Andreas Reise:
15 Aug 2016
Tag 8 – Sonntagsbeobachtungen in Pskow
Profilbild von Andrea Drescher
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Meine erste Kranzniederlegung

Nach einem leckeren Frühstück – Tee, Brot und geräucherter Fisch – starte ich mit meinem Spaziergang am Sonntagmorgen durch Pskow. Ganz früh ist es nicht mehr, die Verkaufsstände werden schon aufgebaut. Die Stadt scheint voll mit Soldaten – bzw. genauer - voll mit jungen, fast kahlköpfigen Männern, die offensichtlich zur nahegelegenen Kaserne gehören und Ausgang haben.

Jetzt bin ich das erste Mal ganz allein in Russland. Claus pennt. Er ist erst gegen 6 Uhr morgens zurück ins Hostel gekommen, hat gemeinsam mit einigen jungen Leuten eine super-g..le Nacht verbracht. In Pizzerias, Wasserpfeifen- und anderen Clubs getanzt und Wodka genossen, so dass ich mich nicht darüber wundern muss, dass er bis zum letzten Rubel abgebrannt ist. Irgendwie erinnere ich mich dunkel, dass ich vor dreißig Jahren ähnlichen Blödsinn verzapft habe … also runter mit dem innerlich erhobenen Zeigefinger. Er hat sicher viel für Völkerverständigung getan und sein Kater wird ihn eine Weile an dieses Erlebnis erinnern.

Pskow ist eine Stadt mit rund 200.000 Einwohnern, also in etwa so groß wie Linz. Ruhig und friedlich kommt sie daher – von Flüssen und Bächen und insbesondere riesigen Parks durchzogen. Ein idealer Platz für einen  Zwangsaufenthalt, wie er mir beschert worden ist.

Ich schlendere gemütlich durch die Gegend, komme bei „meiner“ Obstfrau vorbei, bei der ich am ersten Abend frisches Obst gekauft habe. Ich möchte einen Apfel kaufen – die abgepackte Menge ist mir einfach zu groß. Was tut sie? Sie schenkt mir zwei, lässt mich nicht bezahlen. Wirklich netter Start des Tages finde ich.

Ich entschließe mich, die „große Parkrunde“ zu gehen. Also immer durch Parks und an Flüssen entlang im Dreieck rund um den Kreml und das Ortszentrum.  Ist zwar nicht sehr weit, aber mein Aussenband am Knie lässt weiter zu wünschen übrig und einige Kilometer kommen ja doch zusammen. Es soll für diesen Tag mal reichen. Im Park stoße  ich auf eines der überall befindlichen Kriegerdenkmäler. Irgendwie ist mir danach und ich mache meine ganz persönliche „Niederlegung“. Allerdings nicht von einem Kranz sondern von unserem Druschba-Flyer. Vielleicht erreicht es ja einen Menschen. Etwas, was ich im Laufe des Tages noch mehrfach wiederholen werde. Dann wandere ich weiter durch die Stadt.

Eine lustige Begegnung am Rande: Da ich es gewohnt bin, mit Floh & Pieps (meinem Hund & einer meiner Katzen) spazieren zu gehen,  fand ich es sehr nett,  in Pskow eine Frau zu treffen, die ähnliches tat. Hund & Katze folgten ihr auf dem Fuße. Dass es sich bei mir dabei ebenfalls um einen schwarzen Hund und eine grau-weiße Tigerkatze handelt, sei nebenbei auch noch erwähnt. 

Was mir schon die ganze Zeit bewusst wird – meine Gedanken zum Thema Armut vor Ort. Viele Gebäude sind eher einfach, wirken etwas heruntergekommen, ziemlich viel Plattenbau. Dazwischen sind immer wieder hochgestylte Villen und normale Mittelstandshäuschen aber auch komplette Ruinen zu finden. Trotzdem macht zumindest Pskow und auch das Umland, durch das wir gestern gefahren sind, insgesamt nicht den Eindruck von wirklicher Verarmung. Zumindest nichts im Vergleich zu dem, was ich in Südamerika bereits kennengelernt habe.  Ich sehe viele alte Ladas, Skodas und ähnliche Fahrzeuge „von früher“. Aber mindestens so viele  SUVs stehen bzw. fahren auf der Straße rum. Der Lebensstandard ist wohl  noch deutlich niedriger als bei uns, aber ich nehme nicht viel mehr Obdachlose wahr, als ich es aus Linz kenne. Auch bettelnde Zigeuner begegnen mir hier wie dort. Und der Zustand mancher Häuser erinnert mich stark an Gebäude in Sachsen-Anhalt oder auch in Bosnien. Dass das Leben hier kein Honigschlecken ist, ist offensichtlich. Aber als H4-ler oder mit Witwenrente lebt es sich in Deutschland oder Österreich sicher nicht sehr viel angenehmer.

Versuch einer „Objektivierung“: eine Verkäuferin im Elektronik-Laden verdient 200 Euro im Monat – das ist verdammt wenig. Aber das auf dem Foto präsentierte Essen – Gemüse, leckeres  Kartoffelpüree aus echten Kartoffeln sowie ein Krautsalat,  dazu Kefir und Tomatensaft und  ein Stück Kuchen zum Nachtisch – kostet unter zwei Euro. Also rund 1% vom Einkommen. Das entspricht in etwa unseren Einkommensverhältnissen. Denn eine Verkäuferin erhält sicher nicht mehr als 1200 Euro netto  – zahlt aber wohl auch 12 Euro für ein derartiges Essen.

Mein ganz persönlicher Eindruck ist, dass zumindest hier in Pskow die Menschen nicht besonders unter den Sanktionen leiden. Und das wird mir auch von Elena bestätigt, die ich unterwegs  treffen werde. Aber davon später.

Per Zufall stehe ich auf einmal vor einer kleinen russisch-orthodoxen Kirche – und irgendwie entsteht der Wunsch, hinein zu gehen. Keine dieser Prachtbauten, einfach eine kleine Kirche in der aber gerade ein Gottesdienst stattzufinden scheint. Meine Jacke als „Rock“ um den Bauch gebunden, mein Halstuch wird zum Kopftuch umfunktioniert und schon bin ich angemessen für den Kirchenbesuch gekleidet. Innen ist es ganz anders, als ich es von westlichen Kirchen kenne (und wenig schätze). Es ist irgendwie lebendig. Ich stoße auf eine bunte Mischung betender Menschen und herumwuselnder Kinder,  während von oben wunderschöne Chorgesänge ertönen. Immer wieder kommen Gläubige rein, andere verlassen die Kirche, vielleicht weil ihnen das Stehen zu anstrengend wird. Es sind Menschen aller Altersgruppen zu sehen – und auch wenn die Mehrheit Frauen sind, finde ich auch überraschend viele junge Männer darunter. Religion scheint den Menschen hier wirklich etwas zu bedeuten. Nicht wie die Mehrheit der Drei-Tage-Christen, die man Ostern, Pfingsten und Weihnachten bei uns in der Kirche trifft. Hier fühlt es sich für mich echt an. Und auch der Priester ist ein junger Mann – so zwischen 30 und 40 – höchstens, während wir in Österreich bereits Pfarrer aus Afrika importieren müssen, weil kein Nachwuchs mehr da ist. (Nix gegen Afrikaner, aber … schräg finde ich das schon). 

Irgendwann wird mir das Stehen zu anstrengend und ich ziehe weiter Richtung Fluss. Dann klingelt das Telefon und Larissa, meine bisherige Mitfahrerin, die jetzt in St. Petersburg ist, will wissen, wie es uns geht und ob ich mir die Fahrt nach Smolensk ohne Dolmetscherin  zutraue. Sie hätte sonst abgebrochen und wäre mit dem Bus nach Pskow zurück gekommen. DANKE Larissa, aber JA, irgendwie werden wir das sicher hinbekommen. See you in Smolensk.

In einem eigenartigen Cafe unter der Brücke mache ich Pause. Kaffee, Wasser, Tomatensaft, also Flüssigkeit aufnehmen und das Gegenteil natürlich auch. Das Waschbecken ist auch recht eigenartig, aber wenn man mal rausgekriegt hat, wie es funktioniert, gibt es sogar frisches Wasser zum Hände waschen.

Keine 200 Meter vom Cafe entfernt treffe ich Elena und Uma. Uma ist der Hund und als Tierliebhaberin konnte ich nicht anders als den beiden beim Spielen zuzusehen.  Und da Elena – eine Ausnahme bei den Menschen meiner Altersklasse – als Lehrerin (schon wieder) einigermaßen Englisch spricht, kommen wir ins Gespräch. Der Druschba-Flyer war wieder eine ideale Gesprächseröffnung, aber es entsteht eine spannende Mischung aus politischen und persönlichen Geschichten.

Was sie mir aber auf eindeutig bestätigte, ist mein Eindruck, dass Pskow eine sichere und auch relativ „wohlhabende“ Stadt ist. „Wir lieben hier alle Putin“ – so ihre Aussage. „Er hat uns Sicherheit und Wohlstand zurück gebracht. Die Reichen mögen ihn nicht so sehr, aber für uns normale Menschen ist er eine Wohltat.“  In den frühen 90ger Jahren muss es wohl sehr heftig hier gewesen sein. Schreckliche Armut, Menschen haben gehungert und –wie sie mir erzählte – z.B. Hunde und Katzen gegessen, um zu überleben. Auf den Straßen soll  es heiß her gegangen sein, viele Obdachlose wurden einfach umgebracht. Darum auch die vielen Schlösser an den Haustüren. Jetzt sei das alles Gott sei dank wieder vorbei. Ich kann nur wiedergeben, was sie sagte, aber es deckt sich mit anderen Aussagen, die ich aus anderen Quellen erhalten habe. Die meisten Russen, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, hatten mir ähnliches erzählt. Nach gut zwei Stunden Plauderei verabreden wir uns für Montag 11.00 Uhr an Hostel und verabschieden uns.

Ich ziehe weiter am Fluss entlang, der mich in vielerlei Hinsicht an die Donau in Linz erinnert. Kleine Ausflugsboote für Touristen, Angler am Flussstrand und selbst die Verkehrsbehinderungen aufgrund von Bauarbeiten an der Brücke lassen mich an die oberösterreichische Landeshauptstadt denken. Nur sind sie hier cleverer und reißen die Brücke im Zuge der Renovierung nicht ganz ab … die Staus bleiben also überschaubarer als in Linz.

Nach und nach wird das Knie müde, aber ich bin schon auf dem letzten Stück Weges zum Hostel angekommen. Beim Vorbeigehen an „meiner“ Obstfrau werden mir drei leckere Zwetschgen in die Hand gedrückt. Für 30 Rubel (40 Cent) leiste ich mir dann noch 2 große, frische Karotten, von denen ich eine noch auf den letzten Metern zum Hostel verdrücken muss. Inzwischen war es schon Nachmittag – und ich ausgesprochen hungrig.

Im Hostel angekommen treffe ich Claus beim Frühstück (!) an. Brot und Fisch sind gut gegen Kater ☺ - und dienen mir auch als frühes Abendbrot.  Ich muss gestehen, mein Mitleid mit verkaterten Jungs  hält sich in Grenzen, aber in dem Alter regeneriert man ja auch schnell wieder. Heute wird es wohl wieder ein entspannter Abend werden, und das ist auch gut so. Ab morgen nachmittag ist ja wieder Auto fahren angesagt.

Daher für heute – Druschba – und gute Nacht!

Profilbild von Andrea Drescher

Andrea Drescher

Unternehmensberaterin & Informatikerin, Selbstversorgerin & Friedensaktivistin – je nachdem was gerade gebraucht wird. Seit 2016 bei Free21 als Schreiberling und Übersetzerin mit im Team.


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