. Die Russen haben sehr viel Rohstoffe, Öl und Gas, die Deutschen sind sehr klug, haben sehr viel Technik, viel Wissen, wir müssen einfach verhindern, dass die Deutschen und die Russen zusammenarbeiten. Es wäre viel besser, wenn die Russen und die Deutschen sich gegenseitig erschießen, weil dann sind beide geschwächt. Einige finden das nun einen krassen Gedanken, aber genau das wurde vorgeschlagen in der amerikanischen Geostrategie. George Friedman hat in diesem Jahr Folgendes gesagt: „Die USA können als Imperium nicht andauernd in Eurasien intervenieren…“ Also da ist Eurasien, das ist eben ziemlich groß.

„Ich empfehle eine Technik, die von Präsident Reagan eingesetzt wurde gegen Iran und Irak: Er unterstützte beide Kriegsparteien! Dann haben sie gegeneinander und nicht gegen uns gekämpft. Das war zynisch und amoralisch. Aber es funktionierte. Denn die USA sind nicht in der Lage, ganz Eurasien zu besetzen. In dem Moment, indem wir einen Stiefel auf europäischen Boden setzen, sind wir aufgrund der demographischen Unterschiede zahlenmäßig total unterlegen…“
Und das ist natürlich völlig klar. Sie können diesen Raum nicht mit Truppen besetzen. Sie können natürlich Iran und Irak gegeneinander aufhetzen, das geht. Und Sie können durchaus Deutschland und Russland gegeneinander aufhetzen, wenn die Bevölkerung nicht wachsam ist. „Wir können eine Armee schlagen, aber wir können nicht den Irak besetzen… Aber wir können zerstrittene Mächte unterstützen… Auch die Briten haben damals nicht Indien besetzt, sondern einzelne indische Staaten gegeneinander aufgehetzt.“
Darf ich kurz in den Raum fragen: Wem ist dieses Zitat bekannt? Einfach, dass ich so ein bisschen sehe. Okay. Darf ich auch noch sehen, wer das noch nie gehört hat? Okay. Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, wenn hier vorgeschlagen wird, man solle Deutschland und Russland gegeneinander hetzen, wie den Irak und den Iran, der Krieg dauerte von 1980 bis 88 und forderte 400 000 Tote. Also das wird empfohlen: 400 000 Tote zwischen Deutschland und Russland und das – ich bin jetzt in der Friedensforschung aktiv – kann ich Ihnen überhaupt nicht empfehlen.
Hier haben Sie Rumsfeld, der Saddam Hussein trifft. Das hat man wieder vergessen, man glaubt die waren doch immer gegeneinander. Nein, in den 80er Jahren haben die USA Saddam Hussein unterstützt. Und über die Iran- Kontra-Affäre wurde klar, dass die USA auch den Iran unterstützt. Wenn ich das meinen Studenten sage, dann sagen die: Moment, das ist jetzt aber abgefahren: Die haben beide Seiten mit Waffen beliefert? Dann sage ich: Ja. Begriffen. Und dann sickert das so ein. Und dann sagen sie: Aber das hat jetzt nichts mit Menschenrechten zu tun. Und dann sage ich: Nochmal bitte.

„Das Hauptinteresse der USA, für das wir immer wieder Kriege geführt haben – im Ersten und Zweiten Weltkrieg und auch im Kalten Krieg -, waren die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland. Weil vereint sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann. Unser Hauptinteresse besteht darin, sicherzustellen, dass dieser Fall nicht eintritt.“
Sagt wiederum George Friedman. Er heißt Friedman, hat aber mit Frieden nicht viel zu tun. Also es geht tatsächlich um diese Beziehung. Die Beziehung Deutschland-Russland ist nicht irgendeine Beziehung, dessen müssen Sie sich klar sein. Das ist eine ganz wichtige Beziehung auf diesem großen eurasischen Raum. Wenn Deutschland und Russland Freunde sind – das würde ich Ihnen empfehlen, dann haben sie mehr Macht. Wenn Deutschland und Russland sich gegenseitig erschießen, dann haben sie weniger Macht.
Ich habe mich gefragt: Ist das in der Politik diskutiert worden, also diese Idee, Deutschland und Russland gegeneinander zu hetzen, und da gibt es dieses Zitat von Sarah Wagenknecht von der Partei die Linke, hier im Bundestag in Berlin, jetzt im März 2015:
„Die spezifischen US-Interessen in Europa, die hat vor kurzem der Chef von STRATFOR in eindrucksvoller Offenheit erläutert: Hauptinteresse der USA sei es, ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland zu verhindern, weil vereint sie die einzige Macht sind, welche die USA bedrohen könnten.“ Und das hat natürlich auch die Kanzlerin gehört, das heißt, diese Dinge werden in der Politik diskutiert.

Also, Sie zu Hause vor dem Fernseher, hören das selten. Es ist einfach nicht etwas, was in den ARD- Abendnachrichten kommt und es ist auch nicht etwas, was Sie auf Pro 7 hören. Darum plädiere ich dafür, dass man selber aktiv wird und sagt: Okay, ich google mal George Friedman. Ein Kollege hat mir gesagt, er habe gesagt, man solle Deutschland und Russland gegeneinander hetzen und dann können Sie das auf Youtube anschauen. Das ist die neue Medienkompetenz. Das wird kommen. Ich persönlich schaue trotzdem noch Champions League, aber man muss dabei unterscheiden: Was ist Unterhaltung – man kann dabei auch völlig verblöden – und was ist Weiterbildung. Und man soll nie sagen: Ich bin gerade auf Weiterbildung, weil ich gerade die Tagesschau schaue – das ist eben zum Teil überhaupt nicht Weiterbildung. Das muss man sich klar sein. Also Medienkompetenz ist sehr gefordert im 21 Jahrhundert.

4. Nato-Osterweiterung

Wir haben nun das Imperium USA besprochen und ich möchte mit Ihnen nun zu dem sehr wichtigen Punkt Nato-Osterweiterung kommen.
Putin ist der böse Mann im Moment – Sie haben vielleicht mitbekommen, die internationale Politik, so wie sie von den Medien erklärt wird, ist ganz einfach, es ist immer die Jagd nach dem bösen Mann. Der böse Mann wechselt dauernd, Saddam Hussein, Khaddafi, wenn er weg ist, haben wir das Gefühl, es ist wieder gut, kommt ein neuer böser Mann, Bin Laden, dann muss der getötet werden, oder Milosevic, d. h. es ist immer diese Jagd, mal ist es Assad, jetzt ist es Putin. Es wird immer erklärt: In der internationalen Politik geht es darum, den bösen Mann zu erwischen und zu töten. Es heißt nie: Es geht um Einflusssphären, es geht um Militärstützpunkte, es geht um Rohstoffe. Und da muss ich Ihnen einfach sagen: Diese Geschichte von dem bösen Mann, das ist eine Geschichte für die Blöden. Das stimmt so nicht. Weil wenn Sie dann erkennen, dass der böse Mann manchmal unterstützt wird mit Waffen, dann würden die Kinder sagen: Aber Mama, warum gibt man denn dem bösen Mann diese schnellen Waffen, diese gefährlichen Waffen? Da wüsste dann Mama auch nicht, was sagen, aber ich sage nur: Saddam Hussein wurde ja zuerst unterstützt und dann wurde er zum bösen Mann. Und diese Dinge laufen jetzt wieder, Putin ist der böse Mann, er ist immer in den Medien, weniger in den USA wir diskutiert, ob diese Karrikatur des Bösewichts, ob die so richtig ist, oder nicht. Noam Chomsky, den ich sehr empfehlen kann, den ich sehr schätze, wenn Sie nicht wissen, was googeln, googeln Sie Noam Chomsky. Sehr interessante Analysen. Er sagt: „Putin… hat illegal gehandelt. Aber ihn als verrücktes Monster darzustellen, das krank im Gehirn ist und Alzheimer hat, als eine böse Kreatur mit Rattengesicht, das ist bester Orwellscher Fanatismus.“

Orwells ist eben ein britischer Schriftsteller, der 1984 geschrieben hat. „Was immer man über seine Politik denkt, sie ist verständlich.“ Chomsky macht hier etwas, was man fast nicht mehr machen darf in den Mainstream-Medien. Er sagt: Putin muss man verstehen. „Die Idee, dass die Ukraine einem westlichen Militärbündnis beitreten könnte, wäre für jeden russischen Staatschef inakzeptabel.“

 

Und das sehe ich genau gleich. Wir haben uns viel zu wenig in den russischen Kopf hineinversetzt und uns gefragt: Ist es denn für die Russen möglich, die Ukraine in die NATO hineinzulassen? Und die Antwort ist ganz klar: Nein. Jetzt gibt es noch einen anderen Bösewicht im Spiel, der heißt General Breedlove. Ich finds interessant, dass die Friedman und Breedlove heißen. Die Kollegen, die ziemlich krass drauf sind. Und das ist ein amerikanischer General. Die Leute haben ja gerne ein Feindbild. Volker Pispers hat mal gesagt: „Wenn der Feind bekannt ist, hat der Tag Struktur.“ Und da hat er ja völlig Recht. Und jetzt ist die Frage: Ist das das bessere Feindbild- oder das? Das eine wäre das Feindbild Nato. The Supreme Allied Commander Europ (SACEUR) ist Breedlove und man könnte den natürlich genauso durch die Medien ziehen, dass die Leute sagen, der Breedlove ist zuständig für den Krieg in der Ukraine. Aber das Entscheidende ist: Das passiert nicht. Sie bekommen Putin dauernd präsentiert und Breedlove praktisch nie. Darf ich fragen: Wem ist Breedlove überhaupt bekannt? Okay, das ist ein Teil. Noch der Vollständigkeit halber: Wem ist Putin bekannt?
Die NATO-Osterweiterung – da ist die BRD, da ist die DDR, ist ja etwas, was die Leute noch im Kopf haben. Kommen Sie mit mir bitte mit hier ist die DDR. Da ging es darum, dass man nach dem Fall der Berliner Mauer gesagt hat, man möchte Deutschland wiedervereinen. Und ich finde das eine sehr gute Sache, dass Deutschland wieder vereinigt wurde. Das hat aber bedingt, dass die DDR von russischen Panzern freigeräumt wurde. Ja. Die Russen unter Gorbatschow mussten Ihre Panzer aus der DDR abziehen. Erst danach konnte Deutschland wiedervereinigt werden. Ich hätte es besser gefunden, das ganze Deutschland wäre neutral geblieben. Aber man hats dann in die NATO genommen. Das heißt, den ganzen Teil. Ganz Deutschland – Sie sind sicher darüber informiert – ist jetzt Teil Nato-Mitglied. Man muss den Russen dankbar sein, dass sie damals ihre Truppen abgezogen haben, ohne einen Schuss zu feuern. Das ist einfach vergessen gegangen. Das ist jetzt 25 Jahre her, wir sind hier in Berlin, haben 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs und das sind natürlich Dinge, die mich als Historiker bewegen. Wie kann es denn sein, dass jetzt die Russen in den Nato-Ländern für alles Üble und Böse verantwortlich gemacht werden, obschon sie doch ermöglicht haben, dass damals Deutschland wieder vereinigt werden konnte, ohne dass jemand getötet wurde. Sie haben zugesagt, dass die DDR von russischen Truppen befreit werden kann. Gorbatschow hat gesagt, sie ziehen sich zurück, aber er hat gesagt, er möchte nicht, dass die Nato sich weiter ausdehnt und die Amerikaner haben das damals versprochen. Der Fehler der Russen war, dass sie das nicht schriftlich haben. Ja, das ist ein grober Fehler, ich weiß auch nicht, was sie sich überlegt haben. Aber eine solche Aussage würde ich unbedingt das nächste Mal schriftlich einholen, weil dann könnten die Russen jetzt dieses Dokument vorlegen. Können sie nicht. Aber es gibt halt immer wieder diese Aussage, dass man das versprochen hat.
Natürlich haben die Amerikaner danach dieses Versprechen gebrochen. Polen kam in die Nato hinein, Estland, Lettland, Littauen, Tschechei, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Kroatien. Die Türkei war schon zuvor in der Nato, aber Sie sehen, die Nato ist nach Osten gegangen, darüber gibt es unter Historikern überhaupt keinen Zweifel. Und was man jetzt tut – man möchte gerne noch dieses Stücklein und das ist eben die Ukraine. Dann ist man noch näher an Moskau. Das ist meiner Meinung nach die Strategie der Nato. Ich sage immer, wenn Napoleon von hier gestartet wäre, hätte er einen kürzeren Weg gehabt. Und das ist aber für jeden offensichtlich. Und das, meine Damen und Herren, ist Geostrategie. Als der Nato-Gipfel in Wales war, kam Pro 7 auf mich zu und hat gefragt: „Herr Ganser, Sie sind doch Nato-Experte, können Sie nicht etwas sagen zum Ukraine-Krieg?“ Sag ich: „Ja, kann man machen“. Kamen die mit einem Kamera-Team. Und dann habe ich ihnen in die Kamera erklärt:
„Sehen Sie, das Hauptproblem im Ukraine-Krieg ist der Wille der Nato, die Ukraine in die NATO hineinzunehmen – das ist das Hauptproblem. Die NATO hat sich in den letzten 25 Jahren systematisch nach Osten ausgedehnt.“ – „Vielen Dank, Herr Ganser, sehr interessant, alles im Kasten.“
Am nächsten Tag bekomme ich eine E-Mail, da heißt es: „Sehr geehrter Herr Ganser, aufgrund der sich überstürzenden Ereignisse konnten wir Ihren Beitrag nicht senden. Mit freundlichen Grüßen.“
Und das ist natürlich der Punkt. Wenn Sie Putin kritisieren, kommen Sie in den Abendnachrichten, wenn Sie die NATO-Osterweiterung kritisieren, wird das rausgeschnitten. Und die Leute haben das Gefühl, dass das nicht auffällt. Aber irgendwann wird man bemerken, dass dieser Punkt viel zu wenig beleuchtet wird.
Gorbatschow hat 2009 Folgendes gesagt, damals sind Albanien und Kroatien eingetreten: Deutschland und die USA hätten ihm nach der Wiedervereinigung 1990 versprochen, dass die Nato sich keinen Zentimeter nach Osten bewegen würde. Leider nicht schriftlich. Kohl, Genscher, Gorbatschow. Dann fehlt noch der frühere Präsident Bush. Das war eigentlich die Abmachung: Dass man gesagt hat: Ja, DDR könnt ihr in die Nato nehmen, aber wir dehnen uns nicht weiter aus. Jetzt, klar, die Ukraine wäre ein Riesenschritt weiter in Richtung Ausdehnung der Nato. Leider bin ich fest davon überzeugt, dass die Nato dieses Ziel verfolgen wird. Die Russen werden das aber nicht zulassen. Sie werden eher die Ukraine in einem Bürgerkrieg zerstückeln, als dass sie die ganze Ukraine in die Nato hineinlassen. Und da haben Sie genau diese Entwicklung, die Friedman sagt, er sagt: Es wäre doch noch gut, wenn deutsche Nato-Soldaten in der Ukraine am Schluss Russen erschießen. Also hier haben Sie die Rattenfalle. Sie steht bereit. Man kann da reintappen, oder auch nicht. Natürlich: In den Abendnachrichten wird das dem Volk erklärt. Hier wird erklärt 2014: „Putin hat dafür gesorgt, dass Krieg in unserem Teil der Welt wieder denkbar geworden ist. Er ist kein Partner mehr, er ist Gegner.“
Und das ist ja jetzt der Kommentar. Der Kommentar im Ersten Deutschen Fernsehen, d.h., hier wird für alle gedacht. Und für die, die es noch nicht ganz mitbekommen haben: Es ist ja ganz klar, Putin ist nicht mehr Partner, sondern Gegner. Es wird nicht darüber reflektiert, dass die Nato sich weiter ausgebreitet hat. Es wird nicht reflektiert über die Nato-Osterweiterung, es wird nicht darüber reflektiert, dass Russland es Deutschland ermöglicht hat, sich friedlich wieder zu vereinigen. Das ist nicht mehr drin. Das wird einfach unter den Tisch geschmissen. Er hätte auch sagen können: US-General Breedlove, Saceur heißt primeur commander Europe, er ist einfach der höchste General der Nato in Europa, das ist übrigens immer ein Amerikaner, nicht nur zufällig. Die Amerikaner kontrollieren die Nato, alle anderen dürfen mitmachen, aber die Amerikaner haben das Sagen. Man hätte ja auch sagen können. Er hätte ja auch sagen können: Breedlove hat dafür gesorgt, dass Krieg in unserem Teil der Welt wieder denkbar ist. Er ist kein Partner mehr, er ist Gegner. In Amerika gibt es natürlich Professoren, die das kritisch hinterfragen. John Mershheimer in der University of Chicago hat gesagt: „Man stelle sich die Empörung in Washington vor, wenn China ein mächtiges Militärbündnis schmiedete und versuchte, Kanada und Mexico dafür zu gewinnen.“ Stellen Sie sich das einmal vor. Sie müssen in der Friedensforschung nur etwas ganz Einfaches machen: Sie müssen die Rollen vertauschen. Erinnern Sie sich, als Frankreich Libyen bombardierte, 30 000 Tote? Stellen Sie sich vor, Khaddafi hätte Frankreich bombardiert, 30 000 Tote. Wäre irgendwie anders gewesen. Oder wenn sich Russland ausgedehnt hätte und Mexico und Kanada in ein Militärbündnis hineingenommen hätte. Sie sind gefordert. Die Medienkompetenz spielt im 21 Jahrhundert eine ganz große Rolle. Sie müssen sich entscheiden, ob sie Pro 7 oder Sat 1 schauen. Schwierige Antwort.
Jetzt haben Sie schon sehr viel gelernt: Sie wissen, der Regime Change in der Ukraine ist wie ein Wechsel im Fußball, das Assoziierungsabkommen enthielt militärische Elemente, Sie wissen, die USA ist das Imperium und sie wissen, die Nato hat sich in den letzten 25 Jahren nach Osten erweitert.

5. Regime Change Iran 1953

Jetzt möchte ich mit Ihnen das Thema Regime Change historisch vertiefen und mal eine Reise in den Iran machen. Man fragt ja: Hat es das schon einmal gegeben, Regime Change, und ich sage: Ja, klar, das hat es schon öfters gegeben. Im Iran haben Sie den iranischen Präsidenten Mossadegh, der wurde gestürzt 1953, weil er das Erdöl des Iran verstaatlicht hat. Ich habe das in einem Buch ausführlich beschrieben, kleine Schleichwerbung. Es heißt ja immer dieser Vortrag ist mit Produktplatzierung. Also wer das genauer wissen will, kann das im Buch „Europa im Erdölrausch“ lesen. Da ist es beschrieben. Es ist einfach gesagt, der amerikanische Geheimdienst CIA und der britische Geheimdienst MI6 haben den Präsidenten Mossadegh gestürzt. Das war natürlich völlig illegal. Meine Studenten fragen mich manchmal: Darf man das? Nein. Natürlich nicht. Wird`s denn gemacht? Sag ich: Ja. Man macht Chaos. So macht man einen Regime Change. Man macht Chaos im Land. Die CIA hat sich in einigen Fällen als Kommunisten verkleidet. Dann hat man gesagt, hier sind die Kommunisten, die Terroranschläge inszenierten. Also der Vorstellungswelt sind da keine Grenzen gesetzt. Man muss einfach das Land ins Chaos stürzen. Ich bin völlig damit einverstanden mit dieser Analyse: „Außenpolitik war und ist Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte.“ Oskar Lafontaine hat das gesagt und da geht es jetzt nicht um die Jagd nach dem bösen Mann. Mossadegh war ja kein böser Mann. Er wurde demokratisch gewählt. Trotzdem hat man ihn gestürzt. Und das haben die Iraner dann auch gemerkt. Haben geschrieben: Yankees, go home. Das war noch vor Facebook. Damals hat man noch mit Pinsel an die Wand gemalt. Die Iraner haben schon gemerkt, das ist ein schwieriger Moment, aber die Amerikaner haben es durchgezogen. Übrigens, das ist interessant: Die Briten hatten zuvor 100% des iranischen Erdöls kontrolliert über BP, Britisch Petroleum. Und dann haben sie den Regierungssturz gemacht, die Amerikaner haben mitgemacht und haben zu den Briten gesagt: Aber dann wollen wir einen Teil des Erdöls. Dann mussten die Briten ihnen den Teil des Erdöls geben, ich glaube, sie haben dann auch halb, halb gemacht. Also so läuft das, die Beute wird unter den Räubern aufgeteilt. Dann kam die Entschuldigung: Schon im Jahr 2000, das sind rund 50 Jahre später. Das geht also ziemlich lange.
„Es ist einfach zu verstehen, dass viele Iraner diese amerikanische Intervention in ihre inneren Angelegenheiten missbilligen.“
Damals amerikanische Außenministerin Madeleine Albright, (Secretary of State = Außenministerin). Heute haben wir aber den Eindruck, der Iran ist ein böses Land. Schon wieder dieses Gefühl: Wer ist gut, wer ist böse. Aber wenn die Iraner die Regierung in den USA 1953 gestürzt hätten – ne – wäre heikel gewesen, sag ich jetzt mal so als Schweizer, wir haben da ja nichts zu sagen – ne heiße Sache. Also nochmal: Regime Change: Out Mossadegh, In: General Faziollah und der Schah hinter ihm. Was hat Faziollah gemacht? Er hat die Verstaatlichung des Erdöls rückgängig gemacht. Nochmal: In der Ukraine kam Janukowitsch raus, Poroschenko rein, Janukowitsch wollte nicht in die Nato, Poroschenko möchte in die Nato. Das ist nicht sehr kompliziert. Mossadegh wollte das Erdöl verstaatlichen und die Briten haben sich gesagt, wäre ja noch schöner, wenn die Iraner ihr eigenes Erdöl kontrollieren und dann haben sie einen anderen General eingesetzt.

6. Regime Change Guatemala 1954

Kommen Sie mit mir nach Guatemala, kleines Land in Mittelamerika. 1954 wurde da Jakobo Arbenz, Sohn eines Schweizer Einwanderers gestürzt. Warum. Wieder ging es um Wirtschaftsinteressen. Arbenz wollte eine Landreform durchführen und Landbesitzer über 270 ha gegen Entschädigung enteignen. Das heißt, Sie haben natürlich in Guatemala eine Situation gehabt mit großen Landbesitzern und vielen Arbeitslosen. Da hat man gesagt, soll doch jeder Bauer ein kleines Stück haben, dann ist er immerhin Selbstversorger. Diejenigen, die ein großes Stück Land hatten, fanden das nicht so cool und die amerikanische United Fruit Company, heute Chiquita, welche in Guatemala ein riesiges Imperium besaß – Bananenproduktion – es geht nicht immer um Erdöl. Die Leute fragen mich: Geht’s immer um Erdöl? Sage ich nein, manchmal geht es um Bananen. Es geht immer um Wirtschaftsinteressen. Sehr differenziert muss man das anschauen. Und sie haben dann Arbenz 1954 durch die CIA stürzen lassen. Also hier geht’s um Bananen. Gekämpft wurde damals um … Es ist immer das Gleiche: Die CIA hat lokal vor Ort Leute mit Waffen ausgerüstet, die haben die Arbeit dann gemacht. Sie können immer in einem Land Leute ausrüsten. Die machen ein Chaos und am Schluss geht der Präsident. Das geht schon. Es klappt nicht immer, aber das ist die Operation in Guatemala.
Wer waren die Drahtzieher? Es waren Männer, überraschenderweise, es waren Amerikaner, in diesem Fall Außenminister John Forster Dulles und Dwight Eisenhower, der Präsident. Also Eisenhower hat die Regierung in Guatemala gestürzt und er hat die Regierung im Iran gestürzt. Das heißt, bis jetzt haben Sie mitbekommen, dass die Amerikaner schon verschiedentlich Regierungen gestürzt haben und die amerikanischen Historiker untersuchen das auch.
Ein Kollege von mir, Nicolas Cullather – er ist eben einfach auch Historiker, wir kennen uns nicht, wir arbeiten nicht zusammen, aber er hat 1992 ein Buch über diesen Regime Change in Guatemala geschrieben. Das heißt, die CIA schreibt immer dann auch ein Buch, wie sie das genau gemacht haben. Ich weiß nicht, ob es irgendwann einmal ein Buch zur Ukraine gibt, das würde ich dann gerne studieren, aber das haben wir im Moment nicht. Das ist der Neue, Castillo Armas, wird am 1. September 1954 neuer Präsident von Guatemala und macht die Landreform rückgängig. Erinnern Sie sich an dieses Fußballbeispiel? Der muss schon etwas Anderes bringen, sonst können sie den alten Mann drinlassen. Sie machen einen Regime Change und der Neue lässt die Landreform weiterlaufen – das ist ein Witz, oder? Er muss das ändern. Also nochmal: Dieser Mann, Jacobo Arvenz Out, Castillo Armas rein.

7. Regime Change

Kuba 1962. Hier hat man gesagt, Fidel Castro muss weg. Das war die Idee, Fidel Castro wurde angegriffen, im Rahmen der Schweinebucht-Invasion am 29. April 1961. Die CIA hat versucht, Fidel Castro zu stürzen. Aber Fidel Castro und Che Guevara waren 1954 in Guatemala, als Arvenz gestürzt wurde und sie haben das ganz genau beobachtet. Da wurden sie dann nicht gestürzt, wie sie haben die Regime Changes im Auge gehabt. Hier wieder ein Buch, eine ganz spannende Lektüre, das ich zur Kuba-Krise mal geschrieben habe. Und da erkläre ich, dass im Moment, als die CIA Kuba angreift, wird das Land bombardiert. Dann gehen die Kubaner in den Sicherheitsrat der UNO und sagen: „Wir werden gerade bombardiert.“ Dann sagt der amerikanische Botschafter: „Wir haben damit nichts zu tun.“ Dann sagt der kubanische Vertreter: „Aber ihr bombardiert uns gerade. Ihr versucht, unsere Regierung zu stürzen.“ Da sagt der amerikanische Botschafter – ich habe die Original- Dokumente gelesen – er sagt: „Nein, das ist die kubanische Luftwaffe. Die ist so entrüstet über dieses diktatorische Fidel-Castro-Regime, dass sie desertiert und bevor sie das Land verlässt, noch das eigene Land bombardiert.“ Das ist schon krass. Da werden also alle Geschichten herumgereicht. Und interessant fand ich dann: Wie reagieren die Franzosen und die Briten, die sind ja auch im UNO-Sicherheitsrat. Und die sagen: „Wenn unser ehrenwerter Kollege aus den USA das sagt, dann muss es ja wohl stimmen.“
Fidel hat sich dann den Russen sozusagen an die Wange geworfen. Das ist also Chrustschow, hier rechts im Bild und Chrustschow hat dann Militär-Raketen in Kuba stationiert. Das war die Missiles-Crisis, die Kuba-Krise, ganz, ganz gefährliche Situation. Also, der Chrustschow ist der Vor-, Vor-, Vor-, Vorgänger von Putin, wenn sie so wollen. Und dann hat man versucht, Fidel Castro zu stürzen und hat gesagt – das Pentagon hat gesagt: Wir müssen die Amerikaner davon überzeugen, dass Fidel gefährlich ist. Dann können wir einen Regierungssturz durchziehen. Man hat gesag: „Wir sollten in den USA Terroranschläge machen und Castro anhängen und wir sollten in Cuba ein amerikanisches Schiff sprengen, auf Guantanamo Bay, (Amerikanischer Militärstützpunkt, der ist bekannt) und sagen, Fidel Castro wars.“ (Es wird ein Schriftstück eingeblendet)
Das ist das Dokument, das wir heute haben (Wortlaut, von Dr. Ganser vorgelesen): „We could blow up a US-ship in Guantanamo Bay and blame Cuba“, das heißt übersetzt: „Wir könnten ein amerikanisches Schiff in die Luft sprengen und es Fidel anhängen.“ Weil, das macht richtig schlechte Stimmung. Ja? Sie sprengen etwas und sagen, der andere war’s. Eigentlich eine einfache Taktik. „We could develop a Communist Cuban terror campaign in the Miamy Area, in other Floria cities and even in Washington. Exploding a few plastic bombs in carefully chosen spots…”
Das heißt eine Terrorkampagne machen. Und die Leute fragen mich immer: Herr Ganser. Das ist jetzt übel. Inszenierter Terror. Verdeckte Kriegsführung. Was sind das für Leute? Ich sag immer: Die sehen so aus. (Ein Schwarz-weiß-Foto wird eingeblendet) Das sind die Leute. Die ziehen die Fäden und die sehen aus wie mein Großvater. Sie sehen nicht böse aus, sondern sie wollen den Sieg. Sie sind Militärs und sie sagen: Töten müssen wir so oder so, Täuschung gehört dazu. Nochmal zum Fußball. Wenn Sie im Fußball zum Gegner laufen, sagen Sie nicht, ich geh dann hier rechts durch und werde dann den Ball hoch ins obere Eck spielen. Neinein, sondern Sie täuschen noch etwas an. Ich könnte das nicht, aber sie proben das ja. Täuschen ist immer das Ziel, aber beim Fußball gibt’s keine Toten. Und hier ist natürlich diese Operation Northwoods ein Beispiel, wie das amerikanische Pentagon plant, einen Angriff auf die eigene Bevölkerung zu machen. Der Mann, der es unterschreibt ist hier Lemnon Lemnitzer (?) Chairman oft he joint chief of staff (?), das ist der höchste General im Pentagon. Ich kann Ihnen sagen: Mit diesem Dokument kann ich nachweisen, dass das Pentagon inszenierten Terror geplant hat. Geplant. Das ist bewiesen. Aber: Es wurde nicht ausgeführt. Warum nicht? J. F. Kennedy, damals Präsdident, hat gesagt: Das ist völlig abgefahren, das machen wir nicht. Und dann wurde Kennedy getötet.
Hier: Für diejenigen, die jetzt schon länger dabei sind in der Vorlesung: Regime Change: Vorher, nachher. (Es werden zwei Fotos von Fidel Castro eingeblendet.) Und wenn das die gleiche Person ist, dann hat der Regime Change nicht funktioniert. Das ist dann kein Regime Change. Ich habe mir gesagt, wir wollen das Thema ganz systematisch aufarbeiten.

8. Regime Change USA 1963

Jetzt Regime Change in den USA 1963: Sie erinnern sich: Kennedy fährt am 22. November 63 durch Dallas. Ganz wichtiger Moment in der amerikanischen Geschichte. Und hier weiß er noch nicht, dass er in den nächsten Minuten erschossen wird. Hier wird er erschossen und dann geht die Sache so weiter: Die Polizei nimmt sofort Lee Harvey Oswald fest – das ist kurz danach – und dann wird Lee Harvey Oswald erschossen – zwei Tage nach dem JFK-Mord. Und zwar von Jack Ruby. Und dann überschlagen sich die Dinge. Drei Jahre danach stirbt auch Jack Ruby. Und das macht es jetzt für die Forscher richtig schwierig. Wir haben drei Tote übereinander gelagert. Das macht es richtig schwierig.
„Kennedy slain on Dallas street. Johnson becomes President“ (Schlagzeile wird eingeblendet) – das ist der Regime Change in den USA: Einer geht weg, der andere kommt rein. Und es ist natürlich klar, wer reinkommt. Wenn der Präsident erschossen wird, kommt immer der Vize-Präsident. Das ist die Regelung. Das ist die Zeitung vom 23. November, die Leute werden informiert. Und dann ist das Interessante: Der Neue, der reinkommt, ist derjenige, der den Regime Change untersuchen muss. Also hier haben Sie den Warren Report – immer ein dickes Buch – macht sich gut. Der untersucht, wer den Präsidenten erschossen hat und Johnson bekommt das Buch. Der Bericht sagt, dass Lee Harvey Oswald, ein 24-Jähriger, eben Kennedy erschossen hat und jetzt selber tot ist und sich darum zum Fall nicht mehr äußern kann. Natürlich gibt es in den USA viele Leute, die sagen, das stimmt nicht, es war nicht ein Einzeltäter, und das kann ich jetzt hier nicht ausführen. Gestritten wird vor allem über John Connally. John Conally saß vor Kennedy und er wurde auch angeschossen, ist aber nicht gestorben. Sie sehen früher, das war ein offenes Fahrzeug – das würde man heute nicht mehr machen – aber dieses offene Fahrzeug hat dazu geführt, dass hier Kennedy und hier Connally – als die Schüsse kamen, gingen einige Schüsse durch Kennedy und einige durch Connally und Kennedy starb und Connally nicht. Auch Jackelyne, die Frau von Kennedy, überlebte. Und über was jetzt gestritten wird, ist diese eine magic bullet – also die ging so durch Kennedy und dann hat sie die Flugrichtung gewechselt und ist dann so durch Connally. (Die auf die Leinwand projezierte Skizze zeigt eine abgeknickte Flugroute der Kugel, die unmöglich ist). Und so steht es im Abschlussbericht. Da habe ich nicht viel zu sagen, ich kann nur sagen, Regime Change: Out – Kennedy, IN – Johnson. Das ist der Regime Change in den USA und der beschäftig die Historiker bis heute.
Ja – Jetzt haben Sie schon sehr viel gelernt: Wir waren im Iran, wir waren in Guatemala, in Cuba, in USA – gehen wir noch nach Chile.

9. Regime Change Chile 1973

In Chile haben Sie Salvador Allende. Er ist ein Arzt, er wurde 1970 demokratisch gewählt, vom Volk – und da möchte ich Ihnen erklären: Es wird immer gesagt, Regime Change wird immer gemacht, um einen bösen Diktator loszuwerden. Das stimmt überhaupt nicht. Regime Changes macht man immer, wenn die wirtschaftlichen und strategischen Interessen das für vorteilhaft erachten. Auch wenn mal ein demokratisch gewählter Arzt gestürzt wird. Er hat daher den Hass der USA auf sich gezogen, weil er sich mit Fidel Castro getroffen hat – und Nixon – dann amerikanischer Präsident, wollte Allende loswerden. Er hat sich mit Henry Kissinger getroffen und zusammen haben sie beschlossen, Allende zu stürzen. 11. September. Dieses Datum ist allen in Erinnerung. 11.September 73 in diesem Fall – am 11. September 1973 wurde der Präsidentenpalast bombardiert. Das war ein bisschen ein gröberer Regime Change. Ist man mit der Luftwaffe gekommen und hat den Präsidentenpalast bombardiert . Allende kommt raus und sieht, die Lage ist verloren. Das Militär übernimmt. Er stirbt am selben Tag – vermutlich am Schluss durch Selbstmord. Ist nicht ganz gesichert, aber so sieht es aus.
Es ist jedenfalls diese Version, die ich am überzeugendsten finde. Er hat gesagt, er würde nicht in Haft gehen und hat sich erschossen. Rein kam Pinochet – und Pinochet war eben nicht ein Fortschritt für Chile, sondern Pinochet hat die Leute gefoltert, 3200 Morde und 38 000 Fälle von Folter. Eigentlich eine ganz üble Geschichte. Und trotzdem hat natürlich Kissinger Pinochet unterstützt, weil es waren die strategischen Interessen. Das heißt, diese Idee, dass man sagt, ein Regime Change wird gemacht, um den Leuten zu helfen, können Sie völlig vergessen. Ein Regime Change wird immer gemacht, um militärische und wirtschaftliche Interessen wahrzunehmen. So: Out – Salvador Allende, IN: Pinochet. Und Sie sehen langsam das Muster: Bis jetzt haben wir erarbeitet – es gab schon viele Regime Changes, ich habe gar nicht alle hier aufgezeichnet – Ich möchte jetzt noch mit Ihnen zu dem neuen Regime Change kommen in Afghanistan.

10. Regime Change Afghanistan 2001

Man fragt mich: Gibt’s das heute noch – Regime Changes? Sage ich: Ja, klar. Wo waren Sie denn die letzten zwanzig Jahre? Der Afghanistan Regime-Change hat mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 angefangen. Man hat damals gesagt: Das war Osama bin Laden, der ist in Afghanistan, also ist man nach Afghanistan gegangen und hat das Land bombardiert. Natürlich, ich weiß, zu 9/11 wird gestritten, vor allem über diesen Einsturz von World Trade Center 7, das dritte Gebäude, das nicht von einem Flieger getroffen wurde. Ich möchte heute nicht vom 11. September referieren, aber ich möchte sagen, diese Terroranschläge müssen weiter untersucht werden, weil es natürlich die Basis für den Regime Change in Afghanistan war. Was war der Regime Change? Schon am 7. Oktober 2001, also weniger, als 3 Wochen nach 9/11 sind US-Truppen in Afghanistan einmarschiert. Und danach hat man verschiedene Bereiche des Landes durchkämmt und 2001 ist dann Kabul besetzt worden. Mullah Omar, der Anführer der Taleban, der ein blindes Auge hat, wurde gestürzt. Und der sieht jetzt wieder für einen Europäer nicht sehr sympathisch aus. Ich weiß es nicht – würde man jetzt nicht als Nachrichtensprecher wählen. Aber es bedeutet einfach, da wurde irgendein unsympathischer Typ gestürzt. Wir kennen ihn gar nicht, aber man sagt einfach, der Regime Change in Afghanistan, da wurde einer gestürzt, den ich nicht kenne. Der Neue, der reinkam, ist Hamid Karsai und das Interessante ist, er wurde hier in Deutschland gewählt. In Bonn gab es eine Konferenz und da hat man gesagt, der neue Präsident von Afghanistan ist Karsai. Das hat man in Deutschland bestimmt. Stellen Sie sich mal vor, wenn der nächste Präsident der Bundesrepublik in Afghanistan bestimmt würde. Wär irgendwie komisch, oder? Karsai hat Präsident Bush besucht und Bush hat ihn streng angeschaut im Sinne von: Junge, das schaffst du. Karsai hat aber sehr bald schon die Kontrolle über sein Land verloren und nur noch Kabul regiert. Afghanistan ist ein Chaos.
Was dann immer passiert, ist nicht nur, dass sie dann einen Krieg haben, sondern dass sie auch eine Militärbasis aufbauen. Das ist immer das Gleiche. Wenn Sie Kosovo anschauen. Da gibt es jetzt Camps… es ist immer das Gleiche, wenn Sie einen Krieg schüren, als Imperium, stürzen Sie nicht nur die Regierung, sondern Sie bauen gleich noch einen Militärstützpunkt und kontrollieren die Pipelines. Es ist wirklich wie Schachspiel. Regime Change: Mullah Omar geht raus, Karsai geht rein. Für wen man jetzt sein will, lass ich jetzt einfach mal weg, aber ich sage Ihnen, die Regime Changes, die dauern an, es läuft und läuft und läuft. Das ist für die Leute selber – für die ist das ja nicht nur eine technische Sache, sondern wir habne 220 000 Tote (seit 2001) in Afghanistan.
Es ist schon eine ganz massive Gewaltspirale, die wir heute haben, das ist die Studie der Physicians against Nuclear War, das sind Ärzte, die sich engagieren und sagen: Diese ganze Gewaltspirale, die möchten wir nicht. Interessant natürlich, dass wir auch die Bundeswehr in Afghanistan haben. Und da kommt es nun wieder ein bisschen näher an einen heran – als Europäer und als Europäerin und als Deutsche und als Deutscher. Es ist ja eine Situation, die man bis heute nicht ganz verstanden hat. Warum ist die Bundeswehr in Afghanistan? Ich sage immer: Drehen Sie das mal um und fragen Sie sich, wie würden Sie das beurteilen, wenn afghanische Soldaten durch Berlin oder durch München patrouillierten? Das fänden Sie irritierend. Und das Gleiche finden auch die Afghanen. Die finden das hoch irritierend und am Schluss wird das so sein, dass sich die Nato zurückziehen wird und das Land in einem chaotischen Zustand zurückbleibt. Klar, Merkel ist hingefahren, hat sich ein Bild gemacht und hier, die US-Army – also Dan McNeil hat ihr die Sache erklärt, wie man die eine Regierung gestürzt hat und die andere installiert hat und was noch Alles zu tun ist.
Die Leute verstehen nicht, dass die Leute in Afghanistan nicht von fremden Mächten beherrscht werden wollen. Die Leute in Afghanistan haben die Blutrache, das heißt, eigentlich bringen sich die Stämme oft untereinander um. Das war früher immer so. Wenn man die afganische Geschichte genau studiert, sieht man das. Wenn der Vater stirbt, sagt er dem Sohn noch: Der andere Stamm hat einen von uns getötet. Versprich mir: Du tötest noch einen von den anderen. Zwanzig Jahre bleibt das gespeichert. Am Schluss töten sie die anderen noch. Also sie sind in einer traurigen Gewaltspirale ganz ohne die Nato, da bräuchten sie die Nato nicht dazu. Jetzt haben sie noch die Nato da. Jetzt haben die afghanischen Stämme gesagt: Gut, die Blutrache untereinander, die stellen wir jetzt hinten an. Jetzt bringen wir erst alle Nato-Soldaten um. Und so läuft das. Und sie vergessen das nicht. Und es ist ihr Land. Sie ziehen auch nicht weg. Es ist völlig klar, wer den Afghanistan Krieg gewinnen wird und wer ihn verlieren wird: Die Nato wird ihn verlieren. Kommen wir in den Irak. Können Sie überhaupt noch? Mögen Sie noch?

11. Regime Change Irak 2003

Ich weiß, dass das nicht einfach ist, durch diese globale Gewaltspirale durchzugehen, aber ich sage Ihnen, das ist eine gewisse Form der Enttäuschung. Sie müssen die Täuschung ablegen und erkennen: Diese Gewaltspirale, an der sind wir als Europäer oder als Amerikaner beteiligt und wir müssen darüber nachdenken, was überhaupt passiert ist in den letzten Jahren. Man hat immer das Gefühl, es ist überhaupt nichts passiert, es ist alles friedlich. Aber es ist vor allem im Irak sehr viel passiert.
Der amerikanische Präsident hier im Januar 2003, Bush, hat gesagt: „Wir müssen in den Irak, weil der Irak Massenvernichtungswaffen hat.“ – Die amerikanischen Soldaten – und das zeigt nun, wie wichtig Bildung ist – sind in diesen Krieg gezogen und haben dort gekämpft und haben gedacht, Saddam Hussein sei für 9/11 zuständig. Das ist eine völlige Brainwash-Situation. Die haben überhaupt nichts begriffen. Das heißt, wenn die Leute sagen, es kommt doch nicht so genau darauf an, ob man internationale Politik versteht, oder nicht, dann sage ich: „Kann tödlich sein. Sie können als Soldat in einem Land sein, Leute erschießen, die Sie nicht kennen und einer Propaganda aufhängen, die Sie nicht verstanden haben.“

Beweisführung (für die angeblichen Massenvernichtungswaffen) war unglaublich stark: (1:04:05) Außenminister Colin Powell im Sicherheitsrat erklärt im Februar 2003, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat. (Es wird ein Bild eingeblendet, auf dem Powell ein Reagenzglas mit einer weißen Flüssigkeit hochhält). Und der „Beweis“: Bis heute wissen wir nicht, was da drin war. Könnte Malerfarbe gewesen sein. Aber ich sage Ihnen: Sie werden dermaßen frech über die Medien angelogen, dass ich es verstehe, dass die Leute das satt haben. Es kann ja nicht sein, dass das 1:1 in den Abendnachrichten geschaltet wird, ohne dass die Leute – dass irgendein Nachrichtensprecher dazu sagt: „Verehrtes Publikum, vielleicht ist das wahr, was Sie gerade gesehen haben, aber aus der Erfahrung der letzten vierzig Jahre wissen wir, dass in Kriegen sehr oft gelogen wird.“ Das wäre eine Sensibilisierung. Das würde ja gar nicht heißen, dass man sofort sagt, das ist gelogen, das weiß man im Moment ja auch nicht, aber das wäre eine Sensibilisierung. Wenn die Fernsehsender sagen, dafür haben wir keine Zeit, dann frage ich mich immer: Und danach: Die Waschmittelwerbung und das nächste: Den Müll, den man uns anvertraut, eine Mischung aus kruder Werbung und Kriegslügen. Also, da muss man sich schon fragen, warum tut man sich das an? Und was wir jetzt machen – in der Forschung – in der historischen Forschung, in der Friedensforschung, in der Forschung zur verdeckten Kriegsführung: Wir gehen rein und fragen uns: Zu was führt das? Das führt zu dem (es wird ein Bild von einer Bombardierung eingeblendet). Diese Aussagen sind nicht belanglos. Sie führen danach zu Krieg und die Kriege sind real. Sie haben einen Regime Change: Saddam Hussein geht raus und Maliki wird der neue Ministerpräsident. Ich sag immer: Ja, was ist jetzt der Fortschritt? Wir haben einen Korrupten durch einen anderen Korrupten erstetzt. Die Hoffnung ist, dass sie den neuen Korrupten besser steuern können, wenn siemerken, sie können den Neuen auch nicht steuern, geht das Ganze voll ins Chaos. Der Irak ist im Moment im Chaos, völlig im Chaos. Natürlich hat man versucht, Nuri al- Maliki zu bestärken, im Sinne von: Junge, du schaffst das, aber es hat nicht funktioniert. Diese ganze Schießerei … Wir verstehen manchmal nicht, dass Regime Change nicht nur eine theoretische Sache ist, sondern eine gefährliche Sache, eine brandgefährliche Sache. Regime Change ist wie, wenn Sie in eine Familie hineingehen und das Familienoberhaupt töten, die Frau, oder den Mann, Vater oder Mutter, so dass Sie die ganze Familie traumatisieren. Das ist Regime Change. Das traumatisiert ein Land. Im Fall des Irak haben Sie 1 Million Tote. Eine Million Tote. Und meine Studenten fragen mich: „Also, ich habe jetzt mitbekommen, 9/11 ist nicht geklärt. Ich habe auch mitbekommen, die Massenvernichtungswaffen im Irak gab es nicht. Ich habe auch mitbekommen: Dieser Irak-Krieg war ohne UNO-Mandat, also ein völkerrechtswidriger Krieg und jetzt haben wir da eine Million Tote. Irgendwann reicht‘ s. Was läuft da eigentlich. Kann man nicht in die USA gehen und Cheney und Bush anklagen, als Kriegsverbrecher?“ Und dann sage ich immer: „Das sind schon Kriegsverbrecher. Auch Blair ist ein Kriegsverbrecher. Aber wenn Sie da hinfahren und sagen: Hier, ich habe die UNO-Charta gelesen: Kein Land darf ein anderes bombardieren. Dann sagt Cheney: Ah, Sie wollen mich jetzt angreifen, als Kriegsverbrecher? Dann stehen Sie jetzt unter Terrorverdacht. Hier sind meine hundert Anwälte.“ Und das ist ja das Absurde. Wir müssen heute an den Unis der jüngeren Generation erklären, dass wir Kriegsverbrecher haben, die eine Million Leute umbringen und dann im Fernsehen auftreten und die neue Lage in der Ukraine analysieren. Es ist völlig absurd. Ich verstehe schon, dass die jungen Leute sagen: „Seid ihr bescheuert?“

12. Regime Change Libyen 2011

Noch ein Land: Libyen. Dann kommt die Ukraine. Haben wir ja gesagt. In Libyen ist es wieder so: Da ging es wieder um den bösen Mann. Also: 2011 wurde Gaddafi angegriffen und gestürzt. Wer waren die Angreifer? Obama und Sarcozy.
Haben Sie gesehen, wie eitel Sarcozy ist. Er stellt sich immer ein bisschen auf die Zehen. Machen Sie mal bitte das Bild klar: La Grande Nation. La France. Damals hatten die Franzosen und Amerikaner ein Mandat des UNO- Sicherheitsrates, aber Achtung: Das Mandat war, eine Flugverbotszone einzurichten. Was haben sie gemacht? Aus der Flugverbotszone haben sie einen Regime Change gemacht. Das ist wie wenn Sie Jemandem erlauben, das Auto vor dem Haus zu parkieren und der besetzt noch gleich das Haus. Dann sagen Sie: Das war nicht die Abmachung. Und das haben die Russen und Chinesen nicht vergessen. Sie haben damals im UNO-Sicherheitsrat zugestimmt, aber haben dann gesehen, dass Gaddafi abrasiert wurde.
Deutschland hat damals nicht mitgemacht. Was ich sehr gut finde. Deutschland werde nicht an dem Krieg gegen Libyen mitmachen. Ein Flugverbot bedeute eine militärische Intervention und Parteinahme. Das ist völlig richtig. Die Nato hat gesagt: Deutschland hat keine Ahnung. Wir bombardieren trotzdem.
Am 17. Februar 2011 hat die Nato mit der Bombardierung Libyens angefangen und danach kommt noch Fukushima. Libyen-Krieg und Fukushiam = parallel. Kein sehr guter Frühling damals 2011. Und am Schluss: Gaddafi festgenommen und getötet. Also, jetzt haben wir es: Jetzt haben wir viel gelernt. Sie wissen jetzt, die USA ist das weltweit mächtigste Imperium, sie haben schon viele Regierungen gestürzt. Jemand könnte fragen: Aber warum haben Sie nicht erklärt, wie die Sowjetunion im Kalten Krieg in Osteuropa die Länder unterdrückt hat? Ja, kann ich sagen, es ist wahr. Sie hatten keine freien Wahlen. Hatten sie nicht. Das heißt, wenn die Gefahr bestand, dass die Regierung in der Tschechoslowakei geändert werden sollte, kamen sowjetische Panzer.

13. Victoria Newland: „Fuck the EU“

Jetzt möchte ich aber dieses Zitat genau anschauen. Es ist nicht so, wie ich meinen Kindern erlauben würde, zu sprechen, aber in der Forschung müssen wir eben die Original-Zitate verwenden und das Original-Zitat ist eben: „Fuck the EU“, heißt soviel wie… „Vergiss die EU“. Kann man so ungefähr übersetzen. Die Frage ist: Wer ist diese Frau Victoria Nuland? Sie ist nicht so bekannt. Bekannter ist Vitali Klitschko. Er ist ein Boxer und die Leute können sich Boxer besser merken. Vitali Klitschko hat in diesem Regierungssturz in der Ukraine eine ganz wichtige Rolle gespielt. Er war so etwas wie eine Medienfigur. Man kannte ihn schon. Was immer er sagte wurde so als echte Berichterstattung empfunden, weil er ist ein Boxer und die Boxer schlagen sich die Köpfe ein, haben so eine kurze Hose an. Muss ein echter Kerl sein. Also wenn der was sagt, muss es stimmen. Dem Boxer glaubt man, was ja beim Politiker nicht mehr so ist. Aber die Boxer haben eine große Kredibilität. Sie ist keine Boxerin.
Victoria Nuland ist eine Mitarbeiterin vom amerikanischen Präsidenten Obama im Außenministerium und hat eine sehr hohe Funktion im Februar 2014. Und Achtung, passen Sie auf die Tage auf – die Historiker sind sehr genau mit den Tagen: Janukowitsch wurde am 20., 21, und 22. Februar, diese drei Tage, gestürzt und im Februar, 13 Tage vor dem Sturz, kommt es zu diesem Ausrutscher: Spitzendiplomatin Nuland hat „Fuck the EU“ gesagt. Und Bundeskanzlerin Merkel hat gesagt, das gehe gar nicht und fand das nicht nett. Jetzt, was ist denn da gelaufen? Nuland hat mit Geoffrey Pyatt telefoniert. Dieser Mann spielt eine ganz entscheidende Rolle beim Sturz der Regierung Janukowitsch. Geoffrey Pyatt ist der amerikanische Botschafter in der Ukraine. Und bei allen Stürzen – Chile 1973 z. B., als Allende gestürzt wurde, war immer der amerikanische Botschafter vor Ort eine Schlüsselfigur, auch Mossadegh 1953. Wir müssen also immer schauen, wie heißt der Botschafter in der amerikanischen Botschaft und was macht er genau? Das heißt, in den letzten (?) 20 Jahren, in den nächsten 5 Jahren müssen wir genau untersuchen, was Geoffrey Pyatt um Februar 2014 alles gemacht hat. Also, er hat mit Nuland telefoniert. Nuland ist ihm übergeordnet, – das sind alles Mitarbeiter im Außenministerium – sie ist höher, er ist tiefer. Er ist Botschafter, sie ist für ganz Europa zuständig. Sie sagt:
„I don’t think, Klitsch should go into the government.” „Klitsch“ ist die Abkürzung für Klitschko. „I don’t think, it’s necessary, I don’t think it’s a good idea. I think Yatzenuk is the guy. He’s got the economic experience, the governance experience.“
Also, sie sagt eigentlich im Februar voraus, wen sie in der Ukraine in der Regierung sehen möchte. Sie sagt Klitschko lieber nicht, was Klitschko nicht so toll fand – soll Bürgermeister werden oder so, aber Premierminister oder Präsident, diese beiden wichtigen Positionen wollte sie nicht. Sie sagte, Jazenjuk sollte es werden. Er sagt: “Ban Ki Moon could help clue this thing.”
Also er sagt, Ban Ki Moon könnte helfen, die ganze Sache wasserdicht zu machen. „Fuck the EU“ heißt: Die Europäer sind uns egal. Nuland ist schon sehr lange an diesem Regime-Change in der Ukraine beteiligt. Im Dezember 2013 hat sie gesagt: „Wir haben mehr als 5 Milliarden Dollar investiert, um der Ukraine zu helfen, Wohlstand, Sicherheit und Demokratie zu garantieren.“
Das hat sie in den USA erklärt und ich darf Sie darauf hinweisen, das kam in der ARD-Sendung „Monitor“. Manchmal sind die Öffentlich-Rechtlichen Sender gut. Es ist nicht alles Müll. Es gibt manchmal richtige Perlen, aber dass Sie die finden, da müssen Sie Glück haben. Es ist wie nach Gold graben. Nochmals: Der Sturz war im Februar 2014. Im November 2013 haben die Ukrainer gemerkt, dass in der amerikanischen Botschaft Dinge passieren, die die Ukraine gefährden. Es gab einen Parlamentarier, der heißt Oleg Tsarov, nicht so bekannt, und der hat am 20. November 2013 vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Er hat gesagt: „Auf unserem Territorium wird mit direkter Beteiligung der US Botschaft in Kiew das Projekt „TechCamp“ lanciert, welches einen Bürgerkrieg in der Ukraine vorbereitet. Das Projekt läuft unter der Aufsicht von US Botschafter Geoffrey Pyatt.“ Also wieder Geoffrey Pyatt einschließlich … (?)
Das ist ein Ukrainer. Die wissen natürlich, was in ihrem Land passiert. Für uns ist das immer ein bisschen schwierig. Ich z. B. spreche die Sprache nicht. Ich spreche weder Russisch, noch Ukrainisch. Ich könnte das nicht genau verfolgen. Und das ist natürlich das Wesentliche. Es kam nur über youtube. Das finden Sie gar nicht auf – wie heißen die Qualitätsmedien? Spiegel, Süddeutsche? Das müsste man dort ja diskutieren. Und was wir nicht wissen, ist, was mit den 5 Milliarden passiert ist. Wir wissen aber, dass auf dem Maidan nicht einfach friedlich demonstriert wurde, sondern es wurden einige Leute vielleicht auch bezahlt, die die Gewalt angeheizt haben. Übrigens – Leute mit einer Gewaltneigung – und die Polizei muss sich hier einfach zurückhalten. Also – es ist ja völlig abgefahren, zu sagen: Obama hat die Regierung in der Ukraine gestürzt. Das haben wir so noch nie in der Presse gelesen. Aber, was ich, als Historiker, untersuchen muss, ist, für wen arbeitet Nuland und für wen arbeitet Pyatt? Pyatt ist US Botschafter und Nuland ist die Verantwortliche in der amerikanischen Außenpolitik für Europa. Und das bedeutet, weil die internationale Politik hierarchisch aufgebaut ist, dass der Chef Obama ist. Also wenn es heißt: Es war ein vom Westen gesponserter Putsch, dann ist die Frage: Haben die USA Janukowitsch gestürzt. Da werde ich immer wieder gefragt und ich sage: Vielleicht. Die Frage muss erlaubt sein.
Interessant die Münchener Sicherheitskonferenz am 2. Februar 2014. Da war die neue Regierung noch nicht bekannt, aber die Amerikaner signalisieren immer hier, in München, was sie für politische Absichten in Europa haben und es ist gar nicht so schwierig, zu erkennen: Wir haben hier den amerikanischen Außenminister, Kerry, in der Mitte. Er gibt Klitschko den Handschlag. Der freut sich schon und denkt, er wird Präsident. Aber leider wird’s dann Poroschenko. Der ist hinten dran. Da ist eben dieses Telefonat und Jazenjuk hier rechts wird Premierminister. Das ist aber noch vor dem Regime Change. Aber man kommuniziert schon den eingeweihten Leuten, hinter diesen drei stehen wir.
Nun zurück zu Ray McGovern, den habe ich Ihnen schon vorgestellt. Der hat Folgendes gesagt: „Ende Januar 2014 telefonierte die für Europa zuständige Staats-Sekretärin im US-Außenministerium… (Zwischenbemerkung von Dr. Ganser: Staatssekretärin – was ganz, ganz hoch oben. Noch nicht Außenminister, aber ein Posten unten drunter) mit US-Botschafter Geoffrey Pyatt, in Kiew, den Sie ja kennengelernt haben. Sie sagte eine Menge Dinge, darunter eben auch, dass Jazenjuk unser Mann sei.“ Also „Jatz“, das ist dieser hier rechts, sieht aus wie ein schüchterner Mann. Die anderen könnten warten. „Er sei der Mann, denn er war der Leiter der Zentralbank, er kennt sich aus mit dem IWF und den Sparmaßnahmen, die nötig sein werden. Yatz ist unser Mann. Nun, wer immer das abgehört hat – ich denke, es waren die Russen.“
Das war ja ein geheimes Gespräch. Victoria Nuland hat nicht mit dem Spiegel gesprochen. Die haben vertraulich kommuniziert. Im Zeitalter der Informationskriegsführung wird das abgehört – ich könnte mir auch vorstellen, durch die Russen und die haben es dann veröffentlicht. Man sollte doch nicht offen an einem Telefon darüber reden, wen man nach einem Putsch an die Macht bringt. Aber sie taten es. Also ist das jetzt auf youtube, die ganze Welt hat Victoria zugehört und sie sagte ja noch andere Dinge, die zu ordinär waren („Fuck the EU“), um sie hier zu wiederholen. Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als ich am 23. Februar aufwachte und vom Putsch in Kiew hörte. Und wer war der neue Premier: Jazenjuk. Auch Poroschenko ist unser Mann, wie Wikileaks-Depesche kürzlich aufzeigte. Die hatten Einfluss auf beide.
Das heißt, was wir jetzt sehen ist – wir haben Dank youtube und dem Überwachen der Kommunikation eine viel schnellere Aufklärung der Dinge. Das hatten wir in den 70er Jahren bei Allende noch nicht. Sie müssen sich vorstellen, dass die Informationsrevolution das ganze 21. Jahrhundert derart verändert, dass es auch unsere Forschung verändert.
Hier haben Sie noch Paul Craig Roberts, ein kritischer Amerikaner. Er sagt: „Die Neokonservativen glauben, dass die Geschichte die USA ausgewählt hat, Hegemonie über die ganze Welt herzustellen, also dieser imperiale Gedanke. Obama ernannte die neokonservative Victoria Nuland zur stellvertretenden Staatssekretärin. Nulands Büro arbeitet mit der CIA zusammen sowie mit von Washington finanzierten Nichtregierungsorganisationen und organisierte den US-Staatsstreich in der Ukraine.“ Das heißt, was ich Ihnen mitteilen kann: Es gibt Amerikaner, die sagen ganz klar: Obama hat die Regierung von Janukowitsch gestürzt. Aber das hören wir in den westlichen Medien zu selten. Und das hätte ich gerne mehr diskutiert. Darum habe ich mich entschieden, diesen Vortrag zu halten.
Nochmal zusammengefasst: „Es war ein vom Westen gesponserter Putsch. Es gibt keinen Zweifel daran.“ Ich denke, diese These von Ray McGovern muss sehr ernst genommen werden. Und ich fordere eigentlich andere Historiker auf, dieser These nachzugehen. Es kann uns nicht helfen, einfach immer wieder auf Putin einzudreschen, ohne auch mal einen anderen Pfad zu gehen. Warum gehen wir denn immer vorgefertigte Pfade, wo irgendwelche PR-Agenturen uns durch den Wald führen, nur damit wir am Schluss an einem Massengrab stehen und uns fragen, wie sind wir überhaupt dahin gekommen? Das heißt, die Friedensbewegung heute, im Jahre 2015, 70 Jahre nach Kriegsende im Jahre 2015 ist überhaupt nicht überholt, sie ist aktueller denn je. Und ich möchte Ihnen auch Mut machen. Wir sind viel besser bewaffnet, durch die digitalen Medien, als die Historiker früher waren. Früher mussten wir ins Archiv. Ich sage meinen Studenten immer: ja da mussten wir noch das ABC kennen und von A-Z – diese Karteikasten – und das war aus Papier – heute … Ja, ich habs nicht auf youtube gefunden. Aber diese Nato-Osterweiterung ist die strategische Entwicklung, die wir beobachten. Den Regieurungssturz in der Ukraine haben wir gesehen. Und was das bedeutet, ist, dass die Russen dann die Krim verlieren. Wenn die Nato die Regierung in der Ukraine stürzt, stürzen sie damit auch den russischen Militärstützpunkt auf der Krim und das wäre für die Russen ein großer Verlust. Jetzt muss ich noch ein bisschen genauer in diesen Sturz eintauchen. Wir haben es fast geschafft, halten Sie durch.

14. Maidan Morde vom 20.Februar 2014]

Wir kommen sozusagen jetzt in Teufels Küche. Und in Teufels Küche ist es heiß. Es ist undurchsichtig und es ist tödlich, weil: Die Regierung wurde nicht durch das Volk gestürzt, sondern sie wurde durch Scharfschützen gestürzt. Das kann ich Ihnen beweisen, wobei ich Ihnen leider nicht sagen kann, wer die Scharfschützen waren. Hier, die Ukraine, der Maidan, also der Ort, wo sozusagen die ganze Sache eskaliert ist. Hier wurden die Schüsse abgegeben. Das ist das Bild vom Maidan 2011. Das ist ein Bild vom ukrainischen Tourismusbüro und so sieht es später aus. Sehen Sie also: Das Land ist in die Krise abgerutscht. Hier ist ein Schlachtfeld. Hier, 19. Februar. Das ist kurz bevor die Schüsse gefallen sind. Davor gab es schon heftige Clashes – die Demonstranten sind schon richtig aneinandergeraten, Feuer, etc, aber es gab in dem Sinne noch keine Toten, die erschossen wurden. Es gab einfach Verletzte und es gab viel Frustration.
Und dann kommt das Massaker vom 20. Februar und es hat ein kanadischer Forscher dieses Massaker genauer untersucht. Sein Name ist Katchanowski. Den Namen kann man sich nicht so gut merken, aber der Katchanowsky ist ein sehr kluger Mann, er war lang ein der Ukraine, er spricht die Sprache, er spricht Russisch, er spricht Ukrainisch und er ist jetzt schon lange in Kanada am Institut für Politikwissenschaften der Universität Ottawa und er hat diese Studie gemacht. Und heute im digitalen Zeitalter, da geht das genau fünf Sekunden und dann habe ich die Studie bei mir in der E-Mail. „Herr Ganser, haben Sie die Studie gesehen von Katchanowsky?“ Und da möchte ich Ihnen Mut machen. Manche sagen mir: „Alles verloren, wir werden belogen und morgen werden wir erschossen.“ Und dann sage ich: „Nein. Zwischendrin machen wir uns schlau und dann werden wir uns noch organisieren und die Mehrheit möchte das nicht.“ Die Mehrheit ist nicht für Regime Changes, für Enthauptungen und Bombardierungen und Folter, das ist ganz klar, sie möchte das nicht. Katchanowsky hat klar gesagt: „Das Massaker vom 20. Februar… war entscheidend für den gewaltsamen Sturz der korrupten, aber demokratisch gewählten Regierung.“
Das heißt, Janukowitsch war auf jeden Fall korrupt, da gibt es keinen Zweifel. Aber es ist jetzt nicht so, dass man sagt: Sollen mal alle Korrupten abtreten und dann können wir noch schauen, wer überhaupt noch in der Regierung ist. Aber er war demokratisch gewählt. Und er floh am 21. Februar nach Russland. Und der 20. Februar. Das ist der Tag, den Sie anschauen müssen. Bei 9/11 müssen Sie WTC 7 anschauen und beim Ukraine- Krieg müssen sie den 20. Februar anschauen und machen Sie sich ein Bild. Es gibt nicht sehr viele, die das untersuchen, aber ganz klar ist, es war ein gewaltsamer Putsch und ein undemokratischer Regierungswechsel. Er hat ein Papier publiziert: „The snipers Massacer on the Maidan“. Es war ein blutiger Donnerstag und er begann schon sehr früh. Um 5:30 wurde aus Häusern auf Demonstranten und Polizisten geschossen und das sind die Schützen (auf dem eingeblendeten Bild sieht man schwarze Schatten mit menschlichen Umrissen, von hinten). Sie sind im Dunkeln. Wir wissen nicht, wer die Snipers, die Todesschützen vom Maidan waren. Wir wissen es nicht. Aber sie haben sowohl Polizisten, als auch Demonstranten erschossen, dadurch das Land ins Chaos gestürzt und dieses Massaker dem Janukowitsch angehängt. Für den sah es schlecht aus und er musste fliehen.
Es ist sehr einfach, eine Regierung zu stürzen. Also ich möchte Sie nicht dazu anleiten, aber eigentlich müssen Sie nur in die Hauptstadt, am wichtigsten Platz Demonstrationen veranstalten, dann auf den Dächern Snipers positionieren und dann Polizisten und Demonstranten erschießen. Ist nicht so kompliziert, oder? Dann haben Sie ein Chaos. Dann müssen Sie sagen, die Regierung wars, dann kann sie abtreten. Also: Tun Sie es nicht, aber so wird es gemacht.
Klitschko: K. O.-Kolumne in der Bild: Was schreibt denn der am 20. Februar? Das ist der Moment, in dem die Regierung fällt. Er sagt: „Die Welt darf nicht zusehen, wie ein Diktator sein Volk abschlachtet“. (Eingeblendet: die Bild-Kolumne) Also, er sagt, es sei bewiesen, dass Janukowitsch die Leute erschießen lässt. Und das ist jetzt wieder für die Historiker der entscheidende Punkt: Gerade das ist falsch. Weil die Polizei damals den Präsidenten geschützt hat. Sie wollte, dass der Präsident an der Macht bleibt. Sie wollte nicht, dass die Lage eskaliert. Weil dadurch ist ja der Präsident von der Macht heruntergefallen und wenn die Präsidenten irgend etwas machen, dann wollen sie an der Macht bleiben. So. Es geht um Medienkompetenz. Wenn Sie solche Medienkompetenz haben, dann ist es verloren.
Und eigentlich finde ich es auch sehr schade für Klitschko, dass er sich für das hergegeben hat, ich habe immer gerne diese Kämpfe angeschaut, ich bin ein bisschen ein Sport-Fan und schau mir dann diese Boxerei an, aber .. ist traurig. Er begibt sich da in ein Spiel rein, wo er eigentlich zum größten Lügner wird und die Leute mit einer K.O.-Kolumne – das ist ja eigentlich noch treffend: Die Leute sind völlig K.O. danach. Denken: Ja, krass, ab in den Krieg und so.
Ich habe Ihnen gesagt, es gibt Perlen. Perlen auch im deutschen Fernsehen und hier möchte ich die ARD- Sendung vom 10.4. loben. Es war nicht sehr lange nach dem Regierungsstart, da wurde gefragt: „Wer ist verantwortlich für das Blutbad, dem am 20. Februar 2014 dutzende von Demonstranten und Polizisten zum Opfer fielen, und das schließlich auch zum Sturz von Präsident Janukowitsch führte? Wer also waren die Todesschützen auf dem Kiewer Maidan?“
Und sehen Sie, hier haben Sie eine intelligente Frage. Das ist die Frage. Ich sage immer: Mein Physiklehrer hat mir früher mal erklärt: Wenn Sie die richtige Frage stellen, dann werden Sie die Antwort schon finden. Das heißt, das ist ganz entscheidend für alle Wissenschaftler und alle, die sich interessieren: Sie müssen die richtigen Fragen stellen. Wenn es Ihnen nicht auffällt, was die richtige Frage ist, werden Sie sich kaum orientieren können. Zu viele Daten, zu viele Meinungen am Schluss, so können Sie sich kein Bild machen. Aber das ist die Frage zum Ukraine-Krieg und dann ging die Sendung, die hatten gute Journalisten in die Ukraine geschickt und da hat ein Demonstrant gesagt: „Wir Demonstranten wurden angeschossen. Am 20. Februar wurden wir von hinten beschossen, vom Hotel Ukraina, das waren Söldner, das waren Profis.“ Demonstranten wurden angeschossen.

Dann ging er ins Krankenhaus und hat herausgefunden, dass es sowohl tote Polizisten gab, als auch tote Demonstranten.
„Die Kugeln, welche wir herausoperiert haben, waren identisch. Mehr kann ich nicht sagen.“ Sagt der behandelnde Arzt. Und das was ich Ihnen jetzt erklären kann: Ich untersuche schon seit mehr als zehn Jahren verdeckte Kriegsführung und wenn ich so etwas bekomme auf meinen Tisch, dann sage ich mir: Komisch. Hier werden Demonstranten und Polizisten von den gleichen Leuten erschossen. Das ist ein Anzeichen, dass das die gleichen Schützen waren. Dann haben die nur ein Ziel: Sie möchten Chaos erzeugen. Sie möchten nicht eine Gruppe stärken, sondern das Ganze ins Chaos reinbringen. Stellen Sie sich noch einmal das Fußball vor. Sie haben zwei Mannschaften: rot und blau. Diese Scharfschützen sind auf dem Dach des Stadions und sie erschießen sowohl den Roten, als auch den Blauen und auch die Schiedsrichter. Da hat aber keine Mannschaft einen Riesenvorteil davon, sondern es ist einfach nur ein Chaos. Und das Komische ist: Die einen, die Polizisten, sind ja die, die Janukowitsch sozusagen unterstützen. Warum sollte der Präsident seine eigenen Leute erschießen?
Stephan Stuchlik, das ist ein guter Journalist, denken Sie daran, es gibt auch ehrliche Journalisten. Wir sind auf diese angewiesen. Er sagt: „Wir glauben, dass viele der Toten vom 20. Februar von oben gezielt getötet wurden oder, um es anders zu sagen, von professionellen Scharfschützen … Das ist natürlich im Gegensatz zur Theorie der Staatsanwaltschaft: Der Großteil der Berkut-Truppe befand sich nach allgemeiner Meinung unten auf der Straße.“ Das heißt, die Berkut, das ist eine Spezialeinheit die es gibt.
Jetzt, durch die Scharfschützen kam ja die neue Regierung an die Macht. Und die neue Regierung musste untersuchen, wer die Scharschützen waren, und sie sagte, das waren die Berkut, also diese Spezialeinheit Polizisten, die unter Janukowitsch gedient haben. Dann sag ich immer: ja, gut das ist die Sichtweise der neuen Regierung. Die kam aber eben erst durch dieses Massaker an die Macht. So völlig unbefangen sind die Leute nicht. Und das haben auch die Leute vom ARD erkannt und haben gesagt: Moment. Berkut war am Boden und die Schüsse kamen von oben. Was ist Berkut? Wenn man die sieht, denkt man: Ja gut, vielleicht könnten sie tatsächlich die Todesschützen gewesen sein. Und tatsächlich sind zwei von denen jetzt angeklagt, von der jetzt installierten Regierung. Aber mich dünkt es, hier wird ein Spiel gemacht. Es dünkt mich, es waren nicht die Berkut, denn die waren am Boden und da stimmt der Flugwinkel nicht. Sie kennen ja das, bei Kennedy mit dieser „magic bollet“. Der Flugwinkel ist ganz entscheidend. Jetzt gibt es kluge Amerikaner: Der US-Journalist John Beck Hoffmann hat einen Film gemacht. Sehr schnell kam er mit dem Film heraus: „Maidan Massacre.“ Ich würde den allen empfehlen, Sie haben den auf youtube gratis und da spricht er mit den Berkut-Polizisten. Das ist genau das, was man tun muss. Man spricht mit denen, von denen gesagt wird, dass sie geschossen haben. Sie sagen Folgendes:
Das ist der Berkut-Polizist Yurly Veprikov: „Ich wurde am 20. Februar, nach 8 Uhr, am Morgen angeschossen. Meine Freunde trugen mich auf einer Bahre zur Ambulanz. Die Schüsse kamen aus einem Gebäude. Ich glaube aus dem Konservatorium.“ Die Berkut wurden selber angeschossen. Das ist eine Polizei-Einheit und ich gehe überhaupt nicht davon aus, dass es plötzlich einen so großen Streit in der Polizeitruppe hat, dass die anfingen, sich gegenseitig zu erschießen. Das ist völlig unglaubwürdig.
Auch ein anderer, Yuriy Strujko, wenn ich das richtig ausspreche: „Die Schießerei begann um 5:30 Uhr am Morgen am 20. Februar 2014. Dem Berkut Kollegen neben mir wurde in den Arm geschossen, ich wurde auch getroffen.“ Also einige wurden getötet, mit denen konnte man kein Interview mehr machen und einige wurden verletzt. Die haben Interviews gemacht und gesagt: Wir standen unter Beschuss.
Die neue Regierung klagt zwei Berkut Polizisten an und Konstantin Deglyar sagt: „Die suchen nach Sündenböcken und die Sündenböcke sind die Berkut.“ Und ich glaube, diese Analyse ist falsch. Ich glaube, die Piste Berkut soll man verfolgen, aber ich glaube sie ist falsch. Man müsste die Todesschützen an anderer Stelle suchen. Interessant ist jetzt, was der estnische Außenminister Urmas Paet in einem abgehörten Telefonat – immer wieder diese abgehörten Telefongespräche, aber so ist es in der Informations-Revolution.
Am 26. Februar, das ist 6 Tage nach dem Sturz, sagt er Catherine Ashton – Catherine Ashton ist eine hohe Funktionärin in der EU. Er sagt: „Wir kommen immer mehr zu der Erkenntnis, das hinter den Scharfschützen auf dem Maidan nicht Wiktor Janukowitsch, sondern jemand aus der neuen Koalition steht.“ Das heißt, Janukowitsch ist derjenige, der rausging, und Poroschenko ist der, der reinkam. Und er (Urmas Paet) sagt: „Es sieht so aus, als wenn das Poroschenko-Leute waren, die die Scharfschützen waren.“
Auf was stützt er sich? Olga Bogomolets. Auf sie stützt er sich ab. Wer ist das? Es ist eine Ärztin und die habe ihm gesagt, dass die Verletzungen der toten Demonstranten wie der Polizisten die gleichen Merkmale zeigen. Dieselbe Handschrift, dieselbe Art von Geschossse. Und das zeigt einfach: Wenn die Schützen Berkut-Leute und Demonstranten erschießen, sind es meiner Meinung nach nicht die Berkut gewesen. Sehen Sie, wir kommen ziemlich nahe an die Sache heran, aber so richtig ganz nahe komme ich nicht, ich kann nicht ein Bild zeigen am Schluss und sagen: Und das sind die Schützen. Hier die E-Mail. Fragen Sie doch, warum sie das gemacht haben. Ich kann es nicht, aber ich kann es einkreisen. Ashton, am Telefon hat dann gesagt: „Ich denke, wir müssen das untersuchen. Ich habe das so bisher noch nicht gehört. Das tönt interessant. Oh, mein Gott.“
Das sagt sie sechs Tage danach. Und dann habe ich eigentlich erwartet, dass das untersucht wird, aber es wird totgeschwiegen. Darf ich kurz in den Raum fragen: Wem ist das Gespräch zwischen Ashton und Paet schon bekannt? Recht kurzes Handheben. Wer hat das noch nie gehört? Ja, das ist die Mehrheit. Die Mehrheit hat es noch nie gehört. Und diese Art von Detailwissen ist wichtig, weil danach kam der Regierungssturz und die Sache eskaliert immer weiter. Also unter dem Strich sagt Ray McGovern, den ich ja als meine Hauptquelle in diesem Vortrag verwende: „Also, unterm Strich: Es war ein vom Westen gesponserter Putsch.“
Und ich habe mich gefragt, auf was stützt er sich ab? Er stützt sich ab auf dieses Gespräch: Catherine Ashton, die so etwas wie eine EU-Außenministerin ist. Er sagt zu ihr: „Wussten Sie, dass laut Aussage von Ärzten in Kiewer Krankenhäusern, die gleichen Geschütze aus den gleichen Waffen von den gleichen Scharfschützen nicht nur die Polizei, sondern auch die Demonstranten trafen?“
Also dieses Gespräch ist die Basis für seine Analysen, dass es sozusagen ein Obama-Putsch war. Und das, was ich so schade finde, ist, dass die Bevölkerung heute so desinformiert ist, dass viele Leute einfach sagen: Die Regierung, wie wurde die gestürzt in der Ukraine? Also ich habe das mitgekriegt. Ich habe das bei guten Freunden in der Schweiz getestet: Die Hauptantwort ist: Keine Ahnung. Die zweite Antwort auf die Frage, wie war denn das, ist: Das ist mir egal. Diese.. überall, ich hab‘s gesehen. Ich will nichts darüber wissen. Dann sage ich: Hat das Putin vielleicht gemacht? Ja, ja, der Putin vielleicht, hab ich gehört, ist ein Böser und der ist irgendwie zuständig für die Krise in der Ukraine. Und dann sage ich: Ja, aber, das war doch der Mann, der mit Putin zusammengearbeitet hat, der Janukowitsch. Und dann sagen sie: Wie hieß er nochmal, ach, Janukowitsch, ja stimmt. Dann heißts, naja, der Putin war‘s wohl nicht. Sag ich dann: Ja, wer war‘s dann? Ja, das Volk, ah das Volk. Das Volk hat die Regierung gestürzt. Sage ich: Nein, das waren doch Scharfschützen. Ah, Scharfschützen gab es auch noch. Ja, und so irrt man durch den Wald. Und das reflektiert die Qualität der Medien.
Ich denke, der führende Forscher auf diesem Gebiet ist eben Iwan Katchanowski, ich kenne ihn nicht persönlich, aber in dieser Studie, die ich gelesen habe, eine 60 Seiten lange Studie – er ist länger, als der Bild-Text – hieß es dann: „Rechtsextreme Ukrainer, darunter Mitglieder von Swoboda, vom Rechten Sektor und die Partei Vaterland waren direkt oder indirekt an diesem Massaker an Polizei und Demonstranten beteiligt… Ihr Ziel war es, die Macht zu ergreifen… Die neue Regierung, welche durch das Massaker an die Macht kam, hat die Untersuchung des Massakers verfälscht.“
Das heißt, was Sie haben, ist innerhalb der Ukraine gewaltbereite Gruppen, die in dieses Massaker involviert waren und von Kräften außerhalb der Ukraine unterstützt wurden. Interessant dann, der Neue, Poroschenko, der eingewechselt wurde, ging dann in die USA und hat im September 2014 im Kongress eine Rede gehalten. Hier sieht es aus, als wenn er gerade den Hammer auf den Kopf bekommt, was aber nicht der Fall ist. Man klopft im amerikanischen Kongress mit dem Hammer, um um Ruhe zu bitten. Und die Amerikaner haben dann gesagt: „Hier ist Poroschenko. Er ist der neue Mann in der Ukraine. Er ist ein Beispiel, wie man für Frieden und Gerechtigkeit kämpft.“ Und Janukowitsch, der Gestürzte, wurde dann von Poroschenko so zusammengefasst, er sagt: „Es war ein Sieg gegen Polizeigewalt. Ein brutaler Diktator wurde vertrieben. Tausende haben friedlich demonstriert. Mehr als hundert Demonstranten wurden am 20. Februar 2014 durch Snipers, das sind Scharfschützen, erschossen. Wir nennen sie die himmlischen Hundert.“ Hat er wirklich gesagt: Die himmlischen Hundert. „Ich danke den USA für ihre Solidarität.“
Also, was Poroschenko hier in den USA erzählt, ist: Das war Janukowitsch. Das ist bewiesen. Ist aber überhaupt nicht bewiesen. Vermutlich ist gerade das Gegenteil wahr. Aber jetzt stellen Sie sich mal das vor: Wenn Poroschenko zuständig ist für dieses Massaker, dann muss er einen ziemlich abgefahrenen Zustand haben, um danach in die USA zu gehen und zu sagen, die himmlischen Hundert , die wurden erschossen und ich danke Ihnen für ihre Solidarität. Sehen Sie den Zustand, in dem wir sind?

15. Krim Krise März 2014

Jetzt kommt noch die Krimkrise. Ich möchte nur erklären, die Krim-Krise kam nach dem Regime Change. Putin wird für die Krim-Krise meiner Meinung nach zu Recht kritisiert, aber die Krise kam nach dem Regime Change. Also, Regime Change war das, das haben sie ja mitbekommen, out and in, und dann, im März, russische Soldaten besetzen die Krim, ohne Gefecht. Und was wir jetzt wissen, ist, dass Putin, nach eigenen Angaben, kurz nach dem Sturz von Janukowitsch, in den frühen Morgenstunden des 23. Februar 2014 den Auftrag gegeben hat, mit der „Rückholung“ der Krim“ zu beginnen.
„Bis zu diesem Staatsstreich haben wir nie daran gedacht, die Krim von der Ukraine zu teilen.“ Das heißt, Putin selbst glaubt, dass der Sturz von Janukowitsch ein von der Nato gesteuerter Regime Change war. Wenn Sie das im Spiegel so lesen, steht im nächsten Satz: „Diese krude, russische Propaganda“.
Und ich kann Ihnen einfach sagen, ich bin ohne Voreingenommenheit an diese Forschung als Schweizer herangegangen. Ich bin weder Amerikaner, noch Russe, ich kenne niemanden in der Ukraine. Ich habe einfach die Daten untersucht und im Moment sieht es so aus, als ob Putin hier die Wahrheit sagt und Obama – also Obama sagt gar nichts. So sieht es aus.
Die Krim durfte dann am 6. März abstimmen und hat für den Austritt aus der Ukraine und für den Anschluss an Russland gestimmt. Und das ist klar, weil das ist die Sprachverteilung in der Ukraine (es erscheint eine Karte, die zeigt das ungefähr die westliche Hälfte der Ukraine ukraninisch spricht, die etwas größere, östliche Hälfte mehr russisch). Das grüne ist die russische Sprache und das gelbe ist die ukrainische Sprache. Und das ist die Krim und die haben eben bestimmt, dass sie lieber bei den Russen sein wollen. Am 18. März wurde das unterzeichnet und jetzt haben sich sozusagen die Russen diesen Teil gesichert, weil sie haben da die Schwarzmeerflotte, die wollen sie nicht weggeben. Und die Russen haben nicht Soldaten in die Krim geschickt, die waren schon immer da. Und die Amerikaner schicken auch keine Soldaten auf Kuba, die hatten schon immer Soldaten auf dem amerikanischen Militärstützpunkt. Interessant an dieser Gabriele Krone-Schmalz, sie sagt: „Alle haben sofort den Begriff „Annexion gebraucht, aber der ist völkerrechtlich falsch, weil eben zwei wiederstreitende Prinzipien in sich vereint sind. Der eine ist die Unverletztlichkeit der Grenzen und der andere ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker.“
Die Unverletzlichkeit der Grenzen bedeutet, die Russen dürfen nicht die Krim der Ukraine wegnehmen. Das wäre, wie wenn die Franzosen von der Schweiz den Jura wegnehmen würden. Also, das fänden wir nicht gut. Und das verstehe ich auch dass das kritisiert wird. Aber jetzt, wenn die in der Krim eine Abstimmung machen und sagen, wir wollen zu den Russen, weil wir glauben, dass in Kiew ein illegaler Militärputsch stattgefunden hat, dann ist das das Selbstbestimmungsrecht. Und jetzt müssen Sie diese zwei Prinzipien abwägen und ich bin jetzt nicht Völkerrechtler, ich kann das nicht machen, aber hier (er meint die Argumentation von Krone-Schmalz) wird betont, beide Prinzipien sind gleich wichtig. „Jetzt muss man von Fall zu Fall schauen, was schlägt, es kann nicht sein, dass wir das Selbstbestimmungsrecht für bestimmte Gegenden der Welt akzeptieren (zum Beispiel Kosovo) und für andere Gegenden nicht.“
Ich habe dann in der Neuen Züricher Zeitung – das ist eine der führenden Zeitungen bei uns in der Schweiz – nachgeschaut, wie wird ein Jahr nach dem Sturz von Janukowitsch darüber gesprochen und es wird wirklich immer dieses Wort „Annexion“ gebraucht. Und der ganze Artikel heißt: Putin ist böse, weil er hat hier Landraub betrieben. So wird es dargestellt. Im ganzen Artikel kein Wort vom Sturz von Janukowitsch, kein Wort von den Snipers, kein Wort von Victoria Nuland und von Geoffrey Pyatt. Das heißt, indem sie eben verschiedene Akteure weglassen, bekommen Sie ein anderes Bild. Das ist wie bei Shakespeare. Wenn Sie einen Teil der Schauspieler nicht auftreten lassen, z. B. wenn Sie bei Macbeth Macbeth weglassen, bekommen Sie einen ganz anderen Plot.
Ich möchte mit Dieter Deiderot (?) schließen, er ist Richter am Bundesverwaltungsgericht, ein kluger Mann hier in Deutschland und er sagt: „Die Besetzung der Krim durch Russland war ein Bruch geltenden Völkerrechts.“
Ich habe lang darüber nachgedacht und glaube, Deiderot hat hier Recht. „Die völkerrechtliche Souveränität und die territoriale Integrität der Ukraine wurden missachtet.“
Diese Kritik an Putin, die muss auch Raum haben, das ist nicht nur falsch, aber: man muss die ganze Geschichte anschauen, man muss Regime Changes anschauen. Man muss die Scharschützen anschauen. „Das kritisiert „der Westen“ zu Recht, auch wenn er selbst in zahlreichen Fällen immer wieder gegen geltendes Völkerrecht verstoßen hat und verstößt (Kosovo, Irak, Afghanistan, Libyen, Drohnenkrieg, Guantanamo etc.), was seine Glaubwürdigkeit schwer beschädigt hat.“
Das heißt, das Hauptproblem, dass wir heute haben, ist, dass die Glaubwürdigkeit der Nato-Länder völlig verloren ist. Die Nato-Länder haben so viele Regime Changes und Bombardierungen durchgezogen, dass sie sich heute nicht mehr glaubwürdig auf das Völkerrecht beziehen können. Trotzdem denke ich, ist es wichtig, dass wir uns am Völkerrecht orientieren und wir hätten es gerne, dass sich alle Völker der Welt mehr am Völkerrecht orientieren und mehr an den Menschenrechten.

16. Fazit

Ich kann nur sagen, die Krise hat sich dann mit MH 17 noch weiter zugespitzt. MH 17 ist ein Flugzeug, das abgeschossen wurde. Das wäre dann mal ein Thema für einen anderen Vortrag. Das kann ich heute leider nicht aufschlüsseln. Ich möchte gleich weitergehen: Jetzt, im September 2014 haben die Amerikaner angefangen, die ukrainischen Soldaten zu trainieren. Hier sehen Sie die ukrainischen Soldaten voller Bewunderung und hier die knallharten Jungs von der amerikanischen Armee und das hat mich wieder erinnert an das Zitat von George Friedman, der gesagt hat, wir könnten eigentlich die Deutschen und die Russen in einen Krieg hineinführen. Das geht ganz einfach. Er hat das nicht so gesagt, aber wenn ich mich in Friedmans Kopf hineinbegebe, dann würde ich das so machen: Stürz die Regierung mit Scharfschützen. Verwische die Spuren. Bringe einen Mann rein, der die Ukraine in die Nato hineinführt, und dann wird dieser Mann mich einladen, dass ich Truppen bringe. Dann bring ich meine Truppen, so weit sind wir schon. Soweit der abgehandelte Plot. Und später werde ich alle Nato- Staaten zwingen, in diesem Krieg mitzumischen, indem ich einen Zwischenfall fabriziere, so dass es fast unmöglich ist, zu sagen, jetzt gehen wir nicht hin und schießen. Und dann haben Sie Russen und Deutsche, die aufeinander schießen und dann haben Sie Eurasien geschwächt. Ist ein ziemlich teuflischer Plan. Aber glauben Sie nicht, dass er völlig unmöglich ist. Ich rate einfach zur Achtsamkeit.
Wir sind jetzt diese 16 Punkte durchgegangen. Es ist ein bisschen lang geworden, aber ich denke, es war wichtig, dass man sich doch global über diese Sache klarmacht. Ich habe dann gesehen, in Berlin hat man im Mai 2015 schon demonstriert. Das ist jetzt ein Jahr her, das ist ein Bild vom Potsdamer Platz. (Man sieht eingeblendete Transparente der Demonstranten, auf denen steht) „Stoppt Eskalation und den drohenden Krieg“. Ein Antikriegs-Bündnis. „Wir sagen Nein zur Nato und EU-Osterweiterung. Wir sagen: Nein zur Konfrontation mit Russland.“ Völlig richtig. „Keine Zusammenarbeit mit Faschisten.“ Da geht es um Faschisten in der neuen, ukrainischen Regierung, da sind tatsächlich Rechtsextreme in der Regierung drin. „Wir sagen nein zum Einsatz von Militär und Privatarmeen. Keine Rüstungsexporte. Schluss mit jeglicher Eskalationspolitik.“
Ich denke, das ist richtig. Ich denke, die Friedensbewegung hat schon die richtigen Punkte, aber, wie man sieht, es sind noch nicht so viele. Das ist der Punkt. Sie konnte sich auch noch nicht durchsetzen. Aber ich glaube, und das ist mein Schlusswort: Ray McGovern ist ein kluger Mann. Ich glaube, er liegt nicht völlig falsch, wenn er sagt: „Es war ein vom Westen gesponserter Putsch.“ Meine Analyse ergibt: Vermutlich war es so. Sie sehen, ich drücke mich vorsichtig aus, weil ich habe morgen und übermorgen dann Leute vom Fernsehen, die fragen: „Herr Ganser, Sie haben doch gesagt, die Regierung in der Ukraine wurde von der Nato gestürzt“, dann sage ich: „Moment, das habe ich so nicht gesagt. Ich habe gesagt, vermutlich war es so, dass der Westen die Regierung von Janukowitsch gestürzt hat und die Scharfschützen vom 20. Februar 2014 müssen genauer untersucht werden“ – das wird meine Position sein, die kann ich dann auch durchhalten.
Und Ihnen wünsche ich eigentlich viel Medienkompetenz. Ich wünsche Ihnen auch viel Mut. Lassen Sie sich nicht entmutigen, weil ja die größte Supermacht schon die USA sind, aber die zweitgrößte Supermacht ist eben die öffentliche Meinung. Und diese öffentliche Meinung ist auch Ihre Meinung. Die sollten Sie nicht einfach so aufgeben.
(Es wird eingeblendet Dr. Gansers Institut in der Schweiz: „Swiss Institute for Peace and Energy Research – SIPER). Wenn Sie noch Lektüre-Hinweise brauchen, habe ich hier zum Schluss drei Bücher, wenn Sie das interessiert: (Eingeblendete Buchtitel von Daniele Ganser lauten: „Die Kubakrise – UNO ohne Chance“, „Nato- Geheimarmeen in Europa“ und „Europa im Erdölrausch“).
Aber es ist nicht so, dass sich diese Sache in der Ukraine bald auflösen wird. Ich glaube eher, dass wir uns wieder mit dem Thema beschäftigen werden und ich hoffe – das ist meine Hoffnung – dass dieser Krieg, der ja eben läuft, während wir hier sitzen und sprechen, dass dieser Krieg viele Leute zum Nachdenken anregt und Sie ins Gespräch kommen, debattieren, sich nicht ein.., das ist völlig in Ordnung. Konflikte sind etwas Gutes. Als Menschen wachsen wir an Konflikten. Aber – und das ist ein ganz wichtiger Punkt in der Friedensforschung: Wir dürfen Konflikte nicht mit Gewalt lösen. So zugespitzt: Wenn sich der Mann und die Frau nicht einig sind, was es jeden Tag gibt, dann ist es eben falsch, wenn der Mann die Axt holt und die Frau enthauptet und es ist auch falsch, wenn die Frau den Mann vergiftet. Also es ist einfach falsch. Ja, Konflikte sind etwas Gutes, aber wir sollten sie nicht mit Gewalt lösen. Das ist eigentlich das, was ich Ihnen erklären wollte. Das Andere waren ein paar weiterführende Hinweise. Damit habe ich geschlossen und danke für Ihre Aufmerksamkeit. [Viel Applaus].

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