Wag the dog:
25 Apr 2017
Wedelt Trump mit dem Hund?
Kaum war 1997 der Film „Wag The Dog“ in den Kinos gestartet, bei dem ein US-Präsident einen fiktiven Krieg in Albanien konstruieren lässt, um von seinem Sex-Skandal abzulenken, lies Bill Clinton eine Fabrik im Sudan mit Tomahawk-Raketen angreifen, weil „Terroristen“ dort „chemische Waffen“ herstellen. Just in der Nacht bevor die Praktikantin Monica Lewinsky vor dem Kongress erstmals über die Sex-Praktiken in Clintons „Oral Office“ aussagen sollte. Nicht nur weil die bombardierte Fabrik nur Aspirin herstellte, wurde den Autoren des Films angesichts des sich entfaltenden Clinton-Skandals eine geradezu prophetische Intuition nachgesagt. „Wag the Dog“ ist seitdem zu einem geflügelten Wort für medial inszenierte Ablenkungsmanöver geworden.
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Nachdem von Präsident Trump befohlenen Angriff auf einen syrischen Flughafen stellt sich die Frage, ob dies vielleicht auch ein „Wag The Dog“-Event war. Das Dauerfeuer, dem Trump seit Beginn seiner Amtszeit ausgesetzt war, scheint zumindest fürs Erste beendet; die Vorwürfe „Putin-Marionette“ und „russischer Agent“ sind vom Tisch. Erstmals wird der Präsident auch von seinen Gegnern gelobt; die stets kriegsgeilen Neocons sind sogar begeistert, während auf Seiten seiner „all right“-Fans schwere Vorwürfe und Enttäuschung über den „Verrat“ laut werden. Tatsächlich hatte Trump seinen Wählern was Interventionismus und „Regime Change“-Politik betrifft anderes versprochen, als dieser Angriff jetzt demonstrierte. Wenn er denn nicht nur ein „Wag The Dog“-Event war, wofür einiges zu sprechen scheint.

 

- Russen und Syrer wurden vorab über den Angriff informiert; außer ein paar in Reparatur befindlichen MiG-Jets wurde nicht zerstört. Die in Syrien stationierten russischen Luftabwehrsysteme reagierten nicht auf die Attacke, was einige US-Falken auf die Stealth-Qualität ihrer Tomahawks zurückführen, aber eher damit zu tun hat, dass die Abwehr ausgeschaltet war.

 

- Militärisch macht der Angriff keinen Sinn, schon gar nicht verhindert er mögliche Einsätze chemischer Waffen, die bisher in Syrien auch nie aus der Luft, sondern stets in Form von Boden-Boden-Raketen angewendet wurden.

 

- Auf dem vom Weißen Haus veröffentlichten Foto aus dem „Situation Room“ in Mar-a-Lago fehlen die Chefs von CIA und NSA. Angeblich sollen diese Trump im Vorfeld über ihre Zweifel gebrieft haben, dass Assad für den Giftgas-Einsatz verantwortlich ist. Der ehemalige CIA-Offizier Philip Geraldi, der immer noch gute Kontakte zu aktiven Kollegen hat, berichtet, dass diese die syrische und russische Darstellung des Falls bestätigen, nach der der Beschuss einer Al-Qaida-Waffenfabrik zu dem Gasaustritt führte, und empört darüber sind, was Trump und Medien jetzt dazu veranstalten.

 

- Hat Trump die Geheimdienst-Bosse deshalb außen vor gelassen und den bei der Entscheidung anwesenden Mitarbeitern nur seine Version des Briefings durchgegeben? Das würde für ein „Wag The Dog“-Szenario sprechen. D.h. einen symbolischen Schlag, der ihm innenpolitisch Spielraum für Verhandlungen schafft, die nur mit und nicht gegen die Kriegsparteien (Russland, Syrien, Iran) geführt werden können – was aber nicht geht, solange er als Putin-Knecht gehandelt wird.

 

- Dass die Attacke das Völkerrecht verletzt und nicht mit dem Kongress abgestimmt wurde, hat Trump über Nacht den Ruf eines entschlossenen Machers, der Stärke zeigt, eingebracht. Seine stärkste Opposition – die Medien – sind auf Kriegskurs eingeschwenkt und unterstützen ihn. Ebenso die Demokraten, Hillary Clinton hatte noch wenige Stunden vor der Attacke das Bombardieren syrischer Flughäfen empfohlen. Nur meine Kandidatin für 2020 – Tulsi Gabbard – widerspricht. Und prompt fordern „Demokraten“ ihren Rücktritt.

 

Sicher könnte man Trumps Bomben auf Syrien auch so deuten, dass der Druck der Medien und des tiefen Staats ihn nach kaum drei Monaten schon beigebogen und auf Kurs gebracht hat. Aber ich glaube, dass man ihn da einmal mehr unterschätzt; sein Motto heißt nicht zufällig „Numquam Concedere“: Niemals aufgeben! Damit hat er es sehr weit gebracht. Man muss nur das faszinierende Porträt lesen, das Marie Brenner 1990 über Trump schrieb und in dem schon alles steht, was vor und nach der Wahl an Negativem über ihn verbreitet wurde. Und so einer – ein Großmaul und Aufschneider, ein Trickser und Täuscher, ein Bluffer und Blender – wird 27 Jahre später Präsident? Ja, er gibt einfach nicht auf. Deshalb traue ich ihm auch den Trick zu, sich mit einer „Wag The Dog“-Nummer die Medienmeute erst Mal vom Hals zu schaffen. Nächste Woche fährt sein „T.Rex“ Außenminister zu Gesprächen nach Moskau; danach wird man sehen, inwieweit Trump mit dem Hunde gewedelt hat oder ob er schon voll auf den alten Kriegskurs umgepolt wurde.

 

Quellen:

[1] Kinofilm „Wag the Dog“ <http://tinyurl.com/jartwxw>

[2] „Where Was CIA’s Pompeo on Syria?“, Robert Parry, Consortiumnews.com < http://tinyurl.com/khy68ed >

[3] „Trump’s ‘Wag the Dog’ Moment“, Robert Parry, Consortiumnews.com < http://tinyurl.com/k7muuw2 >

[4] „The Spoils of War: Trump Lavished With Media and Bipartisan Praise For Bombing Syria“, Glenn Greenwald, The Intercept  < http://tinyurl.com/lkunj4q >

[5] „Liberal leaders call for challenge to Gabbard over Syria skepticism“, Tom LoBianco, CNN < http://tinyurl.com/lysjca4 >

 

Dieser Text wurde zuerst am 09.04.2017 auf dem Blog von Mathias Broeckers unter der URL <http://www.broeckers.com/2017/04/09/wedelt-trump-mit-dem-hund/> veröffentlicht. (Lizenz: Mathias Broeckers)

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Mathias Bröckers

geboren 1954 ist ein deutscher freier Journalist, der vor allem für die taz und Telepolis schreibt. Ab 2001 hat er mehrere Bücher über den 11. September geschrieben.


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