Interview:
26 Sep 2017
Wir sind Frieden
Man wird aus den unterschiedlichsten Gründen zum Friedensaktivisten. Man heiratet, man stolpert über Widersprüche zwischen Wirklichkeit und Medienberichten, man war selbst im Krieg. Und so unterschiedlich die Motive sind, etwas für den Frieden zu tun, so unterschiedlich sind auch die Wege, die man gehen kann. Das ist aber auch gut so, denn es macht deutlich, dass jeder Mensch einen Weg Richtung Frieden finden kann. Seinen ganz eigenen Weg eben – wie die drei Protagonisten unser heutigen Ausgabe.
Profilbild von Andrea Drescher
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Andreas Petrick, geboren 1963, geboren in Schwerin, lebt in der Nähe von Hamburg, verheiratet mit Olga aus St. Petersburg. Hauptberuflich als Fliesenleger,  nebenberuflich in Deutschland und Russland als Musiker tätig, setzt er sich aktiv für Frieden mit Russland ein und bereitet seinen Umzug nach Utorgosh in Russland vor.

 

Andrea Drescher: Du engagierst dich speziell für Frieden mit Russland?

 

Andreas Petrick: Stimmt, das ist mein Hauptthema. Ich bemühe mich, wenn ich Zeit habe, auch andere Aktionen wie z.B. die Schließung der Airbase in Ramstein zu unterstützen. Aktiv oder passiv bin ich immer dabei, weil ich überzeugt bin, dass sich alle für Frieden engagieren müssen. Aber Russland liegt mir besonders am Herzen, nicht zuletzt, da ich ja bald dort leben werde.

 

Wieso planst du nach Russland auszusteigen?

 

Das hat mehrere Gründe. Zum einen kümmert man sich in Deutschland nicht um die Menschen. Die Armut wächst, die Rente reicht für viele hinten und vorne nicht, es geht einfach nur bergab. Zum anderen kann ich die Lügen nicht mehr ertragen. Ein Land – konkret die USA – ist weltweit in Kriege involviert. Aber man sagt uns in allen Medien, dass Russland der Aggressor ist der uns bedroht. Warum glaubt man das? Ich kann nicht verstehen, dass so viele Menschen es nicht merken.

 

Und du glaubst, dass es in Russland besser ist?

 

Ich glaube es nicht, ich weiß es. Meine Ehefrau ist Russin, die fast 20 Jahre in Deutschland gelebt hat und beide Länder sehr gut kennt. Sie war in den schlimmen 90er Jahren gekommen, als während der Oligarchenzeit Mord und Totschlag auf der Straße herrschten. Das Leben war bedrohlich, die wirtschaftliche Situation war eine Katastrophe und die Russenmafia hat quasi illegal regiert. Es war eine schlimme Zeit. Früher hätten sie keine 10 Pferde mehr nach Russland gebracht, sie hatte mit ihrer Heimat abgeschlossen.  Aber das ist dank der jetzigen Regierung anders. Russland ist wieder ein sicheres Land. Man kann ohne weiteres nachts in Moskau allein auf die Straße gehen. Und wirtschaftlich geht es – trotz Sanktionen – stetig bergauf. Es war letztlich ihre Entscheidung wieder nach Hause zu gehen. Und ich folge ihr sehr gerne.

 

Bist du öfters in Russland

 

Ja, meist bin ich einen Monat in Deutschland und dann zwei Wochen in Russland, da Olga fast nur noch in Sosnovy Bor bei Utorgosh wohnt – wir sehen uns viel zu selten. Schritt für Schritt setzen wir die Übersiedelung um. Mit einem Fuß stehe ich noch in Deutschland und verdiene so viel Geld wie möglich um den Umzug nach Russland zu ermöglichen. Im Laufe des Jahres 2018 sollten aber die notwendigen Formalitäten erfüllt sein.

Welche Formalitäten gibt es denn?

Man muss die russische Sprache beherrschen – d.h. einigermaßen kommunikationsfähig sein und sich auch in der russischen Kultur und Geschichte etwas auskennen. Darüber hinaus muss man eine gesicherte Existenz nachweisen. Ich hoffe, dass mein Russisch bald den Anforderungen der Einwanderungsbehörde genügt, so dass ich Deutschland adieu sagen kann. Russisch ist schon sehr anspruchsvoll, die Grammatik ist kompliziert und ich kämpfe mit der Aussprache.

 

Wie seid ihr gerade auf Sosnovy Bor gekommen? Und wovon lebt ihr dort?

 

Sosnovy Bor ist ein Dorf in der Großgemeinde Utorgosh. Es ist einfach wunderschön dort. Auf einer Fläche von 60.000 qkm sind sehr viele kleine Dörfer verteilt. Wir haben dort 27 ha Land gekauft und ein Haus am See gebaut. Primär wollen wir von der Selbstversorgung – eigenem Gemüse, eigenen Tieren und unserem großen Acker – leben. Derzeit wird gerade Heu eingefahren, das wir teilweise verkaufen können. Längerfristig wollen wir ein wenig Tourismus aufbauen und haben bereits ein erstes Gästehaus errichtet. Dass die Gegend für Menschen aus Deutschland interessant ist, hat sich bei der Friedensfahrt 2016 und 2017– der Druschba – gezeigt.

 

Warst du bei der Freundschaftsfahrt dabei?

 

2016 ja, 2017 war ich nur vor Ort, als die Friedensfahrer zu Besuch kamen. Beide Male habe ich zusammen mit russischen Künstlern ein Konzert gegeben. Und natürlich habe ich auch meine Frau bei der Organisation des Besuchs unterstützt.

 

Ihr habt also den Besuch der Druschba dort organisiert?

 

Ja, Olga hat das gemeinsam mit ihrer Freundin Uljana vorbereitet, für Schlafgelegenheiten in der Schule gesorgt, das Fest und die Verpflegung organisiert – also alles, was notwendig war, damit die Friedensfahrer sich wohl fühlen und es zu einer echten Begegnung der Menschen kommt. So entstand dann 2016 auch die Idee des Friedensprojektes für die Schule von Utorgosh. Wir wollen einfach durch gemeinsames Tun eine Verbindung zwischen den Menschen erreichen.

 

Um was für ein Projekt handelt es sich denn?

 

Einige, die in der Schule übernachtet und die Klos gesehen haben, haben sich gedacht, da muss man ja was machen. Die entsprechen nicht ganz dem Standard, schon gar nicht dem deutschen Standard – um es freundlich zu sagen. Alles ist total veraltet, Trennwände fehlen, die Fliesen sind uralt, der Boden muss erneuert werden. Da wollen wir einfach was tun.

 

Und warum machen die Russen selbst nichts?

 

Es hat bis jetzt wohl keinen gestört. Die Menschen auf dem Dorf sind nicht so anspruchsvoll wie wir. Sie sind selbst in – aus unserer Sicht – armseligen Hütten sehr zufrieden. Und natürlich reicht das Geld hinten und vorne nicht

 

Wieviel wird denn benötigt?

 

Für die gesamte Sanierung brauchen wir 4500 Euro und natürlich aktive Helfer.

 

Drescher: Und wie verläuft das Projekt?

 

Helfer sind einige da. Einige Russen wollen sich gerne engagieren und zwei Mitfahrer der Druschba – Hans Georg und Volkmar – haben ihre Hilfe zugesagt. Auch andere wollen gerne mitarbeiten. Wir haben einfach mal zum Sammeln aufgerufen. Es kam über 2000 Euro – von den Friedensfahrern und anderen Facebook-Unterstützergruppen – zusammen. Aber es fehlt leider noch einiges. Wir müssen wieder einen Spendenaufruf starten, um die fehlenden Gelder zu beschaffen.

 

Warum soll man sich da beteiligen?

 

Wir wollen mit diesem Projekt eine konkrete Friedens- und Freundschaftsbotschaft vermitteln, nicht nur reden sondern auch aktiv handeln, aktiv etwas für ein gutes Verhältnis zwischen Deutschen und Russen tun. Die Menschen in Utorgosh sind so freundlich und aufgeschlossen und haben uns bei der Druschba zweimal sehr liebevoll und herzlich empfangen.

 

Und wie kann man sich beteiligen?

 

Am einfachsten eine kurze Mail an mich unter paddyffm@t-online.de schicken – dann klären wir die Möglichkeiten persönlich.

 

Dann viel Erfolg für Euer Friedensprojekt!

 

Birgit Vogel, geboren 1968, im Fränkischen aufgewachsen und immer noch dort wohnhaft. Technische Zeichnerin, die sich für Tauchen, Filmen, Russland kennen lernen, Völkerverständigung, gesunde Ernährung und für ein langes Leben interessiert.

 

Andrea Drescher: Stichwort „langes Leben“ – was heißt das?

 

Birgit Vogel: Ich stelle mir die Frage, warum manche Menschen so alt werden und dabei noch gesund sind. Bei uns gilt es schon fast als normal, dass 80jährige dement sind. In anderen Ländern gibt es zahlreiche über Hundertjährige, und die sind geistig fit. Ernährung spielt dabei eine Rolle, aber auch, nach dem Herzen und den eigenen Überzeugungen zu leben. Seit ich mich mit der Friedensszene beschäftige versuche ich komplett meinem Herzen zu folgen.

 

Seit wann bist Du denn in der Friedensszene?

 

ch war nie ein politischer Mensch sondern habe mich bis dahin hauptsächlich mit Umweltthemen und Tierschutz befasst.  Durch die Silvesterereignisse in Köln 2015 wurde mir bewusst, dass mit den Medien etwas nicht stimmt. Dann bin ich ins Netz gegangen und bin auf die Lieder der Bandbreite gestoßen, die ich sehr mutig fand. Das nächste war dann das Bilderberger-Treffen in Dresden, zu dem ich mit einem Bekannten hinfuhr. Ich hatte das unbedingte Gefühl, mir das anschauen zu müssen.

 

Und was hast du gesehen?

 

Ich war richtig geschockt. Alles war von der Polizei abgeschirmt. Mit Friedensfahnen durfte man dort vorm Hotel nicht zu zweit vorbei gehen. Die Polizei war sehr freundlich, aber faktisch waren Gesetze außer Kraft gesetzt.  Die Reichen waren vor Ort und wurden vor uns – alles friedliche Menschen – „beschützt“. Mir wurde immer deutlicher, dass ich was tun muss. Als ich dann die Informationen zur Friedensfahrt sah, war mir klar, da muss ich mit.

 

Du sprichst von der Druschba 2016 Berlin Moskau?

 

Ja, ich habe mich sofort angemeldet – aber dann auch wieder abgemeldet, da es leider keine finanzielle Unterstützung gab und meine finanzielle Situation „eng“ war. Aber ich hatte das unbedingte Gefühl mitfahren zu müssen. Fragen wie z.B. nach einer Krankenversicherung wurden durch „zufällige“ Werbungen bei mir im Postkasten von allein beantwortet. Es gab zahlreiche Signale, also habe ich meine eiserne Reserve angegriffen und mir die Busfahrt finanziert. Die Reaktionen in meinem Umfeld haben mir gezeigt, wie wichtig solche Fahrten sind.

Wieso?

Meine Apothekerin fragte mich, ob ich keine Angst habe nach Russland zu fahren. Und was ich tun würde, wenn ich Putin über den Weg laufe. Als ob der böse Russe Putin auf der Straße rumläuft und wartet bis Biggy kommt.

 

Haben sich deine Erwartungen erfüllt?

 

Ja und nein. Es war ein toller Einstieg. Nur ließ das straffe Programm zu wenige Begegnungen mit Menschen auf der Straße zu. Die, die man traf, waren enorm gastfreundlich und herzlich – und das trotz der sehr hässlichen Vergangenheit beider Länder. Ein Veteran namens Aziz, den ich traf, zeigte mir Bilder aus seiner Zeit in Deutschland – und diese Begegnung hatte Folgen.

 

Welche denn?

 

Ich wollte auf jeden Fall noch mal nach Russland, war neugierig geworden, Kultur und Menschen kennen lernen. Über Facebook habe ich Kontakt zu Aziz aufgenommen. Ich schrieb ihn an und als ich in Moskau ankam, hatte man einen kompletten Wochenplan für mich vorbereitet. Wer bin ich schon, eine einzelne Unbekannte – aber völlig Fremde haben sich in der Weihnachtszeit richtig viel Zeit für mich genommen. So habe ich dann auch Artjom (Артем Аксёненко) aus Moskau kennen gelernt – der der russische Haupt-Organisator der Druschba 2016 und wichtiger Verbindungsmann der Druschba 2017 war. Im April 2017 bin ich dann wieder nach Moskau geflogen. Da habe ich privat übernachtet, mit meinen dortigen Bekannten die russische Sauna  besucht, war schwimmen – das war alles ganz spontan und herzlich. Das nächste Mal ist für Weihnachten/Silvester 2017 geplant. Ich rufe Interessierte auf, sich mir anzuschließen um einfach vor Ort Menschen kennen zu lernen und sich ein eigenes Bild zu machen.

 

Aber du beschäftigst dich nicht nur mit Russland?

 

Nein. Ich war z.B. beim Friedensfest am See in Norddeutschland – Details dazu findet man in meinem Blog – Biggys-World. Mir ist klar, dass ich in Deutschland aktiv sein muss. Daher habe ich den Friedensweg von Erich Hambach und das Tönen, das an möglichst vielen Stellen der Welt stattfinden soll, auch organisatorisch unterstützt. Ich habe es sogar geschafft, mit diesen Themen in die Medien zu kommen. Die Zeitungen berichten über mich. Ich mache einfach Dinge, schreibe die Zeitungen an und die schreiben dann auch darüber. Regionale Medien sind viel kooperativer als man denkt. Für mich ist es wichtig, mein Geld in etwas Sinnvolles zu investieren. Wenn ein Krieg ausbricht, nützt mir Geld überhaupt nichts. Man muss jetzt etwas tun. Und ich tue!

 

Und womit beschäftigst du dich aktuell?

 

Beim Friedensfest am See entstand die Idee zu „Gesichter des Friedens“ – Einfach normale Leute aus der Friedensszene vorzustellen, ähnlich wie diese Serie hier in Free21 aber eben auf Video. Das habe ich aufgegriffen und setze es jetzt um. Ich fahre durch Österreich und Deutschland und treffe Friedensaktivisten. Ganz unterschiedliche Menschen – das ist spannend aber auch schwierig. Aber was soll‘s. Wenn ich merke, dass ich ehrlich auf meinem Weg bleibe, dann tun sich Türen auf, Gelegenheiten ergeben sich und alles klappt, wie es soll.

 

Was ist denn daran schwierig?

 

Die Planung und Vorbereitung waren nicht einfach. Sehr zeitaufwändig, und ich habe so einiges in Ausrüstung investiert, mein Konto war mal wieder komplett überzogen. Trotzdem habe ich – unvernünftiger weise – eine weitere Bestellung aufgegeben. Genau an diesem Tag kam dann eine Spende, die diese Bestellung finanziert hat. Da weiß man einfach, es ist richtig, was man tut. Und das ist das Wichtigste.

 

Wo findet man die Gesichter des Friedens denn?

 

Ich poste regelmäßig unter <biggys-world.blogspot.com> und auf facebook unter <https://www.facebook.com/GesichterdesFriedens/>

 

Vielen Dank für das Gespräch – und weiterhin eine gute Reise!

 

Markus Utzinger, geboren 1969, geboren und wohnhaft in der Nähe von Pirmasens. Von 1990 bis 2000 aktiver Soldat (SAZ12) anschließend in der Bundeswehrfachschule tätig, heute selbstständiger Energiemakler, Familienvater von zwei Kindern, beschäftigt sich mit „neuen“ Medien, Computer und Sport.

 

Andrea Drescher: Du bist Friedensaktivist und das als ehemaliger Soldat. Wie passt das zusammen?

 

Markus Utzinger: Als Aktivisten sehe ich mich noch nicht, ich bin einfach für Frieden. Das liegt daran, dass ich weiß, was Krieg anrichtet. Ich will, dass es keine Kriege mehr gibt, darum stelle ich mich dagegen.

 

Warst du aktiv im Krieg?

 

Ja, ich war von 1995 bis 1997 dreimal in Bosnien bzw. Kroatien im Einsatz. Einmal mit der UNProFor in einer UN Mission und zweimal mit der NATO – mit Ifor uns Sfor – den Stabilisierungsmissionen. Das hat mich zu dem gemacht, der ich jetzt bin. Ich habe gesehen, dass es immer die falschen Menschen sind, die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.

 

Wie meinst du das?

 

Ich hatte von Anfang an immer viele Kontakte zur jeweiligen Bevölkerung – sowohl in Kroatien als auch in Bosnien – da ich als Fahrer eingesetzt war und viel rum kam. So ergaben sich Gespräche mit allen möglichen Gruppen. Und eines wurde in den Gesprächen immer wieder deutlich: Keiner hatte den Krieg begonnen. KEINER. Es waren in allen Gesprächen „die anderen“. Ich dachte damals, dass es eine Besonderheit des Landes sein müsse – aus der Historie vielleicht. Erst später wurde mir die Tatsache bewusst, dass dieser Krieg massiv von außen angeheizt worden war.  Das war aber 1999, erst nach meinen Einsätzen. Im Einsatzgebiet selbst bekommt man ja nur das mit, was über die Befehlsstruktur vermittelt wird. Aber es wuchsen sehr früh die Zweifel an der Richtigkeit – nach den verschiedenen Erfahrungen, die ich machte.

 

Gab es auch Positives?

 

Auf jeden Fall. Die Zusammenarbeit im internationalen Dienst gehörte dazu. Es gab sehr angenehme Kontakte zu türkischen, dänischen, rumänischen und niederländischen Kollegen. Wir verstanden uns gut, es wurde Hand in Hand gearbeitet. Es gab kein: „du bist Deutscher“ oder „du bist Christ“ – Herkunft, Hautfarbe, Religion spielten keine Rolle. Für mich war sehr deutlich: Es gibt keine bösen Soldaten, wir sind alles nur Menschen, die sich dafür engagieren wollten, dass es auf dem Gebiet von Ex-Jugoslawien wieder friedlich zugeht. Das Böse sind die Strukturen der Armee, nicht die Menschen.

 

Warst du auch direkt mit Krieg konfrontiert?

 

Nein, den Krieg und die Gräueltaten kenne ich nur vom Hörensagen. Aber ich bin mit offenen Augen durch das Land gefahren. Wenn man die Zerstörungen sieht, verminte Friedhöfe oder die Verletzten im Feldlazarett – da macht man sich seine Gedanken. Und manche Bilder kriegt man nicht mehr aus dem Kopf, wie z.B. das zerstörte olympische Dorf in Sarajewo, das von Minenfeldern umgeben war. Ich habe bei den Hilfsgütertransporten quer durchs Land unendlich viel Zerstörung gesehen. Und niemand von den Menschen, mit denen ich sprach, konnte mir erklären, warum es dazu gekommen war. 

 

Wie wurdet ihr bzw. wie wurdest du von den Einheimischen behandelt?

 

Das war unterschiedlich. Manchmal wurden wir mit Steinen beworfen. Wir haben dann, wenn möglich, das Gespräch gesucht, nachgefragt, warum man uns angreift. Und die Antwort lag immer in vorausgegangenen Erfahrungen  mit anderen Truppenteilen, die – sagen wir mal – weniger nett mit der Bevölkerung umgegangen waren. Das wurde auf alles was in Uniform daher kam übertragen. Aber meistens waren die Kontakte positiv, weil man uns als das sah, was wir sein wollten: Helfer. Davon war ich überzeugt.

 

Wie kam es dann zu der Veränderung in deiner Haltung?

 

Helfer will ich immer noch sein. Aber wirklich helfen unter realen Bedingungen. Ab dem Jahr 2000 wurde mir immer deutlicher, dass die Nachrichten nicht stimmen, nicht stimmen konnten. Die Nachrichtenlage stand im Widerspruch zu dem, was ich direkt von Menschen erfuhr, die noch vor Ort waren. Meldungen wurden auf dem Dienstweg … verändert, abgeschwächt, verdreht, wurden weggelassen. Es wurden von oben nach unten Feindbilder gepflegt, aber das hatte nichts mit der Realität zu tun. Wenn die Presse berichtete, dass die Lage entspannt sei, ging es rund im Land. Die Informationskette stimmte nicht. Sprach man mit Angehören der kroatischen oder serbischen Armee passte das, was sie sagten, überhaupt nicht zu den offiziellen Informationen, die man erhielt. Natürlich wurde auch auf dieser Seite gelogen, aber bei mir entwickelte sich zunehmend der Eindruck, dass das Land gezielt in den Krieg getrieben worden war, dass das alles von außen gesteuert wurde. Inzwischen erkenne ich das Muster – seit ich nicht mehr in der Armee und dank Vernetzung sehr viel besser informiert bin. Geschichte wiederholt sich. Man konnte das in der Ukraine erneut beobachten – haarscharf das gleiche Drehbuch, das mir aus Bosnien inzwischen vertraut ist.

 

Du bist also kein überzeugter Soldat mehr?

 

Nein, so kann man es auch nicht sagen. Es muss für den Fall der Fälle Menschen geben, die dazu ausgebildet sind, unser Land in einem Angriffskrieg zu verteidigen. Aber viel wichtiger sind Aufgaben wie die Herstellung von Wasseraufbereitung, Minenräumung oder ähnliche Aufgaben, die von Armeen wahrgenommen werden. Wie der THW aber mit Bewaffnung, wo es erforderlich ist. Leider macht Deutschland seit Jahren – vermutlich auf Druck der USA – keine Hilfseinsätze mehr sondern führt Krieg. Das ist nicht meine Welt. Der Schutz des eigenen Landes ist o.k, aber nicht im Hindukusch sondern wirklich an den eigenen Landesgrenzen.

 

Würdest Du aktuell Soldat werden?

 

Sicher nicht. Für Hilfe stehe ich immer zur Verfügung, aber nicht mehr in Uniform. Nicht mit dieser Armee und nicht mit Waffe – Waffeneinsatz kommt für mich maximal zum Selbstschutz in Frage. Die Politik betreibt Hetze gegen Russland, die Sanktionen sind nichts anderes als Hetze. Eine gute Armee arbeitet mit allen Nationen zusammen und lässt sich nicht gegen Russland in einen Krieg treiben. Soldaten sind keine Opfergaben für Bodenschätze.

 

Wie stellst du dich gegen den Krieg?

 

Ich beschäftige mich derzeit sehr viel mit Veteranen, um dort zur politischen Bewusstseinsbildung beizutragen. Wir tauschen uns im Internet offen untereinander aus. Da sind auch Menschen dabei, die vor 40 Jahren gedient haben. Und es ist sehr deutlich: Keiner ist „kriegsgeil“. Das negative Bild über Soldaten haben wir der Politik zu verdanken, die die Soldaten ausnutzt. Ansonsten informiere ich mich und teile mein Wissen und meine Erfahrungen mit anderen Menschen. Und das im Internet und in der realen Welt. Es gibt so vieles, was man offiziell leider nicht oder nur verfälscht erfährt. Sich für Frieden zu engagieren, beginnt beim eigenen Verhalten. Ich  versuche besonders in konträren Diskussionen ein friedlicher Mensch zu sein. Das ist zwar nicht immer leicht, aber es gibt eben nicht die einzig wahre Wahrheit. Und daher ist das ein wichtiger Schritt.

 

Vielen Dank für das offene Gespräch

Profilbild von Andrea Drescher

Andrea Drescher

Unternehmensberaterin & Informatikerin, Selbstversorgerin & Friedensaktivistin – je nachdem was gerade gebraucht wird. Seit 2016 bei Free21 als Schreiberling und Übersetzerin mit im Team.


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