Druschba:
10 Aug 2016
Tag 3 auf dem Weg nach Moskau
Dieser Tag hatte es in sich. Von Pech über Pathos bis Panik war alles dabei. Pech war, dass meine Bänderdehnung von gestern heute morgen richtig schmerzhaft wurde. Mein Glück dabei: im Hostel bekam ich eine elastische Binde und einen Besenstil, der den Rest des Tages als Krücke herhalten musste.
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Andrea Drescher unterwegs für den Frieden und Free21

Nach anfänglichen Schwierigkeiten kam ich gut zurecht und konnte bei der Kranzniederlegung  am Kriegerdenkmal von Kaliningrad teilnehmen.

 

Hier ging es – für meinen persönlichen Geschmack – sehr pathetisch zu. Was für mich aber deutlich zu spüren war, war die Begeisterung der russischen Menschen für unsere Bereitschaft ein Signal für den Frieden zu setzen. Da ich kein Freund großer Worte bin, hielt sich meine Begeisterung eher in Grenzen. Wie gesagt – meine persönliche Sicht – viele der Teilnehmer waren sehr gerührt von den Worten der Sprecher, die auch für die vielen russischen Opfer um Entschuldigung baten . Insbesondere Owe Schattauers Appell, sich unbedingt für den Frieden einzusetzen fand großen Anklang.  Die musikalischen Beiträge einiger Friedensfahrer waren auch sehr berührend und passten zu der Stimmung des Anlasses.

 

Aber ein Satz ist mir persönlich hängen geblieben. Wir standen am Denkmal für die Gefallenen des ersten Weltkriegs und wollten anschließend Blumen am Denkmal für die Gefallenen des zweiten Weltkriegs niederlegen. Der russische Marineoffizier sagte dann, dass es im gesamten Oblast Kaliningrad keinen Platz mehr für ein weiteres Denk-mal für die Gefallenen des dritten Weltkriegs geben würde. Dieser Aussage konnte ich unumwunden zustimmen.  Dass nach russischer und deutscher Hymne die Internationale angestimmt wurde – zumindest eine paar Zeilen – war in meinen Augen ein schönes Signal.

 

14.00 Uhr zogen wir dann im Konvoi weiter Richtung  Gwardeysk. Eskortiert von den Nachtwölfen und der Polizei – eine Konstellation, die für mich in Deutschland oder Österreich kaum denkbar erscheint, ging es aufs Land. Die Einwohner von Gwardeysk empfingen uns äußerst herzlich – Musik, Ansprachen, Tanz und sogar mit Feldküche, so dass wir heute mal nicht den ganzen Tag von Brot und Chutney leben mussten.  Mangels Sprachkenntnisse waren meine Möglichkeiten zum Austausch zwar eingeschränkt, aber es reichte um mit einigen älteren Damen mit Händen und Füßen zu kommunizieren, die mich insbesondere ob meines Hinkebeins sehr bedauerten. Dass die Herzlichkeit der Menschen in diesem Dorf echt war, wurde knapp eine Stunde später wirklich deutlich. Eine der Damen kam auf mich zu und überreichte mir Reiseproviant. Tomaten und russische Gurken – alles frisch aus dem Garten. Druschba – Freundschaft – DAFÜR braucht man keine große Sprachkompetenz. Und das Fresspaket kam uns einige Zeit später sehr zu gute. Wirklich nett.

 

Die Fahrt von Gwardeysk bis zur Grenze verlief unspektakulär. Aber dann …

 

Die russischen Grenzbeamten waren zwar nicht sonderlich effizient, aber freundlich, so dass sich die Ausreise recht locker gestaltete. Die Einreise nach Litauen – also Europa – war gar nicht so lustig. Nachdem man die Brücke über den Fluß überquert hatte, kam man in den isolierten Grenzbereich. Mehr als  10 Fahrzeuge auf einmal, wurden nicht eingelassen – dann ging die Schranke runter.  Und dann stand man. Und stand. Und stand. Irgendwann kam ein deutschsprachiger Grenzbeamte und fragte mich, wann die Herren Schattauer und Rothfuss kämen, um Fragen zu beantworten. Hmm. Wie sollte ich das sagen,  nachdem ich keine Ahnung hatte, in welchem Stadium der Grenzabfertigung sich die beiden befanden? Ich outete mich als Orga-Mitglied und beantwortete die Fragen nach besten Wissen und Gewissen.  Beim  Thema Programm war ich allerdings nicht in der Lage zu helfen, denn das Airport-Event war mir in der konkreten Form nicht bekannt. Also kontaktierte ich Rainer telefonisch, der dem Beamten versicherte, dass wir keine Veranstaltung vor Ort geplant haben. Eines wurde aber deutlich: die Herren hatten sich in unserem Google-Kalender sehr genau über unsere Fahrt informiert. Und gefreut haben die sich nicht über unseren Besuch. Wir hätten wirklich den ursprünglichen Plan, möglichst geräuschlos durchs Baltikum zu fahren, beibehalten sollen.

 

So kam es zu einer Situation, die fast unter Schikane fiel. Nachdem wir endlich durch waren, als 1,5 Stunden später, warteten wir hinter der Grenze mit 5 Autos auf die anderen. Und dann kam die Panik, denn das Gerücht „Die Grenze wurde dicht gemacht“ sorgte für große Unruhe. Auch ich hatte auf einmal ein laues Gefühl im Magen, zumal laut Aussage von Rainer in den Foren böse Hetze gegen die Friedensfahrer betrieben würde.

 

Beratschlagungen untereinander führten zu wenig Erkenntnisgewinn, aber nach gut einer Stunde kamen dann doch mehr und mehr Teilnehmer auf dem Parkplatz an, so dass klar wurde, dass es keine Sperrung der Grenze gab. Gerüchte sind schneller als man denkt. Nach weiterem Hin und Her entschieden sich die meisten nach Siauliai wie ursprünglich geplant weiterzufahren.

 

Eine richtige Entscheidung – wie ich hoffe. Mein Auto steht ja schließlich voll „plakatiert“ auf der Straße. Wie es morgen bzw. heute weitergehen wird? Man wird sehen. Gute Nacht!

 

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Andrea Drescher

Unternehmensberaterin & Informatikerin, Selbstversorgerin & Friedensaktivistin – je nachdem was gerade gebraucht wird. Seit 2016 bei Free21 als Schreiberling und Übersetzerin mit im Team.


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1 Antwort

  1. Valeri Litke sagt:

    Ich kam nach Deutschland, kurz nach Zusammenbruch der Sowjetunionreise, aus Kasachstan, es ist schon 22 Jahre her. Bin sehr dankbar für die Hilfe und Geduld die ich hier bekommen habe. Aber letzte zeit wundert mich die Handlung und Rhetorik manche deutsche Politiker gegenüber Russland. Diese doppelte Moral und doppelte Standard. Und dies schwappt auf manche meine deutsche Kollegen über. Von allem was mich in erstaune versetzt ist das die Kollegen, die über Krieg und Frieden mit Russland reden, keine Kenntnisse in der Geschichte haben! Besonders in Kriegsgeschichte!!! Um die Leute nachdenken anzutreiben verwende ich ein Trick ; ich sage ihnen ein russische Sprichwort „Die Volker von Europa sind Dünger für unsere Felder“. Das heißt nicht dass die Russen schleppen ganze Volker zu sich und verarbeiten sie dort zu Dünger, das heißt dass die­je­ni­ge die nach Russland mit Waffen in der Hand kommen werden dort sterben.
    Ich bin ein friedliebende und gesetzestreue Mensch, es gefällt mir Häuser zubauen und Bäume zu pflanzen, und davon habe ich mit meiner 47 Jahre viel gemacht. Ich habe zwei Sohne erzogen, die schon erwachsen und voller leben sind, und ich will nicht das die als Dünger auf irgendeine Feld ihr leben beenden.
    Wir, die „kleine“ Leute, müssen uns zusammen machen, gegen Kriegstreiber, gegen Volkshetzer, gegen Panikmacher!!!
     ¡No pasarán! Die kommen nicht durch! Они не пройдут!

    Mit Hochachtung Valeri Litke.

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