Hintergrund:
02 Okt 2018
Wikipedia, die McMedien und die Enttarnung von „Feliks“
Die angeblich so offene Wikipedia ist in Wirklichkeit ein hierarchisches Massenmedium, das von einer kleinen Gruppe beherrscht wird, die von kritischen Autoren des Online-Lexikons intern als „Politbüro“ bezeichnet wird.
Profilbild von Dirk Pohlmann
Share
Wikipedia-Eigenwerbung von Sansculotte (selfmade) CC BY-SA 3.01, nachträglich mit schreibender Hand (CC0) modifiziert

Die Wikipedia ist teilweise ein brauchbares Online-Lexikon, bei politisch relevanten Themen jedoch ein Desinformations- und Denunziationsmedium.


Das ist leider kein Allgemeinwissen, darüber wissen nur die Zuschauer der Filme „Die dunkle Seite der Wikipedia“ und „Zensur – Die organisierte Manipulation der Wikipedia und anderer Medien“ Bescheid, sowie die Zuschauer des YouTube-Videoblogs „Geschichten aus Wikihausen“, den Markus Fiedler und ich etwa alle 14 Tage produzieren. In dieser Reihe zeigen wir die übelsten Beispiele der Manipulation in Wikipedia, die von anonymen Heckenschützen durchgeführt wird. Die Anonymität der Autoren in Kombination mit der zu Missbrauch einladenden Struktur der Wikipedia ermöglicht ihnen, ihre privaten politischen Ansichten als lexikalische Wahrheit darzustellen.


Die McMedien, die sich selbst gerne als „Qualitätsmedien“ bezeichnen, haben sich des Themas überhaupt noch nicht angenommen.

In der 10. Ausgabe von „Geschichten aus Wikihausen“ (1) haben wir den hyperaktiven Wikipedia-Autoren Feliks enttarnt, einen der übelsten Manipulatoren der „Junta“, wie wir das „Politbüro“ genannt hatten, bevor wir wussten, dass die Gruppe bereits einen internen Namen hat.


Die lexikalische Akkuratesse und Unparteilichkeit der Wikipedia fällt sehr unterschiedlich aus, je nachdem, ob man die Begriffe „Differentialrechnung“, „Photosynthese“ oder „Anlage 1391“ eingibt. „Anlage 1391“ ist ein berüchtigtes Foltergefängnis des israelischen Militärgeheimdienstes. „Anlage 1391“ ist einer der Artikel, die vom hyperaktiven Wikipedia-Autoren „Feliks“ bearbeitet werden. Er hat dort alles herausgestrichen, was an Informationen über die Menschenrechtsverletzungen in Camp 1391 in Wikipedia eingetragen wurde, und das war nur ein Bruchteil dessen, was dazu international in wichtigen Medien berichtet wurde, zum Beispiel, dass Gefangene vor oder während der Verhöre vergewaltigt werden. Dass es dort 1 x 1m große, schwarzgestrichene Zellen ohne Licht gibt, ohne fließendes Wasser, mit einem Toiletteneimer, der einmal die Woche geleert wird. Mit einer Klimaanlage, die im Sommer auf heiß, im Winter auf kalt gestellt wird. Dass die Gefangenen bei Verhören dort oft nackt sind. Die Berichte über das Vorbild von Abu Greibh findet man im Guardian (2), sogar in der taz (3), im Spiegel (4), in Newsweek (5), in Haaretz (6), bei einer UN-Untersuchungskommission (7) und in vielen anderen Medien, die in den 90er Jahren noch Journalismus betrieben. Feliks hat restlos alle früher in Wikipedia eingetragenen Informationen zu den systematischen Menschenrechtsverletzungen gelöscht.

 

Begründung: Israel habe die Vorwürfe untersucht und sie nicht bestätigt. (Seit wir über ihn berichten, ist Feliks fieberhaft dabei, zu löschen, neu einzutragen und zu korrigieren, um Spuren zu verwischen. Er hat deshalb auch die Liste seiner Editierungen löschen lassen, damit ihm keiner mehr auf die Schliche kommen kann. Er selbst ist so aktiv beim Ändern, dass seine Junta-Kumpane sogar kurzzeitig glaubten, wir hätten seinen Account gehackt, und ihn deswegen gesperrt haben! Schauen Sie doch mal nach, auch in der Versionshistorie und in den Diskussionen!)


Feliks war Markus Fiedler bereits bei den Recherchen zu seinen beiden Filmen „Die dunkle Seite der Wikipedia“ und „Zensur – die organisierte Manipulation der Wikipedia und anderer Medien“ aufgefallen. Er gehört zu den Schreibern, die ein geradezu unglaubliches Pensum ableisten, so dass man sich fragt, ob sie keinen Arbeitsplatz, keine Freunde und keine Familie haben. Gemeinsam haben wir uns deshalb jetzt intensiver mit Feliks beschäftigt. Dessen Hauptinteresse gilt, wie er selbst auf seiner mittlerweile weitgehend gelöschten Autorenseite angibt, dem Nahen Osten, seit er miterlebt habe, „wie gerade eine Kassam-Rakete herunterkommt“.


Er hat mehr als 150 Wikipedia-Artikel zu Israel, Palästina, den israelischen Streitkräften und Themen bearbeitet, die die israelische Politik betreffen. Er hat noch einen zweiten Schwerpunkt: Abgeordnete der Linken. Feliks bearbeitet 51 Abgeordnete und Politiker dieser Partei. Außerdem beschäftigt er sich mit Personen der alternativen Medien und der Friedensbewegung. Seit Markus und ich uns in unserem Videoblog „Geschichten aus Wikihausen“ mit Anetta Kahane beschäftigt haben, hat Feliks zur Strafe auch meinen Wikipedia-Artikel „bearbeitet“.


Die Enttarnung von Feliks war ein investigatives Puzzlespiel, das uns letztlich durch einen Hinweis gelang: in welcher Schule er Abitur gemacht hatte. In Kombination mit anderen, von uns recherchierten Daten brachte uns das auf seine Spur. Mittlerweile ist klar, wer Feliks ist: Er hieß früher Jörg Egerer und hat sich nach 2015 in Jörg Matthias Claudius Grünewald umbenannt. Er ist Beamter, von Beruf Rechtspfleger und konvertierte irgendwann ab 2012 vom katholischen Glauben zum Judentum. Egerer/Grünewald ist Mitglied der Linken, wird den „Antideutschen“ zugeordnet, ist ein politischer Freund von Klaus Lederer, war Bundestagskandidat der bayrischen PDS und war dort zwischen 2004 und 2007 als Landesschatzmeister dem Vorstand beigeordnet. In seiner Amtszeit kam es zu Unregelmäßigkeiten, die nach seinem Rücktritt bekannt wurden, aber nach Angaben von Parteimitgliedern aus parteitaktischen Erwägungen nie juristisch aufgeklärt wurden. Spendenquittungen wurden an das „Forum kommunistischer Arbeitskreise“ ausgestellt, die trotz des Namens heute dem rechten Flügel der Linken angehören, das Geld blieb aber nicht in der Partei, sondern wurde weitergeleitet.


Es fällt auf, dass Egerer/Grünewald Einträge zu Mitgliedern der Linken je nachdem, ob er ihre politischen Positionen teilt, durch selektive Auswahl detaillierter Angaben entweder diskreditiert, etwa bei den Bundestagsmitgliedern Diether Dehm, Annette Groth, Inge Höger, Alexander Süßmaier, Kornelia Möller oder Oskar Lafontaine, oder positiv darstellt, wie bei Klaus Ernst oder Eva Bulling-Schröter, deren Webseite er auch betreut hat. Die negative Darstellung in Wikipedia durch Feliks gilt insbesondere für Linke, die sich kritisch zur derzeitigen israelischen Außenpolitik äußern. Das könnte damit zusammenhängen, dass Jörg Egerer mehrfach Teilnehmer bei Sar-El war, einem Freiwilligenprogramm der israelischen Streitkräfte für Ausländer, bei dem allerdings kein Dienst in aktiven Kampfeinheiten geleistet wird.


Mehrere Linke haben uns aber berichtet, dass es ein Foto von Jörg Egerer in israelischer Uniform mit einer Uzi-Maschinenpistole gibt.


Egerer/Grünewald ist außerdem Oberleutnant der Reserve der Bundeswehr und Mitglied im „Bund jüdischer Soldaten e.V.“, wo er auch Kassenprüfer ist. Er hat militärische Fallschirmabzeichen der US Army und der tschechischen, kroatischen und niederländischen Streitkräfte. Davon wusste aber keiner der Linkenpolitiker, mit denen wir gesprochen haben.


Jörg Egerer/Grünewald hat seinen Wikipedia-Namen Feliks nach eigenen Angaben von einem Geheimdienstler übernommen, nämlich Feliks Djerdjinski, der als Chef der Tscheka und des NKWD für die Liquidierung von, je nach Quelle, 50.000 bis 250.000 politischen Gegnern verantwortlich ist. Dass Egerer/Grünewald gerne Macht ausübt und bestraft, haben uns Parteimitglieder durch eine Vielzahl von Anekdoten berichtet. Besonders perfide ist seine Bearbeitung des Wikipedia-Eintrags von Nirit Sommerfeld, einer deutsch-israelischen Künstlerin und Friedensaktivistin, die sich kritisch zum Militarismus von Teilen der israelischen Gesellschaft äußert und versucht, Brücken zu Palästinensern zu bauen. Sommerfeld ist Geschäftsführerin des BIB (Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung), das sie gemeinsam mit dem emeritierten Psychologieprofessor Dr. Rolf Verleger gegründet hat, der auch Mitglied im Zentralrat der Juden war.


Egerer/Grünewald diskreditiert Verleger auf bekannt-perfide Feliks-Manier und versucht insbesondere, Sommerfeld als Aktivistin der BDS-Bewegung darzustellen (Boycott Divestment Sanctions, die zum Boykott von Israel aufruft), von der sie sich aber bewusst fernhält. Sommerfeld hat 2010 nach eigenen Angaben gemeinsam mit etwa 200 anderen Friedensaktivisten das Abschlussdokument der Konferenz „Getrennte Vergangenheit – Gemeinsame Zukunft“ unterschrieben, das zu einem friedlichen Zusammenleben von Israelis und Palästinensern aufruft und auch zur Solidarität mit BDS. Diese eine Unterschrift macht sie aber nicht zur BDS-Aktivistin. Versuche, diese Informationen in Wikipedia einzutragen, werden stets gelöscht. Dort steht darüber „Sommerfeld rief zur Unterstützung der Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (8), der Kritiker antisemitische Motive vorwerfen, in der Abschlusserklärung der Palästina-Solidaritäts-Konferenz in Stuttgart 2010 (9) mit auf.“ Feliks ist „Sichter“ des Eintrags über Sommerfeld in Wikipedia, kontrolliert also dessen Inhalt. Er insinuiert bei beiden Personen, Sommerfeld und Verleger, eine Nähe zum Antisemitismus, der juristisch als Volksverhetzung bestraft wird.


Feliks/Egerer/Grünewald dürfte aufgrund seiner zahlreichen Besuche in Israel auch bekannt sein, dass eine Teilnahme an der BDS-Bewegung zu einem Einreiseverbot in Israel führt und dort strafrechtlich geahndet wird. Das ist nicht die übelste Maßnahme von Jörg Matthias Claudius Grünewald. Erstaunlich ist aber, dass er trotzdem Vorstandsmitglied der jüdischen Beth-Shalom-Gemeinde in München werden konnte.


Markus Fiedler und ich werden noch weitere Recherchen veröffentlichen, sobald wir sie gerichtsfest beweisen können, denn Egerer hat bereits im Vorfeld unserer YouTube-Sendung versucht, seine Enttarnung zu verhindern, und angekündigt, unsere Veröffentlichung seines bisher anonymen Wirkens juristisch zu ahnden. Es gäbe kein öffentliches Interesse an ihm, er habe ein Recht, anonym zu agieren. Unsere Veröffentlichung würde zu einer „Progromstimmung“ gegen ihn führen. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist eines seiner beliebtesten Argumentationsmuster.


Feliks ist nur der winzige Teil eines Eisberges, der sich der Manipulation des Internets widmet. Die McMedien, die sich gemeinsam mit vielen westlichen Regierungen große Sorgen über die angebliche Manipulation des Internets durch Russland machen, über Hate Speech und Fake News, interessieren sich für die Manipulationen in Wikipedia überhaupt nicht. Und die sind offenbar international (10). Es gibt sie auch in England (11), wie die Philip-Cross-Affäre bewiesen hat. Oder in Skandinavien. Die Geheimdienste bringen ihren Mitarbeitern sogar bei, wie man im Internet zersetzen und manipulieren kann (12), wie Edward Snowden bewiesen hat.


Aber davon hören wir gar nichts mehr. Plötzlich sind die Totalüberwachungs-Geheimdienste zu weißen Rittern mutiert, die uns vor der russischen Gefahr bewahren. Fällt jemandem etwas auf?


Es ist erstaunlich, dass sich die McMedien nicht für die Manipulation des Wikipedia-Monopols interessieren und eigenständig dazu recherchieren. Vor allem deshalb, weil es nicht erstaunlich ist, dass die Machtkonzentration des Lexikon-Monopolisten Wikipedia Personen, Gruppen, Institutionen und Geheimdienste anlockt, die sie missbrauchen.


Als Markus Fiedler und ich für unsere YouTube-Sendung „Neues aus Wikihausen“ recherchierten, wer Champion bei der Manipulation von Wikipedia ist, landeten wir nicht in Russland, sondern in Israel. Allein das israelische „Ministerium für strategische Angelegenheiten“ (13) (Ministry for Strategic Affairs, im deutschen Wikipedia als „Ministerium für internationale Beziehungen“ übersetzt! (14)) gibt über 70 Millionen Dollar für eine Kampagne aus, um mit den Worten der Direktorin General Sima Vaknin-Gil „eine Gemeinschaft von Kämpfern zu schaffen“ die Aktivitäten „anti-israelischer Aktivisten zum Erliegen bringen“ und “das Internet” mit pro-israelischen Inhalten „überfluten“ soll (15). Diese Summe ist aber nur ein Bruchteil der aufgewendeten Gelder, die vom israelischen Militär, staatlichen und privaten Stellen sowie NGOs für diese Zwecke aufgewendet werden, wie wir in der 4. Folge von Wikihausen (16) gezeigt haben.


Warum interessiert das unsere McMedien eigentlich so wenig? Haben wir uns bei unserer Recherche vielleicht getäuscht? Wir lassen uns gerne davon überzeugen, dass es noch schlimmere Finger gibt, aber könnte vielleicht mal jemand anderes nachschauen, wer am meisten manipuliert, statt immer nur in Russland zu suchen, ob sich was finden lässt? Auch durch ein anderes Ereignis, nämlich Chemnitz, sollte jedem klar geworden sein, dass es sich bei dem Versagen unserer Medien nicht um ein einmaliges, sondern um ein strukturelles Versagen handelt. Auf den Punkt gebracht. Sie erfüllen ihre Aufgabe nicht.


Was ist ihre Aufgabe? Ein Problem bei der Beantwortung dieser Frage ist, dass es keine allgemeingültige, akzeptierte Berufsethik für Journalisten gibt. Nicht, dass der Staat da seine Finger drin haben sollte, oder die Verbände, oder die Lobbyisten, oder die Parteien. Aber eine Berufsethik, die von den Journalisten und der Öffentlichkeit anerkannt wird und auf die sich sowohl Journalisten als auch das Publikum berufen können, wäre unbedingt nötig.


Ich habe zu diesem Thema im Laufe meines Berufslebens viel hochtrabenden und wenig eindrucksvollen Unsinn gelesen. Mit das Beste, was ich dazu kenne, stammt vom ehemaligen Bürochef der New York Times in Washington, Bill Kovach, und dem ehemalige Direktor des „American Press Institute“, Tom Rosenstiel. Die pensionierten Journalisten haben das Buch „The Elements of Journalism“ geschrieben, dass es nicht auf Deutsch gibt, und das spricht Bände.


In wenigen Worten zusammengefasst schreiben sie: Journalisten sollen vor allem die Wahrheit sagen, fair arbeiten, der Adressat ihrer Arbeit ist die Öffentlichkeit, nicht ihr Chefredakteur, die Regierung, oder die Aktionäre ihres Mutterkonzerns, sie sollen die Interessen der Bevölkerung gegenüber den Mächtigen im Auge haben, sie sollen Wichtiges verständlich erklären und bei der Politikberichterstattung darauf achten, was für die Bevölkerung wichtig ist, nicht der Bevölkerung erklären, was die Politik als wichtig für die Bevölkerung erachtet. Der Journalist soll also die Interessen der Öffentlichkeit im Auge haben. Die legitimen Interessen der Öffentlichkeit sind der Nordpol, auf den seine Kompassnadel zeigen sollte.


Normen haben die Eigenart, nicht mit Tatsachen übereinzustimmen. Das macht sie nicht überflüssig. Wir schaffen das Verbot, Menschen zu ermorden, ja auch nicht ab, weil es ständig gebrochen wird. Die Deklaration der Menschenrechte wird erst dann überflüssig, wenn die Menschenrechte überhaupt nicht mehr gebrochen werden. Für den Journalismus gilt leider, dass er vollkommen auf den Hund gekommen ist. Er interessiert sich nicht einmal für seine Aufgabe, seine Normen. Er missachtet sie einfach fortgesetzt.


In den USA gehören die McMedien Konzernen, sie werden geführt, als ob Nachrichten produzieren das Gleiche wäre wie Burger mit Pommes zu produzieren oder Sonnenbrillen zu handeln. Die Medien sollen dort vor allem Rendite erwirtschaften – was ihnen übrigens deutlich schlechter gelingt als dem artverwandten Tätigkeitsfeld der Escort-Agenturen. Die US-Printmedien sind tot, sie wollen es nur noch nicht wahrhaben. Die Medien nehmen keinen öffentlichen Auftrag mehr wahr, sie sind das Sprachrohr des kapitalistischen Imperiums, nicht der Öffentlichkeit.


In Deutschland sehen sich Journalisten vor allem als Erzieher und Missionare. Wenn in der Bevölkerung der Unmut über die Masseneinwanderung von Flüchtlingen zunimmt, sehen unsere Medien es nicht als ihre Aufgabe an, das heikle Problem als Moderatoren eines Druckausgleichs zwischen politischer Klasse und Bevölkerung anzugehen, die Bandbreite der Ansichten fair darzustellen und einen kontroversen, pointierten, aber auf Wahrheit zielenden Diskurs zu schaffen, um, wenn möglich, einen Konsens zu ermöglichen. Stattdessen agieren sie als moralisch aufgeladene Erziehungsberechtigte. Was den erwachsenen Objekten ihrer Anstrengungen nur selten gefällt. Sie haben sehr guten Kontakt zur Politik, aber nicht zur Bevölkerung, was folgerichtig ist, weil sie ihr Publikum eher verachten. Dunja Hayali ist völlig konsterniert, was sie an Reaktionen auf der Straße abbekommt, wobei die Szene, zugegeben, mehr Gardinenpredigt als Dialog ist. Und bei Demos die Jagdsaison auf Journalisten auszurufen ist auch nicht die Lösung des Problems, genauso wenig wie Publikumsverachtung.


Des Pudels Kern ist, dass der Journalismus, insbesondere der der öffentlich-rechtlichen Anstalten, sich nicht an der Öffentlichkeit orientiert. Es wäre heute im Zeitalter des Internets technisch ein Leichtes für Medien, konstant bei der Bevölkerung abzufragen, ob man als wahrheitsgetreu, fair, ausgewogen, unabhängig und mutig eingeschätzt wird, und die Ergebnisse zu veröffentlichen, statt nur auf Quote und Auflage zu achten. Die sind eher ein Effekt der anderen Faktoren. Dass das nicht mal ansatzweise geschieht und man stattdessen entsetzt ist, wie „der Zuschauer“ reagiert, wenn man ihm dann mal persönlich gegenübersteht, spricht Bände. Wie kann es sein, dass die Journalisten entsetzt sind? Ganz einfach. Weil sie nur in ihrer eigenen Filterblase leben, während sie die Filterblasen des Publikums wortreich beklagen. Die großen Sender sind sich als Universum selbst genug. Sie brauchen den Rest der Bevölkerung nur als Empfänger ihrer Sendungen. Diese Institutionen haben ihren Namen „Sender“ zu Recht. Sie senden nur, sie empfangen nicht, es gibt so gut wie keine Kanäle für Rückmeldungen.


Warum werden Chefredakteure z.B. nicht durch Publikumsversammlungen aus zufällig ausgewählten „Geschworenen“ gewählt, statt sie in politisch besetzten Institutionen auszuklüngeln, deren Parteiensaustall immer wieder vom Bundesverfassungsgericht bereinigt werden muss? Wenn die Öffentlichkeit die Chefs bestimmen würde, würden eventuell die besten und unabhängigsten Jagdhunde Chefredakteure werden, statt der gehorsamsten Schoßhunde. Ganz sicher aber würden die Journalisten anfangen, sich für das Publikum zu interessieren. Wes Brot ich ess‘ …


Die Aufgabe der Medien wäre gewesen, den jetzt drohenden Maidan auf Deutschlands Straßen durch konstante Kommunikation in der Art eines runden Tisches zu verhindern.


Ihre Aufgabe ist nicht, die Sprachregelung der unter Druck geratenen, überforderten Regierung zu senden, die mit den Konsequenzen ihres Nicht-Handelns konfrontiert ist. Nach dem Motto: Wer uns nicht gut findet, hebt auch den rechten Arm oder unterstützt Leute, die das tun. Also, findet ihr uns gut und haltet den Mund? Oder: „Wir wissen zwar, dass das Wikipedia-Monopol missbraucht wird, aber das tun ja die richtigen Leute mit den richtigen Ansichten. Schlimm ist das nur, wenn es der Russe tut. Oder wenn es der Russe täte. Davor werden wir Sie intensiv warnen und davor sollten Sie auch ganz doll Angst haben. Das wäre wichtig. Wir üben das jetzt mal. Antworten Sie spontan: ‚Was machen Sie, wenn der Russe kommt?‘


Und wissen Sie, lieber Mediennutzer: Wenn so was, wie die Wikipedia-Manipulation in den alternativen Medien thematisiert oder aufgedeckt wird, dann berichten wir gar nicht erst darüber. Das ist dann irgendwie Querfront. So total rechtspopulistisch. Oder auch linkspopulistisch. Auf jeden Fall aber unter unserem Niveau. Unser Niveau ist die Atlantikbrücke, das American-Enterprise-Institut, die NATO-Pressestelle, die Hauptstadt-Cocktail-Parties. Da treffen wir die Leute, mit denen wir reden und deren Meinungen wir verarbeiten. Sie stören da nur. Das Personal sollte wissen, wo es hingehört. Kennen Sie das alte Weisheitswort: ‚Gib einem Bettler ein Pferd und er reitet alles zuschanden?‘ Nein? Gott, sind sie ungebildet. Mit was für prekären Gestalten man sich abgeben muss in diesem Beruf! Da bekommt man ja Waschzwang. Dass so was wählen darf wie ich! Würden Sie jetzt bitte wieder vor dem Bildschirm oder hinter Ihrer Zeitung Platz nehmen? Gefälligst? Sie stören mich bei der Arbeit.“


Quellen:

[1] Youtube, Dirk Pohlmann und Markus Fiedler, „Geschichten aus Wikihausen“, <https://www.youtube.com/watch?v=sLL3nrl1KT4>
[2] The Guardian, Chris McGreal, „Facility 1391: Israel‘s secret prison“, am 14.11.2003, <https://www.theguardian.com/world/2003/nov/14/ israel2>
[3] taz, Jonathan Cook, „Isreals Geheimgefängnis Anlage 1391“, am 14.11.2003, <http://www.taz.de/!681130/>
[4] Spiegel Online, hut/AFP/Reuters, „Uno untersucht Foltervorwürfe gegen Israel“, am 05.05.2009, <http://www.spiegel.de/politik/ausland/geheimes-gefaengnis-uno-untersucht-foltervorwuerfe-gegen-israel-a-623053.html>
[5] Newsweek, „SECRETS OF UNIT 1391, am 27.06.2004, <https://www.newsweek.com/secrets-unit-1391-128665>
[6] HAARETZ, Aviv Lavie, „Inside Israel‘s Secret Prison, am 20.08.2003, <https://www.haaretz.com/1.5364272>
[7] The Electronic Intifada, Jonathan Cook, „UN watchdog demands access to Israel’s secret prisons“, am 18.05.2009, <https://electronicintifada.net/content/un-watchdog-demands-access-israels-secret-prisons/8237>
[8] Wikipedia, Gruppe42, „Boycott, Divestment and Sanctions“, <https://de.wikipedia.org/wiki/Boycott,_Divestment_and_Sanctions>
[9] Arbeiterfotografie, Edward W. Said, „Stuttgarter Erklärung“, am 26-28.11.2010, <http://www.arbeiterfotografie.com/stuttgarter-erklaerung.pdf>
[10] BBC, Jonathan Griffin und Lee Kumutat, „Galloway‘s war of words with a mystery Wikipedia editor“, am 18.06.2018, <https://www.bbc.com/news/blogs-trending-44495696>
[11] Medium, Tony Greenstein, „The Strange Case of Philip Cross — Wikipedia’s Mystery Editor and its anti-left, pro Israeli, fake neo-con entries“, am 25.05.2018, <https://medium.com/@TonyGreenstein/the-strange-case-of-philip-cross-wikipedias-mystery-editor-and-its-anti-left- pro-israeli-fake-7009db1ac352>
[12] The Intercept, Glenn Greenwald, „HOW COVERT AGENTS INFILTRATE THE INTERNET TO MANIPULATE, DECEIVE, AND DESTROY REPUTATIONS“, am 25.02.2014, <https://theintercept.com/2014/02/24/jtrig-manipulation/>
[13] Wikipedia, „Ministry of Strategic Affairs“, <https://en.wikipedia.org/wiki/Ministry_of_Strategic_Affairs>
[14] Wikidedia, „Ministerium für internationale Beziehungen (Israel)“, <https://de.wikipedia.org/wiki/Ministerium_f%C3%BCr_internationale_Beziehungen_(Israel)>
[15] Global Research,  Alison Weir, „How Israel and Its Partisans Work to Censor the Internet“, am 08.03.2018, <https://www.globalresearch.ca/how-israel-and-its-partisans-work-to-censor-the-internet/5631837>
[16] Youtube, „Konzertierte Beeinflussung der Wikipedia durch Hasbara, ACT.il, Unit 8200, CAMERA! |#04 Wikihausen“, am 02.05.2018, <https://www.youtube.com/watch?v=R5Xz1BYjC4U>

 

 

Dieser Text wurde zuerst am 11.09.2018 auf https://kenfm.de unter der URL <https://kenfm.de/tagesdosis-11-9-2018-wikipedia-die-mcmedien-und-die-enttarnung-von-feliks/> veröffentlicht. Lizenz: KenFM

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel und Kommentare spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.<br />

Quellen

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel und Kommentare spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.
Profilbild von Dirk Pohlmann

Dirk Pohlmann

(geb. 1959) ist ein deutscher Drehbuchautor, Filmregisseur und freier Journalist. eit 2004 beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Geheimdienstoperationen im Kalten Krieg. Seit Herbst 2015 ist Pohlmann für das freie Journalistenportal KenFM als Reporter tätig.


Hat Ihnen der Artikel gefallen?
FREE21 steht für nicht embeddeter, crowdfinanzierter Journalismus. Helfen Sie uns noch besser zu werden und unterstützen Sie uns! Jeder Euro fließt in die unabhängige journalistische Arbeit.
einmalig
Spenden
.
Jetzt fördern
Mitglied werden!
.
Magazin
.
Überweisung
GLS Bank
Kontoinhaber:
Verein zur Förderung unabhängiger journalistischer Berichterstattung e.V.
IBAN: x-2100
Name der Bank: GLS Gemeinschaftsbank eG
BIC: GENODEM1GLS
Kommentar schreiben
Do NOT follow this link or you will be banned from the site!