Tag 08
19 Aug 2016
Die Friedensflieger: „Springen für den Frieden“
Was für ein Abenteuer! Es ist der Wahnsinn was passiert, wenn man sich mal ein bisschen öffnet und die Dinge einfach geschehen lässt. Bei der Willkommens-Veranstaltung in St. Petersburg haben einige von den Friedensfahrern die Vertreter des Veteranenvereins kennengelernt. Dieser Verein kümmert sich um einen regen Austausch zwischen russischen und deutschen Kriegsveteranen. Es waren ein paar sehr lustige, aufgeschlossene Kameraden dabei, die auch unsere Friedensmission sehr unterstützenswert fanden. Einige von ihnen oder auch ihre Eltern haben den Krieg erlebt und auch ihrer Meinung nach müssen wir alles tun, um den Frieden zwischen Deutschland und Russland und in ganz Europa zu wahren.
Profilbild von Germaid Ponge
Share

 

Bei den Veteranen in St. Petersburg handelte sich um eine Gruppe von Fallschirmjägern. Kurzerhand haben sie uns eingeladen, am nächsten morgen einen Fallschirmsprung mitzumachen. „Alles für den Frieden“. Wir wollten beim Springen über St. Petersburg unsere Friedensflagge hissen und unsere Friedens-T-Shirts tragen. 978978696795Was für ein spektakuläres Symbol für den Frieden. Die Einladung sprach sich schnell in der Gruppe herum und am nächsten Morgen fanden sich 10 Friedensfahrer ein, die nun auch zu Friedensfliegern aufsteigen wollten. Wow, los ging es mit dem Oberst im Eiltempo durch St. Petersburg, hinaus zum Übungsplatz der Fallschirmjäger. Wir hatten einen älteren Major im Auto, der uns auf dem Weg viel über die Geschichte der Stadt und über die Belagerung zu Kriegszeiten erzählte. Wir fuhren auf der sogenannten „Lebensstraße“. Es war die einzige Straße durch die die Millionenstadt im 2. Weltkrieg Verpflegung bekommen hatte. Links stand die Wehrmacht, rechts die finnische Armee. Es war ein großes Risiko in dieser Zeit Lebensmittel nach St. Petersburg (Leningrad) zu liefern, weil die Stadt und insbesondere die „Lebensstraße“ permanent unter starken Beschuss stand.

 
 

95789578979Die Aufregung stieg, als wir am Flughafen ankamen. Es war ein Übungsplatz für militärische Fallschirmjäger. Der Platz war wie im freien Gelänge geschaffen, mit Gräben und hohem Gras. Gleichzeitig wurde der Übungsplatz von einem Sportclub geführt, der regelmäßig Touristen im Fallschirm-Springen trainierte. Wir waren uns nicht sicher, ob wir alle springen durften, da wir ja auch einen Tandem-Partner brauchten, so dachten wir zunächst. Die meisten von uns, mich eingeschlossen, sind noch nie in ihrem Leben Fallschirm gesprungen. Es schien aber alles ganz unkompliziert zu sein. Der Oberst erklärte, wer alles springen will, soll sich auf die eine Seite stellen und die, die keinen Ersatzschlüpfer mithaben, sollten unten bleiben. ;-) Umgerechnet haben wir knapp 28 Euro bezahlt, was im Grunde nur eine Beteiligung an den Spritkosten war. Und dann gab es die Info: Wir springen allein! Waaaaaas!?? Meine Kinnlade klappte runter. „Aber das geht doch gar nicht. Man darf doch gar nicht allein springen, wenn man noch nie gesprungen ist.“ Quatsch mit Soße. In Russland geht alles. „Wer ist schon einmal gesprungen?“, fragte der Trainer. Björn hob die Hand: „Ich, ein Tandem-Sprung.“ Der Trainer schmunzelte: „Tandem-Sprung zählt nicht!“ Nun gut, dann sollte ich mich mal drauf einstellen, das erste Mal in meinem Leben aus einem Flugzeug zu springen und das ganz auf mich allein gestellt. Mir ging ganz schön gut die Düse. Aber was soll’s, ich hatte mich entschieden.

 

Es gab dann allerdings doch noch eine zweistündige Einweisung. Da stellte sich heraus, dass es sich um einen selbst-auslösenden Fallschirm handelte. Sobald wir sprangen, löste sich dieser Fallschirm nach drei Sekunden aus, da er mit einem Seil, welches am Flugzeug befestigt wurde, aufgerissen werden sollte. Eine altbewährte Technik… Naja, dann man Tau! Jetzt sollten wir nur noch lernen zu lenken, anständig auf dem Boden aufzukommen ohne sich beide Beine zu brechen und im Ernstfall den Ersatzfallschirm aufzubekommen. Wenn’s sonst nichts weiter ist. Was tut man nicht alles für den Frieden? Andrej, einer unserer Friedensfahrer erzählte nach der Einführung, dass er für das, was wir eben in zwei Stunden gelernt haben, in Deutschland einen 3-monatigen Kurs gemacht hatte, bevor er allein aus einem Flugzeug springen durfte. Aber das geht hier in Russland schneller. Schwups die wups hatten wir die historischen, 17 kg schweren Fallschirme aus den 70er Jahren auf die Rücken geschnallt bekommen. Anzüge und Schutz für Hände und Hals? Iwo! Auch das braucht man in Russland nicht. Wir sollten in unseren ganz normalen Straßenklamotten springen. Schon wurden wir aufgereiht und los ging’s in die alte, klapprige Sovjet Maschine, bei der schon vom Angucken der Lack abplatzte.

 

 

Die Friedensspringer - Abflug

848374Neben uns acht Friedensfahrern sprangen noch zwei alte Veteranen. Mit donnernden Motoren hob der rostige Vogel ab. Man konnte sein eigenes Wort nicht verstehen. Da saßen wir nun, wie die Ölsardinen in unsere Fallschirme gepresst und warteten auf den Abgrund. Wir mussten eine Höhe von 400 Metern erreichen. Höher ging nicht, da die Wetterlage den ganzen Vormittag schon extrem schlecht war und auch kritisch, sodass bis zum Schluss nicht klar war, ob wir überhaupt springen konnten. Und dann ging die rostige Flugzeugtür auf. „Ach du Scheiße!“, war mein einziger Gedanke. In einer ohrenbetäubenden Lautstärke dröhnte der Wind an uns vorbei. Nur Wolkennebel und ab und an die gar nicht so weit entfernte Erde war zu sehen. „Bin ich denn total bescheuert? Da sollte ich jetzt raus springen?“ Ich hatte am längsten Zeit mir darüber Gedanken zu machen, denn ich war als Letzte mit dem Springen dran. Dann dröhnte das erste Signal durch den Stahlvogel. Der alte Veteran schwang sich auf und hüpfte freudestrahlend wie ein junges Reh ins stürmische Nichts. Noch ein Signal… gleich der Zweite hinterher. Oh man, und dann ging es Knall auf Fall. Immer wenn das Signal ertönte, waren wir eine Runde über dem Übungsplatz geflogen, sodass eine weitere Zweiergruppe springen konnte. Es wurden immer weniger Friedensspringer im Flugzeug. Mein Freund Björn war dran und freute sich wie ein kleiner Hund, der sein Gesicht aus dem Autofenster bei voller Fahrt heraus hielt. „Ich liebe dich“, waren seine letzten Worte in meine Richtung, bevor er ins Bodenlose mit einem Salto verschwand. Ich konnte nur ein schwaches Piepsen erwidern. Mittlerweile hatte sich die Todesangst so in meinem Körper festgesetzt, dass ich kaum meine Hand heben konnte und mir schon schlecht wurde. Egal, da muss ich jetzt durch. Das heißt es doch, im Moment zu leben und genau dafür bin doch ich hier. Und wenn im wahrsten Sinne des Wortes alle Stricke reißen sollten, so hatte ich doch 31 wunderbar erfüllte Jahre auf diesem Planeten. „Tröööt“, das Signal für meinen Sprung erklang. Noch einen schwachen Blick in die Augen meines Trainers und schon stand ich an der Türschwelle. Unter mit das tosende Meer aus Luft und die Gewissheit, dass die verdammte Schwerkraft ihren Rest tun wird, dass ich irgendwie zurück zu Mutter Erde gelangen werde. Eine Millisekunde lang schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich doch jetzt noch kneifen könnte. Doch da flog ich schon. Mein Trainer hatte mir einen kleinen aber liebevollen Schups gegeben und ich vernahm nur noch seinen Ruf: „See youuuu!!!“

 

 

Die Friedensspringer - Der Sprung

„Huch, ich flieg ja schon. Naja, dann ist es jetzt auch egal!“, dachte ich als ich so durch die Luft sauste. Und schon war auch schon der Fallschirm auf. „Ok, jetzt erstmal orientieren. Hier bin ich, baumele in der Luft. Unter mir die Erde. Das Flugzeug seh und hör ich schon gar nicht mehr! Mensch, das ist ja eigentlich ganz schön!“ Mein Atem hatte plötzlich Zeit sich zu beruhigen. Ganz sanft lenkte ich den Fallschirm in Richtung Landeplatz. „Wow, was für eine Aussicht. Das ist ja herrlich!“ Und schon kam die Erde näher. Ganz sachte setzte ich auf und plumste wohlbehalten ins feuchte, kuschelige Gras. Das war’s. Direkt neben der Stelle, auf der ich gelandet war, lag eine wunderschöne weiß-braune Feder. Wow, welch ein Symbol. Die steckte ich mir gleich ins Haar. Wow, wow, wow! Nun kam langsam aber sicher die überschwengliche Freude. Alle Fallschirmjäger rollten ihre Fallschirme ein und fanden sich wieder in der Holzbaracke ein. Auf allen Gesichtern stand die pure Freude geschrieben. Und die Veteranen und Trainer freuten sich mit uns.

 

3523453425Man könnte jetzt fragen, was hat diese Aktion mit dem Frieden zu tun? Und warum treiben wir uns gerade bei den Fallschirmjägern rum? Für uns war dieser Tag jedoch ein ganz großes Symbol der Freundschaft. Wir sind im Grunde wie im Kampfeinsatz auf einer Höhe von 400 Meter unter dem Radar ins unbekannte Gelände gesprungen. Wir haben einmal das Gefühl bekommen, wie es gewesen sein musste, für diese jungen Männer, die ins Ungewisse gesprungen sind und oft auch in den sicheren Tod. Doch wir haben heute dieses Bild umgedreht. Wir sind unter ähnlichen Bedingungen für den Frieden gesprungen. Und die alten Veteranen teilten unsere Mission, die da lautete: „Frieden schaffen ohne Waffen“ Unser Slogan, den wir auf einem Banner nach unserer Landung freudestrahlend in die Höhe hielten. Es gab nach dem Sprung eine Taufe, die uns zu Fallschirmjägern des Friedens ernennen sollte. Das bedeutete, dass jeder vom Oberst drei Schläge auf sein Hinterteil erhielt und dabei laut rufen musste: „Slava VDV!“ Was soviel bedeutet wie: „Wenn nicht wir, wer dann?“ Und wie treffend ist dieser Satz? Wir deutschen Hippies und Friedensaktivisten kommen hier her, zu den russischen Militärs und machen gemeinsam so eine lustige, spaßige Aktion, die uns allen ewig in Erinnerung bleibt. Es war ein Zeichen der Freundschaft. Denn man kann im Auftrag des Friedens nicht nur zu denen gehen, die uns sowieso schon wohlgesonnen sind. Wir wollen zu denen gehen, die wir mit unserer Friedensmission entzünden wollen, die maßgeblich auch dazu beitragen können, dass Frieden herrscht. Und da ist es wichtig zu Polizisten, Soldaten und Militärs zu gehen und ihnen zu zeigen, wie wichtig unsere Freundschaftsbeziehungen sind, sodass sie sich im Ernstfall für den Frieden entscheiden.

 

 

523453452

 

 

Die Friedensspringer Die Taufe

Am Ende gab es noch Gurken, Brot, Speck und „Medizin“. Die Medizin gehörte auch zur Taufe und darunter versteht der Russe 96-prozentigen Schnaps. Oh mein Gott! Ich weiß nicht, was mich mehr aus der Bahn geworden hat, der Fallschirmsprung oder der kleiner Schluck vom hochprozentigen Fusel. Ich war drei Stunden später noch betrunken. Wir haben gelacht, gesungen und wir haben gegenseitig Friedensfahnen ausgetauscht. Die Veteranen haben uns eine Fahne mit Unterschriften geschenkt und wir ihnen. Zum krönenden Abschluss gab es noch ein paar Orden für uns. Jeder bekam einen Orden, der zeigte, dass wir nun offizielle Fallschirmjäger waren. Tatsächlich wurden wir in den Fallschirmjäger-Club aufgenommen und wann immer wir zukünftig in St. Petersburg sind, dürfen wir hier Fallschirm springen. Zum Anderen haben Andrej und ich, stellvertretend für alle Friedensfahrer/-springer einen Orden mit einer Kapsel bekommen. 6542451In der Kapsel befindet sich Erde vom Tiergarten aus Berlin und Erde aus St. Petersburg. Dies ist ein Zeichen der ewigen Freundschaft zwischen unseren Völkern und dafür, dass wir alle Kinder dieser einen Erde sind. Es war ein wunderbarer, aufregender Tag für uns alle. Wir waren zwar schon acht Stunden hinter unserem Konvoi, aber dafür hatte es sich gelohnt.

 

234534523 Wir haben tolle Beziehungen aufgebaut. Mit dem alten Major haben wir uns lange unterhalten. Er kümmert sich maßgeblich um den Austausch zwischen deutschen und russischen Kriegsveteranen. Ich erzählte von meinem 92-jährigen Großvater, der in russischer Kriegsgefangenschaft war. Und der Major sagte gleich, wie toll es wäre sich einmal mit ihm auszutauschen. Er sagte: „Im Krieg passieren auf beiden Seiten Greueltaten. Wir Russen glauben nicht, dass alle Deutschen damals nur Faschisten waren. Ganz im Gegenteil, es waren junge Männer, die den Frieden wollten, die jedoch gezwungen wurden, ihre Familien zu verlassen und gegen ihre Bruder und Schwestern zu kämpfen. So etwas darf nie wieder passieren. Deshalb ist der Austausch zwischen uns so wichtig!“ Björn erzählte von seinem Urgroßvater, der Künstler war und der in russischer Kriegsgefangenschaft viele Bleistiftzeichnungen angefertigt hatte, die Björn noch alle besaß. Der Major war begeistert und plante gleich eine Kunstausstellung, in der die Bleistiftzeichnungen präsentiert werden sollen.

Zum Abschluss besuchten wir noch gemeinsam ein Denkmal, welches an der „Lebensstraße“ lag, zum Gedenken an alle gefallenen Kinder. Vor 40 Jahren haben hier 900 Kinder je eine Birke gepflanzt, als Zeichen für jeden Tag der Belagerung. Diese 900 Birken wehten nun friedlich mit je einer roten Schleife um dem Stamm gebunden hier im Wind. Ein Mädchen hatte zu Kriegszeiten Tagebuch geführt und jeden Tag mit Uhrzeit und Namen aufgeschrieben, welches Familienmitglied verstorben war. Am Ende des Buches stand geschrieben: „Das war’s. Alle Familienmitglieder verstorben.” Auszüge aus ihrem Tagebuch waren hier in Steintafeln verewigt worden. Es war ein emotionaler Abschluss eines unvergesslichen Tages, an dem wir mal wieder erleben durften, dass die Freundschaft und der Wille Frieden zwischen den Völkern zu schaffen, uns verbindet. Egal ob jung ob alt, ob Pazifist oder Soldat, ob Deutsche oder Russen, wir gehören alle zu einer großen Familie namens Menschheit! Und zum Abschied landeten zwei Tauben, eine Schneeweiße und eine Gefleckte, auf dem Denkmal für die verstorbenen Kinder. Der Frieden findet also immer seinen Weg…

 
Profilbild von Germaid Ponge

Germaid Ponge

Germaid Charlotte Ponge ist diplomierte Kulturwissenschaftlerin, Musikerin und Gesangspädagogin. Angetrieben von ihrem Interesse an verschiedenen Kulturen und deren Folklore bereist sie seit vielen Jahren die Welt und singt Lieder unter anderem in Deutsch, Englisch, skandinavischen Sprachen, Gälisch, Spanisch, Russisch und Nepalesisch. Von Kanada bis Russland und von Norwegen bis Jordanien hat sie bereits Konzerte gespielt. Sie war Moderatorin der Weltmusik-Sendung „Songpoeten“ auf Radio Leinehertz und der Musikshow „Acoustic Poeten“.


Hat Ihnen der Artikel gefallen?
FREE21 steht für nicht embeddeter, crowdfinanzierter Journalismus. Helfen Sie uns noch besser zu werden und unterstützen Sie uns! Jeder Euro fließt in die unabhängige journalistische Arbeit.
einmalig
Spenden
.
Jetzt fördern
Mitglied werden!
.
Magazin
.
Überweisung
GLS Bank
Kontoinhaber:
Verein zur Förderung unabhängiger journalistischer Berichterstattung e.V.
IBAN: x-2100
Name der Bank: GLS Gemeinschaftsbank eG
BIC: GENODEM1GLS
Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!