Kommentar eines Friedensaktivisten
04 Jan 2016
Rückblick auf das Krisenjahr 2015
Ein politisch turbulentes, trauriges und krisengebeuteltes Jahr, welches geprägt war von Krieg, Spaltung, Terror und Flüchtlingen – zwölf Monate Krisen über Krisen, eine schlimme Meldung jagt die nächste.
Profilbild von Ben Frieden
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Die Welt scheint immer mehr aus den Fugen zu geraten. Lügen, Manipulation, Desinformation und Hetze an allen Ecken und Enden … da fällt es einem nicht leicht, die Übersicht zu behalten. Kein anderes Thema – außer vielleicht noch der Terror in Paris – hat das Jahr so bestimmt wie die Flüchtlingswelle. Ein Thema, dass wie kein zweites zu hitzigen Diskussionen und zu überhitzen Gemüter führte. Außerdem führte es dazu, dass sich Menschen aufgehetzt in zwei Lager spalten ließen und ganz nach dem „Teile-und-Herrsche-Prinzip“ aufeinander losgingen, anstatt vereint an die wirklichen Ursachen heranzugehen. Rassistische und blinde Gewalt, Angst und Bildungslücken meets euphorische Flüchtlingshilfe und Willkommenskultur … eine in 2015 stark aufkeimende Symbiose. Politiker und Medien dokterten derweil nur an den Symptomen herum – ob nun naiv und ahnungslos oder doch eher bewusst manipulierend, sei dahingestellt – doch wenn es um Flüchtlinge ging, ging es in den aller seltensten Fällen wirklich um die Flüchtlinge. Der Umgang mit der Flüchtlingssituation wurde ein zunehmend polarisierendes Thema. Entweder wurden Ängste geschürt oder aber argwöhnisch über die verschiedensten Auswüchse von Ängsten berichtet. Hatte man nur im Ansatz eine kritische Meinung, so wurde man gleich in die rechte Ecke gestellt, jegliche begründete oder unbegründete Angst wurde nicht differenziert beleuchtet und ja, leider kam bei manchen Menschen tatsächlich das Braune zum Vorschein. Überkochende Emotionen machte in allen Lagern eine sachliche Argumentation und Diskussion unmöglich. Schutz der flüchtenden Menschen contra Schutz vor den Flüchtlingen. Es kam vermehrt zu Gewalt und angezündeten Flüchtlingsheimen aber auch zu friedlichen Gegendemonstrationen und ehrlicher Hilfsbereitschaft.   Und ich glaube auch noch immer daran, dass die große Mehrheit unserer Mitbürger in einem demokratischen, freien und offenen Land leben wollen, in dem wir friedlich miteinander Leben und in dem wir Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen. Es gilt den Kampf der Kulturen nicht anzunehmen, sondern stattdessen eine Kultur des humanistischen Miteinander, der Vielfalt und die des Friedens zu schaffen … klären wir auf, anstatt Andersdenkende gleich bekämpfen zu wollen und werden wir uns bewusst, dass wir eben alle enger zusammenrücken müssen und wir alle – ob nun „Flüchtlinge“, „Gutmenschen“ oder „Pack“ – Opfer von transatlantischen Kriegstreibern und medialer Manipulation sind. Packen wir die Ursachen der Problematik an und halten uns aus den Schubladenkämpfen raus … bei dem Thema schwirrt so viel Verwirrung, Panikmache, emotionaler Druck, angestaute Angst und Wut mit, dass es beinahe schon egal ist, welche Position man vertritt. Denn mit jeder noch so gut gemeinten und reflektiert geäußerten Meinung wird das Thema immer weiter angeheizt und gibt der Gegenposition nur weiteren Zündstoff. Und jede Position wird spürbar unsachlicher und unfriedlicher geäußert und verteidigt … dabei sitzen wir alle irgendwann im selben Rettungsboot und die wahren Schuldigen weiter in ihren Sesseln der Macht und unterschreiben diese widerlichen und illegalen Angriffskriege, die die Flüchtlingswellen überhaupt erst losgetreten haben. Vergessen wir nicht, es werden nicht nur scheinheilige und wirtschaftsdienliche Kriege gegen Länder geführt, aus denen die meisten der Millionen von Flüchtlingen kommen – es ist alles so viel komplexer und hängt doch zusammen und sollte uns jetzt zusammenschweißen und nicht auseinander dividieren – sondern es werden auch Kriege geführt gegen Friedensbewegungen, um öffentliche Meinungen und Deutungshoheiten, um Märkte und unendlichen Wirtschaftswachstum, in einem jedoch sehr endlichen Nährboden. Es werden Kriege geführt gegen unsere Gesundheit, gegen die Natur, gegen andere Lebewesen, die sich den Planeten mit uns teilen müssen, gegen andere Kulturen, gegen Religionen, gegen „unwestliche“ Systeme … ach ja … und dann nochmal gegen die Flüchtlinge, die kurz zuvor noch vor unserem „Exportschlager“ Waffen und unserem verdrehten Verständnis von westlichen Werten und „Wild-West“-Demokratie fliehen konnten und schließlich an die Mauer gelangten, die wir im schicken Stacheldrahtdesign um unseren Kontinent gezogen haben. Und hinter diesen Mauern, wo angeblich das Schlaraffenland liegt, werden sozial benachteiligte Inländer und schutzsuchende Ausländer gegeneinander ausgespielt. Was wir 2015 mit der Flüchtlingskrise erlebt haben, ist die logische Quittung für 14 Jahre Befürwortung oder Duldung der Kriegspolitik made by USA, NATO & EU. Und ja verdammt, die Wahrheit tut weh … doch mit unseren „humanistischen Militäreinsätzen“ sind wir in Wahrheit die größten Terroristen im nahen und mittleren Osten, in Nordafrika, Zentralasien und überall dort, wo unsere Bomben, Waffen und Panzer auf Zivilisten treffen. Kriege, wirtschaftliche Ausbeutung, Finanzierung von Terrorgruppen, Waffenlieferungen und gewaltsame Regierungsstürze. Das sind die Ursachen für Flucht. Und nachdem Deutschland nun auch Syrien bombardieren darf, produzieren wir höchstpersönlich gleich die nächsten Flüchtlinge für 2016 und streiten uns dann hier weiter, welche wir von ihnen aufnehmen oder doch lieber verjagen wollen. Eine ehrliche und zielführende Flüchtlingspolitik ohne Rassismus und Menschenfeindlichkeit ist nur dann möglich, wenn wir uns nicht mehr spalten lassen, wenn wir diese Kriegstreiber vorzeitig abgewählt und aus ihren Logen geschmissen haben, wenn wir Kriege und Waffenlieferungen in die Krisengebiete SOFORT stoppen, wenn wir eine aktive Friedens- und Friedenssicherungspolitik betreiben, wenn wir vor Ort nachhaltige Aufbauhilfe leisten, wenn wir eine gerechte Umverteilung beginnen oder zumindest die Schere zwischen Arm und Reich wieder etwas zusammenziehen und wenn wir eine ehrliche und ausreichend finanzierte Integrationspolitik einführen. Ich wünsche uns ALLEN für 2016: Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Gesundheit, Versöhnung, Bewusstseinsveränderung, Erkenntnis und Liebe!
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Ben Frieden

Ben Frieden aus Berlin. Absolviert sein Fachabi in Sozialwesen und arbeitet nebenbei für einen Schreibwarenladen. Davor hat er als Verkehrserzieher mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Seit Anfang 2015 ist er in der neuen Friedensbewegung aktiv, schreibt kritische sowie soziale Postings auf Facebook und engagiert sich für die Berliner Mahnwachen.


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