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10 Nov 2016
Spiegelbild statt Selfie
Stefan Heimann arbeitet als Redakteur und Autor. Obwohl er viel im Netz unterwegs ist, nutzt er privat weder Facebook noch ein Smartphone. Was Heimann von Social Media hält, beschreibt er in diesem Artikel.
Profilbild von Stefan Heimann
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Der Film „A Social Life“ setzt ein klares Statement: Die übermäßige Nutzung von Sozialen Medien tut uns nicht gut. Handy weg! (Foto: YouTube)

Es ist an sich nichts Neues: Die Menschen mussten sich immer schon selbst erfinden. Tiere sind, wie sie sind, Menschen können in ihren jeweiligen Grenzen wählen, wie sie sein möchten. Heute haben Facebook und Co die Grenzen der Selbstinszenierung gesprengt. Ist das schlimm? Oder geht es letztlich um etwas ganz anderes?

 

Jean-Paul Sartre sah das so: Ein Mensch kann ohne andere Menschen nichts sein. Er meinte damit, dass ein Mensch prinzipiell alles Mögliche sein kann: Er kann sich entscheiden, höflich zu sein oder sogar charmant, er kann versuchen, unterhaltsam zu sein oder hilfsbereit oder er kann auch hinterhältig und gemein sein. Voraussetzung ist aber, dass er von anderen Menschen so beurteilt wird. Ein Mensch braucht immer mindestens ein Gegenüber, das ihm Aufmerksamkeit schenkt, ihn beurteilt und ihm damit seine Eigenschaften gibt. Allein kann man nicht höflich, charmant, unterhaltsam, hilfsbereit oder hinterhältig und gemein sein – es geht einfach nicht.

 

Der Mensch kann also laut Sartre nur das sein, was andere an ihm wahrnehmen und zu akzeptieren bereit sind. In einem ersten Schritt wird dafür Aufmerksamkeit benötigt. Über diesen Begriff weiß Wikipedia, dass er die „Zuweisung beschränkter Bewusstseinsressourcen auf Bewusstseinsinhalte“ beschreibt. Mit dem Wort „beschränkt“ wird direkt deutlich: Aufmerksamkeit ist ein begrenztes Gut. Wir konkurrieren um Aufmerksamkeit, müssen also eine Persönlichkeit wählen, die für andere attraktiv ist, sonst werden sie uns keine Aufmerksamkeit schenken. Und Aufmerksamkeit ist in unserer Gesellschaft immens begehrt. Sie ist inzwischen vielleicht sogar ein wichtigeres Statussymbol als Geld. Das kann man durchaus positiv deuten: Es ist quasi die Demokratisierung des gesellschaftlichen Statuts. Und da Aufmerksamkeit so wichtig ist, gibt es nun seit gut zehn Jahren Software, die bei Erzeugung von Aufmerksamkeit helfen kann.

 

Social Media ist Marketing

Facebook ist an sich eine super Sache: Die Software ermöglicht es Menschen, in Kontakt miteinander zu treten, sich zu verabreden, sich nicht aus den Augen zu verlieren und einfach auf dem Laufenden zu bleiben. Dass sich die Facebook-Nutzer in ihren Posts zumeist von der Schokoladenseite zeigen, ist nachvollziehbar – und auch nichts Neues: Auch beim gemütlichen Beisammensein mit Freunden breitet man nicht gerne aus, dass die Beziehung schlecht läuft, die Kinder in der Schule versagen und dass der Kredit fürs Häuschen ganz schön drückt.

 

Der Punkt, um den es hier geht, ist: Facebook, Google+, Instagram, Snapchat und Co ermöglichen es, Persönlichkeiten zu erschaffen, die nicht nur geschönt sind, sondern die gar nichts mehr mit dem echten Leben zu tun haben. Gucken wir uns das genauer an. Social Media Programme könnte man als Inszenierungssoftware mit integriertem Online-Shop und Monitoring-Tool bezeichnen. Man präsentiert das mit der Software kreierte Image, bietet es an und sieht direkt, ob es angenommen wird oder nicht. Es geht im Grunde also um Marketing mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Bestätigung zu bekommen. Ein kleiner Film zeigt anschaulich, dass dabei die Gefahr besteht, süchtig nach der digitalen Bestätigung zu werden.

 

Poste, wer Du bist

A Social Life heißt der beim ­Irvine International Film Festival ausgezeichnete Kurzfilm der US-amerikanischen Regisseurin Kerith Lemon. Er zeigt die junge Frau Meredith, die sich und ihr Leben per Smartphone permanent digital inszeniert. Vom Jogging, übers gesunde Mittagessen bis zum Computer-Job: Ständig postet sie Bilder mit Kommentaren und sahnt dafür Likes ab. Ihr gesamtes Denken und Handeln scheint unter dem Motto zu stehen: Nur was andere liken, ist auch wirklich gut. Soweit passt alles zu Sartres Ansatz: Man braucht die Bestätigung anderer Menschen. In der zweiten Hälfte des Films zeigen sich dann die Grenzen von Sartre, der die Möglichkeiten von Social Media nicht mal geahnt haben dürfte: Meredith gibt vor, ein Date zu haben, und belegt dies mit einem Selfie in Ausgehstyling. Dann macht sie aber keinerlei Anstalten, ihr Sofa oder gar die Wohnung zu verlassen. Es reicht ihr offenbar, dass die anderen Menschen glauben, sie habe ein Date. Und sie glauben es zweifellos, denn es passt perfekt in Merediths sorgfältig konstruiertes Image, das man als zielstrebig, diszipliniert und erfolgreich beschreiben könnte. Die junge Frau hat also ihre Eigenschaften gewählt und andere Menschen haben sie bestätigt – aber sie stimmen trotzdem nicht.

 

„Are you living the life that you post?“, fragt uns der Film. Die Frage ist banal: Nein, und das ist auch nicht weiter schlimm, denn in der echten Welt präsentieren wir uns ebenfalls besser, als wir sind. Die interessanteren Fragen wären: Würden wir das gepostete Leben führen, wenn wir könnten? Und sagt das gepostete Leben vielleicht sogar mehr über unsere Persönlichkeiten aus als das gelebte? Der Film geht diesen Fragen nicht nach: Meredith sieht gut aus, kennt eine Menge Leute und hätte definitiv alle Möglichkeiten für ein echtes Date. Aber was wäre beispielsweise mit einem Callcenter-Mitarbeiter, der erfolgreich vorgibt, ein Psychologe zu sein? Oder ein Fast Food-Mitarbeiter, der in der digitalen Welt ein angesehener Philosoph ist? Sagt da das Virtuelle nicht mehr über die Persönlichkeit als die Wirklichkeit?

 

Beliebt? Zufrieden!

Sowohl der Kurzfilm „A Social Life“ als auch Sartre wollen uns sagen: Geht raus, geht unter Menschen, dort könnt Ihr sein, wie Ihr sein wollt. Aber stimmt das denn? Inserieren wir uns nicht in jeder Gesellschaft – ob nun digital oder nicht? Geht es nicht letztlich um etwas ganz anderes? Ist es nicht so, dass man nur ohne Publikum keine Rolle spielt? Dass wir also lernen sollten, auch allein klarzukommen? Vielleicht ist das Problem, dass viele Menschen nicht mit ihrer nackten, unverkleideten Persönlichkeit konfrontiert werden möchten und sich deshalb vor virtuelles Publikum flüchten, sobald sie allein zuhause sind. Andere Menschen hin oder her: Oberstes Ziel sollte immer sein, das eigene Spiegelbild ohne Maske zu mögen. Die Likes für ein Selfie in toller Pose sind komplett belanglos.

 

Spiegelbild statt Selfie: Das ist dann auch die entscheidende Erfahrung, die Meredith macht – um sich dann am Ende des Filmchens aus der Wohnung zu trauen, damit sie sich ihre Bestätigung von echten Menschen holen kann. Auf die Idee, dass die Abhängigkeit von Bestätigung das Problem sein könnte, kommt der Film nicht. Selbstgenügsamkeit ist in unserer Gesellschaft kaum gefragt. So gut wie jede Werbung redet uns ein: Kauf Dir was Tolles, dann mögen Dich die anderen – darum geht es ja schließlich. Und darum geht es auch bei Facebook und bei allen sozialen Medien: Sei beliebt, dann hast Du’s geschafft! Dabei sollte es heißen: Sei, wie Du sein willst und vor allem sei die einzige Instanz, die dies zu beurteilen hat. Und selbst wenn Sarte recht haben sollte und man wirklich nur durch das Urteil anderer Menschen höflich, charmant, unterhaltsam, hilfsbereit oder hinterhältig und gemein sein kann; man kann immerhin noch etwas anderes sein: zufrieden.

 

  Dieser Text wurde zuerst am 14.10.2016 auf Neue Debatte unter der URL <https://neue-debatte.com/2016/10/14/spiegelbild-statt-selfie/#more-14050> veröffentlicht. (Lizens: neue-debatte.com)

 

YouTube: A Social Life Trailer, Kerith Lemon Pictures 2016, A Social Life | Award Winning Short Film | Social Media Depression <https://<a href="http://www.youtube.com/watch?v">www.youtube.com/watch?v</a>=GXdVPLj_pIk>

Quellen

YouTube: A Social Life Trailer, Kerith Lemon Pictures 2016, A Social Life | Award Winning Short Film | Social Media Depression www.youtube.com/watch?v=GXdVPLj_pIk>
Profilbild von Stefan Heimann

Stefan Heimann

Stefan Heimann kommt aus dem Ruhrgebiet. Er wurde 1979 in Dortmund geboren und hat in Aachen und Berlin Elektrotechnik und Philosophie studiert. Er arbeitet heute als Redakteur und Autor und lebt mit seiner Familie in Potsdam. Als Redakteur einer gemeinnützigen Kommunikationsagentur schreibt Stefan viel über Energie und Umwelt und Klimaschutz und macht Presse- und Öffentlichkeitsarbeit dazu.


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