Effenberger:
19 Mai 2016
Was macht Seine Heiligkeit im unheiligen Club?
Während der Papst in seiner Dankesrede für den Karlspreis fragt „„Was ist los mit dir, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?“ stellt sich manch einem EU-kritischen Denker die Frage, ob es genau dieses von ihm beschriebene Europa überhaupt jemals gegeben hat. Ist das „Friedensprojekt Europa“ wirklich das, was sich die Menschen zu Recht davon versprechen? Wie kam es zur Gründung, welche Ziele wurden und werden mit der EU verfolgt? Die Antworten auf diese Fragen sind alles andere als erfreulich.
Profilbild von Wolfgang Effenberger
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Einen Tag nach Christi Himmelfahrt (der Karlspreis wird sonst üblicherweise an diesem Tag in Aachen verliehen) wurde in der besonders prächtigen Sala Regia des Vatikan Papst Franziskus der Karlspreis für seinen Einsatz in „Menschenwürde, Freiheitsrechte, Barmherzigkeit“(1) überreicht.

 

Dieser Preis gilt seit 1950 für die europäische Politelite als eine der bedeutendsten Ehrungen (2002 wurde sogar der Euro ausgezeichnet). Namensgeber ist Kaiser Karl der Große (742-814), der Ende des achten Jahrhunderts Aachen zu seiner Lieblingspfalz wählte. Er wird heute unreflektiert als erster Einiger Europas gefeiert. In der Vergangenheit sahen sich jedoch die beiden größten Zerstörer Europas – Napoleon Bonaparte und Adolf Hitler – als Erben und Vollstrecker Karls des Großen.

 

In seiner Dankesrede beklagte der Heilige Vater die heutigen Zustände. Er sprach von einem Europa, das sich verschanze, und stellte folgende Fragen: „Was ist los mit dir, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist los mit dir, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, Künstlern, Musikern, Literaten? Was ist los mit dir, Europa, du Mutter von Völkern und Nationen, Mutter großer Männer und Frauen, die die Würde ihrer Brüder und Schwestern zu verteidigen und dafür ihr Leben hinzugeben wussten?“(2)

 

Dann rief der Papst dazu auf, sich an die Gründerväter eines vereinten Europa zu erinnern: Namentlich erwähnte Franziskus Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi und zitierte sogar den damaligen französischen Außenminister Robert Schuman: Europa werde durch die „Solidarität der Tat“ geschaffen. „Gerade jetzt, in dieser unserer zerrissenen und verwundeten Welt, ist es notwendig, zu dieser Solidarität der Tat zurückzukehren, zur selben konkreten Großzügigkeit, die auf den Zweiten Weltkrieg folgte“. Die Gründungsväter, so Franziskus, hatten die Kühnheit, „nicht nur von der Idee Europa zu träumen, sondern wagten, die Modelle, die bloß Gewalt und Zerstörung hervorbrachten, radikal zu verändern.“(3)

US-Militärdoktrin:


„Win in a complex World 2020–2040“ 

 

War es wirklich so? Sollten dem Heiligen Vater die wahren Zusammenhänge unbekannt sein?

 

Schon im Jahr 1945 wurden die Weichen für die angloamerikanische Durchdringung Eurasiens gestellt. 2016 spitzt sich nun die Konfrontation mit Russland und China zu, die in der aktuellen US-Militärdoktrin TRADOC 525-3-1 mit dem lapidaren Titel „Win in a complex World 2020 -2040“ als Hauptbedrohung angegeben werden. Die militärischen Vorbereitungen – Auffüllen der NATO-Depots, Dislozierung von Militär an die russische Grenze sowie ständige Manöver – laufen auf Hochtouren. Diese Entwicklung geht bis auf das Kriegsende 1945 zurück: Anfang September 1945 beauftragte Truman General Eisenhower mit der „Operation TOTALITY“. Mit 20 bis 30 Atombomben sollten 20 sowjetische Industriestädte auf einen Schlag vernichtet werden. Derartige Pläne wurden ständig verfeinert.

 

Aus den Resten der Kriegskommandostrukturen des Zweiten Weltkriegs wurde am 1.Januar 1947 im Osten Eurasiens das pazifische US- Militärkommando PACCOM und am 15. März 1947 im Westen Eurasiens das europäische US-Militärkommando EUCOM installiert. Nur wenige Wochen später - am 5. Juni 1947 – umriss der damalige US-Außenminister Marshall das „European Recovery Program“ zur Wiederherstellung Europas. Für diesen Plan, der später nach ihm benannt wurde, erhielt er 1953 den Friedensnobelpreis und 1959 den Karlspreis. Auf der Medaille für George C. Marshall ist zu lesen: „für Verdienst um Wiederaufbau und Einigung Europas“. Der Marshall-Plan war in erster Linie dazu da, für den geplanten Krieg in Europa eine intakte Infrastruktur bereit zu stellen – Marshall, vor dem Weltkrieg Leiter des US-Kriegsplanungsamtes und ab dem 1. September 1939 Chef des Vereinigten Generalstabs, war zeitlebens eingefleischter Soldat und dachte ausschließlich in militärischen und geostrategischen Kategorien.

Warum liegt den USA so viel an der Usur-pation des eurasischen Kontinents?

Grundlage ist eine geostrategische Theorie aus dem Jahr 1904, die „Herzland-Theorie“ von Halford John Mackinder: Wer das Herzland beherrscht (das Gebiet jenseits des Urals), beherrscht die Weltinsel (Eurasien), Wer die Weltinsel beherrscht, beherrscht die Welt. Zunächst mussten die USA als nichteurasische Macht die europäischen Staaten alle unter einer Schutz-Ideologie gegen den „bösen Russen“ vereinen. Zu diesem Zweck wurde im Frühjahr 1949 die Nordatlantische Vertragsallianz gegründet. Zugleich wurde zielstrebig eine weitere Allianz auf den Weg gebracht. Am 9. Mai 1950 – fünf Jahre nach Kriegsende – hatte Robert Schuman die Erschaffung einer europäischen „Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ angekündigt – heute wird der 9. Mai alljährlich als „Europa-Tag“ gefeiert. Laut der offiziellen Version wurde dieser strategische Plan für die Integration der deutschen und der französischen Kohle- und Stahlproduktion unter völliger Geheimhaltung sogar vor dem französischen Staatspräsidenten Vincent Auriol samt seinen zuständigen Ministerien ausgehandelt. Dass der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer nur einige Stunden vorher von diesem Plan erfahren, ihm aber sofort zugestimmt hat, gehört ebenso zur Legende von der Schöpfung eines einigen Europas. Die anderen Europäer wurden ohnehin vor vollendete Tatsachen gestellt.

De Gaulles Verdienst um die deutsch-französische Aussöhnung

In diesem Zusammenhang erscheint es äußerst bemerkenswert, dass der spätere Staatspräsident General Charles de Gaulle (1959-1969) als Gegenentwurf zum transatlantisch eingebundenen Europa ein „Europa der Vaterländer“ favorisierte. De Gaulle hatte sich 1940 nach der Niederlage Frankreichs nach London abgesetzt und dort die Freien Französischen Streitkräfte (FFL) aufgebaut. Der britische Premier Winston Churchill traute der Vichy-Regierung nicht und befahl die „Operation Catapult“ zur Ausschaltung der französischen Flotte. Am 3. Juli 1940 wurden die im Hafen von Mers-el-Kébir liegenden Kriegsschiffe versenkt. Über 1.000 französische Seeleute fanden dabei den Tod. Am gleichen Morgen startete die „Operation Grasp“, bei der alle in britischen Gewässern befindlichen französischen Schiffe gekapert und beschlagnahmt wurden.

 

Es versteht sich, dass dadurch de Gaulles Vertrauen in die anglo-amerikanische Politik nachhaltig erschüttert war und er misstrauisch die imperialen Ambitionen Großbritanniens und der USA verfolgte. Für ihn ging Europa „vom Atlantik bis zum Ural“. In den besonderen Beziehungen Großbritanniens zu den USA sah de Gaulle eine Gefahr, weshalb er Großbritanniens Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu verhindern suchte. Seine Distanz zur anglo-amerikanischen GEO-Strategie und sein vertrauensvolles Verhältnis zum deutschen Nachkriegskanzler Konrad Adenauer verhinderten eine Wiederholung der Politik Georges Clémenceaus, die das ohnehin schwierige Verhältnis Frankreichs zu Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg vergiftet hatte. Konsequent zog er dann 1966 Frankreich aus der militärischen Kommandostruktur der NATO zurück. So kann de Gaulles Verdienst um die deutsch-französische Aussöhnung nicht genug gewürdigt werden.

Die Römischen Verträge – „Geburtsurkunde“ der Europäischen Union

Churchill dagegen erhielt 1955 den Karlspreis der Stadt Aachen: Auf seiner Medaille ist zu lesen: „Hüter menschlicher Freiheit – Mahner der europäischen Jugend“. Nur zehn Jahre zuvor hatte Churchill am 7. Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta bemerkt, dass schon 6 bis 7 Millionen Deutsche getötet seien, „und bis Kriegsende werden es noch mehr sein, wahrscheinlich nicht weniger als 1 bis 1,5 Millionen“; weiter habe er erklärt, er schlage durchaus nicht vor, die Vernichtung der Deutschen einzustellen(4). Charles de Gaulle, dem es wirklich um ein einiges, kulturbewahrendes Europa ging, sucht man in der Liste der Karlspreisträger allerdings vergebens. Dafür findet man aber einen Mann namens Walter Hallstein (1901-1982). Als prominenter Anwalt war er Ende der 1930-er Jahre in die rechtliche und administrative Planung eines Nachkriegs-Europas unter der Kontrolle der Nazis und ihrer unternehmerischen Verbündeten, des Öl- und Pharma-Kartells „IG Farben“ involviert.

 

Am 25. März 1957 unterzeichneten die Regierungen der sechs Gründerstaaten Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburg in der Sala degli Orazi e Curiazi unter der segnenden Hand der Monumentalskulptur von Papst Innozenz X. (1644 – 1655) die Römischen Verträge. Sie gelten als „Geburtsurkunde“ der Europäischen Union. Innozenz hatte 1648 den Dreißigjährigen Krieg fortsetzen wollen und sich bis zuletzt gegen den Westfälischen Frieden gewehrt. Hallstein war flexibel und setzte seine Nachkriegsplanungen unter anderen Vorzeichen fort. So steht auf seiner Medaille:„Karlspreis der Stadt Aachen 1961, Professor Walter Hallstein, Neues Europa freiwilliger Bindung“. Den Weg zum transatlantischen Europa beschreiben drei weitere Mai-Daten in den Jahren vor 1950:

 

14. Mai 1947, Gründung der Europäischen Einigungsbewegung (United Europe Movement);

 

7. bis 10. Mai 1948, Haager Kongress, der die Gründung des Europarats vorbereitete, und

 

5. Mai 1949, die tatsächliche Gründung des Europarats durch den Londoner Vertrag.

 

 

NATO: „Die Russen  draußen, die Amerikaner drin, die Deutschen unten …“

Mit der Gründung der Europäischen Kohle- und Stahl Gemeinschaft am 9. Mai 1950 wurde dann der erste Schritt zur Abschaffung der historischen Nationen Europas unternommen. Somit ist der Schuman-Plan nicht der Anfang der europäischen Konstruktion, sondern der Anfang der Destruktion der europäischen Nationen durch supranationale Institutionen. Drei Tage später begann die große Londoner Konferenz, auf der Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten den aufziehenden Kalten Krieg besprachen. An dieser Stelle sei daran erinnert, wie der erste NATO-Generalsekretär Lord Ismay, der nur wenige Jahre vorher den Plan „Unthinkable“ (am 1. Juli 1945 Angriff mit 112 Divisionen auf die Sowjetunion) zu verantworten hatte, die Motive für die NATO-Gründung formulierte: „Die NATO ist geschaffen worden, um die Russen draußen zu halten, die Amerikaner drin zu halten und die Deutschen unten zu halten“ (5). Die Westbindung und die Militarisierung Westeuropas unter der Hoheit der NATO ergab schnell ein ausbaufähiges Einheitsgefühl gegen denFeind im Osten, und unter dem Signum erhöhter Sicherheit konnten die USA die Abhängigkeit Europas immer weiter zementieren.

 

Am 19. Dezember 1949 wurde der nächste Kriegsplan mit dem Namen„DROPSHOT“ gegen dieUdSSR und ihre Satelliten verabschiedet. Natürlich sollte es so aussehen, als könne man nicht anders. Daher wurde schon 1949 das offizielle Bedrohungsszenario so formuliert: „Am oder um den 1. Januar 1957 ist den Vereinigten Staaten durch einen Aggressionsakt der UdSSR und/oder ihrer Satelliten ein Krieg aufgezwungen worden.“ Doch daraus wurde nichts, denn die Sowjetunion schoss ihren Satelliten „Sputnik“ ins All, mit dem Truppenbewegungen auf der Erde beobachtet werden konnten – damit war DROPSHOT zu riskant geworden. Der „Sputnikschock“ löste im Westen fieberhafte Rüstungsanstrengungen aus. 1953 hatte Thomas Mann die Neigung der US-Administration erkannt.

 

„Europa als ökonomische Kolonie, militärische Basis, Glacis im zukünftigen Atom-Kreuzzuggegen Russland zu behandeln, als ein zwarantiquarisch interessantesund bereisenswertes Stück Erde, um dessenvollständigen Ruinman sich aber den Teufel scheren wird, wenn es den Kampf um die Weltherrschaft gilt.“(6)

 

Auch wirtschaftlich sollte Europa geteilt werden.

Die am 9. Mai 1950 geschaffene europäische „Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (EGKS) soll maßgeblich zwischen 1946 und 1950 der französische Unternehmer und Diplomat Jean Monnet (1888-1979) zusammen mit John Foster Dulles entworfen haben, mit dem ihn seit den Verhandlungen in Versailles (1918/19) eine lebenslange politische und persönliche Freundschaft verband. Bernard Baruch, im Krieg Leiter des „War Industrial Board“ (Rüstungsamtes), und nach Kriegsende Chefrepräsentant der US-Reparationskommission, überließ in Versailles viele der Diskussionen seinem Assistenten Dulles. Dieser hatte im Artikel 231 des Versailler Vertrages die deutsche Kriegsschuld (Alleinschuld) juristisch ausformuliert, weshalb die erste deutsche Delegation unter Graf Brockdorff-Rantzau die Unterschrift verweigerte.(7)

 

Die endgültige Fesselung und Entdemokratisierung Westeuropas wird augenblicklich durch die Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TiSA vorbereitet.

 

1953 bekam Jean Monnet den Karlspreis der Stadt Aachen als Schöpfer der ersten souveränen übernationalen europäischen Institution. 1956 wurde er zum „Präsidenten des Aktionskomitees für die Vereinigten Staaten von Europa“ernannt und war ein gern gesehener Gast auf den Bilderbergtreffen. In der Liste der bisher ausgezeichneten Personen finden sich auch Politiker, die sich vor Gericht zu verantworten hätten. Da wären die Friedensnobelpreisträger Bill Clinton 2000 „für Freiheit, Demokratie und Frieden“ (1999 völkerrechtswidriger Krieg gegen Jugoslawien) und Henry Kissinger 1987 „für Partnerschaft und Frieden“ (1973 Putsch in Chile, Geheimer Krieg in Indochina) sowie Tony Blair 1999 „für Frieden und Zusammenwachsen in Europa“ (1999 völkerrechtswidriger Krieg gegen Jugoslawien, 2001 Afghanistan, 2003 Irak).

 

Kann Karl der Große als Vorbild für das heutige Europa taugen?

Am Weihnachtsfest des Jahres 800 krönte und salbte nach alttestamentlicher Sitte Papst Leo III. in der alten römischen Petersbasilika den fränkischen Fürsten Karl zum römischen Kaiser und nannte ihn erstmals „Augustus“. Damit war die Tradition des weströmischen Kaiserreichs wiedererwacht. Karls offizielle Anrede lautete nun: „Allergnädigster, erhabener, von Gott gekrönter, großer, friedebringender Kaiser, der das Römische Reich regiert und durch Gottes Barmherzigkeit auch König der Franken und Langobarden ist“. Es war also kein deutsches oder fränkisches Reich entstanden, sondern das westliche Imperium Romanum.(9)

 

Somit kann rückblickend die Geschichte Karls des Großen nicht als Grundlage Europas gesehen werden.(10) Weder bei seinem Biografen Einhard(11), noch in den „Reichsannalen“(12) ist ein Wort über Europa zu finden.(13) Wie es scheint, waren es nicht die Franken, sondern vor allem gebildete Fremde, Iren und Angelsachsen, die von Europa sprachen.(14) Doch zu Karls Reich gehörten weder Angelsachsen, Basken, Bretonen, oder Iren, noch Skandinavier. Auch feierte ihn kein Däne, Pole, Ungar, Grieche oder Russe, obgleich bei den Slawen sein Name zum Herrschertitel „Krol“ umgeformt wurde. Über 32 Jahre lang, bis 804, versuchten die Sachsen, sich der mit größter Härte durchgeführten Unterwerfungs- und Christianisierungsfeldzüge Karls zu erwehren und damit eine Frankisierung zu verhindern. Unbewusst schienen sie die wahre Absicht dahinter zu erkennen: Ihre demokratischen, ja teilweise anarchistisch anmutenden Stammesstrukturen sollten zerschlagen werden.(15)

 

Charlemagne:  „Sachsenschlächter“ oder Kaiser Europas

Erst im Zeitalter Napoleons sollten die Vorstellungen von Europa kräftigere Konturen bekommen. Napoleon glaubte, ein neuer Karl zu sein, nachdem er die Lombardei erobert hatte: „Je suis Charlemagne.“ (16) Pflichtgemäß skizzierte 1810 erstmals Friedrich Schlegel, der deutsche Romantiker, angesichts der Allmacht Napoleons das Bild von Karl dem Europäer, dem „Gesetzgeber für das ganze abendländische Europa“. (17) Schlegel sah in Europa eine Idee, der Karl die Gestalt eines „christlichen Vereins aller abendländischen Nationen“ verliehen hatte. In den Jahren des Wiener Kongresses und der „Heiligen Allianz“ erkannte der junge Historiker Leopold Ranke in Karl dem Großen nicht allein den Vorgänger der Könige einzelner Reiche, sondern den „Patriarchen des Kontinents“.

 

Sahen zunächst manche Nazi-Historiker in Karl dem Großen nur einen barbarischen „Sachsenschlächter“, so änderte sich diese Einstellung nach den Siegen über Polen und Frankreich. Karl der Große gelangte nun zu der fragwürdigen Ehre, Namensgeber für die aus Freiwilligen bestehende 1. Französische SS-Waffen-Grenadierdivision „Charlemagne“ (18) zu werden. In seinen Tischgesprächen im Führerhauptquartier warnte Hitler seinen Chefideologen Alfred Rosenberg, „einen Heroen wie Karl den Großen nicht als Karl den Sachsenschlächter zu bezeichnen. Geschichte müsse immer aus ihrer Zeit heraus verstanden werden“. (19) Für Hitler war Karl der Große der erste Einiger aller germanischen Stämme und der erste Schöpfer eines „Vereinigten Europas“.(20)

 

1943 stiftete Hitler vorzugsweise für Angehörige der SS-Division Charlemagne einen Platzteller aus Sèvres-Porzellan; sein Dekor zeigte die bekannte Reiterstatuette Karls aus dem Louvre und trug die lateinische Inschrift: „Das Reich Karls des Großen / das seine Enkel teilten / im Jahr 843 / verteidigt Adolph Hitler / gemeinsam mit allen Völkern Europas / im Jahr 1943“. (21) Die Europa-Politik des braunen Regimes missbrauchte den großen Franken als integrierende Symbolgestalt für die eigene Machtchimäre. „Karl der Europäer“ überstand den Zusammenbruch von 1945 unbeschadet. Die beeindruckende Aachener Karls-Ausstellung des Europarates von 1965 galt „dem ersten Kaiser, der Europa zu vereinen wusste“(22).

 

Im Jubiläumsjahr 2000 wurde Karl der Große mit einer Fülle von neuen Publikationen (23) sowie Ausstellungen und Festveranstaltungen (24) geehrt. Leopold Ranke sah Karls Verdienst darin, dass er alle romanisch-germanischen Nationen des Kontinents, sofern sie Christen waren oder wurden, vereinte und sie lehrte, wieder gegen die Feinde ostwärts entlang der Donau der Saale und Elbe sowie jenseits der Pyrenäen vorzurücken. (25) Für diese Art von Politik gibt Karl sicherlich ein hervorragendes Vorbild ab. Anlässlich der Verleihung des Karlspreises 2011 an Jean-Claude Trichet für „Stabilität und Vertrauen für Europa“ – dabei hat er aus der EZB eine Bad Bank gemacht(26) – schrieb Peter Böhringer einen bissigen Kommentar: Die „Liste der bisherigen Karlspreisträger seit 1950 liest sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – wie ein EUlitäres „Who-is-Who“ von Totalitären. Täuschung und Ausplünderung der Völker sowie vertuschte Kriegstreiberei und Machtmissbrauch scheinen beim Karlpreis-Direktorium geradezu Voraussetzungen für Preiswürdigkeit zu sein. Die EUlite feiert ihre Besten. Natürlich nur formal gemäß dem geheuchelten offiziellen Zweck. (27)

 

Franziskus’ Kritik an der imperialen Politik der USA blieb aus 

Leider hat Papst Franziskus in seiner Dankesrede jeden Verweis auf die akute Kriegsgefahr vermieden – obwohl in den letzten Monaten immer wieder vor einem Dritten Weltkrieg gewarnt hat. Er verwies auf die Verantwortung für die Flüchtlinge, unterließ es aber, die Verursacher dieser Flucht beim Namen zu nennen: die Politik der „westlichen Wertegemeinschaft“. Da wären die unsäglichen Rüstungsgeschäfte zu nennen, der Hunger nach den Rohstoffen in diesem Krisenbogen und natürlich die geopolitischen Interessen. Die „Islamisten“ sind nicht die Urheber des Terrorismus, sondern nur die instrumentalisierten Organe einer imperialen Politik. Hier ist vor allem das Dreieck Saudi-Arabien/ Großbritannien/USA zu nennen. Das Bündnis mit den Saudis zur Förderung von Terrorismus und Völkermord ist seit Jimmy Carter und Zbigniew Brzezinski geltende Politik. Diese Achse des tatsächlichen internationalen Terrorismus zu zerstören, wäre die Voraussetzung für den Frieden im Nahen Osten. Ein wichtiger Schritt dazu wäre die Veröffentlichung der berüchtigten 28 Seiten über die saudische Rolle aus dem Kongressbericht über die Anschläge des 11. September 2001. Immer mehr Abgeordnete des US-Kongresses sprechen sich dafür aus. Doch Obama blockiert. Hier hätte Franziskus die europäische Politikelite auffordern können, ebenfalls Druck auf Washington zu machen. Stattdessen ließ er sich als Träger des fragwürdigen Karlspreises feiern. Damit hat Franziskus weder sich, noch der katholischen Kirche – und erst recht nicht dem Weltfrieden – einen Dienst erwiesen.

Profilbild von Wolfgang Effenberger

Wolfgang Effenberger

Jahrgang 1946, wurde mit 18 Jahren Zeitsoldat, studierte Bauingenieurwesen und erhielt als junger Pionieroffizier Einblick in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr Studium der Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik). Er lebt als freier Buchautor bei München.


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